Starting again… and again.

Ich schreibe Tagebuch seitdem ich 16 bin. Das Wort, das ich seit damals am häufigsten aufgeschrieben habe, ist „Kriese“ – der Rechtschreibfehler ist diesmal sogar absichtlich (ich weiß, ich mache generell viele, aber für Fehlerkontrollen ist mir meine Zeit einfach zu schade), denn ich weiß erst seit einigen Jahren, dass kein „ie“ in Krise steckt, obwohl das mehr Sinn machen würde, da man Krise ja auch mit langem „i“ spricht, oder? Aber egal, um die Schreibweise soll es hier ja nicht gehen, sondern um die Krise an sich. Also es an sich vielleicht auch nicht, denn es gibt ja sehr viele verschiedene Arten von Krisen. Meine sind meistens emotionaler Natur. Leider sind sie häufig mit Beziehungen verbunden; nich nur romantischen, aber vor allem. Mit Kontaktabbrüchen, Trennungen, Ablehnung. Meh, all dem Murks. Und dafür schäme ich mich oft, aber wisst ihr was, ich hatte in meiner Kindheit so viele Kontaktabbrüche und Einsamkeit um mich, dass es nicht verwunderlich ist, dass mir Beziehungen schwer fallen und deshalb werde ich jetzt einfach mal aufhören, mich dafür zu schämen. Bin ja alt genug. Also bisher manchmal nicht für weise Entscheidungen, aber wenigstens für mehr Selbstakzeptanz. Hoffe ich. Wird langsam.

Nunja, mein Hauptproblem ist vielleicht, dass ich nicht denke, dass ich es wert bin, geliebt zu werden und dass ich mir häufig Menschen suche, die das bestätigen oder dass ich einfach nicht genug aufpasse, weil ich so unruhig bin und mir keine Zeit lasse, dafür mir in Ruhe jemanden auszusuchen. Also natürlich sucht man sich niemanden aus, wie auf einem Jahrmarkt, aber man lässt sich auf vieles ein, obwohl man weiß, oh oh. Nun jetzt komme ich aber wieder auf Beziehungen. Darüber wollte ich ja gar nicht schreiben, sondern über Krisen. Auch wenn das eben häufig zusammenhängt. Oft fühle ich mich nämlich einsam, obwohl ich viele liebe Menschen um mich habe, aber ich habe eben gelernt, dass ich die Bestätigung eines Mannes brauche, um mir irgendwie zu beweisen, dass ich etwas wert bin und ich habe mir vielleicht immer eine schöne Beziehung gewünscht, weil ich das aus meiner Familie nicht mal annähernd kenne und irgendwie wünschen sich ja doch viele Menschen Nähe und auch wenn viele Beziehungsformen und Normen problematisch sind, ist das doch auch klar, dass man Zuneigung braucht bzw. die schön ist. Viel Gewirr also aus legitimen und überformten Wünschen.

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Und aus diesen überformten Ängsten und Wünschen, also Wünschen nach Nähe und Ängsten vor Ausbleiben dieser Nähe und aus der Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit ergeben sich Krisen. Krisen, die irgendwie was mit dem Mangel an schönen romantischen Erfahrungen (nicht ausschließlich) zu tun haben und der überhöhten Bedeutung dieser in unserer Gesellschaft und der Tatsache, dass man als (cis-)Frau! lernt, sich über Bestätigung eine Existenzberechtigung einholen zu müssen, die einem aber eigentlich qua Existenz eh zusteht, aber eben auch mit Eltern und Scheidung und Tod und all sowas blödem eben. Naja. Jedenfalls ergeben sich daraus bei mir seit fast 20 Jahren Depressionen und Krisen. Krisen mit Therapien, Tavor, Meditationen, Reisen, mehr Therapien, Antidepressiva, Weinkrämpfen, Schlaflosigkeit, Körperschmerzen, gepackten Koffern für die Klinik, wieder Antidepressiva, gemeinen ÄrztInnen, netten ÄrztInnen, Krankheiten, mehr Weinkrämpfen, Wochen im Bett, einer Mauer zwischen mir und der Welt, dem Gefühl keinen Schritt mehr gehen zu können, sterben zu wollen, wieder Therapien- aber auch mit viel Kraft.

Denn es braucht eine ganze Menge Kraft um das alles immer wieder durchzustehen! Oh ja! Und anstatt mich darauf zu konzentrieren, dass ich immer wieder Krisen habe, konzentriere ich mich ab jetzt darauf, dass ich sie immer wieder meistere. Dass heißt nicht, dass ich jetzt anfangen will positiv zu denken oder so, also ja ab und zu, aber nicht in dem Sinne, dass man alles weg lächeln kann und sich alles durch tolle Gedanken löst, denn manche Dinge sind eben scheiße und über die darf man scheiß Gedanken haben. Aber trotzdem habe ich keine Lust mehr mich selbst zu pathologisieren und mich selbst falsch und schlecht zu finden. Außer die Dinge, die eben nicht so toll an mir sind, aber an denen kann man ja noch etwas arbeiten und eben auch akzeptieren, dass man nicht perfekt sein kann – und alle Menschen irgendwie nervig sind. Aber dass ich besonders emotional und sensibel bin, ist kein Fehler. Auch wenn viele das sagen. Ich sage das aber nicht und meine Meinung zählt ja auch was, auch wenn ich auf mich leider nicht so oft höre. Aber das werde ich ab jetzt tun.

Zudem werde ich der Einsamkeit vielleicht ein bisschen ins Gesicht sehen und mich nicht ablenken mit Dates auf die ich keine Lust habe oder mit Nähe, die sich nicht gut anfühlt und obwohl ich nicht so weit bin. Ich werde meine Sehnsucht nach Nähe akzeptieren und auch den unerfüllten Wunsch erstmal, denn der lässt sich vielleicht erst erfüllen, wenn ich wieder ein bisschen klarer mit mir bin. Oder nie, wer weiß. Aber klarer mit mir möchte ich wieder werden, deshalb brauche ich vielleicht einfach etwas mehr Zeit mit mir selbst. Um mich zu sehen und nicht abzulenken und nicht vollzuballern mit Quatsch und Unannehmlichkeiten, die mir eigentlich gar nicht gut tun. Vielleicht muss ich ein bisschen mehr alleine sein, um zu schlafen, zu schreiben, zu malen, zu masturbieren, zu lesen und zu denken. Vielleicht lösen sich dann ja ein paar Lebensthemen ein bisschen mehr nach und nach. Denn das Verrückte ist ja, dass es „das Beste“ oder Hilfreichste ist, zu akzeptieren, dass man Gewisse Ängste, negative Gefühle etc. etc. hat und sich nicht wegzudrücken, sondern anzunehmen und nicht mehr zu wollen, dass sie sich auflösen, sondern sie als Teil von sich anzuerkennen- damit sie dann eben vielleicht doch irgendwann gehen. Das ist eine schwierige Ambivalenz. Aber irgendwie machbar. Manchmal.

Naja, meine größte Scham ist manchmal, dass ich mich sehr nach Liebe sehne und denke, dass das falsch ist, weil.. Baum. Naja nee, weil das Bild von Liebe mit so viel patriarchalem Scheiß verbunden ist, gerade für Frauen! und weil es entweder das Bild gibt, dass man eine dumme Prinzessin ist, die nichts will, als einen Dude und damit ist ihr Leben dann kompletto oder das Bild von der mega coolen Powerfrau, die alles alles alleine kann und niemanden braucht und tough und hart und unabhängig ist. Die Liebe verlacht uns als dämliches Konstrukt erkannt hat. Beides sind sexistische Bilder. Beides bin ich nicht. Sehnsucht macht nicht unbedingt schwach, stark sein ist oft ein Vortäuschen und Stärke liegt auch manchmal in der Anerkennung von Schwäche und Sehnsucht. Zudem kann man sich Liebe wünschen, ohne dass die das Life komplett machen soll. Sondern eben nur schön auch da sein- neben vielen schönen anderen Dingen.

Aber viele, gerade Männer! haben mir gesagt, das ist peinlich und abhängig und dumm. Und klar, ich will ja auch nicht peinlich sein und unemanzipert und abhängig. Vielleicht ist es aber auch ein bisschen peinlich, andere Menschen mit ihren Wünschen und Sehnsüchten abzuwerten. Und sich selbst dafür abzuwerten ist auch kein netter Move. Also höre ich jetzt auf damit und gebe es offen zu: „Hallo ich bin Lina und ich bin oft einsam und hätte gern eine Beziehung mit einer ziemlich coolen (im Sinne von netten) und lustigen Person, aber ich suche mir meist nur Personen, die mich ablehnen oder so halb ablehnen, weil sie keine Beziehung wollen, aber trotzdem immer bei einem sein und dann muss man das wieder beenden, weil das will man selbst nicht und das tut mir sehr weh und mein Selbstbewusstsein ist da oft ganz schön angeschlagen und das ist ein großes Problem für mich.“ Auch wenn das vielleicht nicht so sonderlich interessant oder kreativ klingt (hey, das müssen Probleme aber auch nicht sein), ist das für mich tatsächlich mit sehr sehr schlimmer unangenehmer Scham und extremer Abwertung meiner selbst verbunden, da es eben nicht annähernd dem Bild entspricht, dass ich von mir selbst haben will. Ich will nicht emotional sein, nicht sehnsüchtig, nicht traurig, nicht verzweifelt, nicht peinlich. Bin ich aber alles manchmal. Manchmal auch nicht.

Und eigentlich geht es wohl sehr vielen Menschen so und es ist kein großer Grund für Scham und ich kann trotzdem politisch und tough und feministisch seine, klar? Klar! Und traurig darf ich darüber auch sein, auch wenn ich weiß, dass es viel viel viel viel viel viel schlimmere Probleme gibt (manche davon habe ich erlebt, andere kann ich mir kaum vorstellen), aber die ignoriere ich nicht und versuche, etwas zu tun in dieser Welt und wenn es ganz doll schmerzt für mich, dann ist das so. Jeder Schmerz hat seinen Grund und seinen Platz und irgendwie auch eine Existenzberechtigung.

Wahrscheinlich werde ich in Zukunft auch noch viele Krisen meistern müssen, denn manchmal ist mein Leben eben auch eine kleine bzw. große Aneinanderreihung von großen und kleinen Krisen, denn ich bin eben sehr sehr sensibel und das Leben fällt mir oft nicht so leicht. Oder der Spaß daran. Oft eben aber doch. Dann ist es auch schön. Manchmal sogar ziemlich. Zudem haben sich meine schweren Depressionen mit der Zeit eben eher in Krisen gewandelt oder manchmal sogar nur in sehr schlechte Tage. Und auch wenn das immer noch sack schwer ist manchmal und mir diese schweren Gefühle immer noch Angst machen, habe ich doch auch schon eine Menge vermisste Geborgenheit in mir und in Freund*innenschaften gefunden und sogar ab und zu wieder in der Beziehung zu meiner Mutter. Also hoffe ich darauf, dass es immer noch weiter besser wird und dass viele schöne Erfahrungen und dann Erinnerungen auf mich warten da draußen und der Rest sich noch findet irgendwie und irgendwann gar nicht mehr so ein großes Thema ist. Gerade kann ich das zumindest glauben und das ist gut.

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2 Gedanken zu „Starting again… and again.“

  1. Ich bin heute durch Zufall über deinen Instagramaccount hier gelandet und finde mich in vielen Gedanken die du beschreibst wieder. Das eigene Bedürfnis nach Nähe und Beziehung im vermeintlichen Widerspruch dazu selbstständig und „alleine vollständig“ sein zu wollen. An und für sich ist es ja gar kein Widerspruch, fühlt sich für mich aber oft so an. Oh, und sich die Ruhe und Zeit nicht zu geben…
    Auch ist mit Sicherheit das Wort Krise auch unter den Top 10 Worten in meinem Tagebuch. Aber woran liegt das eigentlich? Gefühlt kenne ich das so oder so ähnlich von vielen Menschen um mich herum. Ist das die eigene Filterblase oder gibt es zur Zeit mehr (junge) Menschen in Krisen als früher?
    In jedem Fall Danke für deine offenen Worte und einen lieben Gruß.

    Liken

  2. DANKE!!!! Auch wenn du mir damit meinem themenähnlichen Beitrag auf meinem Blog ein bisschen zuvor gekommen bist. Oder vielleicht gerade deshalb. Wir sollten alle öfter über so etwas schreiben. Ehrlich! Ehrlich ehrlich.
    Allerliebst,
    Jule*

    Gefällt 1 Person

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