Sex Talk! No. 1

Letztens habe ich mich mit einer Freund*in über Sex unterhalten und ich meinte, dass ich es wichtig fände, mehr über Sex zu sprechen. Sie widersprach und meinte, dass Sex eh schon überall ist und sie die Schnauze voll davon habe. Eine andere Freund*in redet gerne über Sex, hat aber selbst nicht gern welchen. Eine andere meint, dass wirklicher Sex nie besprochen wird, sondern nur alles oberflächlich sexualisiert wird. Ein Freund sagt, dass Penetration immer nur absolut einseitig gezeigt wird, nur rein und raus. Kein rechts, links, oben, unten- keine kleinen Bewegungen. Ein Paar, dass ich kenne, hat in 6 Jahren Beziehung noch nie über Sex gesprochen. Ein anderes hat gerade mit vielen verschiedenen Leuten Sex. Gemeinsam oder alleine. Und dann kenne ich wieder jemanden, der seit 3 Jahren keinen Sex mehr hatte. Aber ehrlich gesagt, so viel weiß ich von den meisten Menschen, auch wenn sie mir nahestehen, auch wieder nicht, wenn es um ihr Sexualleben geht. Denn so richtig entspannt darüber reden, fällt vielen doch gar nicht so leicht. Manchmal finde ich das auch ganz ok. Sex geht mir manchmal ziemlich auf die Nerven. Bzw. eigentlich nicht Sex, sondern das gesellschaftliche Bild von Sex.

Letztens meinte dann auch wieder jemand zu mir, dass er gar nicht mehr über seine Sexualität nachdenken will, weil das noch eine Tür wäre, die man in seinem eh schon komplizierten Leben öffnen muss und es sich damit auch noch kaputt macht, weil man sieht, wie viel Sexismus und problematische Strukturen da schon wieder drin stecken und dass man dann eigentlich gar keinen Sex mehr haben kann, zumindest keinen hetero Sex, dass man es aber trotzdem machen muss, also dass nachdenken und … argh. Ja. So geht es mir auch manchmal. Am liebsten würde ich Sex manchmal ausblenden, da er so schnell übergriffig werden kann, so schnell instrumentell und der Druck, viel Sex zu haben, omnipräsent ist. Oder? Ich habe das zumindest oft so empfunden. Schon als Teenie gab es in der Bravo Tipps, wie man wann am besten was machen sollte und wie es noch besser und erfüllender wird. Worauf Jungs so stehen. Und dass man auf Jungs* steht und sie besser auch auf einen stehen sollten, war ja eh klar. Ich hatte schon den Druck einen „Schwarm“ zu haben und diesem irgendwie aufzufallen, bevor mir überhaupt Brüste wuchsen oder ich verstand, wozu dieser „Schwarm“ da sein sollte. Als ich dann älter wurde, hatten Freund*innen eher so Frauenzeitschriften, die einem sagten, wie man „den Mann“ am besten erfreut. Nicht sich selbst. Oder eine Frau*. Oder einen Menschen. Denn Sex ist immer heteronormativ- und meist auf Männer ausgerichtet. Oder auf ein Bild von männlicher Sexualität.

Sex muss in diesen Zeitschriften immer irgendwie abwechslungsreich sein. Aber auch nicht zu ausgefallen. Vielleicht Strapse oder Eiswürfel. Höchstens eine Gerte. Und schön schlank. Und vollbusig. Und sowas, keine Ahnung. Aber auf jeden Fall hetero und irgendwie normal bitte. Nicht langweilig und immer schön viel davon, aber doch gewöhnlich genug, um nicht komisch oder zu intim zu werden. Und wenn es um Praktiken geht, wird uns vor allem von einer Norm erzählt: Penetration- Alles andere ist Petting (Hey, Bravo, schon wieder.) Oder Oralverkehr, also doch was anderes. Sex kann nur zwischen (Cis)Mann und (Cis)Frau stattfinden- oder zwischen Mann und mehreren Frauen. Findet Mann auch ok. Sex hatte man als Frau* auch nur, wenn ein Typ einen penetriert hat. Dann ist man endlich entjungfert, hurrah! Und Mann hatte erst Sex, wenn der Penis irgendwo drin war. Korrigiere, nicht irgendwo, sondern in einer Vagina. Das ist normal und gut so.

Nun ist es aber so, dass es beim Sex keine Norm gibt. Sex ist unglaublich unterschiedlich. Er kann mit nur einer Person stattfinden (Selbstbefriedigung ist ja auch Sex), mit einer Person ganz selten, mit einer Person ganz oft oder nur manchmal. Mit unterschiedlichen Einzelpersonen oder mit zweien oder vielen. Dabei können die Menschen nicht nur männlich* und weiblich* sein, sondern auch sehr sehr unterschiedlich. Und es kann so viel mehr oder weniger als Penetration geben. Bei zwei Männern* kann es zum Beispiel gar keine geben und bei zwei Frauen* durchaus.

A penis is never ever necessary!!!

Zudem gibt es Menschen, die gerne viel ausprobieren und manche, die eigentlich gar nicht so viel ausprobieren, die viel Sex haben oder wenig oder gar keinen- und das ist alles völlig okay. Ihr denkt jetzt vielleicht, hä ist doch klar. Nichts neues, Gurl. Aber warum haben wir dann alle noch so viel Druck, wenn es um Sex geht? So viele Menschen, die ich kenne (mich eingeschlossen), wissen, dass es keine Norm gibt und trotzdem sind sie so oft unsicher. Fragen sich, ob sie „schlecht“ beim Sex sind, nicht sexy (ich habe übrigens noch nie verstanden, was das Wort eigentlich genau heißen soll), irgendwie nicht normal, zu verklemmt, zu offen, zu prüde, zu lustvoll, zu langweilig, zu seltsam, zu viel, zu wenig zu zu irgendwas sind. Wie in vielen anderen Lebensbereichen, finden wir uns auch hier nicht ok. Zudem trauen wir uns häufig nicht, von unserem Sex zu erzählen oder andere nach ihrem zu fragen. Setzen wir uns wirklich mit den Gefühlen auseinander, die wir beim Sex haben? Denken wir wirklich darüber nach, warum wir was toll finden, warum sich manches scheiße anfühlt? Warum wir Scham empfinden? Warum uns Intimität manchmal unangenehm ist? Warum uns manches anturnt, obwohl es uns irritiert? Warum wir manches machen, obwohl es sich für uns nicht richtig anfühlt? Warum wir mit vielen schlafen, obwohl es sich gar nicht so toll anfühlt oder mit niemanden, obwohl wir mit vielen schlafen wollen? Wollen wir wirklich hin sehen oder sind wir, oh Graus, vielleicht gar nicht so offen, wie wir denken? Ich für meinen Teil kratze vieles davon jedenfalls nur oberflächlich an. Hmpf.

Ein Grund, warum ich denke, dass es wichtig ist, über Sex zu sprechen, ist zu wissen, dass unsere Bedürfnisse (sind sie nicht schadhaft für andere und in Absprache, mit Partner*innen, die einwilligen und dies auch können) absolut okay sind. Dass wir keinem Idealbild entsprechen müssen. Dass wir keine Schlampen sind, wenn wir Sex ganz geil finden und keine prüden Langweiler, wenn uns Sex einfach unwichtig ist. Keine Perversen, wenn wir gerne in Darkrooms gehen. Dass es noch viel mehr „Löcher“ gibt, als die Vagina. Dass Fetische vielleicht gar keine Fetische sind und wir herausfinden können, was wir toll finden und mit wem und wie vielen. Oder wenigen. Dass Sex alles ist. Lecken, kuscheln, saugen, knabbern, reiben, berühren, massieren, drücken, küssen- und so. Nicht nur penetrieren. Wie gesagt.

Über Sex sprechen, kann also empowernd sein. Man lernt etwas über sich und über andere. Weiter finde ich es wichtig über Sex zu sprechen, um zu lernen, was eigentlich ok ist und was nicht. Ich war schon oft in Situationen, in denen ich jetzt sagen würde: „Du bist ein sexistisches Arschloch, wenn du dies oder jenes sagst/willst.“ Damals war ich aber oft unsicher und wusste nicht, was von mir erwartet wird oder was man so tun muss und was nicht. Heute weiß ich: Man muss nichts tun und was erwartet wird, ist scheiß egal. Ich bin niemanden zu irgendwas verpflichtet. Vor allem nicht und wirklich niemals sexuell! Ich kann und muss niemandem alle wünsche erfüllen, nicht in einer Beziehung und auch sonst nirgendwo. Ich kann darüber sprechen und sehen, wie man zusammen kommen kann, was Spaß macht und was nicht, aber ich überschreite nur die Grenzen, die ich überschreiten will. Ich tue es nicht, weil ich gesellschaftlichen Druck darüber spüre, wie viel und was für Sex ich haben muss oder haben darf oder nicht haben darf. Für mich war es wichtig, das zu lernen und ich wünschte, ich hätte es schon in jüngeren Jahren gelernt. Gelernt, dass Druck nicht nötig ist und ich mir Zeit lassen kann. Dass es Zeiten gibt, in denen Sexualität wichtig sein kann und Zeiten in denen sie mir irgendwie schnuppe ist. Zu lernen, dass es auch um mich geht.

Gerade, weil Sex mit so viel Druck, Klischees, Übergriffigkeiten und Sexismen belegt ist, denke ich, dass es notwendig ist, sich mit seinem Sexleben auseinanderzusetzen, auch wenn es anstrengend ist. Es ist die einzige Möglichkeit, Sexualität eventuell annähernd zu befreien. Zum Beispiel von heteronormativen Vorstellungen, damit auch endlich alle Menschen vorkommen, von allen erzählt wird, alle die Norm, alle gleichberechtigt sind. Um Menschen mit unterschiedlichen Körpern beim Sex zu sehen. Mit „imperfekten“ Körpern, mit Behinderungen, mit Krankheiten. Um Konsens sowie Spaß miteinander zu finden. Um nicht einfach irgendwas zu performen. Um zu wissen, was Sex und was sexuelle Gewalt ist. Um zu unterscheiden. Um Machtstrukturen und Übegriffe erkennen und bennenen zu können. Um wirklichen Sex irgendwo zu sehen, von ihm zu hören und nicht nur alles aus einem male gaze/ einem männlichen Blickwinkel- in jeder Werbung, in jedem Film, in jedem Buch, in jedem Porno zu sehen. Um Pick-up Artists das Maul zu stopfen. Um Flirten wieder nett finden zu können.

Klar, sollte bei diesem „darüber sprechen“ jede*r schauen, wann und wie viel besprochen wird. Scham ist nämlich auch in Ordnung. Auch hier muss Konsens herrschen. Doch um gleichberechtigt Sex zu haben, ist Auseinandersetzung und Wissen mit und über Sexualität unvermeidlich.

Um mit diesem Schritt vielleicht ein bisschen weiter zu kommen, werde ich versuchen noch mal ein paar Menschen zu interviewen, da es ein Format ist, dass mir viel Spaß macht und Dialoge ermöglicht. Falls mir jemand antwortet, findet ihr das ggf. bald hier. Cheerio 🙂

 

 

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