Let’s talk about: Sexarbeit / Ein Interview

Heute gibt es ein Interview mit @6arbeiterin_ über ihre Arbeit. Schaut mal bei Instagram vorbei, um mehr zu erfahren.

Die Illustration ist von Flor Castiñeira // Danke ♡

Möchtest du dich erstmal kurz vorstellen? 
Hallo, ich bin @6arbeiterin_! Ich arbeite seit 10 Jahren in verschiedenen Bereichen der Sexarbeit. Angefangen habe ich im Onlinebereich, inzwischen bin ich seit fünf Jahren auch in der Prostitution tätig. Auf meinem Account erzähle ich aus meinem Leben und Berufsalltag. Dabei kämpfe ich für die Entstigmatisierung meines Berufs sowie das Entzaubern von Mythen und Vorurteilen rund um die Sexarbeit. Als queere, migrantische Sexarbeiterin of color versuche ich dabei stets intersektional zu denken und beziehe mich neben meiner persönlichen Erfahrung auch immer auf wissenschaftliche Studien. 

Was ist Sexarbeit? Wie definierst du Sexarbeit? 
Sexarbeit ist ein Überbegriff für verschiedene erotische und sexuelle Dienstleistungen – von Pornodreh über Telefonsex bis hin zur Prostitution. Der Begriff wurde extra geschaffen, um ausschließlich über selbstbestimmte Arbeit sprechen zu können und eine Verwechslung mit Zwangsverhältnissen zu vermeiden. Zwangsverhältnisse sind also mit Sexarbeit nicht gemeint – Zwangsverhältnisse sind schwere Verbrechen und keine Arbeit!


Wie bist du zur Sexarbeit gekommen? 
Ich war damals auf der Suche nach einer Möglichkeit, leicht und schnell Geld zu verdienen. Leider musste ich bald feststellen, dass das Gerücht vom leichten, schnellen Geld nicht stimmt: Denn wieso sollten die Leute MEINE Dienstleistungen und nicht die meiner Kolleg*innen in Anspruch nehmen? Es gehört also eine Menge Marketing dazu: das Kreieren eines speziellen Image, kreative Profilbeschreibungen, Newsletter und/oder Aktionen ausdenken…zwar hat sich die Sexarbeit als deutlich mehr Aufwand entpuppt, als ich gedacht hatte, jedoch habe ich hier auch meine Leidenschaft gefunden.


Welche Dienstleistungen bietest du an? 

Ich führe einen eigenen Onlineshop, in dem ich getragene Unterwäsche sowie Fetischartikel aller Art vertreibe (z.B. abgefüllte Körperflüssigkeiten, andere getragene Kleidungsstücke, erotische Geschichten, meinen Hausmüll oder abrasierte Haare). Außerdem drehe ich meine eigenen Pornos und vertreibe diese auch online. Ein weiterer Bereich ist Webcamsex, also das erotische Chatten per Webcam. Und dann natürlich die Prostitution: Hier bin ich seit 5 Jahren tätig und arbeite selbstständig. Das heißt ich akquiriere ausschließlich online und besuche meine Kunden dann in ihren Hotelzimmern (oder wir nehmen uns ein Stundenhotel). Einen festen Katalog an Dienstleistungen habe ich für Live-Treffen nicht. Mir ist Konsens sehr wichtig, weshalb sich tagesabhängig unterscheiden kann, worauf ich Lust habe und worauf nicht. Meine Kunden wissen das und bezahlen mich für meine Zeit, nicht für bestimmte Dienstleistungen. Diese besprechen wir dann vor Ort und bei jedem Treffen neu. (außer natürlich meine Tabus, wie z.B. Küssen oder Kuschelsex, die bleiben immer meine Tabus).


Wie sieht dein Arbeitsalltag aus? Hast du Wochenenden, Urlaube, feste Zeiten und was verdienst du?
Ich lebe in den Tag hinein (wenn ich nicht gerade zu meiner seriösen Teilzeitstelle muss – die habe ich nämlich auch noch). Meist checke ich nach dem Aufwachen meine Nachrichten und schaue, ob neue Bestellungen oder Date-Anfragen eingegangen sind. Und das arbeite ich dann einfach ab. Ich habe keine festen Arbeitszeiten, sondern arbeite einfach mit dem, was kommt, und dann, wenn ich Lust habe. Demnach kann ich auch Urlaub machen, wann ich will, und mein Verdienst schwankt stark: Wenn ich hoch motiviert bin und viel Marketing mache, verdiene ich sehr gut. Wenn ich mich mal einen Monat zurücklehne und nicht so viel mache, verdiene ich dank meiner Pornosammlung, die in den letzten 10 Jahren entstanden ist, trotzdem einen gewissen Betrag nebenbei.

Wer sind deine Kund*innen? Welche Zielgruppe ich anspreche, kann ich mit meiner Profilgestaltung beeinflussen. Mein Live-Treffen-Profil beinhaltet nicht nur meine sexuellen Vorlieben und Tabus, sondern auch meine politischen Einstellungen. So halte ich mir z.B. Afd-Wähler und C0vid-Leugner vom Hals. Außerdem achte ich im Vorgespräch darauf, wie die Interessenten über Konsens und Grenzen kommunizieren. Bisher waren meine Kunden zwischen 20 und 45 Jahre alt, von Azubi oder Student bis hin zu Vermieter oder Börsentyp war alles dabei. Gelockte Metalheads und breitschultrige Pumper waren genauso dabei wie penible Lackschuhträger und zutätowierte Drogendealer. Eins haben aber alle meine Live-Kunden gemeinsam: Sie sind mir stets mit Respekt begegnet, brachten eine Wertschätzung für mich und meine Arbeit mit sowie ein Grundverständnis von Konsens.


Welche Vorurteile begegnen dir? 
Selbstbestimmte Sexarbeit wird grundsätzlich hinterfragt und ich lese oft, ich würde „meinen Körper verkaufen“ und zu einem „abgerichteten Objekt für Männer“ werden. Das ist natürlich nicht wahr. Ich verkaufe meinen Körper nicht, sondern biete sexuelle Dienstleistungen an. Ich lege Wert auf Konsens und handle bei jedem Treffen – genau wie im Privatleben auch – individuell aus, worauf ich Lust habe und was ich mit dem jeweiligen Kunden erleben möchte. Konsens und Sexarbeit sind kein Widerspruch.  Auch häufig begegnet mir der Vorwurf, ich sei in Wirklichkeit eine weiße, deutsche Domina, die diskursunwürdig sei, denn das seien die einzigen, die wirklich Spaß hätten und privilegiert in der Sexarbeit seien. Dass ich weder weiß noch Domina bin, sondern tatsächlich auch als „full service“ Prostituierte meine Arbeit gern und selbstbestimmt ausübe, scheint für viele unvorstellbar zu sein. Migrantischsein wird im Normalfall mit Zwangsverhältnissen gleichgesetzt. Das führt dazu, dass andere mir dann vorwerfen, ich sei in Wirklichkeit so traumatisiert, dass ich mir meine eigenen Arbeitsverhältnisse schönlügen müsse. So werde ich zu einem passiven, unfähigen Objekt gemacht, was es natürlich leichter macht, über meinen Kopf hinweg zu reden, statt mich in Diskussionen einzubeziehen.

Was gefällt dir an deiner Arbeit und was nicht? 
Ich liebe die Abwechslung. Dadurch, dass ich in so vielen verschiedenen Bereichen arbeite, weiß ich nie, was der nächste Tag mir bringt. Montag schreibe ich für einen Kunden eine erotische Geschichte über Zauberer mit Fußfetisch, Dienstag treffe ich einen Kunden für leidenschaftlichen Sex in seinem Hotelzimmer und am Mittwoch möchte ein Kunde von mir mehr über die Anatomie einer Vulva lernen – am Live-Anschauungsobjekt natürlich. Mir wird einfach nie langweilig.Was mir nicht gefällt, ist das gesellschaftliche Stigma. Die meisten negativen Erfahrungen habe ich aufgrund von Vorurteilen gegenüber meiner Arbeit gemacht. Sogar umziehen musste ich, weil mein Mitbewohner nicht mit meinem Beruf klarkam und mich bedrohte. Auch zu Erpressungen kommt es bei Sexarbeiter*innen häufiger, weshalb ich so großen Wert auf meine Anonymität lege. Sexarbeit ist kein Beruf wie jeder andere – denn in kaum einer anderen Branche werden uns wohl unsere anderweitigen Kompetenzen, Interessen und Fähigkeiten abgesprochen, sobald Menschen von unserem Beruf erfahren. Sobald Menschen wissen, dass du Sexarbeiterin bist, bist du oft nur noch eines für sie: Eine Hure. Und das lassen sie dich spüren – auch strukturell: durch Sorgerechtsentzug, durch Benachteiligung bei Bewerbungen in anderen Branchen und natürlich auch durch den eingeführten Hurenausweis, den du stets bei dir zu tragen hast. 

Was wünscht du dir von Gesellschaft und Politik? 
Eine komplette Entkriminalisierung der Sexarbeit. Vielfach wird über das Nordische Modell diskutiert, dabei werden jedoch die gravierenden negativen Folgen dieses Modells ignoriert. So haben Studien gezeigt, dass es unter solchen restriktiven Modellen zu deutlichem Anstieg von Gewalt gegen Sexarbeiter*innen kommt. Außerdem ist eine legale Arbeit in Wohnungen unter diesem Modell nicht mehr möglich – Dritte dürfen nicht mehr von meinen Einnahmen profitieren und das schließt Vermieter*innen ein. Stattdessen werde ich mit meiner Arbeit also in unsichere Felder gedrängt, muss isoliert und auf der Straße arbeiten. Ich wünsche mir, dass die Politik sich mit diesen zahlreichen belegten Folgen des Modells auseinandersetzt und endlich echte Alternativen schafft, die sowohl für die selbstbestimmte Sexarbeit als auch für Zwangsverhältnisse Perspektiven verspricht: Die komplette Entkriminalisierung.  


Was wünscht du dir von Feminist*innen? 
Auch hier wünsche ich mir, dass sich mit den gravierenden negativen Folgen des Nordischen Modells auseinander gesetzt wird. Ein erster Start sind mehrere Infoposts, die ich zu diesem Modell auf meinem Profil habe. Hinterfragt und prüft Quellen, vor allem wenn ihr mit besonders plakativen Aussagen zur Sexarbeit konfrontiert werdet (z.B. „jegliche Prostitution ist Gewalt“ oder „alle Freier sind Monster“). Versteht, dass es kein Widerspruch ist, sowohl FÜR selbstbestimmte Sexarbeit als auch GEGEN Zwangsverhältnisse zu sein. Seid solidarisch mit beiden Gruppen und fordert Modelle, die uns alle schützen. Hört Betroffenen zu, aber widersprecht Pauschalisierungen und Falschbehauptungen! Seid intersektional in eurem Feminismus. 

Vielen Dank für das Interview ♡

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