Sex Talk- one last time!

So, jetzt gibt es die letzte Runde Sex-Interviews. Diesmal habe ich alle Erzählungen hintereinander gepackt. Damit es nicht so lang wird, halte ich mich kurz und danke nur noch mal kurz viel viel vielmals für das entgegengebrachte Vertrauen! 🙂

Erwähnenswert ist allerdings, dass es auch um sexualisierte Gewalt geht (nicht explizit, aber trotzdem wichtig zu erwähnen, falls es dann jemand nicht lesen möchte) ….

Ok, let’s go!

Erzählung 1

Ich bin 26 Jahre alt, identifiziere mich durch und durch mit dem weiblichen Geschlecht. Vor allem im letzten Jahr habe ich mich persönlich und auch künstlerisch mit dem Thema Weiblichkeit und den Gefühlen von Scham und Ekel auseinander gesetzt. Wobei das eigentlich gar nicht in einem Satz in Verbindung gebracht werden sollte, ist es doch relevant. Beispielsweise Körperbehaarung, Menstruation, Selbstbefriedigung (Apropos Selbstbefriedigung – kleiner Tipp, falls Du es nicht schon kennst: femtasy.com – erotische Hörbücher, oder kurze Hörsequenzen, für Frauen. Da dürfte für jede Interessierte was dabei sein). Ich habe viele Bücher und interessante Artikel diesbezüglich gelesen. Ganz besonders hat mich „Untenrum frei“ von Margarete Stokowski beeindruckt, weil es so nah und einfach geschrieben ist und sie viele ganz alltägliche, „normale“ Dinge bezüglich Weiblichkeit, Sexualität und Gesellschaft anspricht, über die ich mich so oft so sehr gewundert habe.

Ich bin bisexuell, wobei es bei mir nie sowas wie ein öffentliches „outing“ gab. Es war einfach irgendwie schon immer so, auch wenn ich das Hingezogenfühlen zu Frauen wohl erst im letzten Jahr so richtig annehmen konnte (Ich habe Freunde durch Outings, sei es Bi-, Homo- oder Transsexualität, begleitet und würde mich eigentlich als sehr liberal beschreiben – deshalb war ich überrascht von der Schwierigkeit die ich mit meiner eigenen Sexualität zu haben schien). Immer wieder habe ich mich auch gefragt ob ich überhaupt auf Männer stehe oder ob mir das Geschlecht vielleicht einfach egal ist – schließlich geht es mir ja eigentlich um den Menschen der dahinter steht und die Verbindung zu diesem. Ich glaube es ist schwierig das zu betiteln, vielleicht muss es auch gar nicht sein. Jedoch bin ich mit Männern einfach schon immer schneller und einfacher in körperlichen Kontakt gekommen. Mit Frauen führe ich intensive Beziehungen in Freundschaften, aber fühle mich eher unsicher wenn es um eine andere Art von in-Kontakt-kommen geht, obwohl ich mir das sehr wünsche.

Ich wurde relativ früh, schon mit 13, sexuell aktiv – meine erste sexuelle Erfahrung hatte ich mit einem Mädchen und danach kamen einige mehr oder weniger lange und mehr oder weniger gesunde Beziehungen zu Jungs/Männern und ein paar lustvolle Begegnungen mit vorwiegend Freundinnen. Wenn ich es im Nachhinein betrachte, wusste ich anfangs tatsächlich nicht wirklich was es mit der Sexualität so auf sich hat, und vor allem wusste ich kaum etwas über meinen Körper, über meine Bedürfnisse – und dass Sex auch mir gefallen kann/darf/sollte. Ich will niemandem die Schuld dafür in die Schuhe schieben, oder die Verantwortung abgeben; aber aus heutiger Sicht hätte ich mir gewünscht, dass mir irgendjemand die Wichtigkeit von Selbstbestimmtheit, Selbstliebe und „Nein“-sagen beibringt. Oder vorlebt.

Meinen ersten Orgasmus hatte ich mit 17, da tat sich eine ganz neue Welt für mich auf. Auch, dass sich mein Gegenüber Zeit für mich und meinen Körper nahm, dass ihm das sogar gefallen hat und nicht nur die Penetration und der schnelle Orgasmus im Fokus war. Danach gab es schon auch noch einige Begegnungen mit Sexualpartnern, wo ich mir im Nachhinein dachte das hätte ich jetzt auch bleiben lassen können… Ich kenne das zermürbende Gefühl von Scham am Tag danach sehr gut. Nach wie vor merke ich, wie schwer es mir in entscheidenden Momenten fällt „nein“ oder einfach irgendwas zu sagen, wenn es sich ungut anfühlt. „Ich hätte es gerne ein bisschen langsamer; Wir haben Zeit; so fühlt sich das nicht gut an; etc. pp“. Maybe out of context, aber an dieser Stelle danke nochmal fürs Teilen des tea and consent Video – so simple, so important! Ich habe darüber viel nachgedacht und würde man vor dem Sex nachfragen – man kann ja Worte wählen die irgendwie zur Stimmung passen – ob jetzt beide wirklich einvernehmlich Lust darauf haben, dann wär doch alles viel einfacher. Natürlich kann es auch ein downer sein, oder plötzlich überlegt eine(r) der Beiden „will ich das wirklich?“ und dann denkt man vielleicht – hätte ich gar nicht erst gefragt hätte sie/er darüber vielleicht gar nicht nachgedacht. Aber genau das ist es ja. Vielleicht fällt es mir erst auf wenn es „schon zu spät ist aus der Nummer wieder raus zu kommen“ – das ist es natürlich nie; nur traut man sich manchmal einfach nicht mehr was zu sagen (Wieso eigentlich nicht?).

Ich hatte immer gerne und viel Sex, wobei es wohl oft auch mit Bestätigung zu tun hat(te) oder ich versucht habe ein Bedürfnis nach Nähe zu stillen, das danach unbefriedigt blieb. Nach einer langjährigen Beziehung (in der Sexualität anfangs sehr aufregend und wichtig und mit der Zeit sehr schwierig und kaum noch Thema war, leider auch in der Kommunikation) habe ich mich und meine Lust dann nochmal ganz neu entdeckt. Ich bin sehr an – und teilweise vielleicht auch über – meine Grenzen gegangen. Was der entscheidende Unterschied zu den Erfahrungen davor war ist, dass ich all das bewusst, bedacht und in völliger Eigenverantwortlichkeit gemacht habe (nicht etwa unbedacht, weil ich das Gefühl hatte „man macht das eben so“ oder ich müsste das jetzt tun, um zu gefallen oder oder oder).

Ich hatte mit einigen Menschen Sex, wie gesagt auch mit manchen bei denen ich mich im Nachhinein gefragt habe, wieso ich das jetzt eigentlich gemacht habe, z.B. mit viel Alkohol intus; aber ich hatte auch einige ganz wundervolle Begegnungen. Zu viert zum Beispiel, mit engen Freunden, nach einer durchtanzen Nacht, ganz spontan und unerwartet – da hab ich mich gefragt, wieso man nicht viel öfter mit vertrauten Menschen Sex hat (Im Nachhinein betrachtet hätte ich eine Idee dazu: Weil die Grenzen zwischen Freundschaft und Liebe vielleicht recht unklar sind, sobald Körperlichkeit und sexuelle Anziehung im Spiel sind?).

Ich habe dann beim Feiern einen Mann kennengelernt, der mich spontan zu einer Nacht mit ihm und seiner Exfreundin einlud. Das war ein sehr aufregendes Erlebnis und mittlerweile führen wir seit über einem Jahr eine Art „offene Beziehung“ (wöllte man es betiteln). Durch ihn habe ich mich Themen wie polyamorösen Beziehungen, BDSM und Bondage geöffnet. Über meine Erfahrung mit BDSM und Bondage hätte ich Lust noch ein bisschen zu erzählen… 🙂

Ich glaube auf Grund problematischer Erfahrungen in meiner Vergangenheit (Grenzüberschreitungen, physische und vor allem psychische Gewalt in einer Beziehung) war ich bei ebendiesen Schlagworten schnell auf Habacht-Stellung und hatte gleich das Bild von unterdrückter Frau und Machtausübendem Mann im Kopf. Dank der Vertrauensebene die ich mittlerweile entwickelt habe, konnte ich mir da nochmal meine ganz persönliche Erfahrungen machen und in einem Shibari Kurs meinen Horizont etwas erweitern. Ich würde fast sagen, dass Bondage etwas Therapeutisches hat. Es braucht unheimlich viel Vertrauen in das Gegenüber. Die Rollen sind klar verteilt, der aktive Part fesselt und der passive Part wird gefesselt. Natürlich kann man die Rollen auch wechseln, aber das sollte dann vorher auch wieder abgeklärt werden. In der Bondage Welt die ich kennengelernt habe, gibt es klare Regeln, z.B. nur nüchtern zu fesseln und am besten wird zu Beginn ein Code-Wort ausgemacht. Sicherheit geht vor. Einerseits gibt man in der passiven Rolle die Verantwortung zu einem gewissen Grad ab und andererseits trägt man ebenso eine große Eigenverantwortlichkeit, da sich der aktive Part darauf verlassen können muss, dass ihm/ihr mitgeteilt wird, wenn etwas nicht okay ist.

Im Kurs habe ich die passive Rolle eingenommen (zu Hause habe ich mich dann auch mal in der Aktiven probiert und gemerkt wie anspruchsvoll das eigentlich ist. Viel Konzentration, viel Kopf und dann idealerweise natürlich mit der Aufmerksamkeit beim Anderen sein) und das sehr genossen. Für mich geht es beim Fesseln um Halt und gehalten werden. Ich habe mich teilweise wie ein Kind gefühlt, das umsorgt und genährt wird. Sich fallen lassen, einfach da sein und „etwas mit sich machen lassen“ (Achtung, nochmal: Vertrauen!), an Grenzen gehen und den eigenen Körper ganz anders spüren. Das Entfesseln ist mindestens genauso wichtig wie das gefesselt werden. Es braucht Zeit, Zuwendung und Nachsorge. Auf einmal ist der Halt weg, der Körper fühlt sich schwach und ich persönlich war immer ganz nah an meinen Emotionen. Die Berührungen und das Gehalten-werden vom aktiven Part sind hier ganz wichtig. Es kann eine sehr wohltuende Erfahrung sein und wirklich viel mehr als Sex. Den gab es im Kurs mit den anderen Paaren natürlich nicht, das Ganze hat auch bekleidet stattgefunden.

BDSM hingegen ist irgendwie nicht so sehr mein Fall, aber ich glaube weil diese ganzen Spielchen, die Verkleidungen, die Spielzeuge und Utensilien für mich die Natürlichkeit rausnehmen und ich schnell in den Kopf komme und mich und die Situation bewerte. Ich glaube auch, dass es bei BDSM um viel mehr geht als Sex. Sex mag ich, glaube ich gerne einfach und natürlich. Ich habe mich auch mit Tantra auseinandergesetzt (noch eine Buch Empfehlung: Diana Richardson, Zeit für Liebe, Sex, Intimität) und es bereitet mir große Lust und Freude.Für mich geht es um die Begegnung zweier Menschen im gegenwärtigen Moment und darum, sich auf mich selbst, meinen Körper, meine Gefühle und Regungen und dadurch ganz automatisch auf mein Gegenüber, dessen Körper, Gefühle und Regungen einzulassen. Mit viel Ruhe und Zeit. Das klingt vielleicht simpel, aber für mich ist es etwas ganz besonderes. Vielleicht weil ich in der Vergangenheit so oft viel mehr beim Anderen war und es mir beim Sex oft darum ging dem Gegenüber zu gefallen und zu befriedigen. Wenn jeder bei sich bleibt und den Impulsen nachgeht, die der Körper hat – also auch den Händen folgt, wie will ich mein Gegenüber grade anfassen? – dann glaube ich kann es ein ganz natürlicher Kreislauf von Geben und Nehmen, Berühren und berührt werden sein, der einfach fantastisch ist.

Erzählung 2

Ich bin 27 jahre alt, weiblich, auch so sozialisiert, und heterosexuell orientiert. obwohl ich immer mehr der Ansicht bin, solche Abstufungen sind eher fließend, als abgegrenzt. ich habe aber noch keinerlei Erfahrungen mit Sex mit einer weiblichen Person, würde dies aber nie ausschließen.

Sex bedeutet heute für mich eindeutig was anderes als früher, meinem „Jugendlichen-Ich“ und ich glaub, das ist auch das, worauf ich heute am liebsten meinen Fokus legen würde. Durch Fragen, wie in deinem Blog oder Bücher von Margarete Stokowski („Untenrum frei“ wäre als ich 17 jahre alt war Gold wert für mich gewesen!) habe ich mich immer mehr mit mir und meiner Sexualität und meiner Vorstellung von Sex auseinander gesetzt.

Als ich 17 jahre alt war, fing ich an, wie man das nennt „sexuell aktiv“ zu sein, ab da habe ich auch mit einer Menge von Männern geschlafen meist, oder immer im Zusammenspiel mit Alkohol. Dass das mir im Rückblick nicht gut getan hat, dass ich nicht sehr auf mich und meine Bedürfnisse gehört hab, wurde mir erst in den letzten Jahren klar, durch einen neuen Partner und das Lesen der richtigen Texte, und älter werden halt..

Damals war ich die „Erfahrenste“ von meinen Freundinnen, sie kamen auch immer zu mir um sich Rat zu holen oder wir tauschten „Bettgeschichten“ aus, dabei ging der Sex meist um „seinen“ Orgasmus und Penetration, nie(!) um meinen Orgasmus. Ich hatte mich, bis ich 23 war damit abgefunden, dass ich beim Sex nicht komme. Ich dachte irgendwie, das ist dann so, vielleicht irgendwann mal. Alleine, wenn ich mich selbstbefriedigte kam ich, und das, dachte ich, ist dann halt das einzige Mal. Irgendwie ging das mit dem klitoralen Orgasmus total bei mir unter, und es war ja auch nicht wichtig, weil beim Sex ging es ja um seine Bedürfnisse, und meine Bestätigung. Dass ich damals nicht das beste Selbstbewusstsein hatte muss man glaube nicht erwähnen. Aber irgendwie war mir das nicht so klar, weil ich war ja laut, ich hatte die vielen Männer, ich hatte tolle Freunde, ne tolle Jugend….

Das alles macht mich im Nachhinein ziemlich traurig.

Naja, dann hatte ich jetzt über 5 Jahre eine lange und schöne Beziehung und das war etwas total anderes. Da war ein Mann, der auf meine Bedürfnisse geachtet hat, der auch mal meinen Orgasmus wichtiger fand als seinen. Das musste ich auch langsam lernen, ich habe immer drauf gewartet, dass „er“ kam, dann war der Sex zu Ende. Wenn er mal nicht kam, weil vielleicht auch der Sex zu lange ging und man dazwischen mal ne Pause macht, dann dachte ich immer, dies sei eine Niederlage für mich, da kein Orgasmus seinerseits stattfand-(weil man liest ja immer und überall „Männer kommen immer und überall“). Manchmal hat er richtig mit mir geschimpft, das ich so fixiert auf seinen Orgasmus, anstatt auf meinen war und das brauchte ich auch. Auf jeden Fall habe ich dadurch sehr viel über mich und meine Sexualität gelernt. Sex ist nun ganz anders, als mit 17 oder 19.

Ich hatte die letzten Jahre nur mit einer Person Sex, deswegen bedeutet es für mich eher Intimität und Innigkeit, als wenn ich jetzt eher Affären oder one-night-stands hätte. Aber ich glaub, das passt jetzt auch besser zu mir.

Was ich auch gelernt hab ist, wie man Fantasien in einer Partnerschaft besprechen und auch umsetzen kann und dabei am Anfang immer dieser typisch abgekupferte 0815 Porno Kram bei raus kam, aber irgendwann, wenn man sich sicherer wird, es auch Spaß macht, da weiterzugehen und auszuprobieren.

Was Wörter und Beschreibungen angeh uns man neutral über Sex spricht, benutze ich Wörter, wie  Penis und Vagina, obwohl ich Vulva passender finde. im Bett standen mein Freund und ich eher auf so „dirty talk“, da wird es dann auch eher derber. Obwohl wenn er dann 1-2mal „Fotze“ gesagt hat, fand ichs auch nicht so passend, deswegen hat ers gelassen. Aber es wird dann trotzdem schon eher gesagt „ficken“ als zum Beispiel „liebe machen“. Aber nur wenns in den Kontext passt.

So wie ich meine Sexualität „ergründet“ hab, wirds vielen Mädchen gehen. Man hat den Eindruck, man weiß schon alles über Sex und allgemein ist ja eh unsere Jugend total übersext (haha), aber eigentlich wissen wir immer noch erstaunlich wenig. Es wird unheimlich wenig über Selbstbefriedigung bei Frauen geredet, homoerotische Fantasien bei Männern (ohne direkt schwul zu sein!?), oder Prostata Befriedigung bei Männern, (hallo, gibt doch nen Grund, warum die da so erregt werden, das wär ja wie als würde man bei der Frau den Kitzler auslassen,weil sie sonst lesbisch wär..), klitorale Orgasmen, Machtstrukturen im Bett/überhaupt allgemein, und auch Übergriffe in der Beziehung, Periode…man könnte die liste endlos weiter spinnen. Ich denke da ist noch großer Bedarf.

Noch eine Sache, zum Thema Übergriffe. Für mich, ich denke auch für viele andere, war das Thema „sexualisierte Gewalt/sexueller Übergriff“ immer mit einem Fremden, im Park oder so verbunden. Dass so eine Grenze aber auch verschwimmend sein kann und auch nicht immer so klar erkennbar, ist mir auch erst später bewusst geworden. Ich hatte zum Beispiel eine Situation mit einem Ex-Freund im Urlaub. Wir hatten nachts Sex am Strand und irgendwie hatte ich Schmerzen, vielleicht weil zu viel Sex die letzten Tage oder der Sand oder was weiß ich, jedenfalls hab ich gesagt „nein es tut weh, geh runter“ und er hat gesagt, „nein ich bin gleich fertig“ und hat noch „zu Ende gemacht“. Das war vielleicht ne halbe Minute höchstens. Danach hab ich mich nicht wohlgefühlt, hab ihn direkt von mir runtergestoßen und bin runter ins Meer. Die tage danach hatten wir wieder normal Sex. Also ich hab das gar nicht als sexuellen übergriff wahrgenommen und ich weiß auch immer noch nicht, ob das einer war. Aber irgendwie merk ich schon, das war nicht ok. Und jetzt würde ich auch anders damit umgehen, aber das Bewusstsein und auch die (puh esoterisch) Selbstliebe zu mir hatte ich damals nicht, um mich zu schützen.

Erzählung 3

  1. Möchtest du etwas über dich erzählen?

Ich bin 30 Jahre alt und mit meiner sexuellen Orientierung immernoch sehr unsicher. Zum einen habe ich mich nie richtig zuordnen können, weil ich mich einmal sehr männlich fühle und zum anderen wiederum sehr weiblich. Manchmal möchte ich nicht, dass man von meiner weiblichen Seite etwas sieht und ziehe mir weite Klamotten an, dann genieße ich an einem anderen Tag meine Weiblichkeit und fühle mich dadurch gestärkt und frei. Sexuelle Erfahrungen mit einer Frau hatte ich bisher wenige, dafür etliche mit verschiedenen Männern. Früher fühlte ich mich schlecht deswegen.

Ich bin bisexuel.

Meine Freunde aus der Jugend bezeichneten mich oft so: „Du bist kein Mädchen,du bist einfach ein sau cooler Typ.“ (Was ich mittlerweile selbst sehr sexistisch diskriminierend finde…)

Oder in Beziehungen: „Marta ist der Mann in der Beziehung.“

Also ich hatte bisher immer ein wenig den dominanteren Part, zumindest sah es von außen so aus.

2. Was bedeutet Sex für dich? Was ist Sex?

Vertrauen, Intimität zwischen zwei oder mehreren Menschen, mit dem Einverständnis aller Beteiligten.

Leider habe ich gelernt, dass es nicht immer das ist, was ich mir wünsche. Seit diesem Jahr kamen Erinnerungen zu mir zurück, dass mein politoxer Onkel, der 12 Jahre meiner Kindheit bei uns wohnte, mich sexuell missbraucht hat. In meiner Jugend hatte ich einige sexuelle Kontakte, die ich nicht wollte, aber aufgrund von Alkohol und Beruhigungsmedikamenten über mich ergehen habe lassen. Mittlerweile bin ich an dem Punkt, dass ich Sex vermeide und schon sehr aufgeregt bin, wenn ich bei jemandem im Arm liege und wir uns küssen. Mehr möchte ich momentan nicht.

3. Welche Emotionen verbindest du mit Sexualität?

Momentan ist es Unsicherheit und Angst. Es kommen schnell die Fragen auf, ob ich das jetzt wirklich will, oder ob ich das tue, weil der Andere das möchte. Es fängt schnell an sich alles zu drehen in meinem Kopf..

4. Gibt es ein Thema, über das du besonders gerne sprechen möchtest?

Ich würde mir und Anderen gerne sagen, dass sie nie etwas tun sollten worüber sie sich nicht sicher sind. Jemandem gefallen ist dermaßen unwichtig, im Hinblick darauf, selbst in den Spiegel schauen zu können und zu sagen: Egal wie alt ich bin, egal was der Andere denkt, ich habe das getan, wofür ich bereit bin. Wer das nicht akzeptiert, der muss gehen. Denn ich bin der wichtigste Mensch in meinem Leben!

5. Welche Wörter/was für eine Sprache benutzt du, wenn du über Sexualität sprichst?

Das ist ganz unterschiedlich. Teilweise gehe ich das Thema recht kindisch an und sage „schnakseln“. Manchmal kann ich aber auch offen und erwachsen darüber reden. Allerdings fällt es mir schwer, die Geschlechtsteile zu benennen und ich falle in einen kindischen Ton. Penis und Vagina… Ohje… keine Ahnung, ob ich das ohne komischen Ton oder kichern je sagen kann. Meine Eltern und ich führten nie Gespräche über Aufklärung oä., ich denke es hat damit zu tun.

6. Wie empfindest du das gesellschaftliche Bild von Sexualität?

Ich kann mich dieses Bild absolut nicht einfügen. Das liegt unter einem daran, dass ich Traumata durch meinen Onkel oder Partner erlitt, Menschen die mir sehr nah standen. Ich kann langfristig keine sexuelle Beziehung führen, weil ich mich schnell unter Druck gesetzt fühle und mich einhergehend damit, als unzureichend wahrnehme, weil ich scheinbar die sexuellen Wünsche bzw. die Häufigkeit meines Partners nicht erfüllen kann. Durch die sexuellen Verletzungen fällt es mir sehr schwer emotionale Bindung aufzubauen.

Gesellschaftlich gesehen würden mich wohl einige als „Schlampe“ bezeichnen. Ich würde sagen, dass ich es nicht anders gelernt habe und es nicht anders kann. Nicht, weil ich „geil bin“ auf alles und jeden… aber das sieht man eben nicht… sondern, weil ich nie lange in einer Beziehung bleiben kann, mich aber sehr sehne nach Nähe und Verstandenheit, dass ich schnell Gefühle habe und jemanden schnell ins Herz aufnehme, aber genauso schnell die Angst kommt und ich weg renne.

7. Empfindest du Druck, wenn es um das Thema Sex geht?

Es ist gerade im letzten Jahr besser geworden mit dem Druck. Durch Therapie lerne ich besser auf mich und meinen Körper zu hören. Noch vor wenigen Jahren habe ich in der damaligen Beziehung meinen sexsüchtigen Freund einfach machen lassen, aus Angst ihn zu verlieren. Während des Sex habe ich oft dissoziiert, ich war einfach nicht anwesend. Im Vergleich zu meinem letzten Freund hat sich extrem viel in meiner Haltung zu mir, Selbstliebe und dem Umgang mit Sex getan. Ich will nicht mehr gefallen, mache nicht mit, was ich nicht will und vor allem spüre ich vorher, wenn es in Richtung Dissotiation geht. Ich sage, ich kann nicht, bevor meine Arme und Beine anfangen taub zu werden, bevor mein Kopf sich ausklinkt.

8. Was macht dir Spaß/Freude beim Thema Sex? 

Zur Zeit habe ich keinen Sex und es fällt mir schwer diese Frage passend zu beantworten. Früher hatte ich auch Sex, der mir Spaß machte. Ich mochte es etwas härter und passiv, gelegentlich aber auch dominat. Mittlerweile hab ich eine Ahnung woran das lag… Jetzt glaube ich, brauche ich viel Zeit, eine solide emotionale Verbindung und die absolute Kontrolle darüber, was passiert. Vielleicht wird sich das irgendwann ändern. Ich glaube auch, dass ich dazu die Männer los lassen muss und wünsche mir eine Frau kennen zu lernen, mit der ich auf einer Wellenlänge bin.

9. Sprichst du mit anderen Leuten über Sexualität?

Es gibt wenige, die wissen was mir passierte. Ich würde gern mehr über Sex reden, aber ich schäme mich und weiß nicht genau mit wem ich reden kann und mit wem nicht. Ich fühle mich oft naiv im Vertrauen mit anderen Menschen und rede lieber nicht, als zu merken zu viel gesprochen zu haben.

10. Gibt es noch etwas, das du erzählen/teilen willst?

Gerade merke ich, wie Tränen in mir aufsteigen und Wut. Ich wünschte, mein Umfeld oder allgemein die Menschen würden verstehen und weniger urteilen. Aber jeder sitzt in seiner Blase und redet das, was er/sie selbst hören will, was in sein/ihr Weltbild passt. Ich hab aufgehört zu reden und beobachte, höre zu. Die Voreingenommenheit von meinen Gesprächspartnern und Menschen, die ich treffe, macht mich häufig fassungslos und wütend und schrecklich einsam.

Ich bin vor wenigen Monaten hunderte Kilometer umgezogen, um mich wieder zu erden, um mich kennen zu lernen. Neue Menschen in mein Leben zu lassen ist noch ein Prozess, der hoffentlich irgendwann abgeschlossen sein wird und ich wünsche mir, frei zu sein von diesen Erinnerungen.

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