Mehr Rechte für Alleinerziehende!

Fast jede fünfte Familie mit minderjährigen Kindern ist eine Einelternfamilie. In Deutschland lebten 2019 über 1,52 Millionen Menschen alleinerziehen (Harald Thomé /Leitfaden ALG II Sozialhilfe / BA Monatsberichte Arbeitsmarkt 2019). Alleinerziehende sind alle Menschen, die mit minderjährigen zusammenleben und alleine für deren Pflege und Erziehung sorgen (§21 ABS. 3SGB II)- Man muss also kein Elternteil sein, um als alleinerziehend zu gelten. Statistisch gesehen gibt es 1,34 Millionen alleinerziehende Mütter und 185.000 Väter in Deutschland (https://www.bpb.de/nachschlagen/zahlen-und-fakten/soziale-situation-in-deutschland/61581/alleinerziehende).

Hierzu ein kleines Interview mit Matheja. Matheja ist Sozialaktivist, das heißt Aktivist für soziale Gerechtigkeit, zum Beispiel für höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen und menschenwürdige Sozialleistungen. Matheja kommt aus Berlin und ist selbst bei einer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen.

Folgt Matheja auf Instagram: @giannimatheja 

Fotos von: @pixeltanz

Was bedeutet es, alleinerziehend zu sein?
Matheja: Es bedeutet, die komplette Verantwortung für die Erziehung eines
Kindes zu übernehmen, zu jeder Zeit an jedem Tag. Das ist auf Dauer extrem
belastend und Alleinerziehende sind oft von psychischen Erkrankungen
betroffen.

Viele Alleinerziehende leben auch an der
Armutsgrenze. Warum ist das so?

Matheja: Na ja, Alleinerziehende müssen von einem Gehalt für mehrere
Menschen leben. Würde der Staat ihnen ernsthaft helfen, könnte das anders
sein. Momentan reicht der Unterhalt dafür aber nicht aus.

Was ist der Unterhalt?
Matheja: Man muss sich vorstellen, dass der Ex-Partner einen monatlichen
Betrag zahlen muss. Das ist der Kindesunterhalt. Wenn dieser Unterhalt aber
nicht gezahlt wird, erhält man den sogenannten Unterhaltsvorschuss vom
Jugendamt und je nach Kindesalter liegt der zwischen 174 und 309 Euro.

Das ist deutlich niedriger als der eigentliche Unterhalt, den man vom Ex-
Partner erhalten würde, denn das Jugendamt zieht noch das Kindergeld ab.

Ist der Unterhaltsvorschuss also zu niedrig?
Matheja: Ja und er steht beispielhaft für die Sozialpolitik, die absolut
unzureichend ist. Zum Beispiel ist der Unterhaltsvorschuss nicht weit
entfernt vom Hartz IV Regelsatz für Kinder. Beide Leistungen sind zu niedrig,
um damit ein Kind großzuziehen, vor allem, wenn Kosten für Klassenfahrten,
Schulbücher oder Freizeitaktivitäten dazukommen.

Was sind andere Problemstellen?
Matheja: Auch an anderen Stellen wird vom Staat begünstigt, eine
Paarfamilie zu sein, zum Beispiel bei der Steuer. Es ist problematisch, dass
dadurch weniger attraktiv gemacht wird, sich zu trennen. Es ist nie einfach
sich zu trennen, aber manchmal ist es notwendig. Vor allem, wenn es um die
Sicherheit der Frau und des Kindes geht. Es stellt sich nun die Frage, wie
viele Frauen in toxischen, gewaltsamen Beziehungen verbleiben, weil sie es
finanziell nicht bewältigen könnten, ihr Kind allein großzuziehen. An solchen
Stellen merkt man, dass die Politik etwas ändern muss.


Also geht es auch um das Wohlergehen von
Frauen?
Matheja: Nun ja, ungefähr 90% aller Alleinerziehenden in Deutschland sind
Frauen. Der Staat straft Frauen dafür ab, dass sie sich trennen und nicht die
perfekte Bilderbuchfamilie verkörpern. Denn es sind mit deutlicher Mehrheit
Frauen, die unter diesen Bedingungen ein Kind allein erziehen. Förderung
von Alleinerziehenden ist also auch Frauenförderung.

Unlängst wurde der Koalitionsvertrag vorgestellt.
Was ändert sich jetzt für Alleinerziehende?

Matheja: Also erstmal glaube ich, bei der Bundestagswahl haben viele ihre
Stimme abgegeben, in der Hoffnung, dass sich etwas verändern wird.
Glücklicherweise gibt es im Koalitionsvertrag einige Stellen, die dieser
Hoffnung gerecht werden, auch in der Sozialpolitik. Interessant ist vor allem
die neue Kindergrundsicherung.


Was ist die Kindergrundsicherung?
Matheja: Das ist ein Modell, dass von vielen schon länger gefordert wurde.
Es ist eine Bündelung aller Sozialleistungen für Kinder und laut dem
Koalitionsvertrag besteht es einerseits aus einem Garantiebetrag, der für
jedes Kind gleich hoch ist, und einem Zusatzbetrag, dessen Höhe vom
Einkommen der Eltern abhängt. Die Leistung wird dann bedingungslos
ausgezahlt und könnte vor allem Alleinerziehenden helfen.


Ist das ausreichend?
Matheja: Nein, das ist nicht ausreichend. Um Alleinerziehenden wirklich unter
die Arme zu greifen, muss Weiteres folgen. Zum Beispiel muss die Höhe des
Unterhaltsvorschusses endlich dem Mindestunterhalt entsprechen und es
muss kostenlose Kinderbetreuung, auch zu Randzeiten, sichergestellt
werden.


Denkst du, das ist überhaupt umsetzbar?

Matheja: Natürlich ist das umsetzbar und ich glaube als Gesellschaft sind wir
bereit, diese Veränderungen für Alleinerziehende und ihre Kinder zu
verwirklichen. Es liegt jetzt an der kommenden Bundesregierung und wie sehr sie auf den Hoffnungen vieler Bürger und Bürgerinnen aufbauen wird.

Danke für das Interview 🙂

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