Why is there no anger?

Wut (auch lateinisch Furor ‚Raserei, Leidenschaft, Wahnsinn‘ oder französisch Rage [ʀaʒ] ‚Raserei, Zorn, Toben‘) ist eine sehr heftige Emotion und häufig eine impulsive und aggressive Reaktion (Affekt), die durch eine als unangenehm empfundene Situation oder Bemerkung, z. B. eine Kränkung, ausgelöst worden ist. Wut ist heftiger als der Ärger und schwerer zu beherrschen als der Zorn. (Wikipedia)

Wut ist das mir fremdeste Gefühl. Und ich fühle eine ganze Menge. Den ganzen Tag. Und die ganze Nacht. Selbst in meinen Träumen habe ich Angst, bin ich traurig oder verwirrt. Ich fühle so viel, dass mir Leute sagen, es wäre viel zu viel. Aber Wut fühle ich nie. Ich erinnere mich vielleicht an fünf Situationen, in denen ich richtig wütend war. Einmal, mit 17, als meine beste Freund*in mit ihrem Freund Schluss machte und sich nicht traute, ihm zu sagen, dass sie ihn einfach nicht so gern hatte und deshalb behauptete, ich sei in ihn verliebt. Whaat? Einmal als ein Wutbürger mich fast absichtlich mit dem Auto umgefahren hat, weil ich auf der Straße lief- er hatte kein Problem damit, seinen Ärger rauszulassen- und ein paar Mal, als mich jemand wirklich verletzt oder schlecht behandelt hat.  Aber ehrlich gesagt, macht mich das meistens gar nicht wütend, sondern traurig. Ist jemand gemein zu mir, fange ich an zu weinen, denn irgendwie denke ich, dass ich selbst Schuld an der Situation bin. Ärger gestehe ich mir gar nicht zu. Sobald ich Wut äußere, denke ich, dass ich doch gar keinen Grund für meine Wut habe. Dass ich damit zu viel Raum einnehme. Dabei habe ich eine ganze Menge Gründe, wütend zu sein. Alle, die schon mal Cis-Männer gedatet haben, haben eine ganze Menge Gründe, wütend zu sein- glaubt mir. Aber auch über Sexismus hinaus, gibt es eine Menge Menschen, die unfair behandelt werden. Es gibt Gewalt, Rassismus, die AFD, die Identitären, alle Arten des Shamings, die man sich nur denken kann, Armut, Hunger, Jens Spahn usw. usw. usw. usw. usw. usw. usw. … Warum kann ich diese Wut nicht raus lassen? Manchmal wünschte ich mir einen Ort, an dem ich schreien und toben kann, ohne dass mich alle für verrückt halten und ohne, dass ich tatsächlich jemanden schlagen oder anschreien muss. In Peking gibt es Wuträume- vielleicht will ich sowas auch. Denn für Menschen im Allgemeinen ist es  schwer, einen Ort für ihre Wut zu finden. Besonders aber für Frauen*.

Als ich diesen Bericht hörte https://www.deutschlandfunkkultur.de/genderforschung-die-wut-der-frauen.976.de.html?dram:article_id=440383, habe ich darüber ein wenig mehr nachgedacht.  Vielleicht bin ich gar kein Einzelfall und habe einen Überschuss an Trauer? Vielleicht lasse ich Wut einfach nur nie zu? Und wie auch? Jede Emotion, die nicht Freude o.ä., also positiv besetzt ist, wird bei Frauen* negativ gewertet. Egal ob weinen oder wütend die Stimme erheben, alles wird als unglaublich überzogener Ausdruck gewertet, der die andere Person (meistens cis-männlich) Erdrückt. So kenne ich es aus vielen Situationen (sei es in Hetero-Beziehungen, Freundeskreisen oder WGs), dass eine Frau* während eines Streits weint oder sauer wird und dann gesagt wird „na siehst du, ich bespreche nie Dinge mit dir, weil du dann ja immer ausrastest und die emotionale Hölle losbricht?“ Ehm, wie bitte? Ist es jetzt meine Schuld, dass du nie über Gefühle reden kannst und sie mir dann irgendwann sauer und gemein an den Kopf knallst? Soll ich dann Care-Arbeit machen und mich zurück halten, damit du bloß nicht von meinen Gefühlen eingeschüchtert bist? Hell no! Und versteht das nicht falsch, ich würde jedes konstruktive Gespräch über Probleme einem Streit mit Tränen oder Wut vorziehen, aber dann muss die andere Person da auch mitmachen und Verantwortung übernehmen- sich nicht blöd verhalten und dann noch Verständnis und bloß klein Gefühl dazu einfordern. Es ist doch so, dass man als Frau* nichts richtig machen kann. Ist man traurig, ist das falsch. Ist man wütend, ist das falsch. Ist man emotional unbeteiligt, ist man kalt. Frau* soll ja doch immer irgendwie mitfühlen. Da denkt man sich doch, hä? Was soll ich denn jetzt machen? Wut wird nur Männern zugestanden. Wütende Sportler oder Politiker sind häufig Vorbilder (was auch ziemlich problematisch ist)- Frauen* können das vergessen. Sie sind hysterisch. Frauen* müssen freundlich und sachlich sein, sonst werden sie nicht ernst genommen.

Leider ist es für mich auch nicht die Lösung immer wütend zu sein. Denn Wut kann auch ganz schön schlimm sein. Wenn der Freund meiner Mutter wütend auf mich war, war das furchterregend. Und auch, wenn ich kein Mann bin, will ich nicht so sein. Ich will keine Kinder anschreien und auch nicht meine Freund*innen. Die sind ja auch irgendwie zu Recht darin überfordert, wenn ich sie mal anschreie. Wut ist nicht schön. Aber wichtig ist sie irgendwie doch. Gerade für Frauen*- denn sie befreit. Sie ist (häufig) gerechtfertigt und sie kann stark machen. Wut kann allerdings auch lähmen und Menschen noch weiter voneinander entfernen. Wie also umgehen mit der Wut?

Zuerst einmal sollten wir uns ihrer gesellschaftlichen Bewertung und Dimension bewusst werden. Uns fragen, warum wir Wut ablehnen? Ist es, weil ich die Wut der anderen Person nicht gerechtfertigt finde (was ja stimmen kann) oder weil ich sie aufgrund von Geschlecht/sidentität etc. der anderen Person nicht gerechtfertigt finde? Weil ich selbst vielleicht nicht gelernt habe, Emotionen rauszulassen? Auch finde ich es wichtig darüber nachzudenken, wie ich Räume für Wut finden kann. Auch wenn es vielleicht albern klingt: Ich übe manchmal meine Wut. Ich versuche in Streits oder bei Verletzungen auf meine Wut zu hören. Nicht so, dass sie mich übermannt und ich unfair oder aggressiv werde, aber ich versuche, meine Wut kennenzulernen. Manchmal boxe oder rangel ich mit einem Freund. Versuche ganz bewusst zu spüren, was Wut so ist, denn wie gesagt, meine Wut und ich kennen sich gar nicht mal so gut. Zudem versuche ich mich nicht mehr für meine Wut zu schämen und dann wieder traurig zu werden, weil ich wütend war, sondern meine Wut anzunehmen und sie mir zuzugestehen. Mich nicht darin klein machen zu lassen. Zudem versuche ich aber auch, einen Endpunkt meiner Wut zu finden, indem ich dann wieder die andere Position verstehe oder (es sei denn, da gibt es nichts zu verstehen) wieder zu mir zu finde, denn Wut kann schnell zu Hass werden und darauf habe ich auch wiederum keine Lust. Weiter versuche ich anderen Frauen* ihre Wut zuzugestehen und diese anzunehmen, anstatt direkt in Abwehrhaltung zu gehen.

Klar, das ist alles immer von Situation zu Situation unterschiedlich und zudem sollten wir uns nicht als Einzelkämpfer*innen mit unseren Emotionen oder gesellschaftlichen Veränderungen fühlen. Wir brauchen generell mehr Platz und Anerkennung von Emotionen. Denn wenn man sie akzeptiert und sie nicht die absolute Kontrolle gewinnen, sind sie auch nicht mehr so einschüchternd, sondern werden irgendwann normal und ok. Befreiend vielleicht. Und auch Wut kann sehr befreiend sein.

 

 

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