Ich schweige nicht mehr

Dies ist ein Gastbeitrag von Aysa Seen.

Aysa bloggt unter https://pocstories.com/about-2/ sowie @pocstories_ // FotoCredit : Alice Rajasombat

In diesem Bericht geht es um sexualisierte Gewalt. Wenn ihr euch dazu gerade nicht bereit fühlt, lest ihn vielleicht später.

Danke Aysa, für das Teilen deiner Erfahrungen ❤

Ich schweige nicht mehr. Meine traumatische Erfahrung mit Vergewaltigung

Ich hatte es provoziert. Ich habe nichts getan. Es ist meine Schuld. Das hätte ich nie tun dürfen. Diese Sätze haben mich jahrelang verfolgt.

Vergewaltigung ist leider ein soziales Problem, das sich auf alle Gesellschaften auswirkt. 

Laut der Statista-Studie, „im Jahr 2019 wurden auf 100.000 Einwohner in Deutschland 11,4 Fälle von Vergewaltigung, sexueller Nötigung und sexuellem Übergriff im besonders schweren Fall einschließlich mit Todesfolge polizeilich registriert.“ 

Die Zahlen sind nur ein Hinweis, wie viele Menschen schweigen, trauen sich nicht eine Anzeige zu erstatten?

Persönlich, habe ich keine Anzeige ersattet. Wer würde mir glauben und unterstützen? Vergewaltigung wird in Frankreich oft entdramatisieren. Wir hören vielen Geschichten von Menschen, die sexuell belästigt wurden, wollten eine Anzeige erstatten aber sie wurden nicht ernst genommen. Also warum sollte man es dann versuchen? 

Liebe kannte ich nicht und kenne ich noch nicht, denke ich, besonders wenn es um romantische Beziehungen geht. Häusliche Gewalt war in meiner Familie täglich: Beleidigung, Demütigung und andere Formen von psychologischer und physischer Gewalt.

Liebe ist mir unbekannt und ich wollte es überall sehen. Ich war sehr naiv. Und umso naiver, weil ich in einer religiösen Familie lebte, in der Liebesbeziehungen verboten sind. Das Einzige, woran ich denken konnte, war, bis zur Ehe Jungfrau zu bleiben.

Liebe ist sehr abstrakt für mich. Und dann begann meine erste Liebegeschichte. Wir lebten nicht in demselben Land, aber so sehr ich ihn auch liebte, ich idealisierte ihn, ich war völlig verblendet. Liebe und Leidenschaft sind da. 

Diese Mal, wir trafen uns in Paris, offenbar die Stadt der Liebe.

Das trifft sich gut. Für eine Woche, genießen wir der Zeit zusammen. Jeder Minute ist wichtig. Außerdem, wollten wir unsere Intimität teilen. Ich dachte, ich war sicher, ich wollte mich überzeugen. Aber nein, ich war mir nicht ganz sicher. 

Diesen Abend, ich war gestresst und ich hatte ein schlechtes Gefühl, ein schlechtes Gefühl das mir sagte  „Run!“ 

Ich zog mich aus, ich tat es, als hätte ich keine andere Wahl. Ich fühlte mich unwohl, ich will nicht mehr. Und dann küssen und kuscheln wir uns, bis es soweit ist.

Er versuchte mehrmals, in mich einzudringen, ich sagte ihm, er sollte aufhören, als ich nicht wollte. Am Ende nahm er beide Arme, stützte sich auf sie, damit ich mich nicht bewegen konnte, und tat, was er tun musste. 

Ich war wie gelähmt, ich konnte nichts tun, ich fühlte mich hilflos. Ich hatte eine Träne in meinem rechten Auge. Und dann weiß ich nicht, was ich als nächstes machte. Am nächsten Tag klagte ich über Schmerzen, dass es beim Gehen wehtut. Er hat mich ausgelacht. Und dann setzten wir unseren Pariser Urlaub fort. Ich habe nichts gemerkt, oder besser gesagt, ich wollte mir nicht gestehen, dass ich vergewaltigt worden war.

Es war schwer, die Enfternung zwischen unsere Ländern zu halten, man versucht, sich selbst nicht ernst zu nehmen, aber die Liebe wurde immer stärker und stärker. 

Was mir bewusst machte, was nicht normal war, war ein Gespräch, das ich mit Freundinnen geführt hatte. 

Sie haben mich gefragt, wie es passiert ist.  Das Erste, was mir in den Sinn kam, war zu sagen, wie sich eine Vergewaltigung anfühlt.  Weil es eine Vergewaltigung war. Aber ich habe nur gesagt, dass es weh tat. 

Ich merkte, dass sich meine Einstellung zu Männern ändert. Ich wurde noch aggressiver mit ihnen, Panikattacken waren häufiger, mehr Angst. Ich ließ meine ganze Wut und Traurigkeit auf meine zweite Beziehung aus. 

Von diesem Moment an hatte ich eine Menge Schuldgefühle. Als die Beziehung endete, war das ein Schock für mich. Meine erste Beziehung sollte die einzige für mich sein.

Ich war damals religiös strenger und für mich war das ‚meine Jungfräulichkeit‘ und das war für mich etwas sehr Wichtiges.

Lange Zeit assoziierte ich diese Vergewaltigung mit einer Bestrafung dafür, dass ich keine Jungfrau geblieben war.

Wenn ich Jungfrau geblieben wäre, wüsste ich nicht, was ich tun sollte. Dieses Schuldgefühl, gemischt mit anderen Traumata, verschlimmerte meine Depression.

Um mich mit einem Mann wohlzufühlen, muss ich Alkohol trinken oder Cannabis rauchen.

Und als ich dann nach Berlin kam, wurde meine Depression aus vielen Gründen sehr schwer.

Sexualisierte Gewalt ist verbreitet als viele denken. 

Es ist nicht die Darstellung, die man gewohnt ist zu lesen oder sehen; einem dunklen Ort, wo niemand in der Nähe ist und man von einem Fremden sexuell angegriffen wird.

Die Narrative von sexuellen Übergriffen sind vielfältig, sind ein gesellschaftliches Problem, mit dem wir uns auf verschiedenen Ebenen auseinandersetzen müssen.

Ich habe mir letztes Jahr ein Ultimatum gestellt: Entweder ich verlasse diese Erde ein für alle Mal oder ich kümmere mich für den Rest meines Lebens um meine psychische Gesundheit.Der Abbau von Schuldgefühlen braucht Zeit, man muss sich Zeit geben.

Take care.

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