Radical Softness

Emotionen werden zumeist dem Rationalen untergeordnet. Wir sollen nicht weinen, nicht schreien, nicht komisch emotional werden – lieber alles schön sachlich angehen. Ganz ohne Drama. Und ja, Drama ist anstrengend. Zuweilen zu viel. Allerdings ist das Abschotten der eigenen Gefühle keine Alternative für mich. Es hat lange gedauert, bis ich akzeptieren konnte, dass ich nicht immer fröhlich bin, kein „Sonnenschein“ bin, wie man es gerade als Kind/Mädchen häufig sein soll- dass ich nicht nur liebenswert bin, wenn ich glücklich bin. Die Radical Softness Bewegung fordert mehr Emotionen- sagt, dass Emotionen etwas radikales haben. Etwas politisches. Dass ist in der Linken zumeist noch nicht angekommen. Auch im Feminismus in vielerlei Hinsicht nicht. Tough sein, knallhart, cool- ist irgendwie eher die Devise. Dabei werden negative Gefühle, wie Zorn zugelassen- ok fair enough, ist wichtig! Gerade im Feminismus- lernen wir doch Wut zu unterdrücken, gerade als Frauen*. Doch dadurch macht sich häufig eine Gefühllosigkeit breit, eine Kaltschnäutzigkeit, die das „Tough sein“ so hoch hängt, dass Zartheit nicht mehr zugelassen werden kann. Ich zitiere da gerne Hannah Gadsby:

„I don`t get it. Why is insensitivity something to strive for? I happen to know that my sensitivity is my strength. (…) So anytime someone tells me to „stop being so sensitive“ I feel a little bit like a nose, lectured by a fart.“

(aus ihrem Programm „Nanette“ bei Netflix)

Gerade unter linken Männern erlebe ich es häufig, dass beim Wort Therapie schon die Augen verdreht werden. Die wollen einen ja alle nur ins neoliberale System zwingen, diese TherapeutInnen. Wollen, dass man funktioniert. Das ist nichts für einen. Und ok, ist ein Punkt. Das KANN passieren, aber es gibt eben verschiedene TherapeutInnen und mir haben z.B. viele (ja ich hatte einige) meiner TherapeutInnen erst gesagt, dass ich nicht funktionieren, nicht normal sein, nicht dem gesellschaftlichen Bild entsprechen muss. Dort habe ich überhaupt erst gelernt, dass negative Gefühle und Zusammenbrechen ok sind, dass man eben nicht funktionieren muss. Das hat mir geholfen, eine kritische Perspektive gegenüber der Gesellschaft einzunehmen. Deshalb frage ich mich manchmal doch, ob die Kritik an der Therapie nicht auch den Unwillen versteckt, sich mit den eigenen Gefühlen, mit der eigenen Vergangenheit und mit den eigenen Unzulänglichkeiten auseinanderzusetzen. Wenn man das Fass erstmal aufmacht, passiert nämlich eine Menge und da ist es eben doch leichter, am Küchentisch zu sitzen und auf die Welt zu schimpfen. Was aber auch wichtig ist. Mache ich auch. Bringt einem im Umgang mit sich selbst und anderen nur manchmal nicht allzu viel. Würde ich behaupten.

Zudem geht damit eine Stigmatisierung von psychischen Krankheiten sowie Belastungen einher. Anstatt Menschen gemeinschaftlich darin zu unterstützen, dass sie sich Hilfe holen und dies als Stärke zu begreifen, für ein gesellschaftliches Bild zu kämpfen, indem wir uns mehr unterstützen, steht nur die rationale Härte und die Theorie im Vordergrund. Nie kann diese aber mit dem Privatpolitischen verknüpft werden. Sie muss immer für sich alleine stehen und das große Ganze beschrieben, darf nicht im kleinen Anwendung finden.

Und wen wundert es. Die Linke hat es meiner Meinung nach verpasst, sich mit Themen auseinanderzusetzen, die mit Sanftheit, Trauer etc. zu tun haben. Aus der Absage an Religion geht kein neuer Umgang mit dem Tod hervor, keiner mit Einsamkeit, Liebe oder der Sanftheit in Sexualität.  Blöderweise müssen wir uns diesen Themen aber alle irgendwann stellen. Irgendwann stirbt jemand, oder wir. Psychische Krankheiten und Einsamkeit werden realer, je weniger man sie beachtet und einen Umgang damit findet. Viele flüchten sich dann in Esoterik – mmh Problem! Denn auch wenn man sich daraus manche Methoden raus ziehen kann, die hilfreicher sind, geht doch häufig eine große „Schuldfrage“ mit esoterischen Ideen einher, die eben wirklich nur die Einzelne für ihr Schicksal verantwortlich machen. Da wird es wirklich neoliberal! Es fehlt eine Perspektive, die es schafft, emotionale persönliche Themen anzugehen und diese in eine gesellschaftliche Kritik einzufassen, zu übertragen. Sodass wir nicht alleine mit unserer Psyche bleiben, mit Schicksalsschlägen, diskriminierenden Erfahrungen, Scheidungen, zerbrochenen Familien etc.  Eine politische Perspektive, die gesellschaftliche Rituale und den Umgang mit dem Leben nicht nur belächelt, sondern akzeptiert, dass auch unsere Ängste Platz finden müssen.

Tja well, ich bin halt keine Theoretiker*in, dafür aber Pädagog*in und somit ist mein Ansatz zunächst der, dass ich versuche mit meinen Unzulänglichkeiten offen umzugehen, andere dazu zu empowern, sich auch nicht mehr zu schämen. Räume anzubieten. Mittlerweile versuche ich es, in meinem Freundeskreis ernsthaft andere Strukturen aufzubauen. Füreinander da zu sein ernst zu nehmen. Klar, geht nicht immer- manchmal braucht man Abstand. Aber (feministische) Gruppen/Banden zu gründen, in denen Softness okay ist, in denen Sanftheit, Berührung und Gefühle eben nicht als schwach, sondern als stark empfunden werden, finde ich unerlässlich, um überhaupt erst gemeinsame Stärke empfinden zu können. Um mit Trauer umgehen zu können, um sich gehalten zu fühlen. Das kann nicht der*die Partner*in(nen), das kann man nicht immer selbst. Ich kann nicht immer weiter lernen, mich selbst zu optimieren. Ich brauche dafür Freund*innen, Rituale und Räume. Irgendwann hoffentlich auch im Großen.

 

Quellen:

https://giphy.com/gifs/please-like-me-good-news-week-josh-thomas-VyO0NAhsFLkVa/links

https://giphy.com/gifs/relatable-ferris-bueller-nag-ffbinQwuCWrrW/links

https://giphy.com/gifs/3o72F3ESTeqGl1frtm/links

6 Gedanken zu „Radical Softness“

  1. Oh, das ist ein sehr schöner – und kluger – Text, finde ich. Danke dafür!🙂 Und er erinnert mich an eine Blogparade, die ich vor einigen Monaten gestartet habe: „Was ist echte Stärke für dich?“ https://mutter-und-sohn.blog/2018/11/05/was-ist-echte-staerke-fuer-mich-aufruf-zur-blogparade/ – Für mich eben auch das Schätzen und Annehmen eigener Schwächen, Unsicherheiten und der ganz persönlichen Zartheit.
    Herzlichen Gruß, Sarah („Sunnybee“)

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      1. Eine Einladung an andere Blogautor/innen, zu einem bestimmten Thema einen eigenen Artikel zu schreiben. Die Links dazu schicken einem diejenigen, die mitmachen und man veröffentlicht sie in den Kommentaren auf der eigenen Seite. Austausch virtuell eben!🙂 Lg, Sunnybee

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