Religion und Feminismus ?!

Ich bin nicht religiös aufgewachsen. Ich bin nicht getauft. Ich hatte immer Skepsis gegenüber der Kirche und habe mich mit dem, was ich unter Religion verstehe nie wohl gefühlt. Aber gerade deshalb hat es mich schon immer interessiert, wie andere das nicht haben können. Wie sie glauben, warum sie glauben. Wie Glauben etwas Schönes sein kann. Was überhaupt Glaube ist, was Religion, was Kirche etc. und wie sich das unterscheidet – denkt man Feminismus intersektional, ist es wichtig anzuerkennen, dass Feminismus für alle FLINT* (Frauen!, Lesben, Trans, Inter *) bzw. alle Menschen ist. Dass diese Menschen verschiedene aufgewachsen sind und in unterschiedlichen Kontexten nach Feminismen suchen – dass wir diese Kontexte anerkennen müssen. Auch wenn viele religiöse Systeme eine ganze Menge patriarchale Kackscheiße mit sich bringen, würde ich mir eine befreite Gesellschaft doch so vorstellen, dass es eben keine Staatsreligion gibt, keine Missionierung, aber die Freiheit nebeneinander und miteinander unterschiedliche Glaubens sein zu können. Da ich aber nicht weiß, wie Menschen mit ihrem Glauben umgehen, wie sie darin feministisch sind und nicht für andere sprechen kann, habe ich mich mal wieder an ein paar Interviews mit verschiedenen Menschen gewagt.. den ersten Teil habe ich bearbeitet und die anderen Interviews folgen 🙂 Here you go:

Möchtest du kurz etwas zu dir erzählen?

Narin: Ich bin die Narin. Bin 28 Jahre alt. Ich bin seit 2015 glücklich verheiratet und habe eine dreijährige Tochter. Bin im Schwabenland geboren und aufgewachsen. Habe 5 Jahre in Magdeburg gelebt und Journalistin/Medienmanagement an der FH studiert.

Pfarranfängerin: Hallo! Ich bin Pfarranfängerin (Pseudonym 🙂 ) noch 29 Jahre alt und wohne an der Grenze zwischen dem Münsterland und Ostwestfalen. Meine Frau und ich sind da vor zwei Jahren hingezogen, weil ich hier mein Vikariat mache. Ich hab nämlich evangelische Theologie studiert und möchte Pfarrerin werden. Dazu mache ich jetzt meine praktische Ausbildung in einer Gemeinde. Das ist in etwa wie ein Referendariat bei Lehrer*innen.

K: Ich bin 23 Jahre alt und bin in Frankfurt aufgewachsen. Meine Eltern sind aus Bangladesh und ich wurde als Hindu aufgezogen. Bangladesh ist aber ein muslimisches Land also wurde ich mit einem Mischmasch an Traditionen und Werten aufgezogen. Meine Identität als Hindu ist mir super wichtig und das hat viele Gründe, aber mein Hauptgrund ist, dass meine Vorfahren sich das Recht erkämpft haben Hindu in einem muslimischen Land zu sein. Noch heute höre ich mir manchmal an, dass ich keine richtige Bengalin bin, weil ich keine Muslima bin.

Zeynep: Ich heiße Zeynep bin 31 Jahre alt und arbeite derzeit mit psychisch kranken Menschen. In meiner Freizeit besuche ich gerne Museen, mache Sport und versuche das Leben in vollen Zügen zu genießen. Wegen meinem Fernweh und der Neugierde, die in mir steckt, zieht es mich in regelmäßigen Abständen ins Ausland, zur Erkundung von fremden Kulturen.

Welchen Stellenwert hat Religion in deinem Leben?

Narin: Ich bin gläubige Muslima, das heißt mein Glaube hat einen wichtigen Stellenwert in meinem Leben. Ich bin zwar in einer muslimischen Familie groß geworden, aber meine Eltern waren keineswegs strenggläubig und wussten auch nicht tiefgründig über den Islam bescheid. Viele Lebenseinstellungen wäre en eher traditionell geprägt und wurden aufgefasst, als seien sie religiös bedingt. In meiner späten Pubertät-Phase habe ich dann selber  angefangen, mich mit dem Glauben auseinanderzusetzen. Seit dem gestalte ich mein Leben, so weit es möglich ist, nach den Vorgaben des Islam. Ich bin einfach durch den Glauben ein „besserer“ Mensch geworden und führe ein viel erfüllteres Leben. Meinen Glauben lebe ich aus, indem ich fünfmal am Tag bete, zur Fasten Zeit fast,mich verhülle usw. Ich versuche mehr dankbar zu sein und jedem Menschen eine Chance zu geben in mein Herz einzudringen. Für mich ist der wichtige Aspekt meines Glaubens, die Rechte die jedem Geschöpf zugeschrieben sind. Egal ob Frau, Mann, Tier, Gläubiger oder nicht.Jeden Menschen als wettvoll zu sehen, auch wenn sie einer anderen Religion angehört oder auch gar keine Konfession hat. Denn wir alle sind Geschöpfe Allahs. Natürlich gestaltet sich meine Ehe und die Erziehung meiner Tochter auch nach dem Glauben. Das ist vergleichbar mit einer Person, die vegan lebt. Es spielt dann halt in jeder Lebenssituation sei es zu Hause oder auf einer Reise ein Rolle und es wird dementsprechend der Tag / Alltag gestaltet.

Pfarranfängerin: Religion, bzw. mein Glaube, ist für mich unfassbar wichtig! (Sonst hätte ich ihn auch nicht zu meinem Beruf gemacht .)
Ich fühle mich einfach wohl, wenn ich dieses Gefühl und diese Gewissheit in mir spüre, dass da etwas ist, was in mir und der ganzen Welt wirkt.

Ich weiß gar nicht, ob ich meinen Glauben lebe, oder ob er nicht viel eher mich lebt. In mir lebt und mich beeinflusst. Klar, es gibt einige Entscheidungen, die ich aus meinem Glauben heraus treffe:

–   Der Versuch, möglichst viel auf tierische Produkte zu verzichten, weil ich denke, dass es meine Verantwortung als Mensch in der Schöpfung ist, Tieren kein Leid zuzufügen.

–   Anderes secondhand zu beziehen – also auch Handy, Klamotten, Deko, Möbel, Gartengedöhns – , um nicht zu sehr auf Kosten der Mitwelt zu leben und unmenschlichen Arbeitsbedingungen entgegenzutreten.

–   Der Versuch, möglichst kein Arschloch zu sein und anderen gegenüber fair. Nicht vorab zu urteilen und eigene Fehler einzugestehen.

Abgesehen von diesen ethischen Einstellungen gibt es aber viele Kleinigkeiten, über die ich gar nicht weiter nachdenke. Die einfach durch den Glauben schon in mir sind: Gebete, Dankbarkeit für mein Leben und alles, was ich erfahren habe. Aber auch eine Richtung für meine Wut und Wutreden über Ungerechtigkeiten in der Welt: Ich wende mich bestimmt drölfzig Mal am Tag an Gott. Und das nicht immer überlegt.

Und schließlich weiß ich mich als Kind Gottes nie allein. Ich weiß, dass Gott mich liebt, egal, was ich mache. Das hilft mir auch dabei, mir selbst zu verzeihen, wenn ich Fehler gemacht habe. Und, wenn ich mich schlecht fühle, dann weiß ich: Es ist Gott nicht egal. Er sitzt mit mir in der Scheiße und hält zu mir. Auch, wenn ich gerade gar keinen Bock auf ihn an meiner Seite habe und er mir gestohlen bleiben kann.

Zeynep: Hmm, das ist eine sehr Interessante Frage, weil ich mich mittlerweile sehr verändert habe. Aus einer bewussten Entscheidung heraus, ist die Religion Islam seit 17 Jahren in meinem Leben. Die ersten Jahre davon, habe ich mich sehr strickt daran gehalten (z.B. Beten, Fasten, Pilgern) und ging mit mir selber sehr streng um, mit der Einhaltung von Vorgaben und auch Traditionen.

Heute mit 31 kann ich sagen, dass mein Glaube weiterhin einen sehr bedeutsamen Stellenwert in meinem Leben hat. Mein Glaube ist in meinem stressigen Arbeitsalltag ein zufluchts Ort, eine Art von Meditation. Durch ausüben meines Glaubens, kann ich meinen Alltag positiv und mit einem Lächeln auf meinem Gesicht meißtern. Die Ausübung der Religion besteht mitttlweile nicht nur aus Beten und Fasten, sondern ebenfalls mit der Ausführung der Sunnah und Interpretationen des Sufismus.

Kurzgefasst würde ich sagen, mein Glaube (egal wie stark oder schwach) hat einen sehr positiven und nützlichen Stellenwert in meinem Leben eingenommen.

Warum möchtest du etwas zum Thema “Religion und Feminismus” erzählen?

Narin: Weil in unserer Gesellschaft oft der Gedanke herrscht, dass Religion und Feminismus Gegensätze sind. Und wenn vom Islam oder von einer muslimischen Frau die Rede ist, dann ist das für Viele keineswegs mit Feminismus vereinbar. Das ist meiner Meinung nach ein großes Vorurteil, was durch Unwissen und Verallgemeinerung durch negative Berichterstattung durch die Medien über Muslime zu Stande kommt. Eine Frau kann gläubig sein und dennoch stark und unabhängig sein. Sie kann auch eine aktivistische Feministin sein. Ich denke, dass die Mehrheit der Gesellschaft dieses einseitige Bild einer unterdrückten und fremdbestimmten muslimischen Frau in den Köpfen hat und alle Frauen dieser Gruppe pauschalisiert. Man muss akzeptieren, dass es in jeder Community, egal ob das die Katholische, Grüne, Punks, Hipster oder Muslime sind, es einfach verschiedene Menschen gibt. Diese leben alle auch die Werte dieser Community auf ihrer eigenen Art und Weise aus. Das müssen wir akzeptieren und aufhören zu verallgemeinern.

Pfarranfängerin: Ich möchte aus zwei Gründen darüber sprechen:

Zunächst einmal, weil ich oft höre, dass „Kirche“ so hinterwäldlerisch sei und frauenverachtend. Ja, an vielen Stellen ist sie das. Vor allem, wenn man über die evangelische Kirche von Deutschland hinausschaut und sich andere Konfessionen anguckt. Aber: Wir sind auf einem guten Weg. Die Gleichstellung von allen Menschen ist noch lange nicht geschafft, aber es wird. Da bin ich absolut zuversichtlich. Gebt Kirche und den Menschen, die darin und daran arbeiten, ne Chance. Besser noch: Engagiert euch und helft beim Wandel!

Und dann auch aus dem Grund: Weil ich immer wieder merke, wie wichtig Feminismus heute noch ist. Auch, wenn auf der anderen Seite viele behaupten, man bräuchte ihn doch nicht mehr.

Ich hab den Eindruck: Feministin zu sein ist unsexy. Das kann es auch nicht sein.
Ich höre erst auf damit, Feministin zu sein, wenn ich nicht mehr gefragt werde, ob ich die Sekretärin sei. Wenn Frauen für die gleiche Arbeit den gleichen Lohn bekommen. Ohne, dass es gesetzlich geregelt werden müsste. Einfach, weil es für alle klar ist.

Ich höre erst auf, Feministin zu sein, wenn Frauen nicht mehr strukturell benachteiligt werden und in den Köpfen der Menschen keine Unterschiede mehr bezüglich des Könnens, Wissens und Schaffens gemacht werden.

Ich höre erst auf, mich für andere einzusetzen, wenn alle Menschen, gleich welchen Geschlechts, welcher Religion, Herkunft und sexuellen Orientierung, gleiche Anerkennung, gleichen Respekt und gleiche Voraussetzungen haben.

Erst dann brauchen wir Feminist*innen nicht mehr. Und dann höre ich auch auf, darüber und damit zu sprechen.

K: Meine Eltern haben mir so viel über diese alte und vielfältige Religion beigebracht, so viele Geschichten erzählt. Ich war immer fasziniert von Kali und Durga, denn sie sind die ersten strong female figures, die ich in meinem Leben gekannt habe. Meine Mutter hat immer von denen erzählt und im selben Atemzug gesagt wie wichtig es ist als Frau eigenständig zu sein, stark zu sein und niemals abhängig von einem Mann zu sein. Ich soll nicht so werden wie sie, denn mir steht die ganze Welt offen und ich muss mich selbst finanziell stützen. Hört sich super an oder? Anhand der Religion Selbständigkeit zu promoten und mich zu ermutigen. Leider war das nicht mal ein Bruchteil meiner Realität, denn wenn es um meinen Alltag ging war das ganze sehr schnell vergessen. Ich denke, was viele nicht verstehen, ist dass die Religion nicht immer die Mentalität der Menschen widerspiegelt, denn eigentlich waren meine Eltern sehr konservativ.

Zeynep: Weil ich den Eindruck habe -dass die Medien und Mitmenschen denken-, dass der Islam und Feminismus sich gegenseitig ausschließen, dass die muslimischen Frauen durch die Religion sehr unterdrückt werden. Durch die genannte Annahme, praktizierenden muslimischen Frauen die Stimme weggenommen wird, weil jede Gruppe (sei es Feministen oder fundamental und patrialchalisch denkende Männer) sehr laut und dominant über diese Frauen hinweg entscheiden, obwohl praktizierende muslimische Frauen reden können und ihnen ihre Entscheidung sehr Bewusst ist.


Wo und wie findest oder lebst du Feminismen in deinem Glauben?

Narin: Ich finde sehr viele Feminismen in meinem Glauben. Überraschenderweise wird darüber nie gesprochen. Vieles wusste ich auch nicht, bis ich mich mit dem Glauben befasst habe. Mir ist klar geworden, dass viele Sitten und Gebräuche überhaupt nichts mit dem Glauben zu tun haben. Sondern traditionell bedingt sind und unter Vorwand Religion bis heute versteckt worden sind. Nach dem Islam soll die Frau ein selbstbestimmtes Leben führen und ab der Pubertät muss sie selber für ihr Entscheidungen gerade stehen. Das heißt, es ist zwischen ihr und Allah. Sie entscheidet sich für oder gegen das Verhüllen/Kopftuch, ob sie heiraten will und wen sie heiraten will. Im islam wird der Frau auch das Recht zugesprochen die Scheidung einzuführen und sich von ihrem Partner zu trennen. Und wenn sie mag, einen neuen Partner zu finden. Außerdem spricht der Prophet offen über Sexualität und das es ein Liebesakt für den Mann und die Frau sein soll und nicht nur Geschlechtsverkehr zum Kinderzeugen. Somit ist die Rolle der Frau in der Ehe nicht einer Geburtsmaschiene, wie Einige denken. Ich finde aber such viele Feminismen im Leben des Propheten Muhammed. Seine Frau war eine Witwe und hat alleinstehend Internationalen Handel getrieben. Hat ihn sowohl psychisch als auch finanziell unterstütz.  Er hat Frauen mit dem Glauben gelehrt und sie als Gesandte in andere Städte geschickt. Er selbst hatte keinen Sohn und hat seine Töchter in alles mit involviert. Ich selber lebe Feminismen in dem Verschiedenen Lebensbereichen. Vor allem, wenn es um das Thema Selbstbestimmung geht. Ich versuche anderen Mädchen klar zu zeigen, dass Feminismus oder besser gesagt Selbstbestimmung ein großer Teil des Glaubens ist. Und dieses Recht, was Allah ihnen gegeben hat, keine Mensch/Mann wegnehmen kann. Ich diskutiere auch mit Muslimen, die das nicht akzeptieren wollen. Ich lebe Feminismus in dem Sinne, dass ich dafür Kämpfe, dass die Gesellschaft mich als eigenständige Frau akzeptiert und mich nicht direkt in die Schublade der unterdrückten und ungebildeten Frau steckt. Ich engagiere mich, bilde mich und mache anderen Frauen Mut. Egal ob als Muslima, Mama oder Atheist. Wir Frauen müssen noch so viel machen in den Bereichen der Arbeitswelt, damit der Einstieg nach der Geburt leichter und überhaupt erst klappt.

Pfarranfängerin: Vor Gott sind alle Menschen gleich. Ihm sind sie gleich viel wert. Denn er hat sie alle geschaffen. Davon gehe ich aus und darauf begründe ich meinen Umgang mit Menschen in meinem Leben.

Deswegen wehre ich mich gegen Geschlechterstereotype. Eigentlich gegen Stereotype im Allgemeinen. Denn jeder Mensch hat das Recht, so zu sein und ernstgenommen zu werden, wie er ist. Voraussetzung: Er/sie/d verletzt keinen anderen Menschen in seiner/ihrer/d Würde.

In meinen Predigten versuche ich, sprachlich alle Menschen einzuschließen. Denn Sprache hat eine große Macht. Das versuche ich auch in meinem alltäglichen Kontakt mit anderen. Und ich bin mir auch nicht zu schade, da zu korrigieren.

Zeynep: Erstmals in dem mir mein Glauben keine Einschränkungen macht. Ich kann in jedem Berufszweig tätig sein und hierfür gibt es kein gut/ schlecht, oder verboten/ erlaubt Schema, nach meiner Interpretation. In der islamischen Geschichte, waren muslimische Frauen ziemlich tüchtig und starke Geschäftsfrauen. Ihre Meinung wurden geschätzt. Die Entscheidungkraft über ihre Lebensgestaltung wurde nicht weggenommen. Danach versuche ich meinen Alltag zu richten.

Wo stößt du in deinem Glauben an Schwierigkeiten oder Grenzen, wenn es um Feminismus geht- tust du das überhaupt?

Narin: Ehrlich gesagt so spontan fällt mir nicht viel ein. Aber es sind generell Abschnitte die viel Interpretationsspielraum haben. Die einen sehen das so, die anderen so. Am meisten stoße ich an meine Grenzen, nicht direkt mit dem Glauben , sondern eher mit den Menschen die diesen Glauben ausleben. Es ist sehr schwer den Menschen klar zu machen, was tatsächlich inhaltlich islamisch korrekt ist. Denn oft sind sie davon überzeugt, dass so wie sie es anerzogen bekommen haben, richtig ist. Das hängt oftmals mit Unwissen oder sich nicht befassen  mit der Religion zu tun.

Pfarranfängerin: Ich persönliche stoße an keine Schwierigkeiten oder Grenzen. Mir ist es auch egal, wenn jemand Gott im Femininum anspricht oder als Mutter bezeichnet. Wenn es jemanden Gott näher bringt – was soll ich mich da einmischen?

Einzig im Gemeindealltag kann es sein, dass ich an Grenzen stoße: Wenn Menschen lieber einen Mann hätten, als eine junge Frau. Viele sind davon überrascht, wenn ich bei Beerdigungen gut gestalten kann ohne zu weinen. Dass gerade im gemeindlichen Alltag aber gemischtgeschlechtliche Teams eine gute Sache sind, erfahre ich aber beinahe jede Woche: Für manche Themen suchen sich die Menschen andere Gesprächspartner*innen aus. Das finde ich in Ordnung. Aber gerade auch deswegen brauchen wir dringend hauptamtliche Vielfalt in den Gemeinden. Damit sich die Vielfalt Menschen auch bei uns widerspiegelt. Und das beziehe ich nicht nur auf die Geschlechter, sondern auch auf (soziale) Herkunft, Musikgeschmack, Stil, sexuelle Orientierung und Frömmigkeiten.

Um nicht in unserem eigenen Saft zu schmoren, sondern mutig vorwärts zu gehen. Um Feminismus und Zukunft zu bringen, brauchen wir Menschen, die das mitbringen und vorantreiben. Sonst wird das nix.

Ansonsten ist es hinsichtlich der Ökumene (Zusammenarbeit verschiedener Konfessionen und Religionen) manchmal spannend. Als Frau habe ich in der evangelischen Kirche von Westfalen eine Stellung und zukünftig auch einen Beruf inne, den ich bei vielen anderen Konfessionen aufgrund meines Geschlechts und meiner Ehe nicht ergreifen könnte. Da sind wir aber im Gespräch und gerade in unserer Stadt sind die anderen Geistlichen sehr aufgeschlossen und bereit, an ihren Grenzen zu arbeiten.

K: Ich habe das Gefühl, dass meine Eltern versucht haben mich als die ideale Hausfrau zu erziehen. Das verwirrt dich? Mich hat das auch ziemlich verwirrt jedes mal, wenn meine Mutter ihre Rede über meine Independence gehalten hat, denn davon habe ich nicht viel gespürt. Ich darf bloß nicht zu viel Haut zeigen, nicht zu enge Kleidung tragen, immer einen BH tragen, wenn Männer im Haus sind. Bloß nicht fett werden, egal wie. Ich muss gebildet sein, aber nur damit sie sagen können, dass ich gebildet bin. Das kommt auf dem Heiratsmarkt gut an. Sei gebildet, aber widerspreche niemals einem Mann. Sei nicht vorlaut. Diese ganzen Sachen haben nichts mit meinem Glauben zu tun, sondern mit der Kultur in Süd-Ost-Asien. Die erwachsenen Frauen in meinem Leben waren alle so und meine Zukunft hat mich regelrecht in Angstzustände versetzt. Muss ich echt so leben? Ist der einzige Sinn meiner Existenz präsentabel zu sein, Kinder zu bekommen und mich dann um diese zu kümmern? Yay, dann werde ich von einem Gefängnis ins andere gereicht. (Eine zeitlang musste ich sogar Angst davor haben, dass meine Eltern mir irgendeinen Typ vorsetzen und ich mein Leben mit dem verbringen muss, aber zum Glück habe ich denen die Idee aus dem Kopf geschlagen.)

Was wünscht du dir von feministischer Seite?

Narin: Von der feministischen Seite wünsche ich mir mehr Offenheit. Das man die muslimische Frau nicht als ein Objekt betrachtet, die befreit werden muss. Dass man sich auch die Frage stellen muss, warum die muslimischen Frauen aus der Arbeitswelt ausgeschlossen werden und da mehr ansetzen. Anstatt die Probleme nur auf das Kopftuch zu reduzieren. Wir sollten lernen zu akzeptieren, dass jede Frau unterschiedlich ist und unterschiedliche Bedürfnisse hat. Es steckt viel Potenzial in jeder einzelnen Frau und feministische Aktivististen sollten dafür Raum schaffen, wie wir diese für eine bessere Gesellschaft nutzen könnten. Ich mag das nicht wenn Feministinnen „die starke“ Frau nur einseitig definieren und nur ein enges Maßstab dafür haben. Frauen sollten selbst entscheiden, ob sie heiraten, Karriere machen, Hausfrau werden, weinen, alleine Leben, usw. wollen. Das sollten keine Widersprüche für eine starke selbstständige Frau sein.

Pfarranfängerin: Ich wünsche mir, dass wir nicht den Mut verlieren und dabeibleiben. Wenn ich mit älteren Frauen spreche, sagen die oft: „Ach, das hatten wir in den 60ern und 70ern schon mal!“ Ich frag mich dann immer: Aber was zur Hölle ist in der Zwischenzeit passiert? Wenn ich alt bin, will ich das nicht auch sagen müssen, sondern meinen Enkelkindern erklären, was „Feminismus“ bedeutet und warum wir das früher gebraucht haben, uns aber jetzt um andere Probleme kümmern müssen.

Lasst uns nicht aufgeben und geduldig bleiben! Das wünsche ich mir. #nevergiveup

Zeynep: Ich wünsche mir von der feministischen Seite, dass sie unterstützend sind. Frauen mit Kopftüchern ebenfalls das Recht einräumen, ihre Kopfbedeckung weiterhin zu tragen und die Einschränkungen die sie im Alltag erleben (z.B. Arbeitsmarktzugang) zum Thema machen. Gegen jegliche Ausgrenzung von Frauen sich einsetzen.

Möchtest du noch etwas sagen?

Narin: Leben und leben lassen. Liebt und lasst euch lieben.

Pfarranfängerin: Ich hab mit ein paar Kolleg*innen über das Interview gesprochen und sie stimmen mir zu. Allerdings kam die Frage auf, wie das eigentlich heißt, wenn man sich für Frauen einsetzt, deren Rechte und Gleichbehandlung, aber auch für alle anderen Unterdrückten und Minderheiten. Gibt es dafür ein bestimmtes Wort oder sind wir dann einfach „Menschen“? (Ich/Littlefeministblog: Intersektionaler, queerer Feminismus ?!)

K: Ich glaube als ich das ganze feministische Universum für mich entdeckt habe und versucht habe mit meiner Mutter darüber zu reden, war das erste was sie zu mir gesagt hat, dass ich keine Deutsche bin sondern eine Bengalin. Wir leben nicht so wie deutsche Frauen, denn sie hätten keinen Selbstwert und seien alle billig. Guck dir doch an wie die rumlaufen. Hätten meine Eltern mich damals nicht so kontrolliert, dann wäre ich jetzt genauso wie [insert random German name]. Egal was ich gesagt habe, sie haben immer eine Rechtfertigung gefunden dafür, dass man mich einsperren musste und meine Brüder nicht. Feminismus ist was weißes, denn alle anderen verstehen unsere Kultur nicht. Unsere Frauen sind was besonderes, denn sie sind traditionell, pure und Jungfrauen. Und das ist das Ding: Dieses us vs. them. Wir sind besser als weiße Frauen. Weiße Frauen kennen unsere Wertevorstellungen nicht – sie würden sich auch nie die Mühe geben diese zu verstehen. Also wo gehöre ich eigentlich dazu? Bin ich eine weiße Frau, weil ich Feministin bin? Nein. Ich habe nicht die passende Haut. Bin ich eine Bengalin? Nein, weil die Definition eines guten Mädchens treffen schon lange nicht mehr auf mich zu. Und was bleibt mir dann außer meine Religion? Sie gibt mir eine Richtlinie für wie ich mit Menschen umgehe, wie ich mit mir und meinem Körper umgehe, psychologisch und physisch.

Zeynep: Ich bedanke mich recht herzlich bei dir und hoffe sehr, dass die Feministinnen,  Frauen aus allen Kultur- und Religionskreisen in ihren gewählten Lebensformen unterstützen.

Quellen:

https://giphy.com/gifs/muslim-uJfQ5VaMTWctG (shamelessmag)

https://giphy.com/gifs/cat-cool-cats-cfuL5gqFDreXxkWQ4o/links

Laura Salaberry (https://giphy.com/gifs/illustration-feminism-sticker-xUA7aYC5BjDQdKsBmU/links) 

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