Was passiert eigentlich nach sexualiserter Gewalt

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Heute gibt es kein besonders schönes, aber ein wichtiges Thema von dem leider viele Menschen betroffen sind. Auch wenn wir nicht viel darüber sprechen, da es in unserer Gesellschaft scham- sowie schuldbehaftet ist, erleben doch viele sexualiserte Gewalt. Dieser Artikel soll helfen, sich selbst oder andere Betroffene unterstützen zu können, indem man sich informiert was genau nach einem Übergriff passieren kann und wo es welche Hilfen sowie rechtlichen Grundlagen gibt.

Ich halte es für sinnvoll von sexualisierter Gewalt zu sprechen, anstatt von sexueller Gewalt oder von Missbrauch, da Missbrauch impliziert, es gäbe einen richtigen Gebrauch von Menschen und der Begriff sexuell vergisst, dass auch emotionale Gewalt eine Rolle spielt, es nicht immer zu sexuellen Handlugen kommen muss, sondern auch Worte oder ein Umgang mit z.B. Schutzbefohlenen sexualisiert sein kann oder sexuelle Aspekte nicht immer die Hauptmotivation Ausübender sind, sondern auch die generelle Ausführung von Gewalt und Macht. (Sexualisierte Gewalt: gewaltinfo.at)

Es gibt keine eindeutige Definition von sexualiserter Gewalt. „Es hängt dann von der Rolle und Perspektive des Betrachters ab, ob ein Tatbestand bewertet wird, ein Ereignis geschildert oder eine traumatisierende Erfahrung therapeutisches Handeln veranlasst. Handlungen sexualisierter Gewalt können also (mindestens) aus juristisch-strafrechtlicher, sittenmoralischer oder psychologischer Sicht beschrieben und bewertet werden.“ (www.alterundtrauma.de/basiswissen/sexualisierte-gewalt) Es hängt häufig davon ab, ob sich Personen als selbstwirksam empfunden haben und Handlungen mit steuern konnten oder nicht. Hinzu kommt natürlich, ob sie willentlich einwilligen und die Folgen dieser Einwilligung überblicken konnten. Die ist z.B. bei Kindern oder Menschen unter Alkohol- und Drogeneinfluss nicht der Fall. Oder wenn sie, auch in Beziehungen, unter Druck gesetzt werden.

Im Jahr 2019 erlebten mehr als 4000 Kinder sexualisierte Gewalt. 2018 wurden insgesamt 140.755 Personen (Vorjahr: 138.893) Opfer versuchter und vollendeter Gewalt (Mord und Totschlag, Körperverletzungen, Vergewaltigung, sexuelle Nötigung, sexuelle Übergriffe, Bedrohung, Stalking, Nötigung, Freiheitsberaubung, Zuhälterei und Zwangsprostitution) – 81,3% davon sind Frauen, 18,7% Männer. Somit waren insgesamt 114.393 (2017: 113.965) Frauen und 26.362 Männer (2017: 24.928) von Partnerschaftsgewalt betroffen. 80-90% der Täter*innen sind Männer. (BMFSFJ – Startseite / Tagesschau / Kriminalstatistik 2018&2019). Natürlich sind auch LGBTIQA* häufig von sexualiserter Gewalt betroffen. Leider habe ich keine konkrete Zahlen gefunden, allerdings stiegen Gewalttaten generell: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/queerspiegel.

Wie kann ich Betroffene begleiten?

Nun kann es also gut sein, dass wir selbst oder unsere Freund*innen, Partner*innen oder Familienmitglieder in die Situation kommen, sexualisierte Gewalt zu erleben. Dies kann ganz verschiedene Formen annehmen und durch die mangelnde Frage nach Konsens bei einem One-Night-Stand, K.O. Tropfen oder Belästigung im Internet geschehen. Wichtig ist, dass wir Räume und Beziehungen schaffen, in denen wir einander zuhören und glauben. Viele Betroffene/Überlebende/Opfer (ich glaube, verschiedene Begriffe können in verschiedenen Kontexten wichtig und für verschiedene Menschen richtig sein) geben sich selbst die Schuld an einem Übergriff. Dies ist auch kein Wunder, wenn wir bedenken, wie Medien und Gerichte weltweit nach wie vor berichten und urteilen: Sie hatte aber auch einen kurzen Rock an. (Ein Beispiel dafür hier: https://ze.tt/thisisnotconsent-reizwaesche-bedeutet-keine-zustimmung/). Vielen Betroffenen wird nicht geglaubt. Dies führt zu einer hohen Dunkelziffer von nicht angezeigten Straftaten und Menschen, die mit ihrem Leid alleine bleiben.

Damit aber nicht mehr so viele Menschen alleine bleiben, wir uns gegenseitig unterstützen können, ist es auch wichtig zu wissen, was eigentlich nach sexualisierter Gewalt passiert. Also wie ist die rechtliche Lage, was passiert im Krankenhaus oder bei der Polizei. Wo kann man hingehen, was bekommt man, was passiert.

Zunächst gibt es natürlich verschiedene Hilfetelefone und Anlauf- und Beratungsstellen.

So z.B.:

Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen: 08000 116 016

LGBTIQ+ Helpline: 0800 133 133

»Nummer gegen Kummer« der Deutschen Kinderschutzzentren: 0800 – 1 11 03 33

»N.I.N.A« Netzwerk zu sexueller Gewalt an Mädchen und Jungen: 018 05 – 12 34 64

um nur einige zu nennen.

In manchen Bundesländern gibt es die „Soforthilfe nach Vergewaltigung“ (soforthilfe-nach-vergewaltigung.de). Hier gibt es in Kliniken besonders geschultes Personal und Ansprechpartner*innen. Im Notfall kann es gut sein, auch als unterstützende Person, Rat bei Hilfetelefonen oder anderen Beratungsangeboten zu finden. Generell sollten Kliniken und gynäkologische Praxen medizinische Versorgung inklusive Spurensicherung anbieten. Viele schicken Betroffene mit der Aussage weg, eine Spurensicherung sei nur möglich, wenn eine Anzeige vorausgegangen sei. Soweit ich dies nachlesen konnte, stimmt das nicht, sondern ist auf Unwissen und mangelnde Ausrüstung zurückzuführen (kriminalpolizei.de).

Ist man selbst oder eine angehörige Person betroffen, ist es wichtig, dass der*die Betroffene selbst über den Vorgang entscheiden kann. Es kann hilfreich sein, zu sagen, was die Möglichkeiten von Behandlung oder Strafanzeige sind, dass du als Unterstützer*in immer bereit bist zuzuhören und da zu sein, dass die betroffene Person keine Schuld hat, dass du die Person gerne zu Krankenhaus oder Polizei begleitet und dass er*sie selbst die Kontrolle über den Prozess hat. Es ist aber wichtig, dass niemand sprechen muss, wenn es noch nicht der richtige Zeitpunkt ist und das auch eine Anzeige nur auf Wunsch der*des Betroffenen passieren sollte.

Untersuchung mit Befund

Für eine Spurensicherung (eine Anzeige kann dann auch gut zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen, da es Beweismaterial gibt) ist es wichtig, möglichst nicht zu duschen, nicht die Zähne zu putzen, die Fingernägel nicht zu schneiden etc. Auch Kleidung oder Slipeinlagen und Tampons sollten behalten und mitgebracht werden- am besten in einer Papier- und nicht in einer Plastiktüte. DNA Materialien sind 3 Tage lang nachweisbar. Beweismaterialien werden in verschiedenen Bundesländern unterschiedlich aufbewahrt. In der Regel müssen sie ein Jahr von der Rechtmedizin aufbewahrt und dann ohne Ankündigung vernichtet. Eine Anzeige ist aber noch 20 Jahre nach der Tat möglich. Die Kosten übernimmt in der Regel die Krankenkasse. (soforthilfe-nach-vergewaltigung.de) Beachtet bitte auch den Kommentar zum Artikel unten mit den Erfahrungen des Erlanger Notdienstes. Viele Betroffene machen keine gute Erfahrung bei der Polizei und Begleitung von Beratungsstellen ist immer hilfreich. 

Untersuchung ohne Befund

Man kann aber auch eine Untersuchung ohne Befundsicherung machen. Die medizinische Beratung sowie Versorgung ist in vielerlei Hinsicht sinnvoll. So kann ggf. ein Schwangerschaftstest gemacht, die Pille danach genommen und auch Tests nach HIV und anderen sexuelle übertragbaren Krankheiten gemacht werden. Auch PEP zur Vermeidung einer HIV-Infektion kann eingenommen werden (2013_04_HIV report.pdf (aidshilfe.de). Außerdem können gewisse Impfungen bei Verletzungen sinnvoll sein. Die Kosten übernimmt auch hier in der Regel die Krankenkasse. Ärztinnen unterliegen der Schweigepflicht und die Polizei darf nicht ohne Zustimmung der betroffenen Person informiert werden.

Bei Menschen unter 18 Jahren gibt es hier einige Sonderregelungen. Hier können Ärzt*innen über eine Anzeige oder die Informierung der Eltern abwägen. Bei einer privaten Familienversicherung sehen Eltern Untersuchungen eventuell auf der Abrechnung. Hier gibt es erschreckenderweise auch keine anderen Möglichkeiten. Aber vielleicht sollte man sich da im Notfall an Notrufe und Frauenhäuser etc. wenden, die vielleicht Möglichkeiten kennen. Beweise werden bis zum 18. Lebensjahr/Geburtstag und dann noch ein Jahr aufgehoben.

Eine Anzeige findet bei der Kriminalpolizei statt. Dies kann auch bei Tätern, die man nicht kennt oder an die man sich (z.B. durch k.o. Tropfen) nicht erinnern kann, zu Ergebnissen führen. Es ist aber immer Entscheidung der*des Betroffenen! Die Polizei nimmt die Anzeige auf und kann einen auch ins Krankenhaus bringen, um Beweismaterial festzustellen.

Es muss sich etwas ändern

Leider machen viele Menschen unangenehme Erfahrungen bei Ärzt*innen, der Polizei oder bei (eigentlichen) Vertrauenspersonen. Ihnen wird nicht geglaubt, sie werden unsensibel befragt oder nicht ernst genommen. Hier ist es wichtig, dass wir als ggf. Begleitpersonen umso verständnisvoller sind und eventuell selbst bei Beratungsstellen nach guten Erfahrungen in der eigenen Stadt fragen. Auf dem Land ist diese Möglichkeit natürlich sehr eingeschränkt, aber vielleicht auch möglich. Zudem sollten wir niemals Vorwürfe machen, auch wenn z.B. jemand mit jemandem nach Hause gegangen ist, kurze Kleidung trug, zu Beginn noch Lust auf Sex hatte etc. Dies alles sind keine Einwilligungen oder Einwilligungen auf Dauer. Mit nach oben gehen heißt NICHT GLEICH Sex. Es heißt, dass man mit nach oben geht. Man hat ja nicht mit jeder Person, die in die Wohnung kommt Sex, richtig?! Auch wenn man schon mal Sex hatte oder zu Beginn welchen möchte, kann man immer „Stop“ sagen. Ein „Nein“ muss immer akzeptiert und es sollte aktiv nach einem „Ja“ gefragt werden. Hier ein ganz gutes Video dazu:

Generell ist es wichtig, dass dieses Thema breiter diskutiert wird, um Schutzräume zu schaffen, sichere Untersuchungen einzufordern und breitere zugänglichere Hilfen. Auch Angebote für LGBTIQ* scheinen sehr gering zu sein. Ich konnte kaum etwas finden.

Also lasst uns gemeinsam für sichere, verständnisvolle Umfelder und Freund*innen und Familienkreise sorgen, in denen Menschen nicht alleine bleiben und Täter sich nicht sicher fühlen, dass wir schweigen.

2 Gedanken zu „Was passiert eigentlich nach sexualiserter Gewalt“

  1. Hi little Feminist

    Schön dass es einen Beitrag zu diesem wichtigen Thema gibt. Dein Beitrag richtet den Focus immer wieder auf polizeiliche Ermittlungen bei sexualisierter Gewalt. Für unserer Klientinnen ist es dabei wichtig zu erfahren das sexualisierte Gewalt ein Offizialdelikt ist. Das heißt es wird in jedem Fall ermittelt sobald die Polizei von dem Übergriff erfährt. Für die Betroffenen gibt es dann keine Möglichkeit mehr dieses Prozedere zu steuern oder gar zu stoppen.
    Die Beweislage ist in diesen Fällen oft sehr schwierig. Leider werden Betroffene gar nicht so selten durch den Täter wegen Verleumdung angezeigt. Viele Beratungsstellen bieten eine erste rechtliche Einschätzung zu den Erfolgsaussichten an. Wir empfehlen grundsätzlich nicht unvorbereitet oder allein Anzeige zu erstatten. Und nie bei der Bereitschaftspolizei, immer mit extra Termin bei der beauftragten Kriminalkommisar*in. Leider ist auch unsere Erfahrung mit der anonymen Spurensicherung nicht so prickelnd. Frauenärzt*innen machen das, zumindest bei uns in der Region, gar nicht. Wenn die Betroffene sich also vertrauensvoll an ihre Ärztin wendet verliert sie damit womöglich wichtige Zeit.

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    1. Danke für die Ergänzung 🙂 Ich mache im Text noch mal auf das Kommentar aufmerksam. Soweit ich es weiß, gibt es schon auch Gynäkolog*innen, die das anbieten, aber die Infrastrukturen sind da sehr undurchschaubar und unterschiedlich. Die Soforthilfe ist ja auch `nur` ein Pilotprojekt bisher leider. Würde auf jeden Fall auch immer empfehlen und schreibe ich ja auch, dass man sich bei Beratungsstellen informieren soll, ob es lokal gute Anlaufstellen gibt. Kenne leider auch sehr schlimme Erfahrungen bei Ärzt*innen und Polizei. LG Lina

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