Das melancholische Mädchen.

Ich habe eine Anfrage bekommen, ob ich etwas über den Film „Das melancholische Mädchen“ schreiben möchte. Dass hat bei mir (jaja, schon wieder) eine innere Debatte darüber ausgelöst, ob und wie ich nun Werbung manchen will. Dazu habe ich nun zum Glück auch ein paar mehr Gedanken und konkrete Ideen für diesen Blog. Auch durch den Austausch mit der Regisseurin Susanne Heinrich, mit der ich im Folgenden ein Interview zu ihrem Film gemacht habe. Zur Transparenz: Es gab kein Geld und ich mache es als Support für einen Film und ihre Macher!nnen. Und auch, weil ich denke, dass der Film ein paar Leuten da draußen gefallen wird 🙂 Gerne hätte ich einige Fragen und Debatten noch vertieft, aber dies ist per Mail leider nicht ganz leicht. Trotzdem hoffe ich, dass sie verschiedene Denkprozesse anstoßen können.

Aber nun zum Interview mit Susanne:

1. Der Film hat mich glauben lassen, du seist aus dem Theater. Die Bühnenbilder (ich weiß nicht, wie man das im Film nennt) waren toll. Wie würdest du deinen Film beschreiben?

Gute Frage. Er ist schwer zu beschreiben. Mir kommen die Worte „blau und rosa“, „Symmetrie“, „anarchistisch und formalistisch“ in den Sinn. Die Bilder sind glatt und hell und spielen mit Werbeästhetik. Die Ausstattung und Kostüme sind nicht-naturalistisch, sondern modellhaft, Motto-artig. Wenn ich nach einem Genre meines Films gefragt werde, behaupte ich oft steif und fest, er sei eine (Gesellschaft-)Komödie – einfach weil ich mir wünsche, dass alle Komödien so wären. Aber das ist nur die halbe Wahrheit, denn wenn Menschen dann Handlung und Psychologie erwarten, werden sie enttäuscht.

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2. Ich habe mich so sehr gefreut, endlich mal einen Mann in einem Film nackt zu sehen und die Frau daneben angezogen. Was ist für dich das feministische Potential des Filmes?

Schön, dass dir das aufgefallen ist. Genau diese Freude – bei mir ist das auch immer mit einem Lachen der Erleichterung verbunden – ist eins dieser Potenziale, nach denen du fragst. Wie wir in dem Film mit (männlicher) Nacktheit umgehen, ist ein Spiel mit der feministischen Filmtheorie Laura Mulveys, die behauptet, das klassische Kino entspreche dem „male gaze“ auf den weiblichen Körper, der nur das Spektakel ist. Männerkörper wie Frauenkörper zu filmen und männliche Genitalien so zu zeigen wie ich sie zeige ist für mich ein kleiner Beitrag zu einem Diskurs über die große Frage, ob es einen weiblichen oder einen feministischen Blick gibt.

Auf einer anderen Ebene beschäftigt sich der Film mit den Rollen, die Frauen in unserer Gesellschaft so angeboten bekommen, mit dem, was vom (hetero)romantischen Liebesmythos übrig geblieben ist und mit Neoliberalismus-Kritik, die für mich im Zentrum feministischer Politik stehen sollte, weil Freiheit meiner Überzeugung nach nur als gemeinsame Freiheit gedacht werden kann, nicht als individuelles Empowerment – und es im Kapitalismus immer Ausgebeutete gibt.

3. Wenn wir über Feminismus reden, spielt Intersektionalität eine große Rolle. Hast du dir bei der Besetzung dazu Gedanken gemacht? Auch weil es ja viel Nacktheit gibt. Mich würde interessieren, welche Nacktheit du darstellen wolltest oder ob da Prozesse eher zufällig passieren. 

Ich habe mir dazu in jeder Phase der Realisierung des Films Gedanken gemacht, nicht nur bei der Besetzung. Ich finde Repräsentation wichtig, aber die Debatten darum oft kurzsichtig – und darin sogar gefährlich. So wie zum Beispiel eine oberflächliche Diversifizierung des Marketings von Filmfestivals darüber hinwegtäuschst, dass sich strukturell nahezu nichts verändert hat in den letzten Jahrzehnten: In den Schlüsselpositionen von Filmteams, in Festivaljurys und unter Preisträger*innen dominieren weiter (weiße) Männer. Ein anderes Beispiel ist die Rezeption von „Black Panther“. Oberflächlich betrachtet steht der Film für vieles Gute. Wenn man genau hinschaut, ist er jedoch überaus anschlussfähig an das Konzept des Ethnopluralismus und deshalb auch ein Lieblingsfilm der Identitäten Bewegung.

Ich glaube, es führt zu falschen Kurzschlüssen, wenn man die politische Awareness eines Films aus äußerlichen Kriterien herauslesen will, und es gibt eben keine political-correctness-Liste, die man abhaken kann, damit ein feministischer Film entsteht. Die Figuren in meinem Film sollen keine echten Menschen in all ihrer Vielfalt repräsentieren, sondern sie stehen als Modelle für bestimmte Prinzipien oder gesellschaftliche Positionen – das melancholische Mädchen zum Beispiel für Jugendlichkeit, Weiblichkeit und Privileg. Danach habe ich besetzt. Und es geht eben auch darum, wer hier überhaupt Rollen vorgeschlagen bekommt auf dem gesellschaftlichen Parkett und wer nicht. Mein intersektionales Bewusstsein steckt bei diesem Film also auch in der Entscheidung, eben genau nicht ein paar Nebenrollen mit Quoten-people-of-color zu besetzen.

War das der Hintergrund der Frage – oder zielte die in eine andere Richtung? Dann präzisier gern nochmal!

LittleFeministBlog:Genau das habe ich gemeint, danke 🙂 Ich bin da in vielen Punkten auf jeden Fall anderer Ansicht, aber kann manche Argumente, wie die problematische Besetzung von Quoten-Nebenrollen verstehen. Da ich aus der Sozialpädagogik komme, gehe ich viele Fragen aus dieser Richtung an. Ich habe gemerkt, wie viele junge Menschen unheimlich froh über Black Panther waren oder andere Filme, die Menschen zeigen, die nicht nur abled, weiß, schlank etc. sind – wie wichtig es ist, dass verschiedene Körper und Menschen gezeigt werden. Das ging mir z.B. auch so, als ich endlich Frauen* nackt gesehen habe, die so aussehen wie ich- da hat z.B. die Serie Girls sehr viel bei mir bewirkt  auch wenn sie auf anderen Ebenen ihre Probleme hat, fand ich das toll. Ich wollte da auch gar nicht auf eine böse Kritik hinaus, mich hat nur der Prozess interessiert, da ich es aus Kunstprojekten kenne, dass sich eben nach und nach Leute anschließen/ergeben, die mitmachen- meist aus dem Bekanntenkreis und dann ist und bleibt es eben sehr homogen. Es ist manchmal schwierig dagegen anzugehen, weil es dann auch instrumentell werden kann, wenn man nach bestimmten Kategorien besetzt, man eben aus seiner Bubble erzählt, gerade wenn es um eigene Erfahrungen geht- mache ich auch. Andererseits bleiben die nackten Körper eben sehr in der gezeigten Norm- das ist etwas, das mich oft beschäftigt, deshalb wollte ich mal nach Erfahrungen fragen. Dass die Machtstrukturen sich da generell ändern müssen, absolut!

Susanne: Ich finde es auch wichtig, dass verschiedene Körper und verschiedene Menschen gezeigt werden. Und ich habe die gleiche wunderbar befreiende Erfahrung mit „girls“ gemacht (Für mich haben die nicht-normierten Männerkörper und die nicht-eregierten Penisse in meinem Film eine ähnlich befreiende Wirkung wie Lena Dunhams Körper in „Girls“).

Du hast sicher Recht mit deiner Beobachtung, dass solche Prozesse oft unbewusst passieren und man etwas reproduziert, wenn man nicht sehr bewusst dagegen arbeitet. Und ich kann für mich auf jeden Fall sagen, dass ich mich noch viel zu wenig mit Intersektionalität beschäftigt habe und in der Beschäftigung mit meinem eigenen Weißsein noch am Anfang stehe. Trotzdem sehe ich auch Gefahren, die mit der Erwartung an eine Diversifizierung von Körperbildern verbunden sind, nämlich zum Beispiel die einer oberflächlichen (in dem, was augenfällig und leicht identifizierbar ist ist, z.B. in Story & Besetzung) Politisierung, die den Ideologiegehalt dahinter liegender Strukturen geradezu unsichtbar macht.

Ein Beispiel: Gerade gibt es z.B. auf Netflix viele Crime-Serien, in denen feministische Inhalte relativ platt inkarniert werden (z.B. gibt es eine „starke Frau“ im Ermittlerteam, die Geschlechtergerechtigkeit in Office-Gesprächen verhandelt), während die dramaturgischen Strukturen, die Psychologie der Figuren auf gruselige und subtile Weise patriarchales Gedankengut kommunizieren („The Fall“, „Die Bücke“ etc.). Ein anderes Beispiel: In „a handmaid’s tale“, arbeitet die Ästhetik des Films gegen den feministischen Inhalt: es entsteht ein als feministische Dystopie verkleideter reaktionärer Porno. Ich kenne viele Filme aus den biederen 50ern, die wesentlich feministischer, subversiver, emanzipatorischer sind als vieles, was sich heute selbst mit diesen Labels identifiziert.

Wofür ich plädiere, ist genaue Analyse statt Box-ticking. Zum Beispiel beschäftige ich mich viel mit der Heldenerzählung / dem Dreiakter / der „Story“ als einer patriarchalen Struktur, gegen die ich vorgehe. Trotzdem würde mein Film den Bechdel Test wohl nicht bestehen, weil meine Figuren keine Namen haben.

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3. Was bedeutet Melancholie für dich und was sind melancholische Mädchen genau?

Ich beziehe mich da auf verschiedene psychologische und philosophische Konzepte von Melancholie, zum Beispiel Freuds Aufsatz „Trauer und Melancholie“ von 1917, in dem er Melancholie als Unfähigkeit zur produktiven Trauerarbeit beschreibt: Etwas ist verloren, aber das Subjekt weiß nicht, was, kann es darum auch nicht betrauern und erleidet einen Ichverlust.

In der Medizingeschichte ist Melancholie ein Vorgängerbegriff für die spätere Depression, und trotzdem ist der Begriff für mich nicht einfach pathologisierbar. Es schwingt etwas Erhabenes, Poetisches mit, es gibt eine Nähe zum „Weltschmerz“; ein diffuses Leiden, eine Unmöglichkeit der Identifikation. Damit wabert er zwischen verschiedenen Kategorien und lässt sich nicht einfangen. Darin finde ich ihn sehr spannend und produktiv.

Zur zweiten Frage: Heute ist es das Subjekt selbst mit seinen Leidenschaften, Wünschen und Begierden, das vom Kapitalismus kolonisiert wird. Ulrich Bröckling schreibt zum Beispiel über „das unternehmerische Selbst“ als eine neue Subjektivierungsform. Der Neoliberalismus bringt also bestimmte Subjekte hervor, die ihm und seiner Verbreitung dienen. „Melancholische Mädchen“ sind, so glaube ich, der weitverbreitetste Typus im Neoliberalismus. Insofern sind wir alle mehr oder weniger melancholische Mädchen (übrigens auch die Männer* unter uns). „Das melancholische Mädchen“ ist dabei natürlich ein Modell, eine Abstraktion. Das heißt, es existiert nicht in Reinform, aber es dient als Analyse-Werkzeug, als Prisma, durch das sich ein Blick auf neoliberale Logiken werfen lässt.

4. Inwiefern ist Depression für dich von politischer Bedeutung? Oder für die Hauptfigur in deinem Film?

Ich selbst habe seit Jahren eine diagnostizierte Depression und habe sie immer als persönliche Dysfunktionalität gelesen und erzählt. Bis ich in einem Queer-Studies-Seminar über die Videoarbeit „The Alphabet of feeling bad“ von Karen Michalski gestolpert bin. Darin zählt die Theoretikerin und Aktivistin Ann Cvetkovich zu jedem Buchstaben des Alphabets ein negatives Gefühl auf und kontextualisiert es im Rahmen neoliberaler Arbeitsstrukturen und Geschlechterverhältnisse. Depression nicht nur in medizinischen Terminologien zu beschreiben, sondern als kulturelles und soziales Phänomen zu addressieren hat meinen Blick verändert. Man könnte sagen, ich habe meinen Blick von meinem Inneren abgezogen und nach außen gerichtet – auf die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Pathologien und gesellschaftlichen Strukturen.

Nach und nach fand ich heraus, dass sich eine ganze Reihe von Soziolog*innen mit diesem Thema beschäftigen und sich fragen, warum die Depression die Volkskrankheit unserer Zeit ist. Eine weitverbreitete These ist zum Beispiel, dass Erschöpfung, Narzissmus und Depression die Folgen der größeren Individualisierung bei gleichzeitiger De-Institutionalisierung sind. Das befreite Subjekt, dessen höchster Wert die Autonomie ist, geht am Imperativ der Selbstverwirklichung zugrunde.

Diesen neuen Blick, der nach Strukturen, Zusammenhängen und Ähnlichkeiten sucht statt zu psychologisieren, würde ich als politischen Blick bezeichnen.

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5. Mir hat auch mal ein Therapeut gesagt, ich hätte vielleicht eine narzisstische Störung und ein Baby könnte helfen. Wie kamst du auf die Szene?

Ich beobachte viel und sammle Eindrücke, Sätze, Bilder. Dabei fallen mir Muster ins Auge. Zum Beispiel ist mir aufgefallen, dass viele Mütter über ihre Mutterwerdung wie über ein Erweckungserlebnis sprechen. Diese Sätze, die die von Mira Partecke gespielte Figur sagt, sind, wie alle Dialoge, ebenfalls Modelle. Sie spitzen zu, um etwas Typisches herauszuarbeiten und zu verdeutlichen. Dachte ich zumindest. Als der Film in der Postproduktion war, bin ich selbst Mutter geworden und habe gemerkt, dass ich überhaupt nicht übertrieben habe. Die Wirklichkeit ist längst ihr eigener Comic.

6. Gibt es noch etwas, das du gerne berichten/erzählen würdest? (Hier folgt ein längerer Austausch über Geld–> Überspringt ihn einfach, wenn ihr nur mehr zum Film wissen wollt 😉 ) 

Ich möchte mich bedanken, dass du dem Film / mir hier Raum zur Verfügung stellst. Das ist nicht selbstverständlich. Viele Blogger*innen und Influencer*innen haben auf unsere Kontaktaufnahme gar nicht reagiert oder direkt nach Geld gefragt. Wir haben diesen Film als Studentenfilm begonnen, und bevor ein Weltvertrieb einstieg, ist keine*r unserer Mitarbeitenden bezahlt worden. Auch das Kernteam, die Kamerafrau, die Produzentin und ich, haben das erste Geld gesehen, als wir in Saarbrücken den Max-Ophüls-Preis gewonnen haben.

Die gesamte Filmauswertungs-Maschinerie zielt darauf ab, den Film immer stärker zuzuschneiden. Dadurch wird auch sein Potenzial verkleinert. Als Episodenfilm ohne klassische Story gilt er direkt als „experimentell“, was gleichzusetzen ist mit „unkommerziell“. Er wird auf 1000-10.000 potenzielle Zuschauer*innen geschätzt, folglich wird nur wenig Marketinggeld investiert und es erfährt nur ein interessiertes Arthaus-Publikum davon. Ich glaube weiterhin uneingeschränkt daran, dass „Das melancholische Mädchen“ ein Kultfilm sein könnte. Die Strukturen sind darauf ausgelegt, das aktiv zu verhindern. Deswegen bauen wir auf die Hoffnung, dass es trotz der Professionalisierung und Kommerzialisierung der Blogosphäre und der sozialen Medien immer noch möglich ist, Menschen nicht nur als potenzielle Geschäftspartner*innen, sondern auch als potenzielle Kompliz*innen und Unterstützer*innen anzusprechen. Sonst haben wir kaum eine Chance, dass der Film weiterhin das machen darf, was er gut kann: Menschen treffen.

Also: Danke!

LittleFeministBlog: Danke, ich mache das schon gerne, allerdings finde ich es absolut ok, nach Geld zu fragen bzw. eigentlich sogar sehr wichtig. Ich z.B. mache das neben meinem Job. ich investiere sehr viel Zeit und sehr viel Energie und ich finde es nicht verwerflich, dafür bezahlt zu werden. Den Wunsch nach Kompliz!nnenschaft kann ich sehr gut verstehen und ich finde es absolut wichtig, sich zu vernetzen und zu unterstützen. Jedoch fällt mir oft auf, dass gerade Frauen! sich unbezahlte Jobs zuschustern und sich bis an den Rand der Erschöpfung füreinander verausgaben, wohingegen Männer für die bezahlten Tätigkeiten gefragt werden. Gerade in der Kunstszene. Ihr alle solltet etwas verdienen und ich auch! Denn es ist Arbeit, die wir anerkennen sollten. Ich bekomme oft Angebote, die von mir ganz viel Zeit und Arbeit wollen und so sind wie „Ach ja, kleiner Freundschaftsdienst“- das macht mich manchmal sehr wütend. Es ist schön, wenn in den Anfragen auch die Situation der Blogger!nnen bedacht wird. Es gibt auch noch etwas zwischen schreckliche Werbedeals und sich umsonst abarbeiten, hoffe ich 🙂

Susanne: Liebe Lina, danke für deine Antwort. Ich habe auch in deinem Blog dazu gelesen und kann deine Gedanken nachvollziehen. In der Kunst gibt es gerade wieder eine Welle von Forderungen dazu (Lyriker*innen haben in einer Resolution 200+ Euro pro Lesung „verlangt“).

Ich kann nach 15 Jahren in verschiedenen Kunstbetrieben nicht mehr überzeugt dieses Anspruchsdenken teilen („Mir steht Geld zu, weil das was ich tue Arbeit ist“). Ein paar Gedanken dazu: Nicht nur ich lebe seit Jahren prekär (KSK-Durchschnittseinkommen liegt bei 10.000 Euro im Jahr, ich lag fast immer drunter), sondern Kinobetreiber*innen, die ein gut kuratiertes Programm machen oder kleine Verlage, die keine US-Krimis drucken, tun das auch, haben also schlicht auch nicht das Geld, um mich zu bezahlen. Würde ich auf einer „angemessenen Bezahlung“ bestehen, könnte ich zumindest „diese Art von Filmen“ (aus der Perspektive des Marktes, auf dem er nun feilgeboten wird) nicht machen. Will ich aber.

Ein anderer Gedanke dazu: Es gibt gutes Geld. So nenne ich Geld, das einem Raum gibt und nichts von einem will. Und es gibt Geld, an das z.B. die Erwartung auf kommerziellen Erfolg geknüpft ist. Solches Geld ist gefährlich, denn es verführt mich dazu, etwas produzieren zu wollen, das für ein bereits bestehendes Publikum „funktionieren“ soll. Ich überlege mir inzwischen genau, welches Geld ich will, weil ich die Freiheit der Kunst heute vor allem von der Neoliberalisierung der Herstellungsprozesse bedroht sehe, die verhindern, dass überhaupt etwas anderes entsteht als gefälliges, unmutiges, undringliches Mittelmaß.

Ein dritter Gedanke: Ich weiß nicht, wie viel solche Forderungen von einzelnen Individuen bewirken in einer Begegnung mit komplexen, gewachsenen Strukturen. Hinter diesen „kleinen“ Verhandlungen verbergen sich ja die großen Fragen danach, was Kunst unserer Gesellschaft wert ist und wem die Künstler*in verantwortlich ist (der Gesellschaft oder den Kund*innen / Konsument*innen z.B.), ob Kunst wirklich so eng an Märkte angeschlossen gehört oder etwas ist, was z.B. ein Staat sich leisten sollte – was dann aber wiederum die Frage aufwirft, wer entscheiden dürfte, was Kunst ist und was nicht, welche Künstler*innen also bezahlt werden und welche nicht. Im Moment wird diese Verantwortung darüber zu entscheiden, was existieren darf / etwas wert ist und was nicht, den neoliberalen Märkten überlassen, weil die Idee von „Staatskünstler*innen“ verpönt ist. (Ein bisschen anders funktioniert es wohl im Theater und mit Hochkultur, die eher vor Märkten geschützt wird, was da wiederum das Risiko der Verkalkung birgt.) Das führt wie gesagt meines Erachtens nach dazu, dass Auswertungsgedanken / Erfolgsdruck auf Herstellungsprozesse übergreifen und ein Haufen Mittelmaß entsteht, das auf Reproduktion von etwas, das einmal funktioniert hat, beruht. Wo die Rolle der Kunst nicht diskutiert wird, werden Kunstprodukte eben einfach zu Waren, die in unserer Hyperkultur gegen ein gutes Essen oder einen Zoobesuch konkurrieren müssen.

Mein ganz persönlicher Umgang damit ist im Moment, mich nach einem Nebenjob umzusehen, um ganz bewusst den Druck, kommerziell erfolgreich sein zu müssen, von meiner Kunst zu nehmen, ein minimalistisches Leben zu führen und mich in „Pro Quote Film“ zu engagieren, um kollektiv und organisiert an der Veränderung von Strukturen zu arbeiten.

Ein riesiges Thema, über das ich gern und viel nachdenke. Was würde z.B. im Falle einer Durchsetzung des Grundeinkommens passieren? Welche Art von Künstler*innen würden dann entstehen? Part-time-artists? Vielleicht würden alle möglichen Menschen eine Zeitlang in ihrem Leben künstlerisch arbeiten, weil sie es sich leisten könnten, und sich dann wieder anderen Dingen zuwenden. Vielleicht würde die Kunst diverser und freier werden und sich von einem neoliberalen Erfolgsverständnis und Wirtschaftlichkeitsanspruch verabschieden. Wer weiß? Wenn du Lust hast, können wir gern in Austausch über diese Fragen bleiben.

Die Professionalisierung und Kommerzialisierung der Blogosphäre und der Sozialen Medien ist für mich nochmal etwas ganz anderes. Ich beobachte sie aus meiner Perspektive mit Sorge, weil dadurch etwas, das ein Spielplatz mit emanzipatorischem Potenzial sein könnte, zu einem (weiteren) Markt strukturiert wird. Und dort hat eben Fläche / Macht, wer Geld hat. Die Frage ist doch auch, was ein*e „Influencer*in“, also eine Person, die sich über ihren Einfluss definiert, anderes sein kann als ein verlängerter Arm der Werbung. Mir macht das Angst, dass es Menschen gibt, in denen das offenbar keine Widersprüche, keine Reibung erzeugt, dass die Werbung „durch sie hindurch fasst“, durch sie hindurch spricht. Was ist das für eine Subjektivierungsform, die da entsteht?

Im Moment ist es sicher richtig, individuell abzuwägen, von wem man Geld verlangt und von wem nicht, und dafür sehr genau auf die Strukturen zu schauen (Wer fragt hier nach Gefallen? Wer steht dahinter? Woher kommt das Geld?) – was aber eben zusätzliche Arbeit produziert und die Verantwortung auf die Einzelne abwälzt. Und das macht der beschissene Neoliberalismus ja leider mit allen großen Fragen.

LittleFeministBlog:

Ich mache das genauso und habe das schon ewig gemacht- Nebenjob bzw. mittlerweile richtiger Job plus Kunst und politische Arbeit. Ich habe in Theatern für 10 Euro die Stunde gejobbt und Assistenzen gemacht – immer mit der Hoffnung, dass ein Job daraus wird. Meist in der Situation geblieben, dass der natürlich nicht angeboten wird, weil warum? Da arbeitet ja quasi jemand umsonst, ist doch super. Ich bin es leid, dass Narrativ der Generation Praktikum für mich weiter anzunehmen. Ich sehe es nicht ein ins Burnout zu arbeiten (das war bei mir letztes Jahr Phase) und mir zu denken, dass ist in der Kunst halt so, wenigstens bin ich schön unabhängig. Ich denke nicht, dass eine ordentliche Bezahlung mich dazu zwingen würde, mehr Artikel zu schreiben- dieser Druck ist in unserer Welt ja eh immer da. Produzieren, produzieren! Wenn ich aber die ganze Zeit für andere etwas produziere- so bekomme ich z.B. manchmal anfragen von Fernsehformaten, ob ich mal was von ihnen teilen kann, macht es mich wütend, dass sie noch nicht mal daran denken, dass es für mich Arbeit und erschöpfend ist, Dinge zu lesen, nachzudenken, zu teilen. Es wäre schon einfach toll, wenn man Geld bekommen würde und zwar so, dass es nicht ein mini Betrag ist, sodass man alles annehmen muss, sondern so, dass man entscheiden kann. Es muss ja auch bei kleinen Projekten nicht um Geld gehen. Mir gegenüber und sicherlich gegenüber vielen anderen Blogger*innen gibt es die Erwartungshaltung, dass sie alles mal eben machen sollen. Dass es ja kein Stress und kein Thema ist. Es ist aber eine Menge Zeit, die man zur Verfügung stellt, um die Projekte anderer vorzustellen. Es gäbe ja auch die Möglichkeit, wiederum die Blogger*innen zu promoten, zu empfehlen, zu vernetzen usw. – und das schon von vornherein mitzudenken. Da müsste halt auch die Anfragende Seite klar machen: Wer fragt hier nach dem Gefallen und wen? 

Gerade im Theater wurden mir so oft Jobs angeboten und gesagt, naja wir können dir ja die Fahrt bezahlen- und darüber war ich dann immer richtig glücklich. Jemand will mir eine Fahrt bezahlen? Wow. Bis ich gemerkt habe, alle anderen bekommen da Honorare. Vor allem die Männer, die würden es ohne nämlich nicht machen. Aber ich sehe gar nicht, dass ich einen Master in Theaterpädagogik habe und 31 bin und natürlich das Recht auf eine Anerkennung meiner Ausbildung habe- auch in Form von Bezahlung. Ich glaube schon, dass bei dem Thema, gerade bei Frauen! auch eine nicht Wertschätzung der eigenen Fähigkeiten dahintersteckt. Und eine nicht Wertschätzung von Frauen! als Regisseur*innen, Schriftsteller*innen etc. Natürlich ist eine Vernetzung und der Kampf für strukturelle Veränderung wichtiger, aber den können wir auch nur kämpfen, wenn wir ernst genommen werden und uns auch untereinander in unserer Arbeit ernst nehmen. Was die Blogger*innen-Szene angeht, ich hab da leider nicht so viel Ahnung und sehe es natürlich kritisch, dass man dort stupide Werbung schaltet- davon grenze ich mich auch klar ab, bin da in einem Prozess, wie man das alles gut handelt. Wenn ich aber Rezensionen schreibe, in denen ich meine Meinung sagen darf oder Projekte zeige, Interviews führe, ist es doch super, wenn ich da genauso ernst genommen werde, wie Journalisten*innen, bei denen es niemand verwerflich findet, wenn sie Geld für Texte bekommen. Prekär zu leben ist ja nicht unbedingt ehrenwert oder unabhängig. Dass ich mir Kunst und das kapitalistische System generell ganz anders bzw. letzteres wegwünsche, ist aber klar :)!“

Susanne: Deiner Beobachtung, dass das sich-unter-Wert-verkaufen auch ein gegendertes Problem ist, stimme ich vollkommen zu. Mein absurdestes Erlebnis dieser Art war, dass ich einmal unbezahlt auf einem Podium zum Thema Geschlechtergerechtigkeit im Film gesprochen habe, während draußen mein Vater mein schreiendes Kind durch die Gegend geschoben hat. (Inzwischen versuche ich, Honorare dafür zu verhandeln, dass ich meinen Film auf Festivals vorstelle – um dann Betreuungspersonen für meine Tochter bezahlen zu können. Manchmal klappt’s sogar!) Die Ungleichbezahlung ist dabei eingebettet in größere Strukturen. Im Stadttheaterbetrieb zum Beispiel bleiben irgendwann immer weniger weibliche Regisseurinnen übrig, weil die beruflichen Umstände kinderfeindlich sind: Kaum eine Mutter kann es sich leisten, vier mal im Jahr für Inszenierungen an verschiedenen Stadttheatern mehrere Wochen von zu Hause weg zu sein. Diese strukturellen Zusammenhänge sind der Grund, weshalb ich betone, dass individuelle Selbstermächtigung (einfach mehr Geld verlangen) hier nur bedingt wirksam sein kann.

Falls du mit dem Satz „Ich denke nicht, dass eine ordentliche Bezahlung mich dazu zwingen würde, mehr Artikel zu schreiben- dieser Druck ist in unserer Welt ja eh immer da.“ auf etwas reagierst, was ich gesagt habe, möchte ich nochmal betonen, dass ich über Kunstproduktion gesprochen habe – und auch nicht über Produktions- sondern Erfolgsdruck und wie der sich bereits in Herstellungsprozesse einschreibt und zu (Re-)Produktion von Mittelmaß am laufenden Band führt. Da denke ich vor allem an die Film- und Musikindustrie, wo die Grenzen zwischen Kunst und Kunsthandwerk fließend sind.

Zu deiner Bemerkung: „Mir gegenüber und sicherlich gegenüber vielen anderen Blogger*innen gibt es die Erwartungshaltung, dass sie alles mal eben machen sollen. Dass es ja kein Stress und kein Thema ist. Es ist aber eine Menge Zeit, die man zur Verfügung stellt, um die Projekte anderer vorzustellen. Es gäbe ja auch die Möglichkeit, wiederum die Blogger*innen zu promoten, zu empfehlen, zu vernetzen usw. – und das schon von vornherein mitzudenken. Da müsste halt auch die Anfragende Seite klar machen: Wer fragt hier nach dem Gefallen und wen?“ – Mir ist klar, dass du viel Zeit und Aufmerksamkeit da hinein steckst, und ich verstehe das auch nicht als Selbstverständlichkeit. Von diesem Anspruchsdenken möchte ich mich distanzieren. Gerade wenn es aber Fernsehsender sind, die Anfragen stellen, vermute ich dahinter keine naive Ignoranz, sondern eine zynische Struktur. Denn genau da ist ja Geld vorhanden. Mir wäre noch einmal wichtig zu betonen, dass ich keinen Gefallen von dir möchte. Wenn du dieses Interview als solchen verstehst, bitte ich dich ausdrücklich, es nicht zu veröffentlichen. Gefallen erwarte ich von guten Freund*innen. Von allen anderen Menschen erhoffe ich mir Unterstützung – so wie ich sie zum Beispiel in Form von zahlreichen Solikonzerten mit meiner Band „hysterische MILFs“ regelmäßig gebe – aus der Motivation heraus, gemeinsam bestimmte Themen stark machen zu wollen. Ich bekomme übrigens für meine Pressearbeit zum Film keine Bezahlung. Im Moment stecke ich ungefähr 10-20 Stunden in der Woche in Promo-Arbeit (Interviews, Pressescreenings, Festivals, auf denen ich sein darf, aber eben auch muss). Sollte der Film dadurch messbar erfolgreicher werden, landet das Geld erstmal nicht bei mir, sondern spielt Produktions- und Verleihvorkosten wieder ein. Ich habe also nichts davon – zumindest wenn ich die Rechnung so vereinfache. Sie ist aber eben komplexer, denn ich investiere langfristig in meine Zukunft als Regisseurin. Das heißt, wie ich jetzt von der Presse wahrgenommen werde, hat einen mittelbaren Effekt darauf, ob ich weiter Filme machen darf (was, wie gesagt, in diesem männerdominierten Business nicht sehr wahrscheinlich ist). Außerdem bedeuten Interviews für mich auch immer Fläche, die ich bespielen darf. Ich bekomme Raum, um vor einem Publikum zu sprechen, und ich möchte diese Fläche dankbar und verantwortungsbewusst nutzen, um Themen jenseits dieses konkreten Films in Stellung zu bringen, über die zu wenig gesprochen wird – zum Beispiel filmpolitische Themen.

LittleFeministBlog: Ich glaube, der Austausch wird nun etwas lang für den Artikel 😉 Ich kann nur noch mal sagen, dass ich finde, dass du für die Promo-Arbeit und für alles andere, was du tust, Geld bekommen solltest! Von Anfang an. Man sollte nicht auf die Hoffnung zurück geworfen sein, dass man irgendwann als Künstler!n etc. ernst(er) genommen wird. Man sollte einfach ernst genommen werden- dankbar für Raum sein, mmh schon, aber das genügt nicht, denn den Raum haben wir eigentlich eh verdient und den sollten wir uns nehmen dürfen, ohne prekär leben zu müssen. Das gilt für andere Menschen, die noch weniger Raum haben natürlich noch mehr. Und untereinander: Wenn wir kein Geld haben, heißt das nicht, dass wir uns nicht unterstützen können. Das sollten wir. Deshalb freue ich mich sehr, euren Film vorstellen zu können und freue mich ebenso, wenn ihr auch Menschen auf meinen Blog aufmerksam macht 🙂 

7. Warum sollte Mensch sich den Film ansehen?

Die komplizierte Antwort ist: Im besten Fall kann er ein diffuses Unbehagen, von dem ich glaube, dass viele es teilen, produktiv machen – indem er ein Vokabular zur Verfügung stellt und Dinge adressierbar macht. Die politische ist: Um einer Regisseurin zu ermöglichen, einen nächsten Film machen zu dürfen. (Das ist nämlich in diesem männerdominierten Business gar nicht selbstverständlich.) Die einfache Antwort ist: Weil er Spaß macht. Und anders ist als alles, was man sich unter „deutschem Kino“ vorstellt.

Deutschland 2019, 80 Min.

Regie & Buch: Susanne Heinrich

Kamera: Agnesh Pakozdi

Schnitt: Susanne Heinrich, Benjamin Mirguet

mit: Marie Rathscheck, Nicolai Borger, Malte Bündgen, Dax Constantine, Monika Freinberger, Yann Grouhel, Julian Fricker, Nicolo Pasetti

Erscheinungsdatum: 27. Juni 2019

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Quelle/GIF: https://giphy.com/gifs/12pJ8OxSWwO86Y/links

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