Sex Work. Ein Interview.

Im Folgenden habe ich ein Interview mit Valera geführt, die neben ihrem Studium als Sexworkerin/Domina arbeitet. Read it if you like 🙂

Falls ihr mehr Infos mögt:

http://www.ladyvalea.de

Möchtest du kurz etwas über dich erzählen, dich vorstellen? 

Mein Name ist Valea, ich bin eine junge Frau aus Süddeutschland und neben meinem Studium arbeite ich als Sexworkerin. Genauer gesagt: Ich bin Domina. Ich mag meinen Job sehr gerne, den Ausgleich den er mir zum anspruchsvollen Studium bietet und die Möglichkeit, meiner Kreativität freien Lauf zu lassen. Privat bin ich schon länger im BDSM-Bereich unterwegs und als ich nach Süddeutschland gezogen bin und sich die Frage stellte, wie ich mein Studium finanzieren soll, hab ich mir gedacht „Du spielst schon ewig mit dem Gedanken, jetzt probierst du es einfach mal aus!“ und so kam ich zur professionellen Dominanz.

Wie sieht eine Arbeitswoche bei dir aus? Wie würdest du deine Arbeit beschreiben?

Ich arbeite meist nur auf Termin, das heißt, ein Gast ruft mich an und bucht eine Session mit mir, für die ich dann im Studio bin. Manchmal reise ich auch und miete mich tageweise in einem Studio ein, zum Beispiel in München. Wenn Menschen mich fragen, ob ich nicht einfach nur haue, und damit mein Geld verdiene, erkläre ich ihnen immer, dass viel mehr dahinter steht. Ich bin gleichzeitig Handwerkerin, Schauspielerin, Therapeutin und Dienstleisterin. Wenn ein Gast zu mir kommt, spreche ich erst einmal mit ihm über das, was in unserer Session passieren soll, ich hole ihn quasi ab und nehme ihm die schlimmste Nervosität, die viele Gäste empfinden, wenn sie „so ein Etablissement“ betreten. Mein Job ist es, meinem Gast ein schönes Erlebnis zu bieten. Das heißt, ich stelle mich voll auf ihn oder sie ein und bin quasi eine große „Satellitenschüssel“, mit der ich alles auffange, was der Gast mir gibt. Seine Emotionen, die Reaktionen auf meine Taten und auch – hier geht’s ein wenig ins Esoterische – seine unausgesprochenen Wünsche. Häufig trauen sich Gäste nicht, komplett ehrlich mit mir zu sein, weil sie sich für ihre Wünsche oder Neigungen schämen, meistens merkt man aber schon während des Vorgesprächs, dass da unterschwellig etwas liegt. Das finde ich ziemlich schade, denn niemand muss sich dafür schämen, was ihn oder sie erregt, finde ich. Außer ein paar weniger Dinge (Gewalt gegen nicht konsensfähige Wesen (inkludiert Kinder, Tiere, geistig eingeschränkte Personen etc), und schwerster Körperverletzung und Mord) habe ich für fast alles ein offenes Ohr und bin absolut urteilsfrei. Wenn ich die gewünschte Dienstleistung nicht anbiete, kann ich meist eine Kollegin finden, die das tut (Natürlich habe ich auch persönliche Tabus, Spiele, die ich einfach nicht anbieten möchte, aus den diverstesten Gründen). Diese Freiheit von Vorurteilen ist mir sehr wichtig, ich möchte, dass jede*r, der*die bei mir klingelt, sich wohl fühlen kann und angenommen wird.

In der Session muss ich auf viele Dinge gleichzeitig achten: Was möchte ich als nächstes tun? Wie geht es meinem Gast? Sitzen die Knoten, ist alles safe? Wann ziehe ich ich Handschuhe an, ist es dem Gast vielleicht zu viel (Schmerz/Lust/Fesselung…) oder zu wenig? Ich muss permanent darauf achten, dass es ein rundes Erlebnis wird und in-character bleiben, selbst wenn ich gerade einmal keine Ahnung habe, was als nächstes kommt. Es macht viel Spaß, eine Session so zu leiten und zu sehen, welchen Impact ich auf mein Gegenüber habe, allerdings kann es manchmal auch ganz schön auslaugen. Vor allem, wenn mein Gast keinerlei Reaktionen zeigt und es für mich ist, als würde ich gegen eine Wand spielen. Ich mag es am Liebsten, wenn mein Gast sich einfach hingeben kann und mitgeht, wohin ich führe. Die Reaktionen meines Gastes, das kann auch nur ein Stöhnen oder Wimmern sein, helfen mir, zu erkennen, ob ich das Spiel in die richtige Richtung führe.

Nach einer Session fange ich meinen Gast meist auf (mental, nicht körperlich ;)) und biete noch ein Getränk und eine Dusche an. Danach geleite ich ihn*sie zur Tür und mache mich an die unangenehmen Teile des Jobs: Putzen. Der Raum muss wieder komplett hergestellt werden, alle Verbrauchsgegenstände werden kontrolliert und ggf aufgefüllt (Kondome, Duschgel, Handtücher, Handschuhe, Desinfektionsmittel..)

Ich bin Sozialarbeiterin. Ich mag an meinem Job, dass er sehr abwechslungsreich ist und ich Menschen unterstützen kann. Ich mag nicht, dass ich andauernd Konflikte klären muss, es sehr fordernd ist und ich nicht so viel verdiene- wenig Karriereaussichten habe und der Job gesellschaftlich nicht so recht anerkannt wird. Was magst du an deiner Arbeit und was magst du nicht so gern?

Hm. Ich mag an meinem Job, wie vielseitig er ist, wie viele verschiedene Menschen ich kennenlerne, dass ich flexibel bin und recht gut verdiene (auf die Stunde gesehen). Ich mag nicht: Die nervigen Aspekte der Selbstständigkeit. Ich muss selbst Werbung machen, wenn ich krank werde, zahlt mir niemand den Ausfall, ich muss eine Steuererklärung machen (und Steuerrecht für Sexworker*innen ist….schwierig) usw. Aber ich bin stolz auf die Arbeit, die ich mache, denn ich bringe Menschen bei, ihre Sexualität zu akzeptieren und für sich anzunehmen.

Ich finde es (auch aus feministischer Perspektive) wichtig über Geld zu sprechen. Frauen! tuen das so gut wie nie. Ich verdiene bei 65% 1.560 Euro netto. Und du? 

Mein Stundenumsatz ist relativ hoch: Ich verlange von meinem Gast 250€ die Stunde. Davon muss ich allerdings noch einiges abziehen: Die Miete für den Raum, die Steuern, meine Werbungskosten, Reisekosten und Materialkosten. Runtergerechnet komme ich wohl so auf 100€/Stunde, plusminus ein bisschen. Ich arbeite allerdings nur selten, weil ich viel Zeit für mein Studium brauche – gerade so, dass ich mich über Wasser halten kann.

Welche Begriffe benutzt du oder vermeidest du, wenn es um Sexarbeit geht? Warum?(Prostitution, Sexwork, Sexarbeit etc.)

Ich benutze die Begriffe Sexworker*in  und Sexarbeiter*in. Sexarbeit ist Arbeit und muss als solche anerkannt werden. Prostitution ruft das alte Stigma wieder wach, das ich gerne beseitigen möchte. Von Begriffen wie „Nutte“ nehme ich weiten Abstand.

Was wünscht du dir von feministischer Seite, wenn es um das Thema Sexarbeit geht?

Ich wünsche mir Akzeptanz und Respekt, wie von allen anderen Strömungen auch. Gerade wenn man „Feminismus“ von Menschen wie Alice Schwarzer betrachtet, sehe ich nur Entmündigung und Respektlosigkeit, einfach aus dem einzigen Grund, dass es (zumeist) um den weiblichen Körper geht. Ich sehe einen großen Unterschied zwischen Sexwork und Menschenhandel/Zwangsprostitution. Letzteres ist einfach ein Straftatbestand und muss als solches geahndet werden. Wenn ich mich allerdings aus freiem Willen entscheide, mein Geld mit Sexwork zu verdienen, zB weil ich keine Lust auf Kellnern habe, dann ist das meine Entscheidung, die respektiert werden sollte. Ich verkaufe weder meinen Körper, noch meine Seele, sondern einfach eine Dienstleistung. (Und mal ehrlich, beim Kellnern tatschen einen andauernd betrunkene Gäste an und man bekommt umso mehr Trinkgeld, je mehr Ausschnitt man zeigt. Da kann ich auch gleich einen angemessenen Preis verlangen und Sexworkerin werden)

Ich habe andauernd Supervision, Arbeitskreise etc. – und trotzdem gehen mir manche Sachen bei meinem Job sehr nahe. Ich muss mich viel austauschen. Bist du mit anderen Sexarbeiterinnen vernetzt? Tauscht du dich mit anderen Menschen aus?

Ich bin sehr gut vernetzt, mit anderen Sexworker*innen im BesD, mit Sozialarbeiterinnen in meiner Stadt, die ein Frauencafé eröffnet haben für Frauen in der Sexarbeit und auch mit meinem Mann und meinen Freund*innen. Mir ist wichtig, über Dinge sprechen zu können, die mich bewegen, nicht nur im Bereich Sexwork. Natürlich habe ich auch manchmal übergriffige Gäste oder aber auch sehr intensive Erlebnisse, die ich dann im Gespräch verarbeiten kann.

Wie bist du zu deiner Arbeit gekommen?

Über meine Motivation hatte ich ja schon oben etwas geschrieben. Tatsächlich angefangen habe ich, nachdem ich auf einer Party mit der Hausherrin gesprochen habe und danach einfach dort im Studio angerufen habe.

Ich schreibe ja viele Artikel zum Thema Sexualität. Möchtest du etwas zu Sexualität aus deiner Perspektive erzählen? Z.B. welche Rolle sie im Job spielt, privat etc.?

Sexualität spielt in meinem Leben eine große Rolle, sie ist ein wichtiger Bestandteil meiner Identität und auch immer schon gewesen. Ich finde es wichtig, sich zu akzeptieren und auszuleben. Alles, was zwei oder mehr konsensfähige Menschen miteinander machen möchten, finde ich ihn Ordnung. Ich war schon immer fasziniert von den verschiedenen Möglichkeiten, die Sexualität bietet.

Im Job spielt meine Sexualität eine untergeordnete Rolle. Ich bin Dienstleisterin und vor allem Wunscherfüllerin. Aber manchmal habe ich Sessions, die mir auch persönlich viel Spaß bereiten 🙂

Möchtest du generell noch etwas erzählen/sagen?

Das war jetzt schon recht ausufernd…Mich stört immer ein wenig, wie groß das Stigma ist. Es ist ganz normal, wenn man während des Studiums kellnert oder an der Supermarktkasse sitzt oder Hunde ausführt. Sobald man sagt, dass man Sexworker*in ist oder war, hat man einen Stempel und wird entweder komisch angeschaut oder intensiv ausgefragt, aus Sensationslust. Das nervt mich. Es ist ein Job wie jeder andere und ich habe mich dafür entschieden, weil es die lukrativste Alternative war und ich Lust darauf hatte, es mal auszuprobieren.

Quellen:

https://giphy.com/gifs/heels-switch-n-play-a-night-at-SttqXaXYjt9QpN8J8s/links

https://giphy.com/gifs/condom-l41YsuSP0eF9FsYSI/links

https://giphy.com/gifs/funny-reaction-fun-9oIfPt0OqqM1eV1Eku/links

https://giphy.com/gifs/8lVQS4ttGaZMF9NRnz/links

https://giphy.com/gifs/cat-fashion-cats-51W8vnpWlJopfiS0FU/links

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s