Zu Queerness und Behinderung – ein Interview mit Jay

1. Hallo 🙂 Wer bist du und was machst du auf Instagram?

Hallo, ich bin Jay (dey/dem/deren), ich bin queer, nicht-binär, behindert, Student*in und Aktivist*in. Auf Instagram mache ich Aufklärungsarbeit und teile teilweise auch Persönliches. Also was mir so passiert.

Profilbild / https://www.instagram.com/disabled.enby.jay/

2. Zu welchen Themen möchtest du aufklären / aktivistisch sein und wie kam es dazu?

Ich möchte aufklären zu den Themen Behinderung und LGBTQIA+, wobei ich gerne auch Stimmen teile, deren Lebensrealität nicht meine ist.

Aufklärungsarbeit für meine Behinderung wurde schon ziemlich früh von mir verlangt. So ab der Grundschule, meine ich. Diese Aufklärungsarbeit habe ich allerdings nicht freiwillig gemacht. 

Damals wie heute ist es so, dass ich das Gefühl habe und mir auch immer wieder vermittelt wird, dass wenn ich etwas wegen meiner Behinderung möchte, erstmal die Leute davon überzeugen muss, dass mir das auch wirklich zusteht. Wobei ich auch oft erlebe, dass ich sehr viel preisgebe und sehr viel erkläre und die Leute mir trotzdem nicht glauben. Es ist und war also ein ständiger Kampf.

Bewusst angefangen, Aktivismus zu betreiben habe ich so Mitte 2021. Ich hatte Anfang des Jahres 2021 mein Coming-out als nicht-binär und gerade den Feminismus für mich entdeckt. Habe mich dann für einen feministischen Kurs an der Uni angemeldet und wurde sehr schnell enttäuscht, dass ganz viele Perspektiven nicht mitgedacht wurden. Vor allem Perspektiven die ich selbst mitbringe. Also Perspektiven von behinderten Personen kamen gar nicht vor, nicht-binäre Personen wurden zwar erwähnt, aber mehr auch nicht. Es war also alles ziemlich einseitig und enttäuschend. Außerdem hatte ich Accessibility Probleme, also der Kurs war nicht mal barrierefrei für mich. Ich hatte mir von diesem Kurs, der mit Wörtern wie „Intersektionalität“ geschmückt war, echt mehr erhofft.

So entstand dann ein paar Monate später mein Instagram Account, auf dem ich jetzt versuche aufzuklären.  

3. Welche Veränderungen wünscht du dir – Gesellschaftlich : politisch? Oder in deinem Umfeld? 

Politisch wünsche mir, dass die Lebensrealitäten von unterdrückten Gruppen endlich ernst genommen werden und etwas getan wird, diese zu schützen. Ich wünsche mir also, dass wir wegkommen, von der Politik alter weißer Männer. 

Von meinem Umfeld wünsche ich mir mehr Empathie und Allies. Sich ständig erklären zu müssen ist kräftezehrend und geht an die Substanz (Redewendung), wenn mir nur eine Person zuhört, mich ernst nimmt und ein Ally ist, macht das schon einen großen Unterschied. Ich bin mittlerweile auch so weit, dass ich möchte, dass meine Freunde und Menschen, die neu in mein Leben kommen, sich mit meiner Lebensrealität auseinandersetzen. Umgekehrt mache ich das natürlich auch. Es ist aber nun mal so, dass ohne Verständnis für die gegenseitigen Lebensrealitäten ein angenehmes Miteinander schwierig ist. 

4. Was wünscht du dir von feministischen Diskursen? 

Mehr Empathie und Offenheit. Es kann nicht sein, dass feministische Diskurse immer noch davon geprägt sind, Lebensrealitäten und Stimmen zu silencen  die nicht weiß, christlich/atheistisch, cis, nichtbehindert, normschön, hetero usw. sind. Feminismus muss alle Lebensrealitäten berücksichtigen und miteinbeziehen, ansonsten funktioniert Veränderung nicht. Ich würde mir auch wünschen, dass Menschen ihren Platz kennen (Redewendung). Z.B. kommt es sehr oft vor, dass gerade nicht Betroffene Diskurse dominieren und dabei Betroffene an den Rand drängen (Redewendung). Dabei sind es doch Betroffene denen zugehört werden sollte.   

5. Hast du sowas wie ein paar take Home messages für Menschen, die sensibel sein wollen bei den Themen Transfeindlichkeit und/oder Behinderung?

Educate yourself. Ich glaube, wer sensibel sein möchte, kommt nicht drumherum sich mit den Themen zu beschäftigen.

Wobei ich hier anmerken muss, dass viele Inhalte, die zur Aufklärung dienen sollen, nicht barrierefrei erstellt werden. Wer also sensibilisieren möchte, sollte seine Inhalte auch barrierefrei zur Verfügung stellen. 

Außerdem ist es wichtig offen zu sein und Betroffenen wirklich zuzuhören und zu glauben. Dabei gilt es, sich zum einen nicht zu zentrieren, nur die eigenen Probleme und Ungerechtigkeiten zu sehen und zum anderen die eigenen Vorurteile nicht als in Stein gemeißelt zu betrachten.

Ein paar Dinge, die ich hier kurz mitgeben kann sind:

  • „trans“ ist ein Adjektiv und wird klein geschrieben
  • Grammatik hindert dich nicht daran, die richtigen Pronomen einer Person zu nutzen
  • Wie eine Person sich präsentiert, sagt nichts über ihre Geschlechtsidentität aus
  • „Behindert“ ist KEIN böses Wort
  • Behinderte Menschen sind keine Inspiration
  • Wir sind NICHT „alle ein bisschen behindert“

Welche Barrieren begegnen dir im Leben, die deinen Alltag erschweren?

Barrieren gibt es unzählige, deswegen kann ich hier nur ein paar Beispiele geben. 

Für mich ist es eine Barriere immer nach Barrierefreiheit zu fragen und diese rechtfertigen zu müssen, das kostet Zeit und Kraft. Beispiele hier wären, dass ich jedes Semester abklären muss, ob die Kurse die ich belegen möchte barrierefrei gestaltet werden. 

Auch fehlende Einsicht und ableistische Sprache sind Barrieren für mich. Wenn ich z.B. an der Uni bei Berater*innen für Inklusion bin, diese aber ständig darauf aufmerksam machen muss, dass ich behindert bin und KEINE besonderen Bedürfnisse habe, ist das eine Barriere. 

Oder wenn ich mich mit Freund*innen treffe und im Hintergrund Musik läuft oder viel Lärm ist usw.

ehr lernt ihr hier 🙂

https://www.instagram.com/disabled.enby.jay/

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