Mein Vietnam

Über Instagram habe ich vor kurzem Hien kennengelernt. Sie hat mir die Sichtung ihres Filmdebüts erlaubt, in welchem sie ihre Eltern, die aus Vietnam geflohen sind und nun schon lange in Deutschland leben, porträtiert und gerne möchte ich dieses heute vorstellen, damit ihr alle diese schöne und wichtige Doku seht ❤ Ich habe Hien interviewt über die Beweggründe des Films, ihre Geschichte und warum der Film vielleicht vielen eine neue Perspektive bzw. eine, in der sie sich endlich auch gesehen fühlen, bietet.

https://ffmop.de

@meinvietnamfilm

@heyheyhien

  1. Möchtest du dich erstmal kurz vorstellen?

Ich bin die Hien, gebürtige Münchnerin und echte Vietdeutsche. Für’s Studium musste ich erstmal aus Bayern raus – studiert habe ich dann in Frankfurt, wo ich gerade auch als Film-u.Kunstwissenschaftlerin versuche, kulturelle Teilhabe für alle zu öffnen. Das geht ganz slow, macht aber Fortschritte. Ach ja, ab und an erkunde ich als Flugbegleiterin die Welt. Ich liebe es die Kinos und Museen weltweit besuchen zu können.

  1. Und deinen Film bzw. deine Doku?

Die Doku Mein Vietnam ist ebenso ein echter Münchener Film und gleichzeitig gibt er uns einen Einblick in den Alltag eines vietnamesischen Paares in Deutschland. Das Ehepaar Bay und Tam sind meine Eltern, die nachts oder frühmorgens Büroräume putzen und ihre Freizeit damit verbringen, gemeinsam Karaoke zu singen, mit der Familie zu essen und sich auszutauschen – alles ganz normale Dinge, nur dass sie das schon mehr als 10 Jahre rein online machen. Social Distancing leben meine Eltern schon viel länger als die gesamte Coronazeit gerade.

  1. Wie kam es zu der Idee?

Das Thema zwischen zwei Orten gleichzeitig zu leben, hat mich ein Leben lang schon beschäftigt und begleitet. Als Arbeiterkind von Geflüchteten macht man so viele Erfahrungen, die andere, in der gleichen Stadt geborene Kinder, nicht machen müssen. So habe ich kleinere künstlerische Arbeiten schon über meine Eltern und mich gemacht, konnte damit aber nur einem bestimmten Dunstkreis erzählen, wie ich mich fühle.

Als ich dann Tim, der Regie studiert (aber Mein Vietnam für ihn auch die 1.Doku ist!) kennenlernte und er auf meine Eltern traf, da bestärkte er mich darin, gemeinsam einen Film darüber zu machen. Zu dem Zeitpunkt war ich noch nicht so selbstbewusst, dass wir damit noch viel mehr Menschen vielleicht aus der Seele sprechen könnten.

  1. Wie haben deine Eltern darauf reagiert, dass du sie dokumentieren möchtest und was hat es mir euerer Beziehung gemacht?

Am Anfang haben sie sich natürlich gewundert, warum deren Leben denn überhaupt filmwürdig ist. Aber Tim und ich waren so begeistert von der Idee, ganz selbstständig sowas wie ein Familienprojekt zu starten, dass die beiden unvergessen bleiben lässt, sodass sie dann schon schnell an Bord waren. Meine Eltern als Protagonist:innen, Leopold (unser Produzent) an der Tonangel, Tim und ich bei der Regieführung – dieses kleine Guerilla-Filmmaking-Team, das hat uns sehr zusammengeschweißt.

Unsere Beziehung hat zum Tochter-Eltern-Verhältnis noch die bereichernde Komponente einer Freundschaft dazu gewonnen.

  1. Ich hatte den Eindruck, „dein Vietnam“ ist quasi die Welt deiner Eltern, der PC Bildschirm mit Verwandten – stimmt das oder wie kam es zum Titel „mein Vietnam“? 

Das ist natürlich ein interessanter Blickwinkel von dir aus, Lina ;-). Aber klar, es liegt nahe, dass mein Vietnam, z.B. meine Eltern sind. Ich kenne Vietnam eher aus der Entfernung über Screen und in unmittelbarer Nähe habe ich eben meine Eltern, die für mich alles, was mit Vietnam zu tun hat nach München transportiert haben. Wir haben da aber ziemlich lange am Titel überlegt, so ist Tims Vietnam auch das, was er durch Bay & Tam kennenlernen durfte. Und meine Eltern wiederum haben noch ganz andere Erinnerungen an Vietnam, die wir nur erahnen können. So ist der Titel so gewählt, dass sich der/die Zuschauer:in ebenso ein eigenes Vietnam erdenken kann.

  1. Wie hat es sich für dich angefühlt, den Film zu machen und warum ist es wichtig? 

Während dem Dreh war es ein auf und ab. Wir waren so ein kleines Team und hatten mitten drin natürlich noch andere Verpflichtungen bei unseren anderen Jobs, um alles überhaupt finanzieren zu können. Und immer wieder die Frage: Sollen wir weitermachen? Wo führt das hin? Das kann belastend für alle Beteiligten des Projekts sein, aber es ist wichtig, dass es Filme wie Mein Vietnam gibt. Denn die Doku zeigt Menschen, die sonst nicht gesehen werden und so wieder sichtbar werden. Außerdem teilen sicherlich viele Menschen ähnliche Erfahrungen und haben es sonst nicht anders beschreiben können. Und deshalb ist dieser Film wichtig.

  1. Erzählt der Film auch etwas über die Gesellschaft in Deutschland?

Ja schon, mit einer Möglichkeit einer eigenen Kritik dazu. Asiate:innen werden oftmals als sehr fleißige Migrant:innen gesehen, die deshalb in Deutschland nicht stören, aber auch nicht wirklich gesehen werden. Es ist natürlich auch sicherer, wenn man unauffällig bleibt, gleichzeitig schafft das aber Parallelgesellschaften. Im aktuellen Diskurs wird darüber debattiert, ob/wieviele Geflüchtete noch aufgenommen werden können, aber hat sich jemals schon Gedanken über die Menschen gemacht, die schon lange hier leben? Da kann dieser Film womöglich ein Beitrag dazu sein, diese Fragestellungen und Diskussionen innerhalb der Gesellschaft in Deutschland besser zu verstehen.

  1. Für wen ist der Film?

Für alle, die Kinder von wunderbaren Eltern sind, die verschiedene Gründe hatten, ihre Heimat zu verlassen und sich ständig dafür rechtfertigen müssen, für die, die versuchen den Spagat zwischen zwei Kulturen zu meistern und Menschen, die sonst unsichtbar bleiben, aber eine Daseinsberechtigung haben, allein wie sie von jemandem geliebt werden.

  1. Möchtest du noch etwas sagen?

Mein Vietnam kann für sich selbst sprechen, aber ich möchte sagen, dass es für viele Filmemacher:innen nicht einfach ist, solche Projekte durchzuboxen und sich nicht unterkriegen zu lassen! Fühlt euch nicht zu klein, zu unbesonders oder zu undramatisch – zieht es durch! So hoffe ich, dass meine Eltern noch vielen Menschen aus der Seele sprechen können.

Danke Hien 🙂 ❤

Wenn ihr den Film sehen mögt, was ich euch natürlich wärmstens ans Herz lege, könnt ihr dies ab dem 17.01. beim Max Ophüls Festival tun. Karten kosten 8,- Euro.

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