Internalisierte Misogynie

Hä? Was ist das? Ich sag es mal so: Es ist der die Ablehnung von Frauen!/weiblich identifizierten Menschen/weiblich gelesenen Menschen gegen Dinge, die in unserer Gesellschaft als „weiblich!“ gedeutet werden. Hier ein paar Beispiele: romantische Filme, Sehnsucht, Gefühle, Rosa, Pferde, Schminke, nackte Haut, kurze Röcke, rote Lippen, Rundungen, zunehmen, abnehmen, Schüchternheit, romantische Wünsche, hohe Schuhe, Weinen, Unsicherheit, nicht Autofahren wollen oder können, Weichheit usw. usw. Natürlich ist das alles nichts, was irgendwie wirklich weiblich wäre. Unsere Gesellschaft teilt sich größtenteils immer noch in Mann! und Frau! – und auch wenn viele davon ausgehen, die aufmerksame Leser*in weiß, was wir als „männlich!“ oder „weiblich!“ lesen, ist natürlich gesellschaftlich gemacht und nicht angeboren. Kein Gen bringt mich dazu, Rosa zu mögen oder Pferde cool zu finden (tu ich ja auch gar nicht. Obwohl sie sehr feine seidige Nasen haben. Die sind süß!)

Fun Horse GIF by Decathlon - Find & Share on GIPHY

Was mich vielmehr (also mich ja nicht, wie gesagt, aber andere) dazu bringt, Pferde zu mögen und Jungs! dazu bringt, Pferde peinlich zu finden, ist halt, dass es in der Wendy um blonde Mädchen! geht. Nicht um blonde Jungs!. Wären Cowboys noch cool (zum Glück sind sie es nicht. Hallo, rassistische Vergangenheit) und allen würde erzählt werden, dass Jungs! Pferde cool finden und nicht Mädchen!, wäre es eben andersherum. Reine Willkür.

Und damit zum ersten Beispiel für Misogynie: Pferdemädchen sein ist schlecht! Es ist weich und langweilig und uninteressant. Das merke ich ja selbst noch beim Schreiben jetzt gerade. Bloß immer erwähnen, dass ich keine Pferde mag. Obwohl das auch persönliche Gründe hat, die sehr mit meiner Mutter zusammenhängen, aber das gehört jetzt nicht hier her. Denn auch abgesehen davon will ich kein Pferdemädchen sein. Wäre ich bei den 5 Freunden (wären es doch Freund*innen gewesen), würde ich nie Ann sein wollen, sondern immer George. Ann ist zwar streng genommen kein richtiges Pferdemädchen (ich glaube, es kamen keine Pferde vor), aber eben so ein richtiges Mädchen mit langen Haaren und Angst und Unsicherheit. Sie will oder muss immer zuhause bleiben und sich Sorgen machen. Sie darf keine Abenteuer erleben. Sie muss kochen. Und na klar, wertet man das als Mädchen (Kind!) ab und will so nicht sein. Es macht ja auch Sinn, absolute Stereotype von Weiblichkeit abzulehnen, sich davon zu distanzieren, was „Weiblichkeit!“ bedeutet.. um freier zu sein, um Geschlechtsstereotype abzuschaffen etc.  ABER:

Ja aber: Das führt eben auch dazu, das wir selbst (und das auch in queerfeministischen Kreisen) vieles ablehnen, was uns (also manche) ausmacht (nicht als Frauen, sondern als Menschen). Gefühle haben, weich sein, Angst haben, über Dinge reden wollen, lächeln, freundlich sein etc.

Wir wollen die Klischees zwar abschaffen, aber manchmal leider eher so, dass wir alle George sind- nicht so nett zu Ann, cool, kalt, draufgängerisch. Darf man ja auch sein (außer nicht nett zu Ann sein. Das sollte man. Human decency!), aber damit wendet man sich eben allem zu, was so männlich! assoziiert wird. Die unabhängige George (die, das wird in allen Geschichten Hundertmillionen mal erwähnt, „wie ein Junge! ist“) ist besser als die anhängige Ann…die ist nämlich wie ein Mädchen.  Es gibt kein dazwischen. Das vermeintlich weibliche! muss weg und das vermeintlich männliche! wird zum Credo. Damit schafft man Klischees dann auch leider gar nicht so sehr ab, sondern bestätigen die Ablehnung von weiblich! gelesenen Verhaltensweisen oder Mustern.

Damit will ich aber nun auch gar nicht sagen, dass man ganz weich und langhaarig und häuslich werden sollte oder sein müsste. Nur dass es schön wäre, ein diverseres Menschenbild zu zeichnen und nicht alles ablehnen zu müssen, dass uns als weiblich! erscheint.

Weiblich sozialisierten Personen wird beigebracht, sich gegenseitig nicht gerade anerkennend zu behandeln. Wir internalisieren den Sexismus gegen uns (dies kann natürlich auch ineinander greifen mit internalisiertem Rassismus, Ableiismus, Bodyismus etc.- auch hier gibt es eine größere intersektionale Perspektive). Zu oft hört man, wie Frauen! andere Frauen Schlampe nennen oder zu fett oder zu dünn oder zu häßlich oder zu arrogant oder oder oder. Wir hassen andere Frauen! und damit halt irgendwie auch uns selbst. Weil wir ständig in Konkurrenz gedrückt werden. Wir werden von Sexismus überhäuft und verleiben ihn uns ein und wenden ihn weiter gegen uns selbst und andere. Denn auch wenn wir z.B. Weichheit oder Gefühle oder Sehnsüchte oder Unsicherheiten an uns abwerten, ist das, weil wir lernen, dass das typisch weiblich! und somit schlecht ist. Obwohl wir es ja auch gleichzeitig irgendwie sein sollen. Sehr vertrackt das ganze, jaja.

Ein weiteres misogynes Bild ist das der „Mutti“. Oh graus! Hier muss ich mir auch selbst auf die Finger schauen, denn auch ich sage oft Dinge wie: „Bloß nie eine Mutti sein.“ Und damit meine ich, dass ich nicht in das Klischee von Mutterschaft kommen will. Selbstaufgabe. Es irgendwie als „biologische“ Aufgabe begreifen. Es ist unerlässlich Begriffe wie „Mutterschaft“ zu hinterfragen! Wenn es um diverse Geschlechter- und Beziehungs- sowie Machtverhältnisse und fair aufgeteilte Care Arbeit geht. Und trotzdem steckt halt dahinter auch, dass Muttisein bedeutet, dass man nicht mehr begehrenswert ist, dass man in eine andere (vermeintlich schlechtere) Art des Frauseins! übergeht. Ich habe es auch schon in feministischen Kontexten erlebt, dass bei Veranstaltungen nicht für Kinderbetreuung gesorgt werden sollte, weil man „Kinder ja mal zuhause“ lassen kann. Das ist fatal. In Bezug auf Teilhabe (Hallo, unfair verteilte Carearbeit!!) und es schließt systematisch Frauen! aus, wo Frauen Teilhabe erfahren sollen. Es ist misogyn. Ok und Kinder sind halt nervig manchmal. Aber das ist nicht der Punkt.

Wenn wir also das nächste Mal einen Klischee-abwertenden-Frauen!begriff verwenden oder Dinge an uns (und anderen Frauen!) abwerten, wie Sanftheit, Tränen, Sehnsucht und Kinderwunsch, sollten wir uns fragen, was daran ernstzunehmende Kritik und was internalisierte Misogynie ist. Wenn wir nach Härte und Unabhängigkeit streben sollten wir auch mal genauer hinschauen. Können wir gegen ein Patriarchat kämpfen, gegen toxische Männlichkeit, wenn wir nach dem männlich sozialisierten streben?

Oder wäre es nicht viel besser, viel mehr dazwischen zu finden?! Sodass alle weich oder freundlich oder rund oder mit oder ohne Kinderwunsch oder auf Abenteuern oder beim Reparieren mit oder ohne Pferde sein können? Es macht Sinn, Ideen von Weiblichkeit! abzulehnen. Aber es macht keinen Sinn, sie nur mit Männlichkeit! zu füllen. Dann könnte es Männer! und Frauen! und Enby und und und und einfach Menschen mit verschiedenen Identitäten geben, die sich Nagellack auftragen oder kurze Haare und Mützen tragen dürfen und nicht Dinge an sich ablehnen müssen, die teilweise gar nicht so schlecht sind. Gefühle zum Beispiel. Dann müsste niemand mehr die eine* oder andere* verurteilen, weil sie beim feministischen Treffen (so tatsächlich vorgekommen) Lippenstift trägt oder sich die Haare abrasiert hat.

Dann könnte Ann mal mit aufs Abenteuer gehen und Julian zu viel Angst haben. Wäre voll ok. Dann könnte man sich selbst in allen Zusammenhängen gern haben, auch wenn eine Heulsuse (ha! Noch ein frauenfeindliches Wort) ist – oder lernen, dass auch Heulsusen eben viel mehr sind als nur das. Dass das nichts weibliches!, sondern etwas menschliches ist. Angst zu haben oder zu heulen.

Quellen:

https://giphy.com/gifs/girl-grease-10qknPq1zzwlLW/links

Fun Horse GIF by Decathlon - Find & Share on GIPHY

https://giphy.com/gifs/80s-doll-barbie-qwinRaonutKOk/links

https://giphy.com/gifs/1990s-barbie-LcWorWf2e5vlS/links

https://giphy.com/gifs/alexandra-crane-topknot-top-knot-mFkNwq7vVLExWO08tc/links

https://giphy.com/gifs/asianhistorymonth-asian-history-month-heritage-xUPGcKCciSYlK91reE/links

https://giphy.com/gifs/theskatekitchen-skateboarding-skating-fnvy1wlXMt7hhMNZpv/links

 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s