Ein kurzer Rant!

Die gute Frau Schröter hat vor einiger Zeit eine Konferenz zum Thema Kopftuch organisiert. Nun gibt sie ein Interview in der taz, das den angeblichen Kampf, der jungen gegen die alten Feminist*innen (die alten benutzen das * nicht, oder?) voran treibt – die Jungen (nicht Jungen, sondern jungen Feminist*innen), das bin wohl auch ich, stellen sich gegen Alice Schwarzer. Warum? Weil sie es sich traut, offen über “den Islam” zu sprechen. Das sagt zumindest Schröter- und die Alice, die sagt es auch. Aber eh, nein. Das ist nicht der Grund. Der Grund ist, dass beide fleißig ihre Rassismen hegen und sich weigern, diese zu hinterfragen. Ah und, dass sich beide wohl mit den Umständen in diesem Land abgefunden haben. Dass sie das Patriarchat nicht mehr so schlimm finden, denn:

Nach 150 Jahren Frauenbewegung und der Etablierung der postkolonialen Theorie an den Universitäten haben sich die Machtverhältnisse fundamental geändert. In einigen Bereich dominieren Männer zwar noch, doch in anderen herrscht Gleichberechtigung und in wieder anderen lässt sich sogar eine Benachteiligung von Männern feststellen ­– wenn sie etwa bei Einstellungen per se ausgeschlossen werden oder nicht an Mentoringprogrammen partizipieren. Wir leben außerdem nicht mehr in Zeiten, in denen Rassismus salonfähig war. Was mich aber an der Figur des „alten weißen Mannes“ am meisten stört, ist die Stigmatisierung von Personen aufgrund von Dingen, die unveränderbar und der Person inhärent sind: Geschlecht, Alter und Hautfarbe. Das ist definitiv ein Merkmal des Rassismus.” (Schröter, taz)

Mmh, ich weiß nicht, wo ich anfangen soll?! An dem Punkt, dass die AFD im Bundestag sitzt, dass ein Mordfall, in dem ein Kind getötet wird, Rechte offen hasserfüllt auf die Straße gehen lässt, beim rechten Hass im Netz, bei Alice Seidels Twitter Account, bei einem Mann, der in Wächtersbach einen Geflüchteten anschießt, weil er ein Geflüchteter ist, beim US-amerikanischen Präsidenten, bei Marine Le Pen oder Boris Johnson? Rassismus ist wieder salonfähig und er wird es von Tag zu Tag mehr… aber wo weiter machen? Bei den armen weißen Männern, die plötzlich Opfer von Rassismus sind und im Job eigentlich schon wieder benachteiligt werden? Ich frage mich, ob Frau Schröter es nicht weiß oder einfach aktiv ausblendet, dass eine weiße Person vielleicht in manchen Situationen benachteiligt sein kann, aber nie Rassismus erfährt, da sie ihre Privilegien stets erhält. Dass sie als weiß oder alt oder männlich gelabelt werden, ist nicht rassistisch, da es dem alten weißen Mann nicht per se oder biologisch, essentiell etwas zuschreibt, sondern eine Struktur und ein Machtsystem benennt. Nein, wir wollen Menschen nicht einteilen, aber wir leben in einer Gesellschaft, die das tut und die bestimmten Menschen mehr Macht zugesteht, deshalb müssen wir es benennen. Rassismus hat immer  Komponenten von Kolonialgeschichte (von der wer profitiert hat?) und Macht. Nur weil diese Macht nun auch einige alte weiße Frauen haben, wie Alice Schwarzer und sich dann dafür entscheiden, dass eigentlich ja alles ganz gut ist, ist der feministische Kampf und die Benachteiligung von Frauen!, Queers, POC, Schwarzen Menschen, Menschen mit Behinderung, diskriminierten Menschen nicht vorbei. 

Junge Feminist*innen stellen sich nicht gegen alte Feminist*innen. Sie stellen sich nur gegen Personen, die sich als Feministinnen bezeichnen, diesen aber gleichzeitig aufgeben und nicht mehr hinschauen, sondern nur noch weg schauen, in die repressiven “anderen Länder”. Achso, das sind natürlich die muslimischen: 

“Selbstverständlich existiert auch in Deutschland Sexismus, allerdings auf vollkommen anderem Niveau. In vielen Ländern legitimieren Vorstellungen von Ehre und Scham Gewalt gegen Frauen – sowohl innerhalb der Familie als auch im öffentlichen Raum. Doch es geht nicht nur um Einstellungen. Wenn Sie Rechtssysteme vergleichen, werden Sie feststellen, dass Frauen in vielen Ländern für Freiheiten, die bei uns vollkommen normal sind, drastisch bestraft werden.” (Schröter/taz)

Nun ok, und jetzt. Was folgt? Dass wir hier nicht mehr auf Sexismus schauen müssen? Dass wir als weiße Frauen! gegen die Unterdrückung anderer Frauen! kämpfen, in denen wir ihnen hier sagen, dass sie durch das Kopftuch unterdrückt werden? Indem wir die Setzung “die/wir” – “fremd/nicht fremd” weiter aufrecht erhalten und nicht zuhören, wenn Frauen! sagen, dass das Kopftuch nicht nur das ist, was wir darin sehen? Dass wir keine antirassistische Islamkritik praktizieren, die in eine allgemeine Religionskritik eingebettet ist und nicht einen Teil unseres Sprechraums und unserer Macht abgeben, um vor allem Muslima (und ja, auch ex-Muslima) über das Kopftuch sprechen zu lassen? Doch zu denen, die sich wehren, die ihre Stimme erheben, sagt Frau Schröter: 

“Diejenigen, die mich damals als rassistisch beschimpft haben, scheinen sich ihrer Privilegien nicht bewusst zu sein. Unsere Frauenrechtsbewegung hat sehr lange gebraucht, dahin zu kommen, wo wir jetzt sind. Seit 20 Jahren erst ist Vergewaltigung in der Ehe strafbar. Vor gar nicht langer Zeit konnten Männer noch das Konto der Frau auflösen oder ihren Arbeitsvertrag. Wir sollten uns bewusst machen, dass solche und andere Rechte in anderen Ländern nicht existieren, und all diejenigen unterstützen, die dafür kämpfen.

Achso, die Protestierenden sind sich ihrer Privilegien nicht bewusst? Spricht da vielleicht das geknickte Ego, das nicht für die eigenen Errungenschaften anerkannt wird? Niemand stellt die Errungenschaften der Frauenbewegung in Frage. Das heißt aber nicht, dass alles was sie tut, richtig ist. Das heißt nicht, dass es nicht auch innerhalb dieser Bewegung Machtstrukturen und Privilegien gibt. Dass wir nicht weiter denken müssen, dass sich vielleicht noch nicht genug mit dem eigenen Rassismus auseinandergesetzt wurde. Wenn nun betroffene Menschen ihre Stimme erheben, dann weil sie ein Privileg annehmen. Das Privileg (bzw. die Möglichkeit, die immer noch ohne Ende Mut erfordert und deshalb vllt doch noch kein ist) gegen mangelnde Privilegien und Diskriminierung und Rassismus aufzubegehren. Und Frau Schöters Aufgabe ist vor allem eine: Zuhören!

Nun, es bleibt die Frage, was Schröter eigentlich unter Feminismus versteht:

Feminismus bedeutet den Kampf für individuelle Freiheitsrechte von Frauen und Mädchen, wie sie in der UN-Frauenrechtskonvention ausbuchstabiert sind. Er beinhaltet auch eine Absage an identitäre Gruppen, die vermeintliche Sonderrechte einfordern, die sich letztendlich als diskriminierend für Frauen erweisen. Ich vertrete eine universalistische Position. Frauen und Mädchen haben überall in der Welt auf die gleichen Rechte – unabhängig von der Religion, der ethnischen Zugehörigkeit, der Hautfarbe oder anderen Merkmalen, auf die identitäre Gruppen sich gern beziehen.”

Mmh, tja und gehört es dann nicht auch dazu mal zu überlegen, wer diese Identitäten Gruppen sind und ob da nicht nur “das Fremde” dazugehört. Achso, aber ich habe ja vergessen, dass in Deutschland alles gut ist und es das Patriarchat nicht mehr gibt. My bad!

Das Kopftuch findet Schröter laut eigener Aussage übrigens ja eigentlich ok, wenn man sich selbst entscheidet irgendwie:

 Ich unterscheide zwischen dem individuellen Recht einer Frau, zu tragen, was sie möchte, und dem „System Kopftuch“. Wenn eine Frau aus freien Stücken sagt, ich möchte der Öffentlichkeit zeigen, ich bin Muslimin und dafür ist das Kopftuch richtig, das akzeptiere ich selbstverständlich. Eine religionsmündige Frau in einer freien Gesellschaft, die nicht unter dem Druck irgendwelcher Communitys steht, kann sich auf den Kopf ziehen, was sie möchte (…) aber ein Feminismus, der sich darin erschöpft, das Kopftuch für Kinder und Lehrerinnen zu verteidigen, ist für mich nicht sonderlich feministisch.” (Schröter / taz) 

Achso, Lehrer*innen dürfen aber kein Kopftuch tragen, auch wenn sie sich aus freien Stücken dafür entscheiden? Und der Feminismus darf nicht dagegen einstehen, dass das Kopftuch bei einer Putzkraft geduldet wird, bei einer Lehrer*in aber nicht? Weil? Warum eigentlich? Weil die ominöse “fremde Frau mit Kopftuch” plötzlich ein ganz wenig Einfluss und eine höher gestellte Position hat? Sollte der Feminismus nicht dafür kämpfen, dass Menschen, die in diesem Land weniger Chancen haben, Chancengleichheit erhalten? Wenn Menschen angeblich unterdrückt werden, wäre es dann nicht gut, sie zu empowern, anstatt zu verbieten, dass sie einen Job ausüben? Also jetzt mal in Schröters Logik. Nun aber, Frau Schröter hat ja auch die Petition von Terres des Femmes unterschrieben, welche das Kopftuchverbot für Minderjährige einführen will. Hier zeigt sich, wie:

eine Gruppe von ‚weißen‘ Frauen, die ihr Selbstbild als emanzipiert und kämpferisch definiert, sieht sich über all jene anderen Frauen erhaben, die ihrer Ansicht nach den Weg der Emanzipation noch gehen müssen. Sie konstruieren sich als ‚fortschrittlich‘, ‚sexuell frei‘ und ‚modern‘ und haben die Macht, dieses Bild in die Welt hinaus zu transportieren. Damit schließt sich Terre des Femmes der langen, bis heute anhaltenden kolonialen Tradition an Schwarzen und People of Color Emanzipation, Fortschritt und Entwicklung abzusprechen. Sie tragen damit einmal mehr zur Festigung des Bildes bei, dass Schwarze und People of Color von ‚weißen‘ Menschen gerettet werden müssen und sichern damit auch in Zukunft die ‚weiße‘ Vorherrschaft.” (https://www.rassismuskritik-bw.de/gastkommentar-empoert-enttaeuscht-fassungslos/#more-1432)

Nun, ich könnte noch eine Menge mehr sagen, aber irgendwann wird der kurze Rant dann zu lange. Deshalb höre ich jetzt auf. Immer noch wütend, aber ok. Hier noch der taz Artikel: 

https://taz.de/Forschung-zum-politischen-Islam/!5608768/

und eine gute Antwort auf Terres des Femmes:

Offener Brief des IFMGZ Holla e.V. zur TERRE DES FEMMES-Kampagne „Den Kopf frei haben“

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