Beyond Beautiful- eine kleine Buchrezension

Vor einigen Wochen bekam ich eine Anfrage, ob ich ein Buch geschickt bekommen möchte. Eh, klar 😉 Aber mir ist diese Bloggerwelt ja immer noch nicht so ganz geläufig. Also ja, was ist die Frage? Ich soll am besten etwas über das Buch schreiben, oder? Naja, also noch mal nachgefragt und einen netten Austausch gehabt. Ich kann etwas schreiben, muss aber nicht und darf alles sagen, was ich will. Na gut. Keine Bezahlung. Nicht so gut- könnte Geld gebrauchen, ist auch eine Menge Arbeit. Und ich bin mir immer noch nicht sicher, wie ich das mit der Werbung handhaben soll- auf jeden Fall aber transparent. Nun wisst ihr also Bescheid. Habe zudem eine kleine Umfrage bei Instagram gemacht und da 95% aller befragten gerne etwas über das Buch wissen wollten und es mir dann auch ein bisschen Spaß gemacht hat, zu stöbern, folgt nun eine kleine Rezension von: Beyond Beautiful / Autorin: Anuschka Rees. Illustrationen: Marina Esmeraldo (so auch dieses GIF). / Dumont Verlag.

Zu Beginn bin ich nicht sehr begeistert von der Idee, noch ein Buch zu lesen, dass mir (denn das nehme ich an) sagt, ich solle mal etwas positiver über meinen Körper denken. Ihn einfach lieben und so. Denn unsere ganze Welt hat sich darauf verlagert, zu allem eine positive Haltung einzunehmen. Und ja, positiver sein, kann ab und zu helfen, aber Probleme anzugehen und zu erkennen, wenn Beziehungen, die Gesellschaft oder andere Dinge scheiße laufen, bringt manchmal mehr, als sie positiv umdeuten zu wollen. Ich will, dass nicht nur unser Körperbild sich verändert, sondern dass auch endlich die Gesellschaft, die Cis-Männer anfangen, weibliche! und queere Körper nicht mehr für sich und ihren Blick zu vereinnahmen. Dann lese ich aber, dass es in dem Buch eben nicht darum gehen soll, sich selbst endlich schöner zu finden, sondern den immensen gesellschaftlichen Stellenwert von Schönheit zu hinterfragen. Das finde ich dann wiederum doch ganz interessant. Also beginne ich mich mal durch das Buch zu Blättern. Dazu ist zu sagen, dass das Buch extrem schön gestaltet ist. Es gibt verschiedene Schaubilder und Illustrationen verschiedener Frauen! und Körper. Es macht auf jeden Fall ästhetischen Spaß, das mag ich. Also beginne ich wirklich zu lesen und mir einen Gesamteindruck zu verschaffen. Nach einigen Stunden mit Stift und Notizblock habe ich einige Punkte, die ich absolut toll finde und positiv herausheben kann und einige Punkte, die mir noch nicht weit genug gehen oder mit denen ich nicht so viel anfangen kann. Aber das ist ja klar – wurde ja nicht speziell für mich geschrieben 🙂

Zuallererst ist zu sagen, dass das Buch mit verschiedenen Methoden aus der Rhetorik sowie der Verhaltenstherapie arbeitet. Es geht darum, seinen Blick und seine Interpretationen zu hinterfragen. Dabei ist es aufgebaut, wie ein praktisches Selbsthilfebuch, dass sehr klare Ideen zeigt, wie man dies machen kann. Viele dieser Methoden habe ich in meinen Therapien gelernt und kann sie sehr empfehlen, da sie mir überhaupt erst aufgezeigt haben, dass ich meinen Blick aktiv steuern kann. Weiter bietet das Buch einen kleinen, aber feinen und übersichtlichen Einblick in die Geschichte der Schönheit bzw. unserer westlichen Idee davon. So wusste ich z.B. nicht, dass es das Wort Cellulite vor 1973 gar nicht gab. Auch war mir auch nicht klar, dass die Zeitschrift Harper`s Bazar nicht nur wegen GNTM scheiße ist, sondern auch, weil sie maßgeblich daran beteiligt war, dass wir uns die Achseln rasieren. Denn 1915 starteten sie eine große Kampagne gegen behaarte Achseln bei Frauen!. Weiter ging es dann mit den Beinen. 1939 konnte man im Magazin lesen: „Söckchen auf dem Campus zu tragen ist ja schön und gut, aber bitte nicht mit pelzigen Beinen. Wenn sie schon Söckchen tragen müssen, schulden sie es ihren Kollegen, sich regelmäßig gründlich zu enthaaren. Und nicht nur alle paar Wochen.“ – Super, danke. Ich denke, Harper`s Bazar ist uns allen eine Menge Geld für Rasierer und Enthaarungscreme schuldig!

Ein weiterer Gedanke, der mir in Erinnerung geblieben ist, ist die Idee, dass wir nicht nur mediale Vorbilder brauchen, um ein anderes Körperbild zu schaffen, sondern auch Freund*innen, die uns stärken und uns andere Erzählungen zeigen. Das Buch spricht davon vor allem in Zusammenhang mit Altersdiskriminierung. Wenn wir mehr mit älteren und alten Frauen! sprechen würden, würden wir vielleicht merken, dass viele ihrer Jugend gar nicht so sehr hinterher trauern, sondern ein ganz schönes Leben führen- Jung und schön sein nicht alles ist, bzw. unser Blick auf Schönheit absolut limitiert. Auch in anderen Bereichen versucht das Buch einen intersektionalen Blick einzunehmen. Z.B. erzählt es, wie der westliche Kolonialismus immer noch Folgen für das Schönheitsgefühl von Women!ofColor hat- wenn es beispielsweise um sogenannte Skin Whiteners oder das große Thema Haare geht. Auch Kritik am Diversity Begriff in der Werbung wird deutlich gemacht. So wird beschrieben, dass auch Plus-Size-Models genormt, retuschiert und gepaddet werden. Dass auch Diversität immer wieder genormt und durch unrealistische Schönheitsbilder verschoben wird. Leider schafft es das Buch nicht, hier weitere Brücken zu schlagen und differenzierter auf verschiedene Diskriminierungserfahrungen zu sprechen. Queere Körper bzw. Körper, die zwischen dem binären Modell agieren, sich nicht sicher sind etc. kommen als Perspektive nicht wirklich vor. Ich könnte mir vorstellen, dass dies für viele Menschen eine frustrierende Erfahrung ist. Zudem frage ich mich generell, wie die Leseerfahrung für Menschen ist, die Diskriminierungserfahrungen haben, da es sich doch eher an, sagen wie mal (und sorry für den blöden Begriff) normale Frau wendet, also an die, die wir uns da so vorstellen-  an jemanden mit ein bisschen Geld, beruflichen Ambitionen, Bildung, einem abled Body etc. pp. (Das zeigt sich auch in einigen Praxisübungen, die z.B. für den selbstbewussten Auftritt beim Business-Meeting gedacht sind. Das hat mit meiner Realität schon mal nicht viel zu tun.) Ich z.B. würde nicht so gerne etwas über Bodyshaming von einer Person! hören, die 34 trägt, da ich da einfach einige Nummern drüber liege und eine Person, die da noch mehr drüber liegt, will vielleicht nichts von mir darüber hören usw. Denn manche Erfahrungen können wir da eben nur ansatzweise teilen. Manche Diskriminierungen sind schlimmer. Was nicht heißen soll, dass wir uns nicht gegenseitig austauschen sollen! Ich bin generell für viel mehr Austausch. Ich hatte nur die Überlegung, ob es bei so einem Buch schön wäre, verschiedene Autor*innen sprechen zu lassen, um die Perspektiven weiter zu öffnen.

Dabei sollte aber noch hervorgehoben werden, dass im Entstehungsprozess des Buches mit über 600 Leuten gesprochen wurde und einzelne Zitate veröffentlicht sind. Diese bringen auf jeden Fall unterschiedlichste Erfahrungen ein, bleiben aber teilweise ein bisschen alleine für sich stehen.

Zusammenfassend kann ich also sagen, dass mich das Buch positiv überrascht hat und gleichzeitig auch einige Punkte aufzeigt, die ich mir manchmal anders wünschen würde. Auch wenn das Buch einem nicht beibringen will, sich endlich schön zu finden, geht es doch sehr um die Optimierung des eigenen Blicks. Dies ist eine Sache, die mich im aktuellen Feminismus häufig stört. Wo bleiben die politischen Forderungen? Könnten wir sexistische Werbung, retuschieren von Körpern verbieten? Wenn wir Freund*innen brauchen, die andere narrative bedienen, brauchen wir dann nicht die Möglichkeit beispielsweise in Mehrgenerationen-Projekten zu wohnen, brauchen wir nicht mehr Inklusion für Menschen mit Behinderung usw. usw.?! Natürlich ist da auch eine große Ambivalenz, denn auch mir hilft es sehr, meinen Blick zu verändern- ich denke, dass das Buch einen da wirklich unterstützen kann. Ich denke nur, dass wir da nicht stehen bleiben sollten. Dass wir das auch als Appell an die Wirtschaft, die Politik, die Gesellschaft senden müssen. Verändert euren scheiß Blick auf uns!

Meinem Eindruck nach ist das Buch vor allem für Menschen bzw. Frauen!, die gerade erst anfangen sich mit dem Thema Körper und dem gesellschaftlichen Blick darauf zu beschäftigen. Die nicht an Essstörungen leiden, nicht unter extremer Diskriminierung etc., sondern unter Alltagssexismus, unter Unsicherheit und Scham- die gerade akut etwas an ihrem Blick verändern wollen. Und natürlich sollte es da ein Buch geben! Das ist wichtig und okay. Es könnte nur weiter gehen.

Für mich waren eher die geschichtlichen Aspekte interessant und der Blick auf die Entwicklung von Schönheitsnormen. So geht es auch um Pornografie, die Normierung unserer Vulva, Sex usw. Das alles war spannend und kann vielen Menschen die Augen öffnen, die diese bisher verschlossen hielten. Für Menschen, die sich damit bereits sehr beschäftigt haben, bringt es vielleicht einige interessante Aspekte, aber keine neuen Erkenntnisse. Am Ende denke ich, dass das Buch sehr „am Anfang“ ansetzt und wenn es ein paar Menschen dazu bringt, anders mit ihren Kindern und mit ihren Freund*innen über Körper und Schönheitsideale zu sprechen, wunderbar. Dazu noch ein kleines abschließendes Zitat aus Beyond Beautiful:

Als ich als Teenager einmal in einer Zeitschrift geblättert habe, habe ich zu mir selbst gesagt: Ich wünschte, ich würde so aussehen, wie das Cover-Girl.“ Mein Vater hat das gehört und geantwortet: „Ich wette, sie wünscht sich das auch! Denn das ist nicht echt.“ daran erinnere ich mich oft.“ Anonym

Quellen:

https://giphy.com/gifs/dancing-illustration-abstract-3FQvdeipKo9Ywvx09W/links

https://giphy.com/gifs/cartoons-comics-sea-reading-WoWm8YzFQJg5i/links

https://giphy.com/gifs/winter-hairy-legs-bmLqlNmnKMcdG/links

https://giphy.com/gifs/hero-superhero-feminist-l2JhtysmRGeYBg2xG/links

https://giphy.com/gifs/artists-on-tumblr-illustration-jRBg5GWxXvQS4/links

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