Über Fehl- oder Verlustgeburten

Das erste Mal habe ich von Fehl- oder Verlustgeburten (den Begriff hat eine Follower*in vorgeschlagen, merci 🙂 ) gehört, als ich ungefähr 7 oder 8 Jahre alt war. Meine damalige Erzieher*in im Hort war plötzlich doch nicht mehr schwanger. Sie hat „es“ verloren, wurde gesagt- wie einen Stock oder Hut. Auch die frühere Freundin meines Vaters verlor ein Kind. Das befruchtete Ei würde einfach abgestoßen und raus kommen, wurde mir gesagt. Aber wie und wann, habe ich gefragt. Naja in die Toilette. Seitdem habe ich mir immer ein Hühnerei in der Toilette vorgestellt, plop. Kein schönes Bild, aber auch kein allzu bedrohliches. Seitdem hat sich mein Wissensstand nicht wirklich weiterentwickelt, wenn es um das Thema geht. Doch ich weiß, dass es eben kein Hühnerei ist, dass man das frisch befruchtete Ei auch durch eine Blutung verlieren kann, aber dass das nicht immer so ist, vor allem nicht nach mehreren Wochen und dass der Verlust einer Schwangerschaft eine schlimme Erfahrung sein kann (aber auch nicht muss- was genauso ok ist) , die viele Menschen machen und über die sehr wenig gesprochen wird, was es wohl noch schlimmer machen kann. Von einer Fehl- oder Verlustgeburt spricht man laut Techniker Krankenkasse übrigens, wenn:

„Als Fehlgeburt (Abort) bezeichnet man den frühzeitigen Verlust einer Schwangerschaft vor der 22. bis 24. Schwangerschaftswoche (SSW) oder ein totgeborenes Kind, dessen Geburtsgewicht unter 500 Gramm liegt. … Wie häufig Fehlgeburten sind, ist schwierig zu bestimmen. Bei etwa 10 bis 20 Prozent der schwangeren Frauen kommt es zu einer Fehlgeburt“  TK

Da ich mittlerweile nicht am eigenen Leib, aber durch viele mir nahe Menschen erfahren habe, wie häufig Verlustgeburten vorkommen und wie viele Menschen sich damit alleine fühlen, folgt nun mal wieder ein Artikel mit vielen Interviews und verschiedenen Erfahrungsberichten. Read it if you like 🙂

P.S.: Ich habe die Interviews nicht gegendert und gelassen, wie sie waren. Trotzdem möchte ich sagen, dass nicht nur Frauen! schwanger werden können, dass auch Menschen mit Uterus nicht schwanger werden können etc.

 

Möchtest du kurz etwas zu dir erzählen?

Maren: Mein Name ist Maren und ich habe eine längere persönliche Geschichte zum Thema Fehlgeburt bzw. stille Geburt..

S.: Ich bin examinierte Hebamme und habe einige Jahre Berufserfahrung in der Schwangerschafts- und Wochenbettbetreuung, Geburthilfe habe ich schon seit einiger Zeit pausiert und nur kurz nach Abschluss meiner Ausbildung ausgeübt. Ich habe also Frauen vor allem während in der Schwangerschaft und in den ersten 8-12 Wochen nach der Geburt begleitet.

Sam: Ich bin Sam, 33 Jahre alt und ich hatte vor ziemlich genau einem Jahr eine Fehlgeburt in der 11. Schwanger-schaftswoche.

Pia: Ich bin Pia und zurzeit besuche ich die Oberstufe eines Gymnasiums.

Warum möchtest du etwas zum Thema Fehlgeburt erzählen?

Maren: Ich würde mir wünschen, dass offener und auch realistischer mit dem Thema umgegangen wird. Dass junge Frauen keine Panik bekommen, wenn sie nach dem zweiten Zyklus nicht schwanger sind. Dass es dauern kann. Dass es schief gehen kann. Dass es keine Garantie dafür gibt, dass es klappt. Und dass auch das kein Weltuntergang ist, wenn nicht.

S.: Als Hebamme weiß ich, dass Fehlgeburten sehr häufig vorkommen, aber kaum einer darüber spricht und so die Frauen sich oft allein oder als Einzelfall fühlen. Ich glaube auch, dass die Zahl der Fehlgeburten in den letzten Jahren nicht wirklich zugenommen hat (ich kenne keine Statistiken dazu), sondern sich die Wahrnehmung einfach geändert hat. Heutzutage ist der Kinderwunsch ein viel zentraleres und geplanteres Thema für eine Frau der modernen Zeit. Man kann so viel  planen im Leben und tut das häufig auch, aber Kinder und Schwangerschaft lassen sich nicht planen. Ein schönes Zitat aus unbekannter Quelle hierzu ist: „Kinder kommen, wenn sie wollen und nicht, wenn wir es wollen.“ – und genau das trifft schon bei der Schwangerschaft zu. Nun bringt es die moderne Technik mit sich, dass man viel abchecken lassen kann, eine Schwangerschaft viel früher wahrnehmen kann, weil man es vielleicht lange plant, darauf wartet und dann häufiger Tests durchführt. So werden Fehlgeburten viel früher oder überhaupt erst wahrgenommen, wo man vor einigen Jahren vielleicht noch nicht mal wusste, dass man überhaupt schwanger ist, da man dem Schwanger-Werden primär nicht so druckbelastet entgegen gefiebert hat.

Sam: Im Zuge dieser Fehlgeburt wurde mir klar, wieviele Frauen davon betroffen sind und wie wenige darüber sprechen. Ich denke es würde allen Frauen, die einen Kinderwunsch haben, sehr helfen, wenn dieses Thema enttabuisiert würde. Mir hat vor allem der Austausch mit betroffenen Frauen und Paaren geholfen und ich wünsche mir, dass alle Frauen und Paare, die eine Fehlgeburt erleben eine gute Unterstützung erfahren. Ob die Fehlgeburt nun früh oder spät in der Schwangerschaft passiert ist, denn oft heißt es in den ersten 12 Wo-chen „Naja, es war ja noch früh, da war ja mit zu rechnen!“ oder „Zum Glück ist es so früh passiert und nicht erst in der X. Woche.“

Pia: Als ich 8 Jahre alt war, habe ich von meiner Mutter erfahren, dass sie schwanger ist und gleichzeitig hat sie mir auch erzählt, dass es sich um eine Fehlgeburt handeln wird. Als ich das erfahren habe, war ich, nachdem ich erst ziemlich betroffen und traurig war, sauer. Sauer, weil meine Eltern mir nicht schon früher erzählt haben, dass sie ein (Sternen-)Kind erwarten. Sauer, weil ich gerne die Zeit mit erlebt hätte, in der meine Eltern noch nicht wussten, dass es sich um eine Fehlgeburt handeln wird. Heute weiß ich natürlich wie unangebracht diese Reaktion war und dass ich es meinen Eltern in diesem Moment nur noch schwerer gemacht habe. Die erste Wut war auch schnell wieder vergessen und ich fiel in eine tiefe Trauer.

 

Was ist deine Geschichte zum Thema?

Maren: Unser Kinderwunsch ist quasi seit ca. 6 Jahren da gewesen. Ich hab allerdings erst keine und dann seeehr Unregelmäßige Zyklen gehabt. Ich hab Mega viele Medikamente dagegen genommen, mich mehrmals operieren lassen. Irgendwie schien es ziemlich aussichtslos.  Und irgendwann bin ich einfach schwanger geworden. Ein totales Wunder. Bis ich das Baby wieder verloren habe.  Ich hab zuerst gedacht, naja, schlimm, aber das passiert ja oft. Das nächste mal wird es bestimmt klappen.

Und dann bin ich ein halbes Jahr später wieder schwanger geworden. Und ich dachte, das ist es. Wir haben es geschafft. Ich war ganz sicher.  In der 11. Woche hat mein Frauenarzt festgestellt, dass das Herz des Babys aufgehört hat zu schlagen und für mich ist eine Welt zusammengebrochen. Er hat mir damals zu einer Ausschabung geraten und ich hab eingewilligt. Eine so krass dumme Entscheidung.

Ich hab die OP nicht gut verkraftet. Das gilt jetzt nur für mich, aber ich hatte das Gefühl, man hätte mich verarscht und mir etwas weg genommen, was doch eigentlich zu mir gehört.

Ich bin noch zwei mal schwanger geworden und habe die Kinder beide Male wieder verloren. Und beide Male habe ich mich nicht operieren lassen, sondern mich für die kleine Geburt entschieden.

Mittlerweile weiß ich nicht, ob ich Kinder bekommen werde.

Mein Mann und ich haben uns über die Zeit total voneinander entfernt und auch getrennt.

S.: Ich denke nicht, dass ich jemals schon mal schwanger war. Aber letztendlich weiß ich das nicht. Denn wenn man keinen Kinderwunsch hat und gleichzeitig einen unregelmäßige Zyklus (so wie ich und was durchaus normal ist), dann besteht auch die Chance schwanger zu sein, ohne es zu merken und dann habe ich eine Fehlgeburt, die in einer Blutung endet und am Ende als Menstruation interpretiert wird. Ich persönliche halte es für sehr wahrscheinlich, dass es viele Frauen da draußen gibt, denen es genau so ergangen ist und die es nicht wissen. Aber es ändert nichts an der Chance in Zukunft schwanger zu werden, sofern man gesund ist.

Sam: Man sagt ja immer, man „solle“ bis zu 12. Schwangerschaftswoche nicht über die Schwangerschhaft sprechen, da alles noch so ungewiss ist und in dieser „kritischen Phase“ noch so viel schief gehen kann. Mein Partner und ich haben das allerdings ganz anders gemacht und die Schwangerschaft nie geheim gehalten. Und so wussten ziemlich früh Freunde und Familie über meine Schwangerschaft bescheid. Alles lief zunächst wunderbar, ich fühlte mich fantastisch und wir haben uns extrem gefreut (obwohl das Baby nicht geplant war). In der 11. Schangerschaftswoche hatte ich eines Morgens ein ganz schlechtes Gefühl. Körperlich war alles ok, aber psychisch war ich ein Wrack und hatte ziemlich düstere Gedanken bis hin zu selbstverletztendem Verhalten (das kannte ich bis dahin nicht). Mein Freund arbeitete gerade außerhalb und so bat ich meine Mutter um Hilfe, die dann mit mir zur Gynäkologin ging um dort abzuklären, ob mit dem Baby alles in Ordnung ist und um zu fragen, was ich in solchen Momenten (sofern das länger anhalten sollte oder noch-mal passieren würde) tun könne.

Pia: An die Zeit vor dem Krankenhaus Aufenthalt meiner Mutter, kann ich mich nur in Bruchstücken erinnern. Ich weiß, dass wir zuhause viel geweint haben und oft Kerzen anhatten. In der Schule wusste davon nur meine Klassenlehrerin, die mich sehr rücksichtsvoll behandelt hat, sowie ein paar meiner Mitschüler*innen. Leider sind nicht alle meiner Mitmenschen so rücksichtsvoll mit mir und meiner Familie umgegangen, auch in der eigenen Familie gab es “Kritik”. Meiner Opa meinte einmal zu meiner Mutter, dass wir uns so aufführen, als wäre ein Prinz gestorben. Bis heute verletzt mich diese Aussage sehr. Meine beste Freundin in der Grundschule hat mir vorgeworfen, dass ich mir diese Geschichte nur ausdenke, weil meine Mutter ja gar nicht schwanger aussähe. Dabei ist wichtig zu erwähnen, dass es sich in den ersten zwei Schwangerschafttrimestern und wenn das Baby ein Gewicht unter 500 Gramm hat, um eine Fehlgeburt handelt, danach spricht man von einer Totgeburt. Denn dadurch, dass mein Bruder als Fehlgeburt zur Welt kam, hatten wir nicht die Möglichkeit ein richtiges Grab für ihn auf dem Friedhof zur haben. Stattdessen konnte er nur einem bereits vorhandenen Grab für Kinder mit dem selben Schicksal beigesetzt werden, das man als Angehöriger leider kaum gestalten kann. (Es ist nicht möglich z.B Blumen zu pflanzen oder kleine Sachen abzulegen). Meinen Eltern wäre so eine Möglichkeit sehr wichtig gewesen, da sie so besser mit dem Tod ihres Sohnes umgehen könnten. Ich persönlich habe viele andere Möglichkeiten gefunden um den Tod zu verarbeiten z.B habe ich angefangen ein Buch, mehr ein Tagebuch, zu schreiben, in dem ich festhielt, welche positiven und welche negativen Dinge mir selbst im Alltag widerfahren sind. Ich habe mich viel mit Trauer beschäftigt und dazu auch im Internet recherchiert und mir dann Notizen dazu gemacht und ich hatte einen Teddybären, den ich nach meinem Bruder benannt habe mit dem ich sehr viel gespielt habe.

 

Wie war die Erfahrung bei ÄrztInnen?

Maren: Ich wünschte, ich hätte beim ersten Mal gewusst, dass man auch warten kann, bis das Kind von alleine auf die Welt kommt… Aber das hab ich nicht gewusst und mein Arzt hat mich auch nicht darauf hingewiesen. Von der Möglichkeit, die man kleine Geburt nennt, hab ich erst sehr viel später auf einem Blog einer Hebamme gelesen.

Wie gesagt, ich bin noch zwei mal schwanger geworden und habe die Kinder beide Male wieder verloren. Mein Arzt in dieser Zeit hat mich glücklicherweise total unterstützt. Beim letzten Mal haben wir beide geweint, so sehr hat ihn alles mitgenommen.

S.: Ich habe keine persönliche Erfahrung  mit Ärztinnen, da ich wie gesagt noch keine mir bekannte Fehlgeburt hatte.

Sam: Meine Gynäkologin war sehr einfühlsam. Sie erklärte mir zunächst, dass auch düstere Gedanken in der Schwangerschaft durch die Hormonumstellung völlig normal seien und machte dann einen Ultraschall um zu klären ob es dem Baby gut geht. Dem war leider nicht so. Das Herz des Embryos hatte aufgehört zu schlagen. Das war ein ziemlicher Schock. Ich fühlte mich so leer. Alles um mich herum wurde dumpf und dunkel. Meine Mutter und die Ärztin waren in dem Moment eine große Stütze. Wir gingen zurück in den Besprechungs-raum der Ärztin und sie nahm sich ziemlich viel Zeit für mich. Beide, meine Mama und die Ärztin, erzählten mir, dass sie selbst schon Fehlgeburten hatten und wie gut sie verstehen könnten wie schwer das gerade für mich sei. Meine Ärztin erklärte mir warum das passieren kann, wie häufig es passiert und das mit mir nichts falsch sei, denn das war eine Große Angst, die plötzlich in mir aufkam:

„Hast du was falsch gemacht?“, „Bist du vielleicht nicht gesund?“, „Was hätte ich besser machen können?“usw.. Sie gab mir den Kontakt zu einer Psychotherapeutin, die sich auf Schwangere, Mütter, Fehlgeburten und Schwangerschaftsabbrüche spezia-lisierte und sie versprach mir, dass ich dort sofort einen Termin bekommen könnte, wenn ich wollte.

Da der Embryo noch nicht von selbst abging, erklärte mir meine Ärztin, dass ich nun noch ein paar Tage Zeit hätte abzuwarten ob das Baby noch von allein abgehen würde. Würde das nicht klappen oder ich nicht darauf warten wollen, könnte ich ins Krankenhaus, zur Ausschabung. Ich hatte es nicht eilig und so gab ich mir ein paar Tage mich mit all dem was passierte fertig zu werden. Nach einer Woche machte ich den Termin im Krankenhaus, denn noch immer hatte ich keine Blutungen oder Schmerzen und selbst wenn der Embryo von allein abgeht, kann es sein, dass man trotz allem doch noch zur Auschabung muss.

Die Ärztin im Krankehaus war eher etwas unterkühlt und mechanisch, da fühlte ich mich nicht so wohl. Die sah ich allerdings auch nur zur Untersuchung und die dauerte so ca. 2 Minuten. Keine Fragen, keine Erklärungen. Dafür waren die Schwestern und die Pfleger, die mich als Patientin aufnahmen und sich nach dem Eingriff um mich kümmerten umso freundlicher und sehr verständnisvoll. Ich weiß allerdings noch, wie ich da lag und mich an einen Schwangerschaftsabbruch (den ich mit 17 hatte) erinnerte. Da wurde mit mir weit weniger nett umgegangen. Aber das ist ein anderes Thema und es ist traurig, dass man immer wieder erleben muss, dass also für sehr viele Menschen nur der Körper selbst entscheiden darf, ob man ein Kind bekommt oder nicht.

Die Ausschabung verlief unter Vollnarkose. Als ich wach wurde, saß eine Schwester an meinem Bett, hielt mir die Hand und gab mir einen Korb voller kleiner, handgenähter Teddybären. Ich solle mir einen aussuchen, sagte sie und das tat ich. Ich weiß noch wie ich dachte: „Hm, also eigentlich wollte ich mein Baby und kein Kuscheltier.“ Diese sogenannten Sternenbärchen sollen Trost spenden und als Erinnerung dienen. Ich fand die Geste lieb und gleichzeitig extrem tarurig. Das war nun also mein Trostpreis.

Naja und so war ich nicht mehr schwanger. Einen Tag vor meinem 33. Geburtstag. Am meinem Geburtstag, also einen Tag nach der Ausschabung ging es mir körperlich, wider Erwarten, ganz gut und mein Freund und ich verabschiedeten uns mit einem kleinen Ritual von dem Baby, auf das wir uns so freuten aber nie kennenlernen sollten. Das war für uns persönlich ein ganz besonderer Moment, an den ich mich immer erinnern werde.

 

Pia: Da ich selbst keine direkten Erfahrungen mit Ärzt*Innen gemacht habe, kann ich nur die Erfahrungen meiner Mutter teilen:

Meine Mutter meinte, dass sie in der Zeit im Krankenhaus ziemlich negative Erfahrungen mit Ärzt*Innen gemacht hat und über viele Sachen wenig aufgeklärt wurde und erst im Nachhinein erfahren hat. Als die Wehen einsetzten war bereits eine Krankenschwester im Zimmer, allerdings um sich um die andere Patientin zu kümmern, meine Mutter hat daher eine weiter Krankenschwester gerufen, die total unhöflich reagierte und meinte, dass meine Mutter doch die Krankenschwester, die bereits im Raum war ansprechen könne. Als meine Mutter dann im Kreißsaal war, wurde meinem Vater nicht gesagt, wo genau sie sich befände, so dass er erst nach der eigentlichen Geburt, zu ihr konnte. Des Weiteren wurde beiden nicht mitgeteilt, dass sie so viel Zeit wie sie wollen mit ihrem (bereit verstorbenen) Baby verbringen können. Dadurch haben sie sich sehr gedrängt gefühlt und nur wenige Minuten Zeit mit ihm verbringen können.

Warum sollte mehr über das Thema gesprochen werden?

Maren: Generell hab ich mich ziemlich einsam gefühlt zwischen meiner Trauer, dem Gefühl, alleine mit dem Thema zu sein und den Menschen um mich herum, die Schwangerschaft und Geburt als etwas selbstverständliches, weibliches ansehen. Aber das ist es nicht. Es ist einfach nicht selbstverständlich. Ich hätte mir gewünscht, besser mit anderen Eltern, denen Ähnliches passiert ist in Kontakt zu treten, hab aber nur furchtbare Foren voller trauernder Frauen, die alleine damit waren gefunden. Und deswegen habe ich beschlossen, offen mit meinen Erfahrungen umzugehen und darüber zu sprechen. Meistens ist die Resonanz gut.

Vor allem auch über die Möglichkeiten, die man trotzdem hat, auch wenn das Kind nicht lebend zur Welt kommt. Zum Beispiel den Austausch mit einer Hebamme. Oder auch eben die kleine Geburt.

S.: Weil es erstmal normal ist. Weil es erstmal normal ist, dass es passiert (innerhalb der ersten 12 Schwangerschaftswochen sowieo sehr wahrscheinlich). Weil es erstmal normal ist, dass man sich danach scheiße fühlt und trauern muss. Weil es aber auch erstmal normal ist, dass man es leicht wegsteckt und schnell dem Alltag weiter nachgehen kann. Auch, weil es normal ist und genau deswegen die Frauen darauf vorbereitet sein sollten. Es ist keine Schande, sondern es ist ein Mechanismus der Natur, der Mutter oder Kind hilft zu überleben oder gesund zu sein. Wenn Fehlgeburten gehäuft auftreten, sollte man das schon weiter abklären, weil in seltenen Fällen z.B. Gerinnungsstörungen die Ursache sein können.

Sam: Nachdem wir das Baby verloren und uns viel Zeit zum trauen nahmen, war klar, wir würden nun Freunden und Familie davon erzählen müssen. Nun ist das eingetroffen, wovor immer alle warnen: „Erzählt es bloß nicht, bis ihr in der 12. Woche seid, sonst müsst ihr allen erklären, dass ihr nicht mehr schwanger seid, wenn es nicht klappen sollte!“ Es viel uns aber überhaupt nicht schwer darüber zu sprechen und ich glaube, wir hätte auch darüber gesprochen, wenn wir vorher niemandem erzählt hätten, dass wir schwanger sind. Im Zuge dieser Gespräche, erfuhren wir von mehreren Freunden, die das gleiche durchmachen mussten. Diese Gespräche waren so wertvoll für mich (und hoffentlich auch für meine Freunde) denn so konnten wir uns über Ängste, Trauer und Hoffnung austauschen, aber auch erkennen, dass Fehlgeburten aus medizinischer Sicht tatsächlich nicht Ausnahme sondern eher Normalität bedeutet und das Vorwürfe (ob man sich die selbst macht oder ob andere sie einem machen) völlig Fehl am Platz sind. Die Gespräche mit Freunden haben mir extrem geholfen. Schlussendlich musste ich nicht zur Therapeutin und fühlte mich sehr schnell wieder besser durch die Hilfe von Gesprächen mit anderen betroffenen Frauen.

 

Pia: Ich denke, dass ich den Tod meines Bruders relativ gut verarbeiten konnte, aber mir fällt es immer noch schwer es zu erwähnen oder mit anderen darüber zu sprechen, da es leider ein großes Tabuthema ist und viele nicht wissen, wie sie darauf reagieren sollten, wenn ich sage, dass ich eigentlich noch einen Bruder hätte. Ich will diese Leute nicht in eine unangenehme Situation bringen und dadurch wissen nur meine engsten Freunde, sowie mein Freund davon. Mir ist es wichtig dieses Tabu zu brechen und ich möchte endlich anfangen mehr über Fehlgeburten zu sprechen, damit andere Betroffene wissen, dass sie nicht alleine sind. Denn mir persönlich hätte es sehr geholfen, hätte ich damals gesehen, dass ich nicht die einzige Schwester mit diesem Schicksal bin und eventuell sogar die Möglichkeit gehabt mich mit anderen auszutauschen. Von feministischer Seite wünsche ich mir sehr, dass dieses Thema mehr aufgegriffen wird, da sehr viele Frauen* in ihrem Leben eine Fehlgeburt hatten und es quasi jedem Treffen kann. Es macht einen wahnsinnig kaputt und man braucht unbedingt einen Space um sich darüber mit anderen Frauen*  und/oder Angehörigen austauschen zu können bzw. benötigt man auch eine gesellschaftliche Enttabuisierung.

Was wünscht du dir von feministischer Seite?

S.: Schwangerschaft und Kinder lassen sich schlecht planen und diese Unplanbarkeit ist in der heutigen Zeit der modernen Frau und Selbstbestimmung oft schwer zu vereinbaren. Je mehr darüber gesprochen wird, desto mehr kommt in der Gesellschaft an, dass es oft dazugehört eine Fehlgeburt zu erleiden, vor allem  mit steigendem Alter. Wenn man mit diesem Wissen bewusst aufwächst, kann man auch die Entscheidung ob „Kind oder Karriere“ in jungen Jahren Priorität haben, bewusster treffen. Vor allem muss meiner Meinung nach ein Bewusstsein dafür entstehen, dass man manche Dinge nicht planen kann. Leben und Tod sind unplanbar, auch wenn die heutige Medizin (z.B. künstliche Befruchtung, Eizelleneinfrieren) es anders erscheinen lässt.

Sam: Ich wünsche mir Verständnis, auch wenn Fehlgeburten (vor allem in den ersten 12 Wochen) keine Seltenheit sind. Ich wünsche mir, dass Frauen und Männer offen über Fehlgeburten, Trauer und Verlust sprechen können ohne Angst vor Vorwürfen oder dem Runterspielen von Gefühlen haben zu müssen. Sätze wie „Gut, dass es so früh passierte.“ oder „Da habt ihr ja Glück, dass ihr es nicht noch austragen musstet.“ sind keine Hilfe sondern verletzend, weil sie der Trauer keinen Platz lassen. Es hilft, einfach da zu sein, zuzuhören und die Trauer ernst zu nehmen.

Möchtest du noch etwas sagen?

S.: In den Großstädten herrscht großer Hebammenmangel. Oft suchen sich die Paare zu spät eine Hebamme, weil sie Angst haben, die Schwangerschaft könnte nicht halten. Dies ist grundsätzlich ein schlauer Gedanke, allerdings tatsächlich unnötig aus mehreren Punkten:

1. Je früher du eine Hebamme suchst, desto höher sind die Chancen überhaupt eine zu finden. Aktuelle Empfehlungen: Starte die Suche bei positivem Schwangerschaftstest.

2. Je früher du eine Hebamme hast, desto früher kann sie dir in allen Fragen mit Rat und Tat zu Seite stehen.

3. Auch im Falle einer Fehlgeburt befindest du dich im Wochenbett und dir steht Wochenbettbetreuung durch eine Hebamme zu! Die Kosten werden in jedem Fall von der gesetzlichen Krankenversicherung und in der Regel auch von der privaten Krankenversicherung übernommen. Geburt ist Geburt, egal ob das Kind noch bei euch ist oder nicht. Die Hebamme kann dich während des (Entsscheidungs-)Prozesses begleiten, nach der Fehlgeburt deine Rückbildung und körperliches Befinden untersuchen und kontrollieren und dich bei Bedarf an einen Arzt verweisen und sie kann dir auch seelischen Beistand leisten oder dich an dritte Stellen empfehlen.

Pia: Falls es Redebedarf von Betroffenen oder Angehörigen gibt, die deinen Artikel/Instagram-Post gelesen haben werden, erlaube ich dir, mit ihnen mein Instagram Profil oder meine E-Mail zu teilen.

 

 
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Quellen: 

Titelbild: Jo Marie aus London hat mehrere Illustrationen für mich gemacht ❤

Follow –> https://www.instagram.com/joymarie.art/

https://www.tk.de/techniker/gesundheit-und-medizin/schwangerschaft-und-geburt/was-ist-eine-fehlgeburt-2013466

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jocelyntsaih Ilustrations

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