Not cool!

Die ist ein Statement zu zwei Situationen, die mir in den letzten paar Tagen passiert sind. 1: ich sitze neben einer Frau* von der FAZ, die mich nach meinem Job fragt. Feministische Mädchen*arbeit sage ich, also in einem Jugendzentrum, aber eben für Mädchen* und junge Frauen*. Sie fragt mich nach dem anteiligen Migrationshintergrund der Besucher*innen. Warum? Ich weiß es nicht. Wir sprechen darüber, dass viele Muslima zu uns kommen. Ha! Da hat sie ein Thema gefunden. Aber sie fragt nicht, wie die Mädchen* sich fühlen, sondern sie fragt, wie es sein kann, dass wir so tun, als sei das Kopftuch kein Problem. Woher sie das weiß, frage ich mich. Sie fragt nicht, was die Mädchen* so erzählen, was sie so machen, wie es ihnen geht- sie fragt nur nach dem Kopftuch. Ist ja klar, dass alle Muslima eins tragen, oder? Einige Tage später sehe ich ein Facebook-Kommentar auf der Seite unseres Mädchen*zentrums. Ein Mann (Politikwissenschaftler, anonym, aber ich weiß wer er ist) schreibt passiv aggressiv, warum wir denn Workshops zum Thema Rassismus anbieten, die sich speziell an muslimische Mädchen* richten, warum wir nicht alle Mädchen* ansprechen. Ich frage mich, warum er sich nicht informiert und weiß, dass wir das auch tun. Warum er Frauen* angreift, die in einem Mädchen*zentrum arbeiten, Mädchen* unterstützen, sich gegen die AFD und finanzielle Kürzungen, Anfeindungen von Rechts wehren müssen. Warum er muslimischen Mädchen* mit diesem Kommentar das Gefühl geben muss, dass sie keinen Workshop zur eigenen Stärkung verdient hätten? Warum er sich nicht solidarisch zeigen kann? Ich rufe ihn an. Er ist empört, dass ich das tue.

Beide Begegnungen zeigen, wie nicht nur muslimische, sondern alle Mädchen* behandelt werden. Sie werden vergessen. Denn in beiden Fällen werden muslimische Mädchen* als Mädchen* gesehen, die (durch das Kopftuch, aber auch genrell unterdrückt) werden und die gerade deshalb kein Recht auf Teilhabe haben. Macht das Sinn? Nein. Zudem werden alle anderen Mädchen* vergessen. Niemand fragt nach denen, die Sexismus erleben, Antisemitismus, Ableiismus, nach denen, die gerade Probleme zu Hause haben, die Gewalt erleben, die das erste Mal ihre Periode haben, die nach Freund*innen suchen, über Schulstress reden wollen, nach denen, die sich miteinander Verbünden, die die solidarisch untereinander sind, egal, ob sie Kopftuch tragen, Afro, Kleider, bunte Haare, ob sie dick sind oder dünn. Wie kann es sein, dass Mädchen* untereinander solidarischer sind, als wir gegenüber marginalisierten Gruppen?

Beim Telefongespräch sagte der Typ übrigens, dass sich Mädchen* die nicht muslimisch sind von unserem Angebot ausgeschlossen fühlen. Schön, dass er sich nun kämpferisch für die „anderen“ Mädchen* einsetzt und genau weiß, wie sie sich fühlen, im Gegensatz zu jemandem, der mit Mädchen* arbeitet oder den Mädchen* selbst. White man fighting! Hurrah! Dann fragte er, warum wir keine Workshops zu Antiziganismus anbieten? Wo ist da die Logik, frage ich mich? Also für manche Mädchen* darf es spezielle Workshops geben, für andere nicht? Daraus spricht nichts als antimuslimischer Rassismus und die Angst einer Sonderbehandlung muslimischer Menschen. Woher das kommt? Ich weiß es wieder nicht. Dass es letztes Jahr eine Veranstaltung zum Thema Antiziganismus gab und wir mit den Mädchen* Filme schauten, die junge Romnja gedreht hatten, interessiert ihn nicht. Danach fragt er nicht. Denn eigentlich interessiert es ihn nicht. Sonst hätte er ein freundliches Kommentar hinterlassen. Sonst hätte er eine nette Email geschrieben und Fragen gestellt, anstatt an unsere Facebook Wall zu rotzen. Ohne Verbessrungsvorschlag, ohne Solidarität, ohne Wertschätzung für unsere Arbeit und die Mädchen*. Man könnte meinen, es handele sich um einen Rechten Macker, aber es ist linkes antideutsches mackern. Danke für nichts.

Als es den Workshop zum Thema antimuslimischer Rassimsus gab, haben alle anderen Mädchen* sich übrigens die Ergebnisse angeschaut, waren interessiert und unterstützend. Nächste Woche bekommen wir Besuch aus Israel, alle freuen sich. Interessiert aber die Frau* von der FAZ nicht und auch nicht den Facebook-Troll, denn es geht ihnen nicht um Mädchen* oder Frauen*. Es geht ihnen um eine Abgrenzung zum Islam, die an völlig falscher Stelle, auf völlig furchtbare Weise ausgetragen wird. Die nicht wissenschaftlich, rassismuskritisch und in Religionskritik eingebaut ist. Sie wollen gegen Unterdrückung kämpfen und machen dabei unterdrückte Menschen klein. Sprechen nicht mit ihnen, interessieren sich nicht für sie, sondern destabilisieren sie. Und mit ihnen die Menschen, die in teilweise prekären Arbeitssituationen sind und Angebote schaffen wollen.

Not cool.

Not cool at all!

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s