Meine Erfahrung als Schwarze Frau in Deutschland

Um verschiedene Erfahrungen sowie Geschichten und Perspektiven sichtbar zu machen, veröffentliche ich regelmäßig Gast*artikel. Aïssa aka. @peopleracializadas hat mich vor einiger Zeit angeschrieben, da sie die ihre Erfahrung als Schwarze Frau in Deutschland teilen wollte. Entstanden ist ein kurzer, aber sehr eindrücklicher Artikel über das Aufwachsen in der Provinz, aber auch über rassistische Erfahrungen in Berlin, die niemand so recht sehen mag. 

Aïssa schreibt selbst einen tollen Blog, den ihr euch auf jeden Fall ansehen solltet:

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Aber nun erstmal zu ihren Erfahrungen (TW N-Wort/Rassismus/Schwarz wird übrigens hier groß geschrieben, um darauf aufmerksam zu machen, dass es sich um eine gesellschaftlich entworfene Kategorie handelt, nicht um eine Hautfarbe):

Als Schwarze Frau in Deutschland habe ich sehr viel Rassismus erlebt. Schon als Kind habe ich in Deutschland gelebt. Mit meiner Familie lebten wir in einem kleinen Dorf in Rheinland-Pfalz. Rassismus im Alltag war sehr gegenwärtig. Meine Eltern wurden gefragt, ob wir Afrikaner*innen in Bäumen in Afrika lebten. In den ersten Monaten in diesem Dorf kamen regelmäßig zwei Kinder und beleidigten mich und meine Mutter. Jedes Mal wenn sie uns sahen. Zu dieser Zeit verstanden wir kein Deutsch. Aber ich lernte es und nach drei Monaten konnte ich fließend Deutsch sprechen. Eines Tages kamen die zwei Kinder wieder zu mir und meiner Mutter. Die Zeit der Abrechnung für mich und meine Mutter war gekommen. Ich fragte meine Mutter, ob ich Schimpfwörter sagen dürfte, und dann sagte ich ihnen alle Schimpfwörter, die ich auf Deutsch kannte. Seit diesem Tag haben wir die 2 Kindern nie wieder gesehen. 

Ich habe Deutsch für viele Jahre studiert und war regelmäßig in Deutschland, um meine Deutschkenntnisse zu verbessern. Ich besuchte immer wieder West- oder Süddeutschland. Ich hatte kein Interesse nach Norddeutschland oder Ostdeutschland zu gehen. Berlin ist für mich schon Ostdeutschland. 2017, nach meinem Erasmus in Neapel, wagte ich den Sprung und kam nach Hamburg, um ein Praktikum zu absolvieren. Ich blieb 6 Monaten und ging dann im Oktober 2017 doch nach Berlin. 

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Ich kannte nichts von Berlin, von der Kunstszene, der Techno-Szene, von der Stadt, die als progressiv und multikulti beschrieben wird. 

Multikulti? Wie bitte? Ich finde es nicht besonders multikulti in Berlin. Ja es gibt Menschen aus verschiedenen Ländern, aber das heißt nicht, dass Berlin multikulti ist. Ich bin in Frankreich aufgewachsen und da ist es multikulti! Das sieht man z.B. schon am Fußballteam ( das ist meiner Meinung). Wie jedes Land der Welt hat auch Frankreich natürlich seine Probleme, wie beim Integrationsmodell. (Ich habe darüber geschrieben)

Ich habe das Stereotyp, dass die Menschen in Deutschland kalt und verschlossen sind nie verstanden. Wenn Menschen das sagten, habe ich jedes mal geantwortet, dass sie sich irren. 

Aber als ich nach Berlin kam, fand ich, dass diese Stereotype sehr wahr sind. Außer Unfreundlichkeit und Unhöflichkeit, ist auch Rassismus ein großes Problem in Berlin. Ich hatte auf meinem Instagram meine einigen rassistischen Erfahrungen gepostet. Ich erzählte von einer Erfahrung im Netto am Alexanderplatz. Es war das erste Mal, dass ich ausdrücklich als Nigger bezeichnet wurde.

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Jedes Mal, wenn ich weißen deutschen Menschen erkläre, dass in Berlin es ein großes Problem mit Rassismus gibt, sind sie sehr überrascht. Durch diese Überraschung merkt man Verlegenheit und Verleugnung. Ich habe auch mit Leuten zu tun gehabt, die mir sagten, dass es in Berlin keinen Rassismus gibt.

Dank meines Blogs, habe ich mehr und mehr People of Color getroffen und auch Afrodeutsche. Ihre Erfahrung und Perspektive hat es mir erlaubt, besser zu verstehen, wie es ist für ein*en Afrodeutsch*e ist, in Deutschland aufzuwachsen. Aber ich konnte kaum eine Verbindung zu anderen schwarzen Menschen aufbauen. Es mangelte an Sisterhood, Brotherhood. In Frankreich war das anders. Es gab sofort diese Verbindung zwischen uns. Wenn mich ein Schwarzer Mensch auf der Straße begrüßte, war ich überhaupt nicht überrascht. Hier sind die Verhältnisse und die Verbindungen kälter und schwerer. 

Und was ist mit Hamburg? War es dort anders? Ich bin nicht lange genug in Berlin geblieben, um das zu vergleichen. Rassistische Erfahrungen hatte ich auch. Eine hat mich sehr geprägt. Ich war beim Arzt. Nachdem ich meinen französischen Reisepass gezeigt hatte, wurde ich trotzdem mehrfach gefragt, ob ich wirklich Französin bin. 

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Ich kann mich in Deutschland nicht einfügen und und ich glaube, dass dies nicht das richtige Land für mich ist. Ich bleibe noch eine Weile, aber eines Tages werde ich Deutschland verlassen. Ich bereue nicht, nach Deutschland gekommen zu sein, ich habe viel über andere und vor allem über mich selbst gelernt.

Deutschland hat ein starkes Problem mit Rassismus, weiße Vorherrschaft und will es nicht wahrhaben. Rassismus und weiße Vorherrschaft werden nicht ernst genommen, das muss es aber, sonst wird es immer wieder zu Terroranschlägen wie in Hanau mit Todesopfern führen. Es ist an der Zeit, Verantwortung zu übernehmen, bevor noch mehr Menschen wegen Rassismus leiden oder sterben.

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Liebe Aïssa, danke für dein Vertrauen und deine Offenheit ❤

Lina @littlefeministblog

2 Gedanken zu „Meine Erfahrung als Schwarze Frau in Deutschland“

  1. Ein sehr toller Beitrag. Ich habe seit Heute noch nie von ihrem Blog gehört und bin Dankbar, dass ich durch euch darauf aufmerksam geworden bin. Ich kann mich in einigen Stellen sehr gut wiederfinden und wünsche mir mehr Austausch und Aufklärung über Rassismus vor allem von Menschen die selber vom Rassismus betroffen sind. Ich habe immer das Gefühl das die in Deutschland lebenden PoC viel zu wenig Plattformen geboten wird, über ihre Sichtweisen und Erfahrungen zu sprechen.

    Liebe Grüße

    Bathy

    Gefällt 1 Person

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