Über Tod und Trauer

Warum sprechen wir eigentlich so selten über den Tod? Nun, vielleicht ist das gar nicht so schwer zu erklären. Menschen zu verlieren oder selber verloren zu gehen, ist ein erschreckender Gedanke. Wir wissen nicht, ob etwas auf uns zukommt oder ob einfach alles vorbei ist. Wie dem auch sei, hier ist es definitiv erstmal vorbei. Bleiben wir zurück, ohne einen geliebten Menschen, scheint der Schmerz unerträglich. Und auch die bedrückende Stille rund um den Tod wird deutlich. Niemand weiß, was man denn nun sagen soll. Niemand weiß, wie man am besten mit dem Tod umgeht. Was hilft oder wie man unterstützt. Und wenn man doch etwas sagt und da ist, wird es nach einer Weile vielleicht zu viel. Menschen, die schon mal um eine geliebte Person getrauert haben, kennen vielleicht den Satz: „Irgendwann muss aber auch mal wieder gut sein.“ Trauer ist nicht für immer erlaubt. Das Leben geht weiter, man muss das Alte hinter sich lassen, weiter machen und andere nicht zu viel belasten. Es ist leicher, Tod und Schmerz zu verdrängen. Das Problem ist nur, verdrängt man, kommt die Trauer hundertfach zurück. Sie will raus und lässt einen nicht los. Und je weniger Raum wir für sie haben, desto schlimmer wird das Ganze. Denn Trauer verändert sich mit der Zeit, aber „es ist nicht irgendwann mal wider gut.“ Verlieren wir jemanden, bleibt die Trauer. Es wird nicht wieder gut. Das Leben kann trotzdem gut sein, aber die Trauer gehört nun mal dazu.

Ich habe die wichtigste Person in meinem Leben sehr früh verloren. Meinen alleinerziehnden Vater. Ich war 13 und hatte so logischerweise nicht viel Erfahrung mit Trauer, mit dem Umgang mit dem Tod. Mit dem Leben. Auch meiner Mutter fiel es nicht leicht, meinen Vater weiter in unser Leben zu integrieren. Durch Erinnerungen, Erzählungen, Rituale. Auch ihr Leben ging einfach weiter. Mit zu viel Arbeit, Geldsorgen, einer toxischen Beziehung.

Späte Trauer ist ein Begriff, den ich erst vor Kurzem kennengelernt habe. Viele Menschen, die ihre Eltern, Erziehungsberechtigten, Geschwister, Freund*innen oder andere wichtige Personen in der Kindheit oder Jugend verloren haben, hatten wenig Ressourcen und Zeit für Trauer. Die späte Trauer ist eine Möglichkeit den Trauerprozess nachzuholen. Ich habe es nie geschafft, mich wirklich mit meiner Trauer auseinanderzusetzen. Erst jetzt, 20 Jahre später, hatte ich die Kraft wirklich hinzusehen, mir Bücher über Trauer zu bestellen, mit meinem Vater zu sprechen, ihm zu schreiben. Und das hat geholfen. Vorher war die Trauer auch immer da. Aber eher in Form von Depressionen und Überforderung. Jetzt, ganz langsam bekommt sie einen anderen, wichtigen Platz.

Und ich glaube, das ist das Ding mit der Trauer. Sie braucht Platz. Leider ist dies in unserer kapitalistischen Gesellschaft Mangelwahre. Traurig sein, innehalten, eine wirkliche Auszeit. Leider Luxus für wenige. Und selbst die, die ihn haben, werden ihn sich schwerlich gönnen. Denn: Es muss ja immer weitergehen. Wer stehen bleibt, droht Erfolge zu verlieren, zu versagen, nicht mehr wichtig zu sein. Wir sind, was wir tun. Und wir haben Angst, nichts mehr zu sein, wenn wir eine Weile nichts mehr tun. Nicht mehr produktiv sind. Nicht unseren Wert präsentieren.

Außerdem wollen wir niemandem zur Last fallen. Circa 2 Monate nach dem Tod meines Vaters habe ich zum ersten mal den oben bereits genannten Satz gehört: „Irgendwann muss ja auch mal wieder gut sein.“ Als 13 jähriges Mädchen, das gerade sein zu Hause, seine ganze Welt verloren hat. Nicht: „Nimm dir Zeit“ oder: „Ich bin für dich da.“ So lernt man schnell: Trauer ist unerwünscht. Doch es ist wichtig, sich und anderen diese zuzugestehen. Es ist wichtig auch nach Jahren oder Jahrzehnten noch nach der verlorenen Person zu fragen. Auch wenn alle Menschen anders mit dem Tod umgehen, kann man immer Gespräche oder seine Ohren anbieten. Zum Zuhören, genau.

Vor Kurzem starb auch mein Opa. Kurz danach ging ich mit einer befreundeten Person spazieren und diese fragte mich: „Möchtest du mir von deinem Opa erzählen?“ Ja, wollte ich. Wir liefen durch den Schnee und die Sonne und ich erzählte witzige, traurige und alltägliche Geschichten und Erinnerungen. Das hat mir viel bedeutet und war eine unheimlich schöne Erfahrung (Danke ❤️). Manchmal wünschte ich mir, das hätten Menschen in meinem Leben öfter getan. Mich gefragt: „Möchtest du etwas über deinen Vater erzählen?“ Ja, möchte ich.

Doch ich weiß auch darum, wie schwer es ist, anderen dies anzubieten. Man möchte niemandem zu nahe treten, keine Wunden aufreißen. Ein Lehrer von mir hat mal etwas Schlaues gesagt: „Habt keine Angst, etwas faslches zu sagen, wenn jemand stirbt. Versucht es einfach und tut nicht so, als sei nichts passiert. Denn es ist etwas passiert.“ Ich wünsche mir auch manchmal, ich hätte mich schon früher getraut Menschen in meinem Leben zu fragen, ob ich ihnen etwas über meinen Vater erzählen darf. Das traue ich mich jetzt manchmal und da ich das Glück habe, viele liebevolle Personen in meinem Umkreis zu haben, sagen immer alle: „Ja, klar.“ Ich biete ihnen auch an, „Stopp“ zu sagen, wenn es doch zu viel ist. Doch meistens sind die Gespräche gar nicht so truarig, wie man denken könnte. Meistens sind sie befreiend und schön.

Also hier ein paar Tipps (können passend sein oder nicht, das ist natürlich allen selbst überlassen) für den Umgang mit Trauernden und für eure eigenen Trauer.

  1. Wie kann ich trauern?
  • Sprich mit der verstorbenen Person (ich gehe manchmal auf den großen schönen Friedhof bei mir in der Nähe. Geht aber überall.)
  • Schreibe Briefe an die Person.
  • Erlaube dir, traurig zu sein.
  • Koche Gerichte, die die Person gerne gekocht oder gegessen hat.
  • Lies Bücher oder höre Musik, die die Person genre mochte.
  • Höre Podcasts über den Tod. Auch wenn es in deiner Umgebung keine Person mit der gleichen Erfahrung gibt, gibt es Menschen, die ähnliche Erfahrungen haben.
  • Sprich mit Menschen (auch in einer Therapie z.B.)
  • Gib der Trauer einen Ort. Ein Tagebuch, ein kleines „Altar“, eine Kiste mit Erinnerunen etc.
  • Lies Bücher über Trauer und erinnere dich ativ an die Person. Ich mochte das Buch „Warum du mir fehlst“ sehr gern. Man beantwortet Fragen zur verstorbenen Person und erinnert sich an vieles, das schon in Vergessenheit geraten ist.

2. Wie kann ich eine trauernde Person unterstützen?

  • Schreibe der Person, sprich mit ihr und biete an, dass du da bist, dass du siehst, was passiert und es nicht ignorierst.
  • Hol dir auch selbst Unterstützung oder schau, wie ihr euch gemeinsam im Freund*innen- Familienkreis etc. um die Person kümmern könnt. Niemand muss alles alleine schaffen. Weder die trauernde Person, noch die unterstützende.
  • Frage auch Jahre später noch nach der verstorbenen Person und wie der*die Trauernde sich fühlt.
  • Frage, ob die Person vom verstorbenen Menschen erzählen will
  • Gib dem Tod Raum in eurer Beziehung.
  • Schieb das Thema nicht weg.
  • Wahre auch deine Grenzen und sag offen, wenn es zu viel wird. z.B.: „Ich wäre gerade sehr gerne da, aber ich fühle mich etwas überfordert.“

Ich hoffe, dass wir auch in linken und feministischen Kontexten wieder mehr Zeit und Raum für Tod und Trauer finden. Denn der gesellschafliche Raum ist einfach zu klein. Das sollten wir ändern. Im Großen wie im Kleinen.

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