Das Stiefmütterchen 

Heute mal ein bisschen frühlingshafter Soft-Feminism. Die Sonne kommt nämlich langsam raus und ich versuche auf meinem improvisierten Balkon/Fensterbank mit Verlängerung eine gute Pflanzenmutter zu werden. Da mein grüner Daumen nicht ganz so gut ausgebildet ist, will ich mir dieses Jahr besonders viel Mühe geben. Bisher habe ich einen Rhododendron von einer Mülltonne gerettet, Erdbeeren, Primeln und Stiefmütterchen angepflanzt. Dabei bin ich dann aber doch, wie schon so oft, über den Namen Stiefmütterchen gestolpert. Bisher habe ich immer gedacht, Stiefmütterchen stellen sich ältere Frauen* auf die Fensterbank, deshalb heißen sie so. Ältere Frauen* sind ja auch alle Stiefmütterchen – oder waren es alte Jungfern, ich weiß nicht mehr?! Nun, irgendwie dünkt es mich jedenfalls, dass der Name nicht so schön ist, weder der Blume, noch uns gegenüber. Deshalb habe ich mich auf die Suche nach Mythen rund um die Stiefmutter (z.B. in Märchen) und das Stiefmütterchen begeben. 

Das Stiefmütterchen gehört zu den Veilchengewächsen (Viola) und hat eigentlich eine ganze Reihe von Namen. Z.B. Pensee – dies stammt aus dem Französischen und bezeichnet die Pflanze des Gedenkens, denn das Veilchen gilt als Symbol der Erinnerung. Das Wilde Stiefmütterchen (Viola tricolor), welches in der freien Natur wächst, hat auch noch eine ganze Reihe Namen anzubieten: Ackerveilchen, Muttergottesschuh, Mädchenaugen, Schöngesicht oder Liebesgesichtli. Klingt schon etwas schöner, wie ich finde. Ich stelle mit vielleicht lieber den Schuh der Gottesmutter (eigentlich aber lieber den einer Göttin) oder ein Liebesgesichtli auf die Fensterbank, als eine Stiefmutter.  Denn die Figur der Stiefmutter ist ganz schön negativ besetzt. Warum das so ist, wird später noch erläutert.

„Der Name Stiefmütterchen stammt aus dem Volksglauben und wird folgendermaßen gedeutet: Die fünf bunten Blütenkronblätter werden von fünf Kelchblättern getragen. Das unterste, große und stark gefärbte Blütenkronblatt sitzt auf zwei Kelchblättern. Das ist die Stiefmutter. Links und rechts von ihr sitzen ihre zwei bunt gefärbten Töchter jeweils auf einem Kelchblatt. Die zwei oberen, meist einfach violettfarbenen Blütenblätter stellen die zwei Stieftöchter dar. Sie müssen sich mit einem Kelchblatt gemeinsam begnügen. In manchen Regionen ist man sich sicher, in der Blüte auch noch den Vater zu entdecken. Symbolisiert von Griffel und Narbe der Blüte sitzt er nämlich in der Mitte der Blüte von den Frauen seiner Familie eingezwängt. Er kommt erst heraus, wenn Frau und Kinder ausgegangen sind, wenn nämlich die Blume verblüht ist und die Blütenblätter abgefallen sind. Deshalb spricht man im Volksmund bis heute von „stiefmütterlicher Behandlung“, wenn jemand einen anderen Menschen vernachlässigt. Diese Symbolik wurde wie so oft nachträglich „erfunden“. Laut dem Etymologie-Duden bedeutet Stief-(mutter, -vater, -sohn etc) schon bei den Germanen einfach ein Verwandtschaftsverhältnis. Eine schlechte Behandlung geht damit nicht automatisch einher. Stief- ist in der Bedeutung von Stumpf, Rest usw. zu sehen und bezieht sich wohl eher auf die Größe der Pflanze.“

(Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Wildes_Stiefmütterchen)

Da haben wir also schon mal unseren ersten Hinweis auf die böse Stiefmutter. Die Stiefmutter behandelt andere nachlässig- meistens ihre Stiefkinder. Doch wie kommt es, dass die Rolle der Mutter andauernd fast heilig gesprochen wird, wohingegen die Stiefmutter stets böse ist. Das haben wir wohl vor allem Grimms Märchen zu verdanken und den Erzählungen rund um Schneewittchen und Aschenputtel. Heutzutage würde ich z.B. die Frau meines Vaters nicht Stiefmutter nennen, vor allem, wenn ich in einer Patchwork-Familie lebe und noch eine Mutter habe, doch in der Zeit der Grimms waren Stiefmütter nicht selten. Viele Männer* wurden tatsächlich zu Witwern, da viele Mütter am Kindbettfieber starben. Dies kam im 19.Jahrhundert verstärkt auf, da viele Frauen nicht mehr zuhause ihre Kinder auf die Welt brachten, sondern in Krankenhäusern und Gebäranstalten, wo sich Ärzte zwischen Leichenuntersuchung und Geburtshilfe nicht die Hände wuschen. Erst 1847, bevor die Grimms die sechste und letzte Ausgabe ihrer Märchen veröffentlichten, entdeckte der Arzt Ignaz Semmelweis, die Ursache des Kindbettfiebers. Dadurch verbesserten sich die hygienischen Bedingungen in den Krankenhäusern, die Märchen der Brüder Grimm blieben nachhaltig infiziert – vom Keim der bösen Stiefmutter, der gemeinen Frau* und Hexe. 

(Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/boese-boeser-am-boesesten-die-stiefmutter.954.de.html?dram:article_id=232333)

Auch bei Aschenputtel übernimmt die Stiefmutter eine negative Rolle. Sie kann Aschenputtel nicht als Familienmitglied annehmen und stellt sie in Konkurrenz zu ihren eigenen Töchtern. Sie ist grausam und ungerecht. Die Königin bei Schneewittchen sieht sich selbst im Vergleich zu der angeheirateten Tochter und möchte sie lieber umbringen, als zuzusehen, wie sie schöner wird, als sie selbst. Ein Kampf gegen das Alter? Mmh, keine Ahnung. Beatrice Frasl, die zu Gender und Disney-Priznessinen forscht, kann der Figur aber eine gewisse Emanzipation abgewinnen:

„Zu Beginn haben wir wie im Grimm-Märchen „Schneewittchen“ die böse Stiefmutter, die Geschichte entfaltet sich in einem Machtkampf zwischen den Generationen. Die Hexe und Königin bricht aus einem heteronormativen Geschlechterbild aus, weil sie kinderlos ist, Schneewittchens Weiblichkeit hingegen wird durch ihre Mütterlichkeit konstruiert. Sie putzt und kocht für die Zwerge, die eigentlich erwachsene Männer sind – Schneewittchen kann noch Mutter werden, im Gegensatz zur Stiefmutter. Die will das Kind vergiften und sein Herz essen und pervertiert damit das mütterliche Nähren. Damit bricht sie mit vielen Weiblichkeitsvorstellungen und Erwartungen.“ Quelle: https://www.anschlaege.at/feminismus/2016/11/let-it-go/)

Und tatsächlich lässt es sich bei Kinderspielen manchmal beobachten, dass Mädchen*, die die Stiefmutter speielen plötzlich die Möglichkeit haben, fies sein zu dürfen, häßlich, gemein, machtvoll- nicht süß und schön. Sie können in diesem Spiel aus den allgemeinen Vorstellungen ausbrechen und etwas verkörpern, dass ihnen normalerweise nicht zugestanden wird.

Doch seien wir mal ehrlich, im echten Leben ist es halt nicht sooo lustig, junge Frauen* mit Äpfeln zu vergiften. Genauso wenig, wie in Glitzerkleidern rumzustehen und immer nur schön sein zu müssen. Prinzessin oder Stiefmutter- both sucks!

Deshalb werde ich davon absehen, mein kleines Stiefmütterchen vor dem Fenster weiter Stiefmütterchen zu nennen, auch wenn man das ja emanzipatorisch für sich annehmen könnte. Doch das Bild der Frau*, die junge Mädchen* nicht unterstützen kann, weil sie Konkurrenz in ihnen sieht, ist eben genauso anstrengend wie die Übermutter, die immer nur liebevoll und großartig ist. Neue Frauen*bilder brauchen wir. Oder besser einfach gar nicht mehr so viele- damit wir alle mütterlich oder auch nicht sein können, egal ob wir Mutter* sind oder Vater* oder Eltern oder Co-Parents oder oder.

Deshalb nenne ich mein Stiefmütterchen ab nun Liebesgesichtli und sehe sie als Symbol für Erinnerungen. Finde ich schöner, als ein misogynes Frauenbild hier stehen zu haben. Für die Prinzessinenblume (Tibouchina) muss ich mir dann auch noch mal was ausdenken.

Ende.

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