Gespräch mit Raul Krauthausen

Als Inklusions-Aktivist und Gründer der SOZIALHELDEN, studierter Kommunikationswirt und Design Thinker arbeitet Raul Krauthausen seit über 15 Jahren in der Internet- und Medienwelt.
Seit 2011 ist er Ashoka Fellow und engagiert sich bei den SOZIALHELDEN. Seine Website findet ihr hier.

Ich habe ein Interview zum Thema Ableismus und ableistische Sprache gemacht. Vielen Dank 🙂

© Anna Spindelndreier, 2022

1. Was ist ableistische Sprache?

Ableistische Sprache ist diskriminierende Sprache, die tiefgreifende Voreingenommenheit gegenüber Menschen mit Behinderung offenlegt. Im alltäglichen Leben werden ständig Ausdrücke verwendet, wie Das ist so behindert/ dumm/ blöd/ verrückt. Selten wird dies hinterfragt. Was aber, wenn eine Eigenschaft von Dir als als Abwertung verwendet würde?

Mir stürzt zum Beispiel mein PC ab und ich fluche: Wie alleinerziehend ist das denn!, Mich nervt mein Chef und ich raune verärgert: Was für ein Behaarter!, Mein Freund verhält sich rücksichtslos und ich finde das sehr “KFZ-Mechaniker” von ihr. ”Das ist so behindert” ist genau dasselbe. Dabei wird unterstellt, dass ein Fehlverhalten dieser Form sonst nur von Menschen, die eine Behinderung, eine Intelligenzminderung oder eine psychische Erkrankung haben, zu erwarten wäre. Dabei können sich auch Menschen mit hohem IQ und bester körperlicher und psychischer Verfassung sehr rücksichtslos, unbedacht und unnachvollziehbar verhalten und umgekehrt. 

2. Wie ist ableistische Sprache entstanden?

Ich bin davon überzeugt, dass so eine Sprache durch fehlende Teilhabe entsteht. Von Kleinauf werden Menschen mit Behinderung aussortiert und in Förderschulen, Werkstätten und Behindertenheime abgeschoben. So kann keine Begegnung entstehen, aber nur durch Begegnung werden Vorurteile abgebaut. So bleiben behinderte Menschen für immer die Sonderlinge, über die man alle möglichen Vermutungen an – und Behauptungen aufstellen kann, ohne dass sie eine Chance bekommen, diese unfairen Vorurteile zu widerlegen. 

3. Wie kann ich sensibler Sprechen?

Ich glaube, das ist ein Prozess, der damit beginnt, über Begriffe und Ausdrucksweisen nachzudenken. Dabei wird einem auffallen, wie weitreichend sprachlich verankerte Voreingenommenheit geht. Zum Beispiel Betriebsblindheit beinhaltet die Annahme, dass man Fehler oder Mängel nicht bemerkt, da man wie eine blinde Person agiere. Heutzutage bezeichnet man etwas, das man langweilig findet, als lame, also lahm. Auch hier wird die Eigenschaft einer körperlich eingeschränkten Person als Abwertung verwendet. 

Wenn man sich entscheidet, solche Ausdrücke in Zukunft zu meiden, wird man sich wahrscheinlich dennoch ab und zu dabei ertappen, sie zu verwenden. Aber irgendwann erwischt man sich rechtzeitig und überlegt sich Alternativen. Mit der Zeit kommen diese dann ganz selbstverständlich über die Lippen und diskriminierende Worte verschwinden aus unserem persönlichen Sprachgebrauch. So wird nach und nach unsere Sprache inklusiver und vielleicht auch bunter und kreativer. 

4. Wie kann ich mich auch politisch / strukturell gegen Ableismus einsetzen und behinderte Menschen unterstützen?

Politisch kann man behinderte Menschen natürlich in erster Linie damit unterstützen, Parteien zu wählen, die sich für Inklusion und Barrierefreiheit einsetzen. 

Und im Alltag ist es wichtig, dort, wo Diskriminierung passiert, den Mund aufzumachen und sich zu empören. Wie oft bekommen Menschen mit Behinderung von Medien und Bevölkerung kaum Aufmerksamkeit, sogar wenn es um Gewalt in Behindertenheimen o.ä. geht. Aufpassen, teilen und darüber sprechen ist ganz wichtig. Und darüber hinaus ist es essentiell, Menschen mit Behinderung in die Diskussionen mit einzubeziehen und an die Tische zu holen, an denen Entscheidungen gefällt werden, z.B. in Betrieben und in den Regierungen. Die Devise ist: Sich stark machen und dann zurücktreten und die Bühne den Menschen mit Behinderungen überlassen.

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