Kritische Männlichkeit, Dating und Scheiße

Ok, ich gebe es zu. Ich date zumeist hetero Cis Männer. Also Männer, denen bei Geburt „Mann“ zugeordnet wurde und die sich auch so identifizieren und hetero „Beziehungen“ leben. „Beziehungen“ in Anführungszeichen, da die meisten keine Beziehungen wollen, sondern jemanden der irgendwie da ist und sich kümmert und mit dem es eine Art Geborgenheit gibt, es gleichzeitig aber nicht allzu viel Verbindlichkeit geben darf, weil „HILFE“, das bedeutet ja Verantwortung und das kann man nicht, weil Baum. Naja, eigentlich, weil man das nicht gelernt hat und irgendwie keinen Zugang zu seinen Gefühlen hat und als Junge blöd sozialisiert wurde. Geschenkt. Stimmt nämlich. Wenn Mann jetzt aber über 30 ist, sehe ich das langsam nicht mehr ein. Check deine Männlichkeit! Du bist erwachsen, du hattest genug Zeit dazu.

 

Die meisten Männer, die ich kenne- und das sind langsam nicht mehr so viele, weil man auf die meisten keinen Bock mehr hat…. Nicht wegen ihrer „Biologie“, nein nein, sondern weil sie sich nicht mit sich und ihrem Tun auseinandersetzen. Sie nehmen oft zu viel Sprechraum ein, machen unangenehme Witze, flirten auf eine eklige Weise oder oder oder. Dislike- Big time. Also die meisten Männer, die ich kenne, fangen zwar langsam an sich mit kritischer Männlichkeit auseinanderzusetzen, aber irgendwie passiert das auf seltsame Weise.

Ja, ich weiß, der Trend ist es offenere Beziehungsformen zu führen. Und dass Sexualität offener sein sollte, Besitzansprüche nicht cool sind, viel Unterdrückung in der Tradition dieser Form herrscht, ja! Aber soll ich euch was sagen? Ich kann das nicht. Wenn ich noch einen Typen treffe, der mir erzählt, dass es ihm sehr wichtig ist, viele Frauen kennenzulernen und dass er nicht so recht weiß, was Liebe so heißt und dass Beziehungen sich halt so ergeben und ja ehm, darüber muss man nicht reden- dann, ja dann, weiß ich auch nicht. Aber dann raste ich irgendwann aus. Ich weiß nicht, wer irgendwann mal beschlossen hat, dass Offenheit Verantwortungslosigkeit bedeutet. Ich weiß nicht, wie oft ich von Typen in den letzten Jahren gehört habe, dass das Wort „Beziehung“ oder „Freundin“ aus „linker“ Perspektive problematisch ist, dass man, wenn man sagt, man hat sich verliebt, wohl zu viel Disney geschaut hat.

Dass man Beziehungen anders lebt, ja bitte unbedingt. Dass man nicht alles auf die Schultern des anderen legt, dass man engen Beziehungen zu anderen Menschen führt. Auf jeden Fall. Aber seit wann ist eine offenere coolere Beziehungsform, die politisch irgendwie sinnvoller und freier ist, dass man mit anderen schlafen will, ohne über Gefühle kommunizieren zu müssen und sich nie festlegt? Sorry, aber das ist nicht offen und frei. Das ist die älteste sexistischste Erzählung der Welt. Der Mann braucht viel Sex und redet nicht über Gefühle, weil..ja weil.

Das wichtigste Wort für freiere Beziehungsformen ist meiner Meinung nach Konsens, also Einvernehmlichkeit. Egal, ob beim Sex oder bei der Beziehungsform. Es muss allen beteiligten gut dabei gehen und man muss wissentlich zustimmen, was man miteinander tut. Das geht aber nur, wenn man …mmh?… miteinander spricht. Ja!! Und das muss man üben. Das ist nicht uncool. Das ist nicht dumm. Das macht vielleicht Druck, weil man dann mal in dich reinhören muss und ein paar Gefühle zulassen muss, aber da muss man halt leider durch, wenn Gleichberechtigung sich nicht darin erschöpfen soll, dass man irgendwie Bock hat mit anderen zu schlafen.

Ich habe mich in den letzten Jahren immer unter Druck gefühlt, dass ich cool damit werden muss, dass Männer, die ich date meist über andere Frauen reden wollen- weil vllt könnte ich ihnen ja irgendwie weg nehmen, dass … keine Ahnung was. Dass sie sexistisch und objektifizierend auf andere Frauen schauen? Und ja, über sexuelle Offenheit kann man sprechen- auch wenn ich dazu langsam keine Lust mehr habe. Denn vielleicht gibt es Leute, die das cool und liebevoll machen können, aber die meisten Männer, die Offenheit wollen, verstecken dahinter, dass sie keine Verantwortung übernehmen wollen, dass sie autonom bleiben wollen, dass alles unverbindlich sein soll und sie bloß nicht selbst mal nachdenken müssen, was ihr Verhalten bewirkt. Denn wenn zu der sexuellen Offenheit plötzlich Emotionen dazu kommen, geht es nicht darum, Eifersucht gemeinsam zu besprechen oder durchleben, nein nein, es geht darum, dass man die bitte runterschluckt und der anderen Person das Gefühlt gibt, dass sie ganz frei ist.

Und wisst ihr was? Es ist auch ok, einfach erstmal keine  oder auch nie sexuelle Offenheit zu wollen. Auch die Linke muss den Anspruch daran reflektieren, dass Frauen, die sexualisiert werden und meist nur nach ihrer (sorry!) Fickbarkeit definiert werden, vielleicht keine Lust haben, noch weiter an sich selbst und ihren Gefühlen zu arbeiten und jede schlechte Behandlung von einem Dude emotional zu überwinden, damit der neue Dude sich frei fühlen kann. Vor allem nicht, wenn der Typ null dazu bereit ist, mal selbst seine Emotionen anzusehen und mitzuteilen.

Uff, ich weiß nicht ob der Text nun zu sehr bei mir und meinen Erfahrungen ist, gerade nachvollziehbar ist, aber ich denke, dass es dringend an der Zeit ist, über alternative Beziehungsmodelle in Heterobeziehungen nachzudenken. Dabei muss Mann eben anfangen, über Gefühle zu sprechen. Generell. Nich nur mit der Partnerin, die dass dann wieder alles tragen muss, sondern auch mit anderen Menschen, vor allem Männern. Offenheit heißt nämlich nicht, dass man mit wem auch immer Körperflüssigkeiten austauschen kann, sondern dass man seine Beziehung aktiv gestaltet. Dass man für Gleichberechtigung sorgt, dass man andere enge Freundschaften/Beziehungen führt, dass man sich Hilfe holt, wenn Dinge zu belastend sind, dass man Verantwortung für sein Handeln übernimmt, dass man darüber nachdenkt, was das eigenen Handeln bei anderen auslöst, dass man bereit ist zu sprechen, wenn man Sex miteinander hat, darüber, wie es sich gut anfühlt und wie man miteinander umgehen will, ob die andere Person, dass ok findet oder sich nicht gut fühlt. Denn Liebe und Sex dürfen intim und emotional sein. Egal ob mit einer Person oder mehreren. Egal, ob bei einem One Night Stand oder einer langen Partnerschaft- man DARF darüber reden, wie es einem geht und was man gerade gemacht hat.

Ich glaube, der beste Rat für kritische Männlichkeit ist aus meiner Perpsektive (und das gilt generell eigentlich für alle Beziehungen zu Menschen):

DON`T PLAY IT COOL!

Gleichberechtigung und Offenheit (egal in welcher Form), Dinge anders zu leben ist nicht cool und distanziert. Es ist emotional und anstrengend. Aber auch schön, wenn man es schafft.

So stell ich mir das jedenfalls vor.

Quellen

https://giphy.com/gifs/lol-shia-labeouf-CpgNjk2E54p7W/links

https://giphy.com/gifs/asian-daniel-dae-kim-asianmen-l0MYEj3E497lYFu5W/links

https://giphy.com/gifs/funny-lol-wtf-B4ORVnBvJCVvq/links

3 Gedanken zu „Kritische Männlichkeit, Dating und Scheiße“

  1. word! word! word! ich möchte jedes wort fett rot anmarkern. und ich möchte bitte gerne noch ergänzen, dass diese ganze verantwortungslose toxische männlichkeit sich nicht nur in linken, alternativen beziehungsformen zeigt, sondern eben auch in monogamen beziehungen. ich möchte da immer nur im schwall kotzen.
    ich bin voll bei dir und dieser beitrag wird im laufe des tages noch die poleposition auf meinem blog bekommen.
    stay strong, stay soft!
    liebst,
    jule*

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  2. Manchmal kommen Momente, wo sich irgendwie alles fügt.
    Vielen Dank für diesen tollen Text!!!! Danke für den guten Beitrag. Ich lese deinen Blog jedes Mal sehr gerne und finde es spannend, wie du die Situationen und Momente aufschreiben kannst. GROßARTIG!

    Gerade versuche ich mich dem Dating nach langer Zeit zu öffnen, aber alle Dinge, die du beschreibst sind mir binnen einer Woche auf den Apps allein aufgefallen…Und ich habe es schon wieder aufgegeben. Ob man nun Nähe sucht, Sex möchte oder bereit für eine neue Beziehung ist…Alle Dinge funktionieren nicht, wenn man beim Reden gegen eine verdammte Wand spricht. MACHT EUREN MUND AUF!!!! Erzählt mal, warum ich mich mit euch treffen sollte, wenn ihr im „Self-Summary“ schreibt „Finde es einfach heraus.“ Tut mir leid…aber nö! Da laufe ich lieber wieder schnurstracks auf die Couch meiner Freunde, wo mich gutes Essen und tatsächlich schöne Gespräche erwarten.
    Es ist eher traurig, dass Reden zu sowas Kompliziertem geworden ist.

    Liebe Grüße
    Hanna

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