On Depressions

Dieser Artikel ist aus dem Jahr 2014, als ich mein erstes Blogprojekt https://blackholesandclouds.wordpress.com begann. Es ging um Depressionen und es hat nie jemand gelesen 😉 Nun habe ich zufällig meine alten Texte gefunden und dachte, dass kann ich euch doch nicht vorenthalten. So here is the young me:

 

Ein schwarzes Loch ist ein astronomisches Objekt, dessen Gravitation so stark ist, dass aus diesem Raumbereich nichts- auch kein Lichtstrahl-nach Außen gelangen kann. Materie kann hineinfallen, aber nicht wieder hinausgelangen.

Ich falle regelmäßig in schwarze Löcher.

Ich habe meinen Job gekündigt. Dazu muss man sagen, dass ich meinen Job erst seit ungefähr 2 Tagen hatte. Manchmal erinnert mein Durchhaltevermögen an ein Kind, das Fahrradfahren lernen soll. Wenn es nach 2 Minuten nicht klappt, verliere ich die Lust. Gut, nicht der beste Vergleich und immerhin waren es ja auch 2 Tage, nicht nur 2 Minuten, aber wie dem auch sei, ich schaffe es eben nicht, bei einer Sache zu bleiben. Stattdessen rufe ich regelmäßig meine Mutter an und schluchze verzweifelt ins Telefon, wenn wieder etwas nicht klappt. Man sollte noch dazu erwähnen, dass ich schon 25 bin. Okay das war gelogen, eigentlich bin ich 26 und bald werde ich 27. Ich bin also volljährig, erwachsen könnte man sagen und das nicht erst seit gestern. Trotzdem fühle ich mich wie 17, wenn überhaupt. Neben meinem Job habe ich nämlich auch meine Haare verloren. Auch so etwas, das ich mir nicht abgewöhnen kann. Stecke ich in einer Krise, schneide ich mir die Haare oder ziehe in eine andere Stadt. Oder beides. Da ich gerade erst umgezogen bin, blieben also nur die Haare. Leider verwandelte sich die geplante Dauerwelle in eine verfilzte Matte, die lustlos von meinem Kopf abstand. Dem Friseur also seine wohlverdienten 35 Euro in die Hand gedrückt und schnell nach Hause ins Bad gerannt. Altbekannter Notfallplan: Haare einfach selber schneiden. Doch als ich dann so mit meiner Schere vor dem Badezimmerspiegel stand, fiel mir plötzlich auf, dass meine Haarfarbe mir eigentlich auch nicht gefällt, also, denn wozu Dinge unnötig aufschieben, schnell noch mal in den Supermarkt gesprintet. Mit Mütze versteht sich. Es versteht sich natürlich auch, dass mein neuer Mitbewohner genau in diesen 5 Minuten nach Hause gekommen ist, um einen Blick auf den Berg Haare im Waschbecken und den Kleiderhaufen auf dem Boden zu werfen. Wenn man sich selbst die Haare schneidet, zieht man sich lieber aus. Alte Friseurweisheit. Muss schon ein seltsamer Anblick gewesen sein, so eine leere Wohnung und dann dieser einsame Berg von Haaren. Deshalb will ich es ihm nicht verübeln, dass er nun denkt, ich wäre ein MDMA Junkie, der nach dem Feiern kollabiert ist und es witzig fand, sich mal die Haare zu rasieren. Naja, kollabiert bin ich auch. Nur eben nicht auf MDMA, sondern auf Depressionen. MDMA wäre mir aber generell lieber. Nur um das klarzustellen.

Das wäre also der Anfang meiner Geschichte. Keinen Job und keine Haare. Bzw. sehr kurze Haare, die mich morgens aussehen lassen wie Rüdiger von Schlotterstein. Ach ja, auch ich bin nachts nicht gern allein. Nun egal, so fing es jedenfalls an.

 

Eigentlich hat es nicht so angefangen. Angefangen hat es damit, dass ich einfach irgendwann angefangen habe, so traurig zu sein, dass ich es nicht mehr aushalte. Ich könnte dann stundenlang an die Decke oder den Fernseher starren und mehr bekomme ich nicht auf die Reihe. Meistens heule ich auch noch panisch in mein Kissen. Ich hatte das schon immer. Ein bisschen traurig sein. Als Kind habe ich mich manchmal einfach in das Büro meines Vaters gesetzt, das Licht ausgemacht und alleine dort gesessen. Keine Ahnung wie lange. Einfach alleine im Dunkeln. Schlimmer wurde es aber erst später. Als mein Vater weg war und all das. So richtig glücklich war ich seit dem nicht mehr dauerhaft. Auch wenn es viele schöne Momente gibt, kommt die Einsamkeit doch immer wieder. Wenn ich mich einsam fühle, ist es, als würde es nur dieses eine Gefühl geben. Alles andere wird dann abgetötet. Einfach weg. Gestern war so ein Tag. Kam nicht richtig aus dem Bett. Ein bisschen regen, ein bisschen Liebeskummer, ein langweiliger Sonntag und schon ist es soweit. Nichts schlimmes. Aber am liebsten würde ich sterben. Habe plötzlich das Gefühl, als würde ich nun für immer alleine in meinem Bett liegen, sterben und irgendwann nach 30 Jahren gefunden werden. Leider schon ganz verstaubt. Sodass man mich nur noch zusammenfegen kann. Mit einem Kehrblech. Als gäbe es keine Hoffnung darauf, jemals wieder ein gutes Gefühl zu haben. Und wenn dann nur so, dass es nach einiger Zeit sowieso wieder verschwindet. Ein schwarzes Loch eben. Die Zeit steht still und nichts bewegt sich mehr.

Das Blöde ist, dass ich nicht weiß, was hilft. Im Kleinen ja. Aber im Großen. Keine Ahnung. Habe ich keine Beziehung, liegt es daran. Habe ich eine, weiß ich auch nicht mehr weiter. Das Gefühl bleibt. Wird manchmal sogar schlimmer. Habe ich viel Freunde oder wenige. Es bleibt.

Aber verändern tut es sich doch. Das kann ich aber nicht so besonders gut sehen. Aber das will ich lernen. Schritt für Schritt.

Depression akzeptieren und abwarten

Geduldig sein

Gute Dinge aufschreiben und sich immer wieder daran erinnern

Freunde anrufen (aber keine Ex-Freunde!!!!)

Negative Gedanken vermeiden (Gedanken-ABC)

Sich selbst beistehen

Die Depression als Krankheit sehen (sich nicht die Schuld geben)

Lockere Affären und offene Beziehungen in Zukunft vermeiden (also ich jetzt- sonst sollen ruhig alle Spaß haben!!)

Wenn vermeidbar, NICHT UMZIEHEN

Projekte vorantreiben (aber Zeit lassen)

Mich selbst lieb haben!!

Antidepressiva nehmen

Therapie machen 

Nicht aufgeben

Bücher lesen

Fotos machen

Blog schreiben (auch wenn ihn wohl niemals jemand lesen wird)

Ich stehe das durch. Ich weiß noch nicht wie, aber ich schaffe es. Schaffe es. Schaffe es!!! Habe mich heute aufgerafft. Das Wetter ist grau und Mannheim stinkt. Ein mehliger Druck liegt auf meinem Kopf und auf meinem Herz. Das klingt bescheuert. Aber jeden morgen ist es, als würde jemand auf meinem Herz sitzen. Jemand großes. Und schweres. Habe es immerhin in die Bibliothek geschafft. Nun sitze ich hier, starre umher und versuche, nicht zu heulen. Als Ablenkungsmanöver habe ich mir einen Kaffee geholt und überlegt, ob ich lieber nicht zur Arbeit sollte. Aber langsam habe ich keine Lust mehr, mich einschränken zu lassen, Ständig das Gefühl zu haben, nichts zu schaffen. Ich schaffe das.

Ach ja, habe übrigens einen neuen Job. Eigentlich sogar mehrere. Einen Job als Babysitter. Langweilig aber stressfrei. Und zwei Assistenzen. Aus einer wird vielleicht ein kleiner Job. Das ist gut. Und ich werde mir das nicht von meinem schwarzen Loch kaputt machen lassen. Ich werde meine Masterarbeit schaffen, tolle Projekte machen, einen tollen Mann finden, durch die Welt reisen und vielleicht mal ein Kind bekommen. Und wenn nicht, werde ich trotzdem glücklich sein. Ich werde es jedes mal wieder durchstehen. Bis es aufhört. Ich werde stricken lernen, mich politisch engagieren und dem Herbst trotzen. Auch Weihnachten werde ich überleben. Ach ja und irgendwann werde ich wieder ein schönes Weihnachten haben!  Und einen schönen Winter. Ohne Depressionen.

„Ich rate allen, die sich selbst finden wollen, an Ort und Stelle zu bleiben. Sonst ist die Gefahr groß, dass sie sich endgültig verirren“

Mannheim ist immer noch grau. Aber es stinkt nicht mehr so sehr. Also hat sich die Lage doch verbessert. Meine Stimmung ist auch ein bisschen positiver.

 

Weiß zwar noch immer noch nicht so ganz genau, wie es jetzt so weitergeht, aber ich habe zumindest schon wieder das Gefühl, dass es überhaupt weitergeht. Und leider wird mir immer klarer, dass ich da einfach alleine durch muss. Der ganze Dreck, durch den man sich Jahr für Jahr wühlt, wird eben doch nicht weniger, wenn man es nicht schafft, ihn loszulassen. Aber vorher muss man ihn wahrscheinlich erst mal richtig durchstehen. Niemand wird kommen und meine Wunden für mich heilen. Auch wenn das natürlich ganz nett wäre.

Muss mir einfach klar machen, das keine Beziehung o.ä. etwas an der Situation ändern wird. Naja, eigentlich ist mir das schon immer klar. Bin ja nicht blöd. Nur ein bisschen eben doch.

Also mache ich jetzt alberne Therapiesachen, komme mir vor wie ein Depp. Aber alles was hilft, wird eben gemacht. Also werde ich mir jetzt selber ein paar Briefe schreiben, schöne Orte ausdenken oder was auch immer mir oder meiner Therapeutin noch so einfällt.

Hurra!  

Supergute Tage- sind das nicht gerade!

Aber auch nicht die allerschlimmsten. Das Problem ist doch, dass man sich jeden Tag aufs neue vornehmen muss, aufzustehen. Dass es keine Selbstverständlichkeit mehr darstellt. Das es ein Kampf ist. Tag für Tag. Ich zermartere mir den Kopf darüber, worauf ich mich an diesem Tag freuen könnte oder wofür sich das verdammte Aufstehen denn nun lohnt. Und plötzlich sitze ich abends mit Freunden in der Kneipe, lache und denke, alles ist wie immer.

Stopp!

Am nächsten morgen geht es dann wieder los. Das ist es gerade. Das man Tag für Tag, Jahr für Jahr immer wieder dadurch muss. Es wird besser, es wird schlechter. Momentan habe ich das Gefühl, mein Leben besteht nur darin, darauf zu warten, dass es endlich endlich wieder besser wird. Nicht nur für einen Abend. Sondern für ganz ganz lange Zeit. Ich hoffe, das wird irgendwann passieren. Dass es gut ist. Für länger. Nicht perfekt. Nur gut. Dass ich morgens aufwache und mir das Aufstehen nur schwer fällt, weil ich müde bin. Nicht weil ich keine Lust  auf das Leben habe. Dass ich mich wieder normal fühle. Wieder wie ein Teil von dem da Draußen.

Ich sollte mir Zeit lassen. Aber geduldig sein ist so schwer, wenn einem der Kopf so bleiernd auf den Schultern hängt. Wenn man sich jeden Tag fragen muss, ob man das mit dem Aufstehen morgen schafft oder ob man sich wieder wund und klein unter der Decke versteckt, bis es wieder dunkel wird.

Also versuche ich, kleine Schritte zu gehen, die auch mit schweren Füßen möglich sind. Die Hoffnung nicht aufgeben. Das genießen, was man noch genießen kann und die schlechten Tage schnell aus dem Gedächtnis zu streichen. Der Wald wächst langsam, aber ich hoffe, er wächst.

 

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