Was ist das denn jetzt eigentlich mit der Selfcare?

Letztens redete ich mit einer Freund*in über Selfcare uns sie fragte, was ist damit so ganz genau gemeint? Tja dachte ich, das ist gar nicht mal so einfach. Bewegt sich Selfcare doch in einem problematisch kapitalistischen Spannungsfeld und bedeutet oft nichts anderes, als Selbstoptimierung. Die viel beschworene Work-Life-Balance ist ja nichts anderes, als das man noch schön viel Yoga machen und teure Smoothies trinken soll, um einerseits dem System viel teures Smoothie Geld zuzuführen und sich selbst schön fit für die Arbeit zu machen. Denn bloß nichts an schlimmen Arbeitsverhältnissen ändern, lieber weiter arbeiten und noch ein bisschen leistungsfähiger werden. Nicht die Umstände sind das Problem, sondern du! Mach doch einfach mal ein bisschen Sport und meditiere, dann geht das Burnout weg und auch die Depression, no problem. Kauf dir vielleicht noch eine besonders gute teure Creme, denn Skincare ist Selfcare und Schönheit ist kein überhöhtes gesellschaftliches Konstrukt, sondern liegt eben auch in deiner Hand und zack bumm- alles wieder gut.

Okay, das klingt erstmal so, als sollte man das lassen, das mit der Selfcare. Für mich beinhaltet sie aber auch viel widerständiges Potential- man muss eben nur genau aufpassen, wie und warum.

Zunächst finde ich es wichtig, und ich denke, das ist schon angekommen, sich nicht einreden zu lassen, dass man schlimmer Erfahrungen, Unglück, Rassismus und Diskriminierung mit genug Achtsamkeit wegdenken könnte. Diese Dinge lassen sich nicht wegmediteren, nicht wegschminken, nicht mit Entspannungstechniken ausbügeln. Ich möchte es einmal ganz laut und deutlich sagen: Das liegt nicht in deiner Hand und ist nicht deine Verantwortung. Du darfst unter Dingen leiden und dagegen ankämpfen und wütend sein. Es ist nicht deine Schuld!

Wenn deine Yogalehrerin dir sagt, dass ihre Technik deine Depression heilen wird, lügt sie. Sorry, aber ist einfach so. Ja es kann bestimmt sehr hilfreich und unterstützend sein. Aber für manche Krankheiten- für posttraumatische Belastungsstörungen, für schwere Depressionen, für sehr schlimmer Erfahrungen gibt es eben keine leichte Lösung. Vielleicht gar keine. Vielleicht nur langsame Schritte in Richtung Besserung- viele Schritte mit vielen Mosaiksteinen aus verschiedenen Methoden, die jede Person leider individuell herausfinden muss. Keine Nahrungsergänzungsmittel und keine Wünsche ans Universum und keine entspannte Atmung wird das lösen. Und dass uns Selfcare als einfache Lösung für Probleme verkauft wird, die nicht wir, sondern das System oder unsere Erfahrungen verursacht haben, ist ein großes Problem! Denn es sagt immer wieder „du du du, du bist Schuld. Das Glück liegt hier. Du kannst alles erreichen. Du kannst alles haben. Du musst nur etwas ganz leichtes tun. Warum schaffst du das nicht.?“

Und damit sehe ich den ersten möglichen Wiederstand in der Selfcare. Denn Selfcare geht für mich eben nicht darum, dass ich glücklich sein muss oder mich optimieren muss, sondern dass ich mich dem entziehen darf. Dass ich faul sein darf. Gerade als Frau, als weiblich gelesen Person, als queere Person, als LGBTIQ* Person oder als BIPOC, als Mensch mit Behinderung oder mit einem großen Körper wird einem der gesellschaftliche Wert oft abgesprochen, was einem das Gefühl gibt, sich mehr und mehr beweisen zu müssen. Denn wenn ich faul wäre, könnte die Gesellschaft mir meine Existenzberechtigung noch mehr absprechen, als sie es eh schon tut. Vielen Menschen wird ihr Wert nur zugesprochen, wenn sie fleißig sind, etwas beitragen. Und jede faule Minute kann ein Beweis dafür sein, dass die Gesellschaft Recht hatte. Selfcare kann mir die Möglichkeit geben, dass ich Kritik an diesem System übe und mich einmal kurz an erste Stelle setzen darf. Dass ich nichts produzieren, nichts leisten, nichts beweisen muss. Ich darf wie ein fauler Seestern auf meinem Bett liegen, ich darf einen Kuchen essen, baden, malen, am Nachmittag schlafen.

@gracedanico

Das Problem dabei ist natürlich, dass Selfcare dann auch zu einer Privilegienfrage wird. Kann ich mit überhaupt erlauben, faul zu sein? Oder muss ich alleinerzeihend eine Familie ernähren? Muss ich jede Minute arbeiten, um meine Familie zu unterstützen? Bin ich krank oder kümmere mich um jemadnen, der*/die* krank ist? Deshalb muss Selfcare auch strukturelle Fragen mitbedenken. Sie muss selbstversändlicher Teil der Gesellschaft werden- sie sollte sich gegen kapitalistische Ausbeutung stellen und Strukturen schaffen wollen, in denen es auch immer um die einzelene Person gehen darf. Ok ok, das ist vielleicht viel Verlangt von der Selfcare, aber wenn sie in einem feministisch politischen Kontext gedacht wird, ist das wichtig.

Selfcare kann darüber hinaus auch gemeinsam funktionieren. Kann ich etwas von meinen Privilegien abgeben, um meiner alleinerzeihenden Freund*in mal einen Tag Ruhe zu schenken? Können wir im Freund*innenkreis schon mal überlegen, wie wir faul sein könnten, uns etwas gutes tun, wie wir Zeit und Akzeptanz einräumen? Wie wir bei uns schon mal andere Strukturen schaffen? Wie wir Selfcare so etablieren, dass sie nichts mit Konsum zu tun hat, sondern mit Empowerment- mit der Erfüllung eigener Bedürfnisse. Mit dem Wunsch danach, seinen Wert nicht durch Produktivität beweisen zu müssen, allein und uncool sein zu dürfen, Ruhe anzunehmen, sich aber auch laut Raum nehmen zu dürfen. Dass es mal um einen selbst gehen darf und das, was einem gut tut.

@tggeorgiev

Nunja jetzt bleibt aber immer noch die Frage meiner Freundin, was ist Selfcare genau, also was macht man da? Ich glaube, das ist sehr individuell. Es gibt Viele, die Selfcare einteilen. So habe ich z.B. mal einen Meditationskurs gemacht (einer von hundert Versuchen einfache Lösungen für meine Depressionen zu finden…lel) und die Leiterin hat Entspannung in „gute“ und „schlechte“ Entspannung eingeteilt. Badweanne schlecht. Yoga gut. Aha. Zudem hat mir letztens jemand ein Comic darüber geschickt, dass es „self-soothing“ Methoden gibt, also nut lindernde oder wohltuende Dinge und die RICHTIGE Selfcare. Richtige Selfcare war auch wieder, surprise, Yoga und schlechte  z.B. Schlafen .. oder so. Sorry, aber das verstehe ich nicht. Abgesehen davon, dass man bei Yoga vielleicht auch noch mal kurz die Cultural Approriation Debatte eröffnen könnte, was ich jetzt nicht tun werde, da Rahmensprengung und ich mache auch eh keins und da müsste man jetzt sehr genau hinsehen, was zu einem anderen Zeiptunkt vielleicht sinnvoller wäre, ist die Methode nicht das Wichtige. Wichtig ist, dass Selfcare einem nicht die Schuld für vermeindtliches Versagen gibt oder so tut, als hätte man alles selbst in der Hand. Und dann kann es alles sein, was einem eben gut tut. Dabei sollte jeder Mensch Expert*in für sich selbst sein. Will ich in die Sauna, will ich mir (aber bitte mit Kritik an Esotherik, die einem auch gern an allem die Schuld gibt) die Karten legen, will ich schlafen, will ich malen (erlaube ich mir, dass ich das nicht toll können muss, um es gern zu tun?!), will ich mir etwas kochen, will ich eine Massage bekommen, will ich ein Buch lesen, will ich ein Hörbuch hören und dabei an die Decke schauen, will ich Tagebuch schreiben, spazieren, joggen oder Yoga machen oder eine Torte essen oder mir erlauben, dass ich heulen muss. Ich weiß, was mir gut tut und was mir hilft. Oder ich kann es eben heraus finden, indem ich mir mehr Zeit für mich selbst einräume. Wie und wann darf ich ganz alleine entscheiden.

@EmanueleKabu

Selfcare heißt auch, sich aus dem bestehenden System, das Menschen nach ihrer Produktivität bewertet, herauszuziehen und dafür einzustehen, dass alle das können sollten (strukturell) oder sich das eben grundsätzlich ändert. Es heißt, anzuerkennen, dass Zeit für einen Selbst ok ist, das man wichtig ist und das sein darf. Dass man ein Recht auf Bedürfnisse hat. Dass man nicht alles in der Hand hat und dass man nicht besser sein muss. Es sei denn, man ist ein Arsch- aber ihr wisst schon, was ich meine 🙂

Es heißt, dass ich genug bin, auch wenn ich gerade nichts beitrage. Für 5 Minuten, für 5 Wochen oder für wie lange auch immer.

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Quellen:

https://giphy.com/gifs/katharine-hepburn-gif-chL3BkYBX52gM/links

Grace Danico

 

https://giphy.com/gifs/animated-tumblr-featured-krm0YE9BCG3Go/links

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