Like a Virgin!?

Bevor ich mich an den Artikel zum nicht vorhandenen Jungfernhäutchen setze, frage ich mich erstmal eins:

Jungfräulichkeit, was ist das eigentlich und woher kommt die Idee?

Das Wort Jungfrau stammt aus dem mittelhochdeutschen juncfrou(we) bzw. althochdeutschen juncfrouwa und bezeichnete eine junge Herrin oder ein Edelfräulein. Später wurde daraus allgemein ‘junges, sexuell unberührtes Mädchen’. Als jungfräulich für ‘unberührt, rein, frisch’“ (Wikipedia)

Also ich bin nicht mehr frisch und ihr vielleicht auch nicht. Naja, macht ja nichts- aber eigentlich kann Sex ja auch viel Spaß machen, deshalb frage ich mich schon, warum er eher mit Unreinheit verbunden wird als, sagen wir mal Gärtnern, Handwerken oder Backen? Zudem wird bei jeder Recherche deutlich, dass viele, die heute von Jungfräulichkeit sprechen, schnell das Klischee der bösen, zumeist muslimischen Familie herausgraben, die junge Mädchen! unter Druck setzt, dabei aber wie zufällig die christliche Kirche mit ihrer ewigen Jungfrau Maria oder Britney Spears, die in den USA uns auch hier lange als sexy Jungfrau (oi) vermarktet wurde, vergessen.

Woher stammt also das Bild? Aus der Religion? Vom Patriarchat? Oder gibt es wirklich eine körperliche Veränderung nach dem ersten Sex? Wobei sich da gleich die Frage anschließt, was ist Sex? Wenn jemand irgendwo eindringt bzw., etwas umschlossen wird? Fragen über Fragen. Also erstmal zur Geschichte.

Schon in der griechischen Mythologie gab es die Vorstellung der Jungfräulichkeit als Tugend. Drei Göttinnen wurden als jungfräulich beschrieben: Artemis, Athene und Hestia. „Artemis soll dem Kinderkriegen abgeschworen haben, nachdem sie ihrer Mutter dabei geholfen hat, ihren Zwillingsbruder Apollon zur Welt zu bringen. Athene dagegen konnte Kinder „aus ihren Gedanken gebären.“ Für sie war die Vereinigung zweier Geister eine reinere Form der Liebe, als die körperliche Verbindung. Deshalb schenkte sie den sterblichen Männern, die sie liebte, halbgöttliche Kinder durch mentale Empfängnis. Hestia wurde sowohl von Apollon als auch von Poseidon begehrt. Doch um einen Streit zu verhindern, wies sie beide zurück und verschrieb sich selbst dem jungfräulichen Leben. Alle drei Frauen erscheinen im Werk des Epikers Homer„(https://www.vice.com/de/article/nej9jw/die-geschichte-von-jungfrauen-in-der-kunst)

Wie wir sicherlich alle Wissen verschrieben sich die Männer! bzw. Götter nicht der Keuschheit, vor allem Zeus nicht, der alte Ficker. Sorry, aber ist so.

Auch im alten Rom hatte die Göttin Vesta sagenumwobene jungfräuliche Priester!innen. In nahezu allen Religionen findet man die Idee der Jungfräulichkeit. Zum Beispiel auch als Askese oder die Annäherung an Gott. Doch erst das Christentum begann mit einem eigenen großen verklärenden Mythos. Neben dem Mönchstum, dass die Enthaltsamkeit vorschreibt, gab es auch immer mehr Frauen!, die sich in christlichen Orden versammelten, um ihr Leben und ihren Körper Gott zu opfern. Judentum und Islam ehren zwar das vorübergehende jungfräuliche Leben vor der Ehe, doch vor allem das Christentum baute aus der sogenannten Unbeflecktheit einen ganzen Lebensentwurf, der die Gläubigen zu Gott führen könne. Vorbild dafür war vor allem Jesus, der sein Leben wohl sexlos getilgt haben soll und nachfolgen sollten ihm vor allem die Frauen!. Im Mittelalter entwickelte sich dabei immer mehr das Bild von der Frau! als „minderbemitteltes“ Wesen, das eher der Natur und dem Trieb verbunden ist, als der Sinnhaftigkeit. Übrigens gibt es auch Begriffe, die die männliche! Jungfrau beschrieben. Bis ins 19. Jahrhundert wurde so beispielsweise vom Junker gesprochen. Damals gab es auch eine regelrechte Keuschheitsbewegung, die Männer! sowie Frauen! einschloss. Trotzdem ist es bezeichnend, dass wir nie vom Junker Jesus sprechen, wohl aber immer von der Jungfrau Maria- und das obwohl es Kontroversen darüber gibt, ob das hebräische Wort „Almar“, mit dem Maria beschrieben wird, nicht einfach junge Frau bedeutet hat.

In alten Christlichen Schriften und Auslegungen ist die niedere Frau! immer in Gefahr ihrer Keuschheit zu verlieren. Deshalb muss sie auch innerlich rein bleiben- z.B. durch harte Arbeiten, fasten und ihr Haar verschleiern, so wie Maria- (Was? Verschleierung ist doch nur muslimisch- nein!). Dies sollte auch die seelische Jungfräulichkeit erhalten. Dies lässt sich übrigens hier alles toll Nachhören: https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/radiowissen/ethik-und-philosophie/jungfrau-mythos-keuschheit-100.html

Maria verkörpert die Jungfräulichkeit und die Unschuld, sie ist von der Erbsünde ausgeschlossen. Sie ist ein weiblicher Mythos, der die weibliche Sexualität seit Jahrhunderten verpönt und ablehnt. Frauen! sollten sich an ihrer Schönheit, Reinheit und Perfektion orientieren. Die Bibel schuf den immer noch bekannten Madonna/Hure Gegensatz.

Dazu kann allerdings angemerkt werden, dass Frauen! im Mittelalter und danach durch Jungfräulichkeit  auch Macht erstreben konnten. So konnten sie sich durch ein Leben im Kloster einen Zugang zu Bildung und hohen Ämtern verschaffen. Zudem konnten sie brutalen Ehemännern entgehen, arrangierten Ehen oder einem Tod bei der Geburt, den es damals, durch geringere medizinische Versorgung natürlich öfter gab.

Jungfräulichkeit wurde also nicht nur Keuschheit verbunden, sondern war auch als emanzipierende Entscheidung möglich. In den ersten Jahrhunderten des Christentums gab es sogar eine Art Widerständigkeit, die sich gegen das antike Ideal der körperlichen Fortpflanzung auflehnte. Römische Aristokratinnen konnten so, ohne in der Rolle als Mutter und Ehefrau funktionieren zu müssen einige Privilegien genießen, die ihnen sonst verwehrt gewesen wären.

Im 16. Jahrhundert beschäftigte vor allem Shakespeare eingehend mit der weiblichen! Jungfräulichkeit. So zeigt uns u.a. Ophelia aus Hamlet, wie die keusche Jungfrau im alten England zu agieren hatte. Unterwürfig gegenüber Liebhaber und Vater, sich vor Sex hütend denn: „Es nagt der Wurm des Frühlings Kinder an / Zu oft noch, eh die Knospe sich erschließt.“ (Was so viel heißt wie: wenn eine Frau keine Jungfrau mehr ist, dann haben die Typen kein Interesse mehr an ihr. (Vice/Quellen unten) Zu dieser Zeit inszenierte sich übrigens auch Queen Elisabeth I. als jungfräuliche Königin und blieb ihr Leben lang unverheiratet. So konnte sie zwar keine direkten Nachkommen, sich aber Macht und Unabhängigkeit bewahren. Sie galt als stark und keinem Mann unterworfen. Doch auch diese positivere Seite des Mythos Jungfräulichkeit hatte ihre Schattenseiten. So galten unverheiratete Frauen, vor allem die, die etwas Macht erstreiten konnten schnell als „Mannsweiber“, „Hysterikerinnen“, Lesben oder Hexen. So auch Jeanne D´arc, die schlussendlich verbrannt wurde. Als Bedrohung für das Patriarchat und die vermeintlich göttliche Ordnung, konnten jungfräuliche Frauen auch eine subversive Kraft darstellen. Auch Luther sprang übrigens allzu willig auf diesen Zug auf. Der Gute war nicht nur absolut ableistisch, rassistisch und antisemitisch, sondern auch extrem misogyn. Die Ehe war für ihn eine von Gott gewollte Lebensform und Frauen!, die sie nicht eingingen bedroht von Hurerei und Schande. Frauen! waren eigentlich eh nur als Gebärmaschinen interessant, dem Mann aber generell unterlegen und in seinen Augen dumm. So sagte er z.B. Es ist ein arm Ding um ein Weib. Die größte Ehre, die das Weib hat, ist, dass wir allzumal durch die Weiber geboren werden.“ oder „Es ist kein Rock, der einer Frau oder Jungfrau so übel ansteht, als wenn sie klug sein will.“ Thanks, dickhead!

Im Mittelalter und in der Neuzeit wurde Frauen! eher Triebhaftigkeit als Vernunft zugeschrieben. Wohingegen ihnen heutzutage beides abgeschrieben wird, hurra! Damals galten sie als niedere Wesen, die ihrem Körper unterlegen waren und auch Klosterfrauen wurde zugeschrieben, dass sie ihre Frommheit nur zum Deckmantel für Hurerei benutzten. Männer! haben das natürlich nie getan, eh klar. Das Bild der ihrer angeblichen Natur erlegenden und triebgesteuerten Frau! wandelte sich im 18. und 19. Jahrhundert allerdings immer mehr. Nun wurde nicht mehr Frauen! ein stärkerer sexueller Trieb zugesprochen, sondern den Männern! und die Entsexualisierung des „Weiblichen“ begann. Mediziner und Theologen beschrieben Frauen! als von Grund aus  als frigide und das Bild des sich kümmernden, braven Hausengels wurde gemalt. Keuschheit wurde so die neue Natur der Frau!, die auch in der Ehe keinen Spaß am Sex haben konnte und ihn nur fürs Gebären vollzog.

Das neue Ideal war nun die „noch Jungfrau“, also ein junges Mädchen. So beschrieb Charles Dickens im 19. Jahrhundert in Große Erwartungen eine Frau!, die nicht mehr jungfräulich in die Ehe ging, als verwelkt und ohne Glanz. Ihr Körper passe nicht mehr in das Kleid, dass eigentlich für ein rüppiges junges Mädchen! gemacht wurde, sondern schlackert um ihren hageren Körper….Ja, klar. Das ging mir auch so. Nach meinem ersten penetrativen Sex hatte, wurde ich sehr dünn und alt..eh, ja. Ein weiteres späteres Beispiel ist natürlich Lolita, die junge naive Jungfrau, die  auf der Schwelle zum Erwachsenwerden steht, aber eben noch rein ist und den älteren Mann anregt, würg würg würg!

Bis ins 20. Jahrhundert wurde die Jungfräulichkeit in Europa auch rechtlich eingebunden. So musste ein Mann, der sich verlobte, dann aber kalte Füße bekam, die Hochzeit also absagte in Deutschland das sogenannte Kranzgeld bezahlen. Dieses war eine Art „Schmerzensgeld“, denn auch viele hatten bereits nach der Verlobung den ersten Beischlaf (sorry, jetzt bin ich in den altertümlichen Formulierungen drinne) und somit waren ihre Chancen auf dem Heiratsmarkt geringer, denn wer will schon eine Frau! heiraten, die schon einmal penetrativen Sex hatte, come on!? Mit den Jahren und der sexuellen Revolution wurde das Gesetz allerdings immer weniger angewendet. Die letzten Urteile stammen aus den frühen siebziger Jahren und sprachen jeweils 100 DM (Yay!Was ein Betrag.) Schadensersatz zu. 1998 wurde der § 1300 BGB ersatzlos gestrichen.

Aber auch wenn die Jungfräulichkeit irgendwann nicht mehr das non-plus Ultra war und Frauen! sie auch ohne Ehe verlieren durften, begleitet uns das Bild Rund um den Mythos der weiblichen! Jungfrau noch bis heute. Filme wie The Virgin Suicides, Kids oder American Beauty setzten die Jungfräulichkeit als zentrales Thema in ihre Filme, machen gerade weibliche! junge Menschen, die noch keinen Sex hatten zu faszinierenden Wesen oder zu einer Art „Beute“. Auch wenn die Mädchen! in Sophia Coppolas Film ihre sexuellen Wünsche ausleben, bleibt mir doch oft das Bild von schönen, blonden, jungen Mädchen! im Kopf, die fasziniert beobachtet werden und am Ende nicht empowert ihr Leben leben, sondern tragisch sterben. Naja.

Männliche! Jungfräulichkeit wird hingegen ganz anders gesetzt. American Pie oder The 40 Year-Old Virgin erzählen davon, dass Männer immer scharf auf Sex sind, immer horny und als Jungfrauen eher notgeile Idioten- wohingegen die Frauen! kaum sexuelle Wünsche äußern oder diese lächerlich oder absurd überzogen dargestellt werden. Wir erinnern uns alle an die Flöte.

Ein weiteres Klischee aus Horrorfilmen ist: Die Jungfrau überlebt immer. Oder es gibt Wetten auf die Entjungferung, wie in Eiskalte Engel. Sorry für meine alten Bezüge, aber damit bin ich halt aufgewachsen. Genauso wie mit Britney, von der ich ja schon sprach. Mit 13 war sie mein Idol und in der Bravo wurde sie als sexy Lolita Jungfrau verkauft, der man fleißig nacheifern konnte. Schön! In den USA gibt es sogenannte Purity Balls– 12 jährige Mädchen! gehen mit ihren Vätern (why??) auf einen Ball und schwören Jungfrau zu bleiben. Für unsere Abizeitung wurden alle für ein Diagramm gefragt, ob sie noch Jungfrau sind. Usw. Usw. Ich weiß nicht, wie es euch ging, aber ich war in meiner Pubertät ständig in einem Kampf der sagte, ohne Freund bist du nichts wert und wenn du aber Sex hast mit jemandem hast, der nicht dein Freund ist, dann bist du eine Schlampe. Jungfräulichkeit war vielleicht nicht mehr viel wert. aber es gab schon das Bild von „ey der Thorsten hat die Lisa entkorkt.“- der Held. Eyeroll!! Auch wenn wir heute mit Jungfrau oft meinen, dass ein Mensch noch keinen Sex hatten, gibt es weiterhin das Bild, dass Frauen! die zu viel Sex haben irgendwann verkommen, Männer mit viel Sex aber mega hot sind, weil….ehm ja warum eigentlich? Wahrscheinlich auch, weil es die Idee von einem weiblichen Jungfernhäutchen gibt, dass uns versiegelt, wie Frischhaltefolie und wir uns quasi öffnen lassen können. Tja breaking news, dieses Siegel gibt es gar nicht. Aber dazu werde ich in meinem nächsten Artikel mehr schreiben.

Bis dahin möchte ich nur noch mal eins sagen: Sex ist divers. Penetration ist nicht gleich Sex. Jungfräulichkeit ist kein Wert und irgendwie auch gar nicht so richtig existent. Zumindest nicht als körperlicher Zustand. Manche waren eben schon intim mit anderen Personen, andere nicht. That`s ok. Die Geschichte der Jungfräulichkeit macht mich wütend und ich finde, sie hat unser Sexleben ganz schön verkorkst.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Quellen:

https://www.bravo.de/dr-sommer/jungfernhaeutchen-naehen-lassen-347655.html

https://giphy.com/gifs/mrw-tournament-udrrhymes-FOWcUR0mf1Yic/links

https://de.wikipedia.org/wiki/Jungfrau#cite_note-3

https://giphy.com/gifs/12qZzOj2MkY26A/links

https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/radiowissen/ethik-und-philosophie/jungfrau-mythos-keuschheit-100.html

https://www.deutschlandfunkkultur.de/mariae-empfaengnis-vom-mythos-jungfrau-im-21-jahrhundert.1008.de.html?dram:article_id=373423

https://giphy.com/gifs/netflix-alwaysbemymaybe-michellebuteau-netflixfilm-SATtPt1iJci0wcrt2F/links

https://giphy.com/gifs/xTiTnvnw6IbRdzJNq8/links

https://www.fnp.de/hessen/warum-martin-luther-mistkerl-10452065.html

https://giphy.com/gifs/yV5xcSTmtVPBS/links

https://giphy.com/gifs/someone-games-hunger-Bet9DzKNvEcWQ/links

https://giphy.com/gifs/the-virgin-suicides-bored-friendship-md6fVHJQ4Mlfa/links

https://www.deutschlandfunkkultur.de/kirche-in-den-usa-der-ball-der-jungfrauen.1076.de.html?dram:article_id=331607

 

 

Es gibt keine Haut der Jungfer.

 

 

 

 

Die Hymenrekonstruktion ist ein ethisch umstritte­ner Eingriff. ÄrztInnen, die mit diesem Anliegen konfrontiert werden, geraten in den Konflikt, einer­seits die Frauen einem unnötigen Eingriff auszuset­zen und zur Aufrechterhaltung von Mythen und frauenfeindlichen Haltungen beizutragen, anderer­seits aber damit schwerwiegende negative Konse­quenzen für die Frau vermeiden zu können.“

https://www.profamilia.de/fileadmin/dateien/fachpersonal/familienplanungsrundbrief/pro_familia_medizin_1-2013_WEB.pdf

https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/radiowissen/ethik-und-philosophie/jungfrau-mythos-keuschheit-100.html

Wenn man das Wort Jungfernhäutchen googelt,

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