Become A Mental Health Ally

In letzter Zeit schreibe ich viel über meine Depressionen. Manchmal frage ich mich, warum eigentlich- macht mich halt schon sehr verletzlich und manchmal versuchen Menschen es in Streitgesprächen „gegen einen zu verwenden“, auch wenn es um ganz andere Themen geht oder es kommen Kommentare, die einen wütend oder traurig machen. Nunja, gleichzeitig schreiben mir aber sehr viele Menschen, wie sehr es ihnen hilft, wenn offen über Themen, wie „Mental Health“, also psychische Gesundheit geschrieben wird. Und mir hilft es auch immer sehr, zu wissen, dass ich mit meinen Struggles nicht alleine bin. Dass es nicht so „unnormal“ ist, gar nicht eigentlich und dass vieles nicht so schlimm wäre, wenn wir offener über Themen reden würden, die vermeintlich peinlich oder unangenehm sind. Wenn wir unser Wissen teilen würden und mehr Platz für „Heilung“ und ein „sich ok mit dem fühlen, wie man eben ist“ hätten. Also möchte ich dazu beitragen, dass es diesen Raum gibt und Menschen sich sicherer fühlen, wenn sie über Probleme, Ängste, Depressionen, Panik, Psychosen etc. sprechen. Dazu gehört, dass Außenstehende niemanden beschämen oder gute Allies (also Verbündete) sind. Generell war ich mir mit dem Ally-Konzept immer etwas unsicher, weil es eben oft keine starren Regeln für soziale Interaktionen gibt, aber für mich bedeutet Ally sein, seine eigene Position zu hinterfragen und dann verantwortlich damit umzugehen, sich über Diskriminierungserfahrungen zu informieren, emphatisch zu sein, nach Machtstrukturen zu fragen, sicherer Orte für Menschen zu schaffen, Verletzungen zu vermeiden, zuzuhören etc. etc. / Und das ist ja doch ein gutes Konzept 🙂

@glitterylilac

Zunächst ist wohl zu sagen, dass es große Unterschiede darin gibt, wie sehr ein Mensch gerade leidet. Eine leichte depressive Phase ist etwas ganz anderes, als eine Manie oder eine Psychose. Ich kenne mich mit letzteren nicht gut aus, werde aber versuchen, alle mitzudenken.

Also los:

How to be a mental health ally?

  • Zunächst ist es wichtig, auch auf sich selbst zu achten. Niemand kann die ganze Verantwortung für eine andere Person übernehmen. Schaut, was ihr geben könnt und versucht, Boundaries, also Grenzen liebevoll zu kommunizieren. Z.B: „Ich wäre gerade gerne so viel mehr für dich da, aber mir geht es auch nicht so gut, ich denke aber an dich und du bist mir sehr wichtig.“
  • Informiert euch zu Themen, lest und kommt nicht mit Halbwissen oder guten Tipps, die man irgendwo gehört hat. Es kann sehr sehr verletzend sein, wenn ein Mensch sehr viel an sich arbeitet, Therapien etc. macht und jemand sagt: „Mach doch mal Yoga und trinke Ingwer Tee, geh mal unter die Sonnenbank oder bewege dich mehr.“ Klar, machen Sachen können kleine Unterstützungen sein, aber ein gebrochenes Bein oder einen Herzfehler, kann man auch nicht mit Tee heilen. Starke Depressionen etc. leider auch nicht. Versucht euch mit Krankheitsbildern vertraut zu machen und lest Erfahrungsberichte etc. Versucht keine einfache Lösung zu finden-akzeptiert, dass Krankheiten schwer sind und versucht sie nicht wegzuwischen, weil es schwer ist, sich damit auseinanderzusetzen. Nehmt Menschen ernst 🙂
  • Bietet Hilfe an, die ihr leisten könnt und wollt. Helft bei Therapeut*innen-Suche, begleitet Freund*innen zu Arzt*innen oder Psychiater*innen. Wartet draußen mit einem Kaffee und nehmt sie mal in den Arm.
  • Fragt die Person was helfen könnte und überlegt euch selbst etwas, wenn die Person es gerade nicht weiß, keine Verantwortung dafür übernehmen kann.
  • Sagt nicht, „es liegt nur in deiner Hand, du kannst alles ändern.“ Denn Jein, man kann Dinge ändern, sich helfen lassen, aber es gibt eben auch das Außen und die Arbeit und die Struggles, den Rassismus, die Diskriminierung, Gewalt, Schicksalsschläge, die kommen und nicht alles ist immer heilbar. Es braucht auch Glück und Support von anderen, nicht  nur neoliberales, „alle haben alles in der Hand.“ Menschen haben auch eine Verantwortung für sich selbst, aber gebt ihnen nicht die Schuld und sagt niemals (ich wiederhole), dass sie alles in der Hand haben–> dann wird es nämlich eine Schuldfrage. Manche Dinge brauchen sehr sehr viel Zeit oder bleiben für immer, ändern sich vielleicht nur. Sagt lieber: „Ich helfe dir, herauszufinden, wie es besser werden kann.“ oder „Ich bin zuversichtlich, dass du das schaffen kannst und glaube an dich und ich bin da, egal, wie es wird.“ oder „Es ist schwer. Es ist nicht deine Schuld. Ich glaube aber, dass es wieder besser oder gut werden kann.“ Zudem braucht es für Selbstwirksamkeit größere Akzeptanz in der Gesellschaft, weniger Scham, bessere Unterstützungssysteme, mehr erreichbare sowie verfügbare Beratung, gute Kliniken etc. Das hat nicht jede*r selbst in der Hand!!!
  • Bringt mal Blumen oder ein Essen vorbei, wenn eine Person leidet. Schreibt eine nette Karte, sagt Menschen, dass ihr sie lieb habt.
  • Versucht nicht, die Person zu beschämen, wenn sie Medikamente nimmt. Sagt nicht: „Das brauchst du doch nicht! Ist das gefährlich? Kannst du sie nicht wieder absetzen? Das macht dich doch bestimmt taub! Probiere doch mal Johanniskraut etc.“ Lest auch hier erstmal nach, legt euer Vorurteil ab, verstärkt das Stigma nicht. Fragt stattdessen, wie die Person sich fühlt, ob es ihr dadurch besser geht, ob ihr an die Einnahme erinnern könnt etc. Wenn jemand Herztabletten (falls es sowas gibt) nehmen würde, würdet ihr solche Bemerkungen ja auch nicht machen, oder? Wenn ihr euch wirklich Sorgen macht und das Gefühl habt, die Person verträgt etwas nicht, fragt vorsichtig und sprecht liebevoll mit dem Menschen.

@chippythedog

  • Versucht die Menschen nicht darauf aufmerksam zu machen, wie schwach sie sind, sondern wie stark. Sagt ihnen, wie oft ihr schon beobachtet habt, dass sie aus Krisen herauskommen, dass sie mutig sind, dass ihr wisst, dass sie es schaffen werden und dass ihr das seid, so lange das eben dauert.
  • Wenn es sich um sehr schlimme Episoden handelt, Menschen in die Klinik müssen, Selbstmordversuche hatten, Psychosen durchleben etc., sucht auch euch selbst Hilfe und Unterstützung. Schaut ggf. im Freund*innen- oder Familienkreis, ob man sich aufteilen kann. Könnte jeden Tag eine Person einen Besuch übernehmen, sodass man sich gegenseitig entlastet?
  • Bietet Unternehmungen an, so klein sie auch sind. Holt Menschen für einen Spaziergang ab, geht mit ihnen einkaufen, nehmt sie mit ins Kino, sagt ihnen, dass es ok ist, wenn sie gehen wollen oder nicht gut drauf sind. 
  • Ruft öfters mal an oder schreibt Nachrichten, damit die Person sich nicht alleine fühlt. „Check in“
  • Benutzt keine Wörter, wie „geisteskrank“, „krank“, „psycho“ etc. Seid generell auch vorsichtig mit verallgemeinernden Aussagen. Krankheitsbilder und mögliche Hilfen sind sehr komplex und unterschiedlich. Achtet auf eure Worte und fragt euch, was ihr selbst über „Mental Health“ denkt- versucht eure Vorurteile anzuerkennen und abzulegen.
  • Kuschelt, haltet, nehmt in den Arm. Manchmal braucht es gar keine Worte oder Strategien. Einfach jemand der da ist und sagt, „ich halte dich bis du aufhörst zu weinen“
  • Stand up for your friends! Wenn jemand abwertend über Depressionen spricht aka „die sind alle faul, bilden sich das ein, sollen sich nicht anstellen“- sagt etwas! Lasst Beschämung nicht zu und reagiert!
  • Sprecht lieber offen mit anderen über diese Themen und zeigt, dass ihr euch damit beschäftigt. Vielleicht trauen sich dann mehr und mehr Leute, sich nicht zu verstecken und offen zu sein. Educate others!

  • Kümmert euch um eure eigene psychische Gesundheit   (People in therapy, are often in therapy to deal with people in their lives, who won’t go to therapy / @regan_health –> Hello, Eltern, Partner*innen etc.)
  • Versucht bei Streits, die nichts mit dem Thema psychische Gesundheit zu tun haben, niemals (!) diese als Strategie zu benutzen, um eine Argumentation zu gewinnen. Aka. du bist ja eh instabil, du kannst nicht recht haben.
  • Wenn es so ist, dass ihr absolut überfordert seid, ein Mensch sich nicht professionell helfen lassen will, gemein, aggressiv etc. wird, ihr selbst daran zerbrecht, dann nehmt Abstand. Es darf nicht darum gehen, alles/euch selbst aufzugeben. Holt euch eigene professionelle Hilfe, um eine gute Strategie zu finden. Sagt der Person, dass ihr auch leidet und euch wünscht, dass sie sich helfen lassen würde, dass ihr nicht mehr könnt oder gehen müsst.
  • Schafft ein liebevolles, unterstützendes Umfeld um euch herum. Seid füreinander da, tut schöne Dinge in Gruppen, unterstützt euch, redet, informiert euch, habt keine Angst vor „Mental Health“ als Thema, habt keine Angst vor Gefühlen, grenzt euch liebevoll ab, achtet auf euch und andere.
Ja das wars soweit erstmal ❤ 🙂
Hat natürlich alles keinen Anspruch auf Vollständigkeit und ihr könnt gerne in den Kommentaren oder auf Instagram ergänzen.

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Quellen:

 

4 Gedanken zu „Become A Mental Health Ally“

  1. Wunderbarer Text! Danke!
    Was mir noch einfällt, bitte zählt nicht auf warum das Leben doch so schön ist und lebenswert. Denn dann fühlt man sich nur noch selbstsüchtiger und schlechter, weil man ja gar kein Recht dazu hätte depressiv zu sein (bullshit) und ich persönlich finde es furchtbar wenn man mir sagt dass ich jetzt wirklich auf mich achten sollte und dies und das tun, wenn es gerade nicht in mein Leben passt, ich will nicht alles wegen depression aufgeben oder von jemandem der es nicht versteht gesagt bekommen was ich brauche.

    Gefällt 1 Person

  2. liebe lina,
    tausend dank hierfür. sowas hätte ich vor jahren mal brauchen können…. mittlerweile bin ich in einer super gruppe, in der sich sowohl angehörige als auch betroffene austauschen und das war vor zwei jahren schon extrem erhellend. dort gibt es für entgagierte auch einen solchen leitfaden. leider nur für den internen gebrauch.
    ich bin beim lesen deiner zusammenfassung echt in tränen ausgebrochen. das hat mich alles sehr berührt. danke dafür! und die verlinkung auf meinem blog am kommenden samstag wird folgen. dankedankedanke!
    liebst,
    jule*

    Gefällt 1 Person

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