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Um wirklich intersektional feministisch zu arbeiten, ist es wichtig, die eigene Platform zu teilen und verschiedene Stimmen sichtbar werden zu lassen. Deshalb möchte ich regelmäßig die Arbeit von anderen Feminist*innen vorstellen.

Nach Souzan AlSabah folgt nun ein weiteres Interview mit Regina Adjoa (@reginadjoa), die zu vielen verschiedenen Bereichen politische Bildung anbietet. Sie schreibt u.a. über Körper, Diskriminierung, Rassismus, Kolonialgeschichte, Sexismus und Menschenrechte. Und das alles untermalt sie mit wunderschönen Bildern. Aber lest selbst ❤

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Möchtest du dich erstmal kurz vorstellen?

Ich bin Regina, 24 Jahre alt und gebürtige Hamburgerin mit ghanaischer Familiengeschichte. Vor sechs Jahren bin ich fürs Studium der Geschichts- und Sozialwissenschaften nach Berlin gezogen und habe danach den Master Global History begonnen. Frisch zurück aus meinem Auslandssemester in London, schreibe ich jetzt meine Masterarbeit. Neben dem Studium und Studijobs arbeite ich seit einigen Jahren freiberuflich als Fotografin und war zwei Jahre lang semi-professionelle Tänzerin und Tanzlehrerin.

Zu welchen Themen arbeitest du und wie kam es dazu?

Generell beschäftigen mich Lebensrealitäten, die von komplexen Identitäten und unterschiedlichen Diskriminierungsformen geprägt sind. Im Rahmen meines Masterstudiums konnte ich mich vor allem mit Rassismus, Sexismus, ihrer Schnittmenge und ihrer Analyse in feministischer Theorie beschäftigen. Dazu zählen Arbeiten zum Thema Black Feminism, Female Genital Cutting und der Civil Rights Movement.

Zu diesen Themen kam ich durch punktuelle Gedankenanstöße in Seminaren, beispielsweise als beim Thema Kalter Krieg in einer Sitzung die Dekolonisierung Afrikas als wichtiger Faktor thematisiert wurde. Der Ausschnitt von Frantz Fanon’s „Die Verdammten dieser Erde“ war mein Tor zu einer anderen Gedankenwelt. Mein Interesse war geweckt, aber trotzdem sollte meine persönliche Entwicklung noch Jahre dauern. Zum Glück bot mein Master einen tollen Rahmen, um mich ganz in diese Themen zu stürzen.

Da hätte ich noch eine Frage hätte ich noch. Ich finde es super schwer, Themen wie „Female Genital Cutting“ zu thematisieren, weil es ganz oft rassistische Stereotype aufmacht (genauso wie bei Ehe durch Zwang etc.) – und weil es oft in so „white saviourism“ geht. Dann passiert es aber, dass die eine Hälfte schweigt und die andere halt so white Feminism mäßig agiert und die Frauen* weiter leiden. Empfindest du das ähnlich oder ganz anders?

Wie würdest du dir da Thematisierung wünschen?

Genau, die Thematisierung des FGC ist komplex. In meinem Essay, das ich irgendwann auch für Instagram aufbereiten werde, habe ich eine kritische Diskursanalyse der medialen und akademischen Debatten um Pulitzer Preis prämierte Fotos eines FGC Rituals vorgenommen.

Der mediale Diskurs Mitte der 90er Jahre zeigte ein generalisiertes Bild: Er war gekennzeichnet durch einen Mangel an geografischer, kultureller und politischer Differenzierung und Kontextualisierung. Die Aussagen der weißen, amerikanischen Fotografin wurden kaum durch Fachexpertise aus den betroffenen Gebieten ergänzt oder kritisch evaluiert. Die Praktik selbst wurde generalisiert, indem selten zwischen Typen des Eingriffs, Instrumenten, medizinischen Standards sowie religiösen, kulturellen und sozialen Motiven hinter den Praktiken differenziert wurde. Solche Fotos wurden zudem als Vehikel für politischen Wandel betrachtet, indem sie das Unsichtbare sichtbar machen würden.

Etwa 10 Jahre später kritisierten feministische Wissenschaftler*innen of Color die problematischen kolonialen Kontinuitäten in Sprache, (visueller) Repräsentation innerhalb dieser Diskurse. Ohne die Praktiken selbst zu verharmlosen, machten sie auf die Unsichtbarmachung afrikanischer Stimmen im Diskurs sowie die Objektifizierung und Missachtung ihrer Persönlichkeitsrechte aufmerksam.

Ich wünsche mir eine Thematisierung, die diese kritischen Argumente beachtet, indem sie genau diese Stimmen hörbar und sichtbar macht. Es gilt, den Aktivismus aus betroffenen Gebieten zu unterstützen und auf Expert*innen zu verweisen. Wenn man die Themen als weiße Person selbst ansprechen möchte, ist eine Sensibilität für (unbewusste) unterliegende rassistische Denkmuster in der eigenen Sprache unerlässlich.

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Ich finde es sehr schön, wie du auf deinem Account viele Themen liebevoll und ich würde es sanft nennen (hoffe das ist ok) verbindest. Wen möchtest du erreichen und was können die Menschen lernen?

Mein Account soll vor allem ein Raum sein, in dem Fotografie, Alltagsgedanken und historische Bildung zusammenfließen. Da diese drei Bereiche so unterschiedlich sind, spreche ich keine spezifische Zielgruppe an. Ich hoffe deshalb, ganz unterschiedliche Menschen zu erreichen, bei denen dann irgendein Aspekt nachhallt. Idealerweise nimmt die/der Betrachter*in ein Detail – sei es eine Bildkomposition, eine Frage oder ein historisches Thema – mit in den Tag, wundert sich darüber, erkennt es im Alltag wieder, entwickelt es weiter und teilt wiederum die eigenen Gedanken mit mir.

Meine Story Essays hingegen richten sich an Menschen, die sich mit aktuellen gesellschaftlichen – vielleicht auch schon geschichtlichen – Themen beschäftigen, jedoch keinen Einblick in historische Debatten haben. Ich möchte diese gerne vereinfacht und verständlich aufbereiten und deren Bezug zu aktuellen Problemen verdeutlichen. Daraus kann man lernen, dass Geschichte relevant ist, um Probleme in ihrer Ganzheitlichkeit zu verstehen: Erst vor dem Hintergrund ihrer Ursprünge, ihrem Kontext und ihrer Entwicklung im Laufe der Zeit schließt sich der Kreis.

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Besonders beeindruckend (inhaltlich und von der Aufbereitung) fand ich dein Story Highlight „Female Slaves“. Kannst du etwas dazu erzählen?

Dankeschön für dieses Lob, das nicht selbstverständlich ist. Schließlich war das mein erstes Essay, sowohl im Bachelor als auch auf Instagram. Das wissenschaftliche Essay schrieb ich 2015 in einem Soziologie Seminar zum Thema Identität und Zugehörigkeit. Während wir viele unterschiedliche Aspekte beleuchteten, kamen wir in einer Sitzung auf Sara Bartmann zu sprechen, die in verschiedenen europäischen Ländern als Attraktion ausgestellt und auch nach ihrem Tod mit rassistischen Forschungszielen untersucht wurde. Ich konnte nicht glauben, was ich las und dass ich noch nie davon gehört hatte. So schrieb ich ein Essay, bei dem ich Möglichkeiten und Grenzen einer Identitätsbildung von Schwarzen Frauen und Haussklavinnen im kolonialen Südafrika untersuchte. Für die Story war mir wichtig das Ausmaß an sexualisierter rassistischer Gewalt darzustellen, ohne diese Frauen ausschließlich als objektifiziert darzustellen, sondern auch ihre Strategien im Umgang mit diesem perfiden System zu skizzieren.

Wie würdest du die Rezeption zum Thema Kolonialismus in Deutschland einschätzen, auch wenn man an der Uni dazu arbeitet und hast du konkrete Forderungen zum Thema?

In meiner Schullaufbahn war Kolonialgeschichte zwar ein Thema, rückblickend fehlte jedoch die inhaltliche Tiefe, um das Ausmaß der Verbrechen und des andauernden kolonialen Erbes zu begreifen. Im Unikontext habe ich an zwei verschiedenen Universitäten ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht, die keine pauschale Einschätzung ermöglichen. Zu den positiven Eindrücken gehört ein relativ breites Seminarangebot und der Versuch einen diverseren Lehrplan zu gestalten. Trotzdem ist viel zu tun. Bei uns am Institut wächst die Sensibilität für die Versäumnisse, besonders durch Initiativen von Studierenden. Es muss weiter daran gearbeitet werden, Lehrpläne zu dekolonisieren, Lehrstühle diverser zu besetzen und zentrale Erkenntnisse aus post-kolonialer Theorie fachübergreifend anzuwenden. Das heißt den eigenen Eurozentrismus kritisch zu hinterfragen und ultimativ die Expertise des Globalen Südens sichtbar zu machen.

Was wünscht du dir für die Zukunft? Privat und gesellschaftlich?

So viel! Gesellschaftlich wünsche ich mir eine Neudefinition zentraler Werte wie Solidarität, sowohl im nationalen, europäischen und globalen Kontext. Politisch wünsche ich mir ein signalkräftiges Vorgehen gegen Rassismus, eine neue humane europäische Flüchtlingspolitik sowie eine viel entschlossenere Klimapolitik. Angesichts der Corona-Krise wünsche ich mir Existenzsicherung für alle, die darauf angewiesen sind sowie die Rückkehr des Gefühls von Sicherheit. Privat wünsche ich mir Gesundheit, enge soziale Beziehungen und einen erfolgreichen Studienabschluss sowie Berufseinstieg.

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Du schreibst auch zum Thema Persönlichkeitsentwicklung. Was verstehst du darunter?

Darunter verstehe ich sowohl den Prozess als auch die Befähigung dazu, selbstbestimmt(er) das Leben zu gestalten, das einen glücklich und zufrieden macht. Warum tun sich so viele schwer damit herauszufinden, wie es nach der Schule weitergehen soll? Warum sind so viele Menschen unglücklich, gestresst, wie in einem Hamsterrad gefangen? Neben wichtigen systematischen und strukturellen Problemen, könnte auch ein Teil des Problems sein, dass wir nicht schon in der Schule die Tools in die Hand bekommen, wie wir die eigenen Stärken, Talente, Visionen und Wertvorstellungen regelmäßig reflektieren und unserer Handeln daran ausrichten können – und das unabhängig von sozialer und kultureller Herkunft. Ich finde es nämlich verheerend, dass Persönlichkeitsentwicklung für bestimmte gesellschaftliche Gruppen normal ist: Ermöglicht durch das Elternhaus oder teure Coachings. Für unterprivilegierte Gruppen ohne die finanziellen und zeitlichen Ressourcen hingegen bleibt es ein Privileg außerhalb der eigenen Lebensrealität. Dabei könnten junge, sozial und ökonomisch benachteiligte Menschen, viel besser ihr Potenzial entfalten, wenn sie so früh wie möglich lernen, sich systematisch mit Lebensperspektiven, Zielen und den Weg zu diesen Zielen beschäftigen könnten.

Was bedeutet Feminismus für dich?

Feminismus bedeutet so Vieles für mich: Natürlich die selbstverständliche Überzeugung, dass kein Mensch aufgrund seines Geschlechts benachteiligt werden darf. Feminismus steht auch für die wertvolle Erkenntnis, dass Sexismus nicht von anderen Diskriminierungsformen zu trennen ist und gleichzeitig bekämpft werden muss.

Feminismus ist gleichzeitig auch das politische Vermächtnis jahrhundertelanger Kämpfe von unzähligen expliziten oder impliziten Feministinnen, welches es weiterzuführen gilt, bis diese Kämpfe überflüssig sind. Wichtig ist mir auch, dass es DEN Feminismus nicht gibt und nie gab. Sowohl auf theoretischer als auch aktivistischer Ebene bedeutet Feminismus Diskussion, Streit und Uneinigkeit über die richtige Strategien und Lösungsansätze, über Deutungshoheit, Prioritäten, Privilegien und Perspektiven.

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Möchtest du vielleicht Buchtipps, Links o.ä. teilen? Auch Dinge von dir !! 🙂

Sehr gerne, hier kommt eine kleine Liste:

Bücher

Heimkehren von Yaa Gyasi

Zwischen mir und der Welt von Ta-Nahesi Coates

Beale Street Blues von James Baldwin

Podcasts

Feuer & Brot

Das nehme ich mal mit

Rice & Shine

Sinneswandel

Der Role Models Podcast

Für Jobs mit Sinn

tbd Community

Goodjobs

Danke für deine Zeit und deine tolle Arbeit.

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