Weißsein

Endlich gibt es den ersten Gast*beitrag ❤

Nanda María / @mmmarest hat einen Artikel, ein Gedicht, einen Essay, einen Text verfasst über das Weißsein und dessen Bedeutung. Ich freue mich sehr sehr darüber und hoffe, ihr lest alle fleißig- und denkt mit und nach und um ggf. 🙂

Foto am 10.02.20 um 15.51 #2

Ich frage mich, wie ich ein Referat über „weißsein“ halten kann, wenn ich mich noch nicht zu 100% dekonstruiert habe? Obwohl ich braun und Migrantin bin, habe ich wegen des Erziehungssystems ein „weißsein“ in mir. Das heißt, dass ich assimiliert wurde und das ist ein Effekt des Kolonialismus.

Was Kolonialismus in meinem Land und mit meiner Erziehung gemacht hat, ist auch meine Identität immer in Frage zu stellen. Obwohl ich im Spiegel meine Farbe und meinen Körper deutlich beschreiben kann. Wie kann ich meinen Kopf oder meine Identität beschreiben? Bin ich für mich „die Andere“? Mache ich andere zu „Anderen“? Das ist was der Kolonialismus aus mir gemacht hat. Und jetzt stehe ich wieder vor der Frage, wie ich weißen Personen erklären kann, was „weißsein“ bedeutet, während es schon so schwer für mich ist, mich selbst zu dekolonisieren? Wenn es schon so schwer für mich ist zwischen zwei Identitäten zu (über)leben?

Ich bin Peruanerin, ich habe aber im Gegensatz zu meinen Leuten, den Menschen in meiner „Heimat“, viel zu viele Privilegien. Wie kann ich zu 100% Peruanerin sein, wenn ich gleichzeitig vom Kolonialismus profitiere? Bin ich auch weiß, weil ich die gleichen Privilegien wie die weißen in meinem Land genieße? Für mich sind eindeutig die anderen „die Anderen“.
Jetzt bin ich in Deutschland.
Ich bin keine Deutsche
Ich bin in der Universität und kann weiter studieren (mit Schwierigkeiten).
Ich lese weiße Wissenschaft, ich bin nur unter weißen Menschen.
Die Menschen, die wichtige Entscheidungen für mich treffen (wie z.B. Noten) sind weiß.
Sie treffen diese Entscheidungen, ohne zu merken, dass ich aus einer anderen Perspektive analysiere…aber…warte…

Wie kann ich eine andere Perspektive oder Wahrnehmung haben, wenn ich, seit ich 5 Jahre alt bin, eine Deutsche und weiße Bildung in der Schule bekommen habe? Sind meine Erfahrungen die Gleichen wie eure, obwohl ich mich im Spiegel nicht weiß sehe? Sehen mich die Leute weiß oder Braun? Ist mein Verhalten weiß oder Braun? Was heißt es Braun zu sein? Und wieder…was heißt es weiß zu sein?

Für mich ist wieß zu sein:
Zugang zu Bildung, Zugang zu einer Versicherung, Zugang zur Arbeit, Zugang zu Repräsentation, Zugang zum Wählen, Zugang zu ohne Angst dich selber zu zeigen zu können, Zugang zu einer Rente, Zugang zu Freiheit, Zugang zu Zeit zum Lesen, Zugang zu deiner Familie, Zugang zu deiner Heimat und am wichtigsten Zugang zu deiner Identität.
Eine Identität heißt Wertschätzung von der Gesellschaft, dafür dass du ein Mensch bist und was dich einen Menschen macht. Dass du nicht bestätigen muss, warum du hier sein willst, dass du nicht nicht-dazugehörst.

Wer bist du? Was machst du hier? – hat niemand eine weiße Person gefragt.
Die Wertschätzung deiner Nationalität, deines Gender, deiner Farbe, deines Körpers, deiner Bedürfnisse als Mensch.
Darf ich mich überhaupt ausdrücken? Sollte ich das, was ich hier sage, korrigieren lassen? 
Darf ich in meiner Sprache „ich“ sein?
 Oder muss ich immer perfektes Deutsch reden um humanisiert zu werden?
 Ich fühle es, wenn eine weiße Person meine „Fehler“ bemerkt. Ich weiß, dass ich sofort zu einem „unter-Mensch“ werde, dass ich nicht genug für die Wissenschaft bin…oh…warte…

Das bin ich! 
Sie machen mich Braun! Klar, ich kann nicht weiß sein, weil ich nie deutsche werde, weil ich nie meine Identität, meinen Pass gegen einen deutschen Pass tauschen werde.
Ich bin keine deutsche, ich bin nicht weiß.
 Ich bin ein Produkt von den weißen. Ich bin, was sie von Braunen/Migrantinnen wollen. Was sie von den kolonisierten Menschen wollen.
Sie sehen sich da, in meinem „guten“ Verhalten, in meinen guten Noten, in meiner schönen und teuren Kleidung, in meinem „exotischen“ Gesicht, das nicht so schwarz oder Braun ist. Mein Gesicht ist Braun, aber schön.
 „Du bist ja nicht so dunkel! Deine Hautfarbe ist so schön! Ich will auch so dunkel sein wie du!“ 
Wirklich? Würdest du deine Privilegien gegen eine dunklere Haut aufgeben? 
(Nein, doch lieber ins Solarium, oder?)
 Jetzt bist du sauer, weil du gedacht hast, das wäre ein Kompliment. Aber ist nicht so, für mich nicht, und wenn ich dir sage, dass du falsch liegst, dann bin ich wieder Braun, dann bin ich wieder die Migrantin, dann bin ich wieder „die Andere“, dann kann ich wieder nicht mehr deutsch sein, denn ich bin nicht integriert.

Ich glaube, damit ihr mit eurer Dekonstruktion anfangen könnt, müsst ihr nicht mit eurem Bild im Spiegel anfangen, sondern in eurem Kopf. Was grenzt euch von den Anderen ab, was stört euch an den „fremden“ Kulturen. Woher habt ihr euer Wissen von richtig oder falsch, von schön oder hässlich, von höflich oder unhöflich, von Moral oder Unmoral.
Und das Wichtigste, was die weiße Gesellschaft unterstützt, ist das System. Was macht das System, damit ihr noch weiß bleiben dürft und was macht das System, damit ich Fremde bleibe.
Und hier bin ich wieder beim Erklären, was weiße von sich aus Untersuchen müssten.
Ich sollte eigentlich ein Referat über „weißsein“ halten aber was kann ich darüber sagen?

Hier erzähle ich aus einer POC- und migrantischen Perspektive was „weißsein“ für mich bedeutet.
Weiß zu sein findet nicht in einer Dualität statt oder besser gesagt: ist nicht Weiß oder Schwarz.
Es ist ein Spektrum, das unter verschiedenen Aspekten und Kontexten analysiert werden kann. Hier schreibe und rede ich wieder für die weißen, weil wir so programmiert sind, immer für die weißen bzw. für die „gebildete“ Gesellschaft zu schreiben.
 Das ist keine konkrete Abhandlung über die Bedeutung des „weißseins“, das ist nur eine Perspektive.
Ich hoffe, ihr könnt das verstehen und noch wichtiger: Reflektieren.
Wir sind alle Teil dieses Systems und viele profitieren mehr als andere von Privilegien, die sie nicht haben sollten. Alle sollten die gleichen Rechte haben. Alle sollten als Menschen behandelt werden und alle sollten
eine I D E N T I T Ä T haben können.

Ich schreibe für alle. Ich schreibe das hier während zwei Freundinnen von mir an zwei verschiedenen Universitäten in Deutschland Rassismus erfahren mussten. Eine wegen ihres Migrationshintergrunds und die andere wegen ihrer Sprachschwierigkeiten.

Nanda María

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