Chai mit Chale Shoushou

Letzte Woche habe ich mit Souzan AlSabah telefoniert. Souzan macht tolle Sachen und hat aufregende Geschichten zu erzählen. Über Feminismus, über Syrien, über ihre Arbeit, über ihr Leben. Sie ist Expert*in auf vielen Gebieten, ist tätig als systemische Therapeutin, Sexualpädagogin und Empowermenttrainerin. Seit 2008 arbeitet sie zudem im Bereich intersektionale Gesundheits- und Präventionsarbeit, vor allem mit Frauen* und Mädchen*. 2012 gründete sie mit anderen Frauen* das Frauen* und Mädchen* Gesundheitszentrum Holla e.V. Der Schwerpunkt dort liegt auf der Schnittstelle Sexismus & (anti-muslimischer) Rassismus. Holla bietet intersektionale und machtkritische Gesundheitsarbeit, Prävention und Beratung auch nach dem Erleben von (sexualisierter) Gewalt an. Zudem sind sie bundesweite Vorreiterinnen* in moderner Sexualaufklärung; z.B. durch die Arbeit zum „Mythos Jungfernhäutchen“.

In ihrem neuen Projekt, dem youtube Kanal @chaimitchaleshoushou spricht sie über Liebe, Sexualität, Beziehungen und Rassismus. Über Mythen und Vorurteile. Über Intersektionalität. Denn in dem großen Bereich der intersektionalen Gesundheitsarbeit, der auch die intersektionale Sexualpädagogik mit einbezieht, ist Souzan seit über zehn Jahren bundesweite Vorreiterin. Die Erfahrungen aus dieser Zeit fließen in ihre Videos ein.

Chale kommt übrigens aus dem arabischen und bedeutet Tante, bzw. erwachsene Bezugsperson, eine ältere (coole tolle) Frau. Das finde ich ein sehr schönes Bild. Einen Chai mit der coolen Tante trinken und über alles reden, worüber man mit Erwachsenen normalerweise nicht sprechen kann. Und deshalb möchte ich nun auch gern einen (wenn auch nur virtuellen, da Quarantäne) Chai mit Souzan trinken und ihr ein paar Fragen stellen. 

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Willst du dich noch einmal selbst vorstellen?

Hi, ich bin Souzan und kann vielleicht noch Folgendes ergänzen: In diesen Jahren habe ich eine große Bandbreite an Methoden und Strategien entwickelt, die oft durch die systemische Therapie beeinflusst wurden und einen starken Körperbezug haben. Ich biete, was ich sonst noch nirgendwo gesehen habe; zum Beispiel Systemaufstellungen im safer space für BIPoC, also für Menschen, die durch Rassismus diskriminiert werden. In der intersektionalen Gesundheitsarbeit liegt mein Schwerpunkt seit Jahren auf der Achse Sexismus / Rassismus, mit einem besonderen Fokus auf antimuslimischen Rassismus, der in Deutschland seit Jahren zunimmt. In diesem Bereich werde ich bundesweit als Expertin gebucht. Im Jahr 2012 habe ich das intersektionale Sexualpädagogik- und Gesundheitskonzept 5+1=Meins® und 2019 das machtkritische Empowermentprogramm HIERsein© entwickelt. Ich bin Autorin des Kinderbuchs „Die Wiese“ und dem intersektionalen Aufklärungsbuch „Samira und die Sache mit den Babys“, welches im Herbst erscheint.

Du hast super viel Wissen über sexuelle Gesundheit. Am Telefon hast du mir z.B. erzählt, dass eine Vulva bzw. Vulvina, wenn sie noch nicht richtig erregt, also auch nicht richtig angeschwollen ist und Mensch dann trotzdem Sex hat, die Harnröhre oft weniger geschützt ist und Entzündungen der Harnwege viel wahrscheinlicher werden. Das wusste ich z.B. nicht.

Was heißt für dich sexuelle Gesundheit genau und welche Inhalte vermittelst du?

Sexuelle Gesundheit ist von allgemeiner Gesundheit meiner Ansicht nach nicht zu trennen. Unsere Sexualität ist unmittelbar mit unserer gesamten Identität verbunden, Gleichzeitig aber auch immer noch häufig stark tabuisiert. Sexuelle Gesundheit setzt voraus, dass wir uns und unsere Körperfunktionen gut kennen, dass wir die Signale unseres Körpers wahrnehmen, interpretieren und diesen Glauben schenken. Wissen hilft dabei. (Wie bei dem Beispiel mit den Schwelkörpern um den Eingang der Harnröhre) Wer sich im eigenen Körper wohl und sicher fühlt, wer dem eigenen Rhythmus vertraut, zum Beispiel auch dem zyklischen, ist viel freier in der Sexualität selbst herauszufinden, was sich gut anfühlt. Deswegen ist mein Ansatz zunächst, sich mit dem Körper zu versöhnen und den eigenen Körper anzunehmen. Denn gesund sein bedeutet nicht nur keinen Schnupfen oder so zu haben, sondern sich richtig mit sich und auch im Umfeld zu fühlen. Rollenbilder sind so alt und unsere Prägungen ziehen sich durch so viele Generationen. Wenn wir uns in diesem Zusammenhang zum Beispiel die frühkindliche Genitalentwicklung ansehen, wird gut verständlich, dass Aktivität bzw. Passivität beim Sex nichts mit dem Genital oder dem Geschlecht zu tun haben muss. (Dazu gibt’s auch ein Chai mit Chale Shoushou Video.)
Ich weiß aus jahrelanger Erfahrung in der Arbeit mit Jugendlichen und Erwachsenen (dies betrifft Frauen* und Mädchen* of Color und weiße gleichermaßen), wie wichtig es zunächst ist, mit Mythen und falschen Vorstellungen aufzuräumen. Neue Wörter für den eigenen Körper zu finden kann da ganz basal helfen. Also Selbstdefinitionen, die keine Diskriminierungen reproduzieren. Eins dieser selbstdefinierten Worte ist zum Beispiel das Wort Vulvina, welches 2012 durch Ella Berlin entwickelt wurde. Auch das Aufbrechen mit diskriminierenden und schlicht falschen Mythen, wie dem „Jungfernhäutchen“ ist hilfreich, um sich im Körper geschützter und wohl zu fühlen. Das ist besonders für Menschen wichtig, die durch Mehrfachdiskriminierung in öffentlichen Räumen nicht sicher sein können. Man kann sich gut vorstellen, wie hilfreich es sein kann, den eigenen Körper als Schutzraum zu erleben. Das ist nicht nur empowernd, sondern bisweilen notwendige Überlebensstrategie.

Du machst intersektionale Sexualpädagogik. Was heißt das genau und warum ist das wichtig? 

Intersektionale Sexualpädagogik und Gesundheit denkt strukturelle Benachteiligung und Diskriminierung auf verschiedenen Ebenen mit und macht somit Lebensrealitäten sichtbar, die sonst häufig – auch in der Sexualpädagogik – unsichtbar bleiben. Intersektionalitätserfahrung und das Erleben von Marginalisierung können krank machen und traumatisierend wirken, somit wird es Betroffenen häufig auch erschwert, sich gesund, richtig und wohl im eigenen Körper zu fühlen. Es ist daher wichtig, durch das Aufbrechen verkrusteter, unterdrückender Bilder im eigenen Kopf, Zuschreibungen im Zusammenhang mit Sexualität und Geschlecht zu entlarven, Körpernormierungen, hetero- und cis-normative Vorstellungen von Sexualität zu hinterfragen und zunehmend zu dekonstruieren. Intersektionale Sexualpädagogik ist aus meiner Sicht die einzig mögliche und sinnvolle Form der Sexualpädagogik, denn ohne einen machtkritischen, rassismussensiblen und intersektionalen Blick werden immer wieder stereotype Vorstellungen und falsche Bilder vermittelt, die retraumatisieren und Menschen erneut marginalisieren können.
Wie gesagt geht es hierbei sehr basal um Aufklärung, mit dem Ziel, sich zunächst über sich selbst, als richtigen und gleichwerten Menschen zu definieren (was zum Beispiel das Wort Scheide/Vagina Menschen mit diesem Genital per Definition abspricht! Dies wirkt meiner Erfahrung nach bei Menschen, die von Intersektionalität betroffen sind, besonders stark.) Es geht also nur sehr peripher und nur, falls es das Anliegen der Gruppe sein sollte, um sexuelle Praktiken. 

Wie thematisierst du den Zusammenhang von Sex und Rassismus?  

Dazu muss man sich ein wenig mit Rassismus beschäftigen, und verstehen, dass Rassismus permanent wirkt. Auch Alltagsrassismus muss als mögliche Form von Traumatisierung anerkannt sein. Man ist vor diesen Mikroaggressionen niemals sicher, kann von einer Traumatisierung aber nur heilen, wenn man einen Ort hat, an dem man den unterdrückenden Impulsen nicht mehr ausgesetzt ist. Dafür braucht es einen sicheren Ort. Wenn es gelingt, den eigenen Körper als diesen sicheren Ort, zumindest gelegentlich zu erleben, ist das ein großartiger Erfolg für die gesamte gesundheitliche Situation. Wer ständig unterdrückt wird, kann sich nicht entfalten; wer sich nie sicher fühlen und entspannen kann, kann keine gute Sexualität erleben. Dazu kommt, dass die üblichen Diskriminierungen durch Sexismus stärker wirken können, wenn Menschen zusätzlich durch Rassismus (oder eine andere Form von struktureller Unterdrückung) diskriminiert werden.
Außerdem werden auch im Zusammenhang mit Sexualität immer wieder rassistische Stereotype reproduziert und – bewusst oder unbewusst – genutzt, um Menschen bestimmte Verhaltensweisen und Eigenschaften zuzuschreiben. Dies kann stark wirken und Personen, die durch Rassismus diskriminiert werden, den Zugang zu einer selbstbestimmten und freien Sexualität erschweren. Das aufzuzeigen und Raum für eigene Erfahrungen zu geben ist daher enorm relevant. Auch bei der Aufklärung von Mythen usw. werden häufig rassistische Bilder reproduziert. Dies direkt bei der Thematisierung des Mythos mitzudenken und aufzulösen ist daher sinnvoll und wichtig. Ich habe in meiner jahrelangen Arbeit zumeist erlebt, dass Menschen, die von mehreren Diskriminierungsformen betroffen sind, häufig Ungerechtigkeiten und auch einzelne Diskriminierungsformen besonders stark erleben. So haben zum Beispiel Mädchen*, die sowohl durch Sexismus als auch durch Rassismus diskriminiert werden, Ungerechtigkeit in Bezug auf Sex und Bezeichnungen über den eignen Körper oft als besonders schmerzhaft wahrgenommen. All das zeigt, dass ein intersektionaler und rassismussensibler Blick in der Sexualpädagogik nötig ist, wenn wir ein gleichberechtigtes Leben für alle Menschen anstreben.

Wen möchtest du gerne erreichen?

Meine Hauptzielgruppe sind mehrfach marginalisierte Frauen* und Mädchen*, die durch Rassismus in Deutschland diskriminiert werden. 

Um die Arbeitsweise zu verbreiten arbeite ich auch mit Multiplikato*rinnen, die in der Sexualpädagogik und/oder Jugendarbeit tätig sind. Für weiße Multiplikato*rinnen gehört zusätzlich eine Auseinandersetzung mit eigenen Privilegien und der machtkritischen Positionierung innerhalb rassistischer Strukturen zur Ausbildung dazu.

Möchtest du noch etwas sagen/erzählen?

Ich habe so oft erlebt, wie schwächend Zuschreibungen sein können, es ist von unermesslicher Bedeutung, dass wir uns gegenseitig die Kompetenz zugestehen, unser eigenes Leben zu meistern, und auf der anderen Seite solidarisch Seite an Seite stehen. 

Deswegen ist gerade in der aktuellen Zeit das Anerkennen von rassistischen Machtstrukturen und deren möglichen Auswirkungen wichtig. Wer die Möglichkeit hat, sich mit der eigenen Position und den eigenen Privilegien auseinanderzusetzen, sollte dies auch tun. Ich kenne so viele tolle Menschen, die Deutschland verlassen möchten, weil es keinen Schutz und keine Möglichkeit auf solidarische Erholung bietet. Wir müssen da, besonders im Moment, sehr gut aufeinander aufpassen. Die auferlegte Zeit des Rückzugs kann man da vielleicht ganz gut für nutzen. Intersektionaler Feminismus ist die Zukunft. Alles andere ist schon lange nicht mehr zeitgemäß.

Souzan AlSabah findet ihr bei Insta unter:

@souzan.alsabah 

Ihre Website: https://alsabah.de/

Und der Link zu ihrem Youtube Kanal chaimitchaleshoushou: 

https://www.youtube.com/channel/UCfyE9Cl01a-AZNNcLYGJiiw

Link Holla e.V. 

Ein Gedanke zu “Chai mit Chale Shoushou”

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