Wie ich Anfing mein Schwarzsein zu embracen

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Gast*beitrag von Jennifer Muzuana (Text und Bilder) 

Ich war damals zehn Jahre alt als mich die Lehrerin der neuen Klasse
vorstellte. Ich sei: Jennifer aus Mosambik, neu in Deutschland und könne
noch kein Deutsch sprechen. Plötzlich glühten meine Wangen und meine
Knie wurden weich, weil alle weiß waren und ich nicht. Meine
Sitznachbarin war ein Mädchen. Aus Faszination und Bewunderung wagte
ich mich langsam und unauffällig mit Fingerspitzengefühl ihr sanftes
schönes langes und glänzendes Haar anzufassen. Scheinbar war es garnicht
so unauffällig, denn sie drehte sich irritiert um und schaute mich fragend
an. Mir wurde heiß. Man hätte es mir ansehen können wenn ich nicht
Schwarz gewesen wäre. Ich war die einzige Schwarze in der Klasse und ich
fühlte mich so, als ob es mir an Allem mangeln würde. Ich fühlte mich nicht
schön und ich fühlte mich auch nicht Intelligent.

Glattes langes Haar hatte ich bis dahin nur im Fernsehen zu sehen
bekommen, bei den brasilianischen Frauen aus den Telenovelas, die jeden
Abend bei uns liefen. Diese ausschließlich weißen Frauen waren reich,
schön, gebildet und intelligent und kleideten sich nur in die feinsten
Designerklamotten. Um uns auch so schön zu fühlen und langes Haar zu
haben wie die weißen Frauen aus den Novelas zerfaserten meine Cousine
und ich riesige Bananenblätter auseinander und banden sie uns um den
Kopf.

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Das einzige was uns mit diesen Menschen verband, die wir uns jeden Abend
anschauten, war die Sprache. Mosambik und Brasilien sind beides
ehemalige portugiesische Kolonien. Menschen die so aussahen wie ich,
wurden im Fernsehen nicht in schönen Häusern mit schönen Autos
dargestellt. Wir wurden immer mit Armut und Elend in Verbindung
gebracht.

In Filmen spielen Schwarze Menschen häufig negativ besetzte Rollen wie
zum Beispiel einen Gangster aus einem Problemviertel. Als ich mir letztens
im Lockdown den Film „Gifted“ bei Netflix mit meinem weißen Freund
angeschaut habe, meinte ich zu ihm: Es wäre nicht schlecht gewesen wenn
das hochbegabte Mädchen mal nicht blond und blauäugig gewesen wäre.
Warum hat nicht ein Schwarzes Kind diese Rolle bekommen um mal eine
andere Geschichte zu erzählen und nicht die Stereotypen zu wiederholen.
Weiße Menschen werden überall positiv dargestellt. Die Bilder im
Fernsehen, die weißen Barbies, die es überall zu kaufen gab und mit denen
ich gespielt hatte.Wenn es um Afro Haare geht, will man sie anfassen, weil
es anders ist und nicht der Norm entspricht. Ich bekomme Sätze wie „Krass
fühlt sich wie Watte an“ zu hören. Niemals Sätze wie: die sind so schön es
erinnert mich an die Heldin „XY“ aus meiner Kindheitssendung.
Warum gab es in den Telenovelas nie Frauen zu sehen die meine
Haarstruktur haben, obwohl die Mehrheitsbevölkerung Brasiliens und
Mosambiks Schwarz ist? Bevor Afrikaner aus den verschiedenen
afrikanischen Länder von Weißen Europäer gewaltsam in die westliche Welt
verschleppt wurden galten afrikanische Frisuren als Identitätsmerkmal der
unterschiedlichen Stämme. Mit der Frisur zeigte man außerdem seinen
Beziehungsstatus, Wohlstand, sein Alter und und seine Religion. Die
Frisuren waren sehr auffällig und aufwendig. Das Frisieren dauerte oftmals
Stunden oder sogar Tage.

Die Weißen Kolonialherren verboten mit der Zeit allerdings das Tragen
traditioneller Frisuren. Sie verfolgten damit die Strategie die Identität der
Schwarzen zu rauben und diese voneinander zu entfremden. Dadurch sollte
verhindert werden, dass sich Schwarze als Gemeinschaft zum Protest gegen
die Unterdrückung durch die Weißen zusammentun. Letztlich diente das
Verbot damit dem Ausbau von Macht und Kontrolle der Weißen über die
Schwarzen. Später bekamen Schwarze Menschen keinen Job wenn sie Braids oder Cornrows trugen, weil es nicht „professionell“ aussah.

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Aufgrund jahrelanger Gehirnwäsche gilt die Haarstruktur Weißer Frauen Teilweise auch heute noch als Schönheitsideal für Schwarze Frauen.
So entstanden giftige chemische Haarglättungsprodukte, so genannte
Relaxer um die Kinky-hair Struktur zu glätten. Diese Mentalität hat sich
von Generation zu Generation durchgezogen und wurde unbewuss weitergegeben bis heute (Remove the kinks from your mind not your Hair-
Marcus Garvey).

Ich habe das Privileg mich über Rassismus und gesellschaftliche
Machtstrukturen zu bilden im Vergleich zu meinen Bezugspersonen in
Mosambik damals. Ich frage mich, ob ich mich unwohl gefühlt hätte in
mein Schwarzsein, wenn meine Bezugspersonen in Mosambik ein
Bewusstsein für Sklaverei und Kolonialismus gehabt hätten. Die Wahrheit
ist, sie hatten ganz andere Struggles im Alltag. Da blieb kein Raum für
„philosophische“ Themen. Meine Verwandten sind wie viele Schwarze mit
ihnen damit beschäftigt, die durch die Kolonialisierung entstandenen
Schäden zu reparieren, ohne dass sie sich dessen bewusst sind. YouTube
und Internet hatten wir zu Hause nicht. Es blieb kein Raum zu hinterfragen
warum man sich eigentlich lange glatte Extensions reinflechten lässt
anstatt die eigenen Haare natürlich zu tragen. Es hätte für mich nicht
anders kommen können. Familien können nur das vorhandene Wissen oder
Unwissen weitergeben.

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Zurück zu meinem ersten Schultag in Deutschland: Auch wenn mir damals
die Worte und das Bewusstsein für die Dinge, die um mich herum und in
mir geschahen fehlten, war mangelnde positive Repräsentation ein Grund
dafür, warum ich mich unwohl in meiner Haut gefühlt habe.
Ich war selbst schon in diesem westlichen Schönheitsideal gefangen als ich
nach Deutschland kam. Das unbewusste Trauma ließ auch mich nicht
verschont.

Das erste Buch durch das ich mich empowered gefühlt habe ist
„Americanah“ von Chimamanda Ngozi Adichie. Die nigerianische
Schriftstellerin thematisiert in dem Buch Themen wie Rasse und Afro Haar
Pflege. Mein Erwachen fand über eine längere Zeitstrecke statt. Ich durchlief
Phasen indem ich mir wie besessen Videos über Afro Haarpflege auf
YouTube anschaute. Ich stieß zufällig auf Trevor Noahs Stand up Comedy
und lernte lachend noch mehr über Rasse. Sein Buch „ Born a Crime“ kann
ich auch nur jedem ans Herz legen. Ich fing an, mich über das Schwarzsein
in einer Weißen Gesellschaft zu bilden. Ich fing an mich über
gesellschaftliche Machtstrukturen zu bilden um am Ende herauszustellen,
dass das Schwarzsein niemals das Problem war. Sondern das Rassistische
System in dem wir leben. An dieser Stelle: „Dear White people, No one is
asking you to apologize for your ancestors. We are calling on you to
dismantle the System of Oppression that they built, that you maintain and benefit from.“- Beatrice Hunter

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Ich empfehle meinen Weißen Mitbürgern vorallem die Lektüre von „Exit
Racism“ von Tupoka Ogette und „Was Weiße Menschen über Rassismus
nicht hören wollen aber Wissen sollten“ von Alice Hasters zur Bildung. Ich
fing an mich kennen zu lernen und je mehr ich mich mit mir selbst
beschäftigte desto mehr liebte ich das neue Wissen über mein
Schwarzsein. Um die fehlende Repräsentation von damals zu verarbeiten
und das Schwarzsein zu zelebrieren fotografiere ich heute Schwarze Frauen.
Da ich gelernt habe die Schönheit in mein Schwarzsein zu sehen, bin ich in
der Lage dazu auch die Schönheit in den anderen Schwarzen Menschen zu
sehen.

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Danke an Jenni für diesen schönen Beitrag und dein Vertrauen ❤

—> Jenni / Bild der Autorin:

Das bin ich

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