Sex Talk No. 2

Nun ist es soweit. Endlich kann ich einige der Interviews veröffentlichen. Da ich alle für sich sprechen lassen will, gibt es gar kein großes Intro. Ich habe ggf. einige Begriffe unten Erklärt (diese sind mit * markiert – hach, so viele Sternchen- verwirrend 😉 ) . Viel Spaß beim Lesen und danke danke danke an alle Beteiligten. Vor allem für euer Vertrauen 🙂 Let`s talk about sex, baby.

P.S.: Die anderen Interviews folgen bald.

1. Möchtest du kurz etwas zu dir sagen? 

Katharina: Ich bin 25 Jahre alt, Studentin in Wien, verwende die Pronomen „sie“/“ihr“ und bezeichne mich selbst gern als queer (seltener auch als lesbisch, gay) und femme*.

Natalie: Mein Name ist Natalie. Ich bin 30 Jahre alt. Ich bin als Frau geboren und sozialisiert (afab)*, aber definiere mich als non-binary. Meine Pronomen sind im Englischen „They/Them“, im deutschen kann ich mich mit dem non-binary Pronomen „sier“ nicht anfreunden. Daher heißt es im Schriftdeutschen „sie*/ihr*“ (das mit dem Sternchen…). Ich habe mich lange als bisexuell gesehen, merke aber immer mehr, ich und Cis-Männer, das passt einfach nicht. Was ich nun genau bin – ob lesbisch oder homoflexibel – das weiß ich nicht genau. Und habe auch aufgehört, darüber nachzudenken und anstatt dessen einfach zu leben und zu lieben, ohne Restriktionen. Generell versuche ich mich nicht mehr einzuschränken. Ich arbeite als Model und genieße es, meinen Körper dadurch immer wieder neu zu entdecken. Dabei bin ich Mensch und geschlechtslos. Mein Körper ist mein Objekt. Ich suche danach Zustände zu erreichen, in denen ich über mich hinaus wachse und geschlechtslos werde – und vielleicht sogar einen Teil meiner Menschsseins zurücklasse.

Sabrina: Ich bin 29 Jahre alt, Rechtsanwältin, in einer festen Beziehung, bin weiblich und würde mich als heterosexuell beschreiben.

2. Was bedeutet Sex für dich? Was ist Sex?

Katharina: Sex ist für mich alles, was sich nach Sex anfühlt und konsensuell geschieht. Das kann Sex mit mir selbst, mit einer oder mehreren Personen sein, kann Penetration beinhalten, muss es aber nicht, kann zum Orgasmus führen, muss es aber nicht. Es geht letztlich darum den eigenen und/oder fremde Körper zu erkunden, sich wertzuschätzen, zu experimentieren, zu lernen sich gut zu fühlen in der eigenen Haut, anderen Personen ein gutes Gefühl zu geben, um Geborgenheit, Anerkennung, die Entfaltung von Lust, Stillen von Begierde und Trieben, manchmal auch darum Liebe auszudrücken.

Natalie: Sex ist für mich immer unwichtiger. Zumindest das, was die Mehrheit unter Sex versteht. Sex kann zwei Menschen verbinden, aber viel zu oft schafft er Distanz. Man kann sich lösen von seiner Gefühlswelt und sich alleine auf die körperlichen Zustände konzentrieren. Mir wird es immer wichtiger, meine*n Partner*in zu kennen und Intimität aufzubauen. Und bereits das ist doch schon eigentlich Sex: sich in irgendeiner Form körperlich erfahren. Dazu gehören Berührungen jeglicher Art, Blicke, Küsse. Natürlich hat man das nicht mit jedem Menschen, dem man die Hand schüttelt. Es muss in einer bestimmten Situation erfolgen, in der man zu zweit ist und sich aufeinander einlassen möchte. Für mich braucht es aber keine Penetration, damit ich ein volles Erlebnis habe.

Sabrina: Aus meinem heutigen Verständnis heraus bedeutet Sex für mich, einer Person, die ich liebe, körperlich nah zu sein. Damit meine ich nicht ausschließlich Geschlechtsverkehr oder Oralverkehr. Vielmehr gehören für mich alle Handlungen dazu, sobald sie eine sexuelle Erregung bewirken, sprich auch intensives Küssen, Kuscheln oder Streicheln können Sex im Sinne dieser Definition von Sex sein.

3. Welche Emotionen verbindest du mit Sexualität?

Katharina: Positive sowie negative. Das was schön ist an Sex und Sexualität, kann so wunderbar sein, dass es einem die Sprache verschlägt vor Nervosität, Begeisterung, Lust, Freude, Verliebtheit usw. Leider kann Sex aber auch zu Unbehagen und Stress führen, wenn sich eins selbst unter Druck setzt oder durch andere unter Druck gesetzt wird.

Natalie: Leider habe ich damit viel zu lange Distanz verbunden. Distanz zum anderen. Mittlerweile suche ich nach den Menschen, die Nähe und Liebe empfinden wollen. Intimität ist das, was ich mir erhoffe.

Sabrina: Da bin ich etwas zwiegespalten. Sofern ich in die Vergangenheit blicke, verbinde ich mit Sex viele negative Emotionen. Zu nennen wären da etwa folgende Adjektive: angespannt, ängstlich, bedrängt, gehemmt, herabgewürdigt, hilflos, lustlos, misstrauisch, niedergeschlagen, ruhelos, selbstkritisch, sorgenvoll, unsicher, überfordert, unbehaglich, unzufrieden, verlegen, verletzt, verzweifelt, wütend, hoffnungslos, frustriert, leer, ohnmächtig, ratlos. 

Sofern ich die Gegenwart betrachte, verbinde ich mit Sex positive Emotionen. Ich möchte auch hier passende Adjektive auflisten: geborgen, ausgeglichen, unbekümmert, berührt, glücklich, entspannt, befriedigt, euphorisch, lebhaft, sorglos, verstanden, vollwertig, zufrieden.

4. Gibt es ein Thema, über das du besonders gerne sprechen möchtest?

Katharina: Da gibt es viele verschiedene, aber gerade innerhalb der queeren Szene, finde ich es wichtig darauf hinzuweisen, dass auch hier Konsens an oberster Stelle stehen muss. Auch queere Menschen sind sexistisch, überschreiten Grenzen, missachten Konsens usw. Zudem gibt es viel zu wenig Informationen über Verhütung bei queerem Sex. Den Ärzt_innen mangelt es hier oft an Fachwissen. Zum Beispiel wird kaum über Verhütung bei lesbischem Sex gesprochen, obwohl beim Oralverkehr Krankheiten Hepatitis B übertragen werden können. Zum Schutz dagegen sollten Lecktücher verwendet werden. 

Natalie: Ich finde, dass Sex in der breiten Masse zu sehr aus der cis-männlichen Perspektive besprochen wird. Mir fehlen Themen wie gleichgeschlechtlicher Sex, Geschlechtskrankheiten, Sex als eigenständige Lust der Frau* – und Sex von und mit Menschen, die sich als nicht cis identifizieren.

5. Welche Wörter/was für eine Sprache benutzt du, wenn du über Sexualität sprichst?

Katharina: Eine eher Sachliche. Ich finde vulgäre Ausdrücke im Bett gut, außerhalb jedoch spreche ich über Sex am liebsten neutral bzw. beschreibend.

Natalie: Ich glaube, dass ich selber noch ziemlich tollpatschig bin, was das alles angeht. Viele Wörter, die wir kennen, haben eine starke soziale Prägung: Vagina und Penis klingt medizinisch und ist zudem falsch (bezogen auf das Wort Vagina). Muschi und Pimmel klingt wie ein dreijähriges Kind, das über Sex reden möchte. Fotze und Schwanz sind beleidigend. Am Ende bleibt es bei Fragen wie „darf ich dich da berühren“ oder „gefällt dir das“. Eine Kombi aus Wort und Berührung. Gerne würde ich mir eine eigene Sprache ausdenken.

Sabrina: Früher habe ich immer nur die „Standardfloskeln“ genutzt und so wenig wie möglich über Sex gesprochen. Insbesondere über mein Sexualleben wollte ich nichts preisgeben. Vielmehr wollte ich den Anschein aufrechterhalten, dass alles gut sei.

Heutzutage spreche ich über Sex wie über jedes andere Thema auch, nämlich unbefangen und frei heraus. Ich mag keine Umschreibungen, sondern nenne lieber alles beim Namen. Umschreibungen wirken für mich als würde man über ein schambelastetes Thema sprechen und so soll es definitiv nicht sein.

Wie empfindest du das gesellschaftliche Bild von Sexualität?

Katharina: Sehr (hetero-)normativ und patriarchal. Da noch immer Frauen die Lust abgesprochen wird bzw. sie als Lustobjekte betrachtet werden. Der Mann in der aktiven und die Frau in der passiven Rolle wird immer wiederholt, obwohl es einfach nicht stimmt. Von Geschlechtern außerhalb der Binarität bzw. der Konstruktion von Gender mal ganz zu schweigen! Zudem wird Sexualität noch immer oft tabuisiert. Totaler Quatsch, wo es doch wirklich jede Person betrifft! 

Natalie: Wie bereits in Frage 3 gesagt: Sex gehört dem Mann. Immer noch. Sex und Erregung müssen immer auf den Cis-Mann zentriert sein. Andere Formen von Sex scheinen eigentlich nicht zu existieren. Es passiert mir so oft, dass meine Sexualität nicht ernst genommen wird. Ich bin im Club, küsse eine Frau. Wir werden belagert von einer Horde von Männern, die sich am liebsten einen runterholen würden. Wenn ich sage, dass ich lesbisch bin, dann werde ich noch mehr belagert. An dem Thema sieht man, wie rückständig unsere Gesellschaft in der feministischen Debatte noch ist. Frauen gehören sich nicht selbst. Frauen gehören dem Mann. Mit Sex hat der Mann Macht über die Frau. Dies liegt daran, dass das ein Feld ist, das immer noch völlig tabuisiert ist. Wir reden über einander anstatt miteinander. Schön ist allerdings, dass es besonders hier in Berlin eine breite Kinkszene gibt. Das, was vor einigen Jahren noch als „eklig“ und „pervers“ abgetan wurde, scheint langsam Normalität zu werden.

Sabrina: Ich empfinde das gesellschaftliche Bild von Sexualität als sehr einseitig als auch eintönig. Einseitig, da Sexualität oftmals nur aus dem Blickwinkel der Männerwelt dargestellt wird. Meiner Wahrnehmung nach geht es noch immer viel zu häufig darum, was Männern gefällt und was eine Frau so haben/machen/können muss. Eintönig, da mit Sexualität häufig nur der Geschlechtsverkehr zwischen Mann und Frau, der ohne jegliche Probleme stattfindet,  gemeint ist. Dabei gibt es noch diverse andere sexuelle Handlungen, außerdem können diese auch allein, in Gruppen, in homosexuellen Beziehungen als auch unter Beteiligung diverser Geschlechtsidentitäten stattfinden. Außerdem „funktioniert“ Sex nicht immer und das muss er auch gar nicht.

6. Empfindest du Druck, wenn es um das Thema Sex geht?

Katharina: Vor allem beim Dating, ja. Wann ist der richtige Zeitpunkt? Will ich das gerade wirklich oder traue ich mich nicht „Nein“ zu sagen oder will der anderen Person einen Gefallen tun oder sie nicht verärgern/ traurig machen? Ich habe noch oft Probleme meine Grenzen zu ziehen und versuche deshalb immer sehr auf meine innere Stimme zu hören. Aber auch im Gespräch über Sex habe ich teilweise Angst verurteilt zu werden. Zu viele Sexualpartner_innen oder zu wenige? Ich weiß, dass es das eigentlich nicht gibt und es nichts aussagt über mich. Dennoch habe ich da vieles aus unserer Gesellschaft internalisiert. 

Natalie: Ja. Andauernd. Besonders nicht gut zu sein darin. Ausgelacht zu werden. Dass mein Körper nicht „schön genug“ ist. Dass ich zu viel Sex habe. Dass ich zu wenig Sex habe.

Sabrina: Überhaupt nicht. Ich selbst mache mir keinen Druck und mein Partner macht mir auch keinen. Wenn wir beide Lust haben, schlafen wir miteinander, wenn einer keine Lust hat, dann nicht. Auch gibt es beim Sex keinen Druck. Ich würde behaupten, dass keiner vom anderen irgendetwas erwartet, insbesondere nicht, dass der Sex unbedingt zum Höhepunkt führen muss. Insofern ist unser Sexualleben sehr entspannt und damit sehr erfüllt.

7. Was macht dir Spaß/Freude beim Thema Sex? 

Katharina: Sex ist einfach wunderbar und befreiend wenn die Lust da ist, sich eins fallen lassen und genießen kann und die Kommunikation mit der_dem Sexualpartner_in gut ist. Das Thema ist einfach aufregend, spannend und es macht Spaß sich darüber auszutauschen, Erfahrungswerte zu sammeln, Dinge auszuprobieren, zu lernen sich selbst so vor einer anderen Person zu öffnen. Das erfordert Mut und Übung und bringt im besten Fall sehr viel Freude mit sich. 

Natalie: Wenn man jemanden gefunden hat, mit dem*der man eine gemeinsame Sprache entwickeln kann. Dem*der man vertraut, dann kann es eine tolle Reise sein. Zudem fühlt es sich dann an als wäre man auf einer Expedition und erforscht unentdecktes Land. Toll.

Sabrina: Für mich ist es viel wert, dass ich in diesem Moment meistens alles um mich herum ausschalten kann. Ich denke dann nicht darüber nach, welche Probleme mich gerade umtreiben, was ich noch zu arbeiten habe oder woran ich unbedingt noch denken muss. Außerdem fühle ich mich dabei gut, fühle mich geliebt, kann Liebe geben und bin glücklich. Die Zeit ist also unbeschwert und emotional sehr intensiv.

8. Sprichst du mit anderen Leuten über Sexualität?

Katharina: Ja, sehr gern und viel! Die Tabus müssen endlich beendet werden.

Natalie: Nur mit einer Freundin, die sich neulich als asexuell* geoutet hat. Ansonsten sind es diese „hihihi-hohoho“-Kommentare, aber dass jemand mal wirklich ehrlich ist, kommt nicht vor.

Sabrina: Ja, ziemlich offen. Ich möchte meinem Umfeld aufgrund meiner Vergangenheit vermitteln, dass Sexualität etwas Positives sein sollte. Sofern Menschen in meinem Umfeld sind, die Sexualität tabuisieren, nicht darüber sprechen oder gar Gewalt erfahren, hoffe ich, dass sie dadurch erkennen, dass das definitiv nicht so sein soll. Ich hoffe auch, dass sie Veränderung schaffen, sich mir ggf. anvertrauen oder sich Hilfe suchen.

9. Gibt es noch etwas, das du erzählen/teilen willst?

Natalie: Ich denke, dass für mich Sex in den letzten Monaten ein schwieriges Thema war. Ich habe meinen Körper plötzlich auf eine neue Art erfahren und gesehen. Und ich wollte nicht, dass mich jemand anfasst. Ich wollte nur mir gehören. Ich weiß, dass das kein Dauerzustand ist. Vor allem, weil ich ein sehr sinnlicher Mensch bin. Ich freue mich, dass ich mich so langsam dem Thema wieder nähern kann. Vielen Dank.

Sabrina: Mir ist es wichtig, dass ich Menschen, deren (erster) sexueller Kontakt leider auch eine negative Erfahrung war/ist, mit auf den Weg geben kann, dass dieser Zustand nicht für immer währt. Ich dachte viele Jahre, dass mein Körper nicht richtig „funktioniere“, ich mit den dabei empfundenen Schmerzen leben müsste und beim Sex mit einer anderen Person niemals Spaß haben könnte. Rückblickend weiß ich jedoch, dass es einfach der falsche Partner war. Er war nicht sensibel, hat mir nicht zugehört, meinen Körper überhaupt nicht kennenlernen sondern nur benutzen wollen und mich letztlich mundtot gemacht. Alles kann gut werden, wenn man zu sich findet und solch rücksichtslose Menschen fernhält. Außerdem ist es mir wichtig, dass es endlich klar wird, dass nichts und niemand beim Sex funktionieren muss. Wenn es nicht klappt, so what? Wenn ihr mittendrin abbrecht, so what? Wenn ihr mal eine Zeit lang gar keine Lust habt, so what?

Erklärungen:

*Femme = Als Femme bezeichnen sich manche queere und lesbische Frauen (trans* oder cis) die meistens sehr weiblich wirken, also zum Beispiel lange Haare haben oder sehr weibliche Kleidung tragen. (www.rainbowfeelings.de)

*afab = „assigned female at birth“, also „bei Geburt weiblich zugewiesen“

*asexuell = Asexuelle Menschen sind Menschen, die kein bzw. wenig Verlangen nach sexueller Aktivität mit anderen Menschen haben. Sie können trotzdem emotionale und/oder romantische Beziehungen eingehen. (https://queer-lexikon.net/doku.php?id=desire:asexualitaet)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s