What is Abtreibung?

Ich war dieses Jahr auf mehreren Demos gegen §219a des deutschen Strafgesetzbuches. Dieser untersagt die Werbung für Schwangerschaftsabbrüche. Damit sind aber keine großen Kampagnen gemeint, sondern auch die Weitergabe von “Inhalten”, also Informationen über das Angebot oder den Ablauf einer Abtreibung, da “der Gesetzgeber” die Gefahr sieht, dass Ärzt*innen einen Vermögensvorteil durch Schwangerschaftsabbrüche erzielen und das ganze Thema zu locker gehandhabt wird. In dieser Zeit ist mir immer wieder aufgefallen, wie wenig ich selbst über das Thema weiß. Ich habe eine vage Vorstellung davon, dass man zur Beratungsstelle gehen müsste und dann zu eine/r Ärzt*in. Dass es Frauen*/Menschen, die schwanger sind möglichst schwer gemacht wird und dass das ganze relativ schmerzhaft sein kann, glaube ich. Mehr weiß ich aber auch nicht. Kein Wunder, ist das ganze immer noch ein großes Tabu und wenige sprechen offen darüber. Also höchste Zeit, sich das Thema mal genauer anzusehen. Um den Blickwinkel zu erweitern, habe ich verschiedene Menschen befragt. Die Antworten werde ich in einem weiteren Artikel veröffentlichen. Hier geht es zunächst um einen Überblick in Sachen Abtreibung. Die meisten Informationen habe ich aus der Broschüre „How to Abtreibung in Deutschland“, aber auch von verschiedenen Seiten im Netz, die alle am Ende des Textes verlinkt sind. (Da ich keine Expert*in bin, lasst euch im Zweifelsfall aber immer professionell beraten.)

Rechtslage

Ein Schwangerschaftsabbruch ist in Deutschland nicht erlaubt und somit strafbar.

Dies wird durch §218a StGB geregelt, ein Paragraph noch aus dem Jahre 1871 stammt und in der Zwischenzeit zwar immer wieder abgeändert wurde, im Groben aber bestehen blieb. Die heutige Formulierung lautet:

Strafgesetzbuch (StGB)

§ 218 Schwangerschaftsabbruch

(1) Wer eine Schwangerschaft abbricht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft. Handlungen, deren Wirkung vor Abschluß der Einnistung des befruchteten Eies in der Gebärmutter eintritt, gelten nicht als Schwangerschaftsabbruch im Sinne dieses Gesetzes.

(2) In besonders schweren Fällen ist die Strafe Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren. Ein besonders schwerer Fall liegt in der Regel vor, wenn der Täter

1.gegen den Willen der Schwangeren handelt oder

2.leichtfertig die Gefahr des Todes oder einer schweren Gesundheitsschädigung der Schwangeren verursacht.

(3) Begeht die Schwangere die Tat, so ist die Strafe Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder Geldstrafe

(4) Der Versuch ist strafbar. Die Schwangere wird nicht wegen Versuchs bestraft.                                                                                                                                  

Das heißt, die beteiligten Personen (Schwangere und Ärzt*in) begehen eine Straftat, wenn sie eine Schwangerschaft abbrechen. Die sogenannte Pille danach ist hier nicht gemeint, da diese verhindert, dass die Eizelle sich einnistet und somit noch keine Schwangerschaft vorliegt, also auch nicht beendet werden muss. 

Trotzdem ist es in Deutschland möglich eine Abtreibung zu bekommen. Dies ist durch §218a Abs. 1 StGB geregelt. (Falls ihr euch alle Gesetze mal in Ruhe durchlesen wollt: https://www.gesetze-im-internet.de/stgb/__218a.html) §218a bestimmt, unter welchen Bedingungen eine Schwangerschaft beendigt werden darf, bzw. wann von einer Strafe abgesehen wird:

-Eine gesetzlich vorgeschriebene Beratung muss in Anspruch genommen worden sein (z.B. bei profamilia)

-Der Abbruch kann frühestens am 4. Tag nach der Beratung stattfinden

-Der Abbruch muss von einem Arzt*/einer Ärzt*in vorgenommen werden

-Seit der Befruchtung der Eizelle/dem Beginn der Schwangerschaft dürfen nicht mehr als 12 Wochen vergangen sein (auch Schwangerschaften durch sexuelle Gewalt)

Dies gilt allerdings nicht bei einer medizinischen Indikation, das bedeutet, wenn das Leben der Gebärenden in Gefahr ist oder körperliche sowie seelische Beschwerden für diese zu erwarten sind. Das ist verständlich, aber es bedeutet auch: Wenn bei einer Pränataldiagnostik eine Behinderung oder schwere Krankheit des Kindes festgestellt wird, ist auch eine sogenannte “Spätabtreibung” bis kurz vor der Geburt straffrei. 

Das ist alles ganz schön schwer zu verdauen und einzuordnen, aber es kommt noch mehr. Schauen wir uns also die so oder so benötigte Beratung an. Die Inhalte dieser werden natürlich auch gesetzlich geregelt. §219 StGB schreibt vor, dass die Beratung ein bestimmtes Ziel haben muss. Dieses ist aber nicht, dass die* Schwangere bestmöglich unterstützt und beraten wird, sondern Ziel ist es immer, „die Frau zur Fortsetzung der Schwangerschaft zu ermutigen“ und ihr aufzuzeigen, dass „das Ungeborene in jedem Stadium der Schwangerschaft auch ihr [der Schwangeren] gegenüber ein eigenes Recht auf Leben hat“. Es kann also passieren, dass schwangeren Person ein schlechtes Gewissen eingeredet wird und Beratende an ihre Moral appellieren, auch wenn sie sich ganz sicher ist, kein Kind zu wollen. Es lohnt sich also, sich vorher über die Beratungsstellen zu informieren und herauszufinden, ob diese z.B. christlich geleitet sind.

Der Schwangerschaftsabbruch selbst darf nie von der beratenden Person vorgenommen werden. Normalerweise gibt die Beratungsstelle der Betroffenen eine Liste von Ärzt*innen, die einen Abbruch vornehmen. Dies sind allerdings auch in großen Städten häufig nur 1-2 Praxen. Stellt euch dann mal die Situation auf dem Land vor. Schauen wir uns allerdings die Situation von Kristina Hänel an, die letztes Jahr verklagt sowie verurteilt wurde, ist dies wohl kein Wunder. 

Kosten

Um noch eine weitere Hürde aufzustellen, ist es natürlich so, dass die* Schwangere die Kosten für eine Abtreibung selbst bezahlen muss. Ausnahmen sind nur medizinische oder kriminologische Indikation, also eine Schwangerschaft, die sich auf eine Sexualstraftat zurückführen lässt oder der Abbruch auf die eben beschriebenen “gesundheitlichen Faktoren”. Dabei handelt es sich aber um einen sehr kleinen Prozentsatz. Die meisten Menschen müssen die Kosten selbst tragen. Diese liegen zwischen 200-600 Euro. (Liegt die Einkommensgrenze unter ca. 1.100 Euro, kann die Krankenkasse zur Zahlung verpflichtet werden.) Es kann also sein, dass sie körperliche Selbstbestimmung schon an der  finanziellen Sitaution scheitert und Menschen, die in einer (schon rein rechtlich) belastenden Situation sind, auch noch in finanzielle Schwierigkeiten kommen. Oder sich einen Abbruch gar nicht erst leisten können. Dies ist beonders bizarr, wenn man daran denkt, wie teuer Verhütungsmittel in Deutschland sind.

Ablauf eines Schwangerschaftsabbruchs 

Aber was passiert jetzt eigentlich und welche Methoden gibt es? In meinem Kopf schwirrt meist zuerst das schreckliche Wort „Ausschabung“ herum. Dabei gilt diese Methode (eigentlich Curettage genannt) längst als überholt, da bei ihr häufig Komplikationen, wie z.B. extrem starke Blutungen oder eine Perforation, das heißt ein Durchbruch der Gebärmutter auftreten können.

Mittlerweile können Schwangere zwischen zwei Methoden wählen:

  1. Medikamentöser Schwangerschaftsabbruch 

Bei dieser Methode muss erst durch einen Ultraschall festgestellt werden, dass die Schwangerschaft wirklich im Uterus ist und nicht außerhalb ist. Bei sogenannten Eileiterschwangerschaften oder Schwangerschaften in der Bauchhöhle (sehr selten), kann das Medikament Mifepriston nicht angewendet werden.

Steht diesem allerdings nichts im Wege, wird das Medikament in einer Praxis ausgeteilt und eingenommen, quasi „unter Aufsicht“. Das Mifepriston sorgt dann dafür, dass die Wirkung des Hormons Progesteron, welches in der Schwangerschaft vermehrt ausgeschüttet wird, verhindert wird, sich das Schwangerschaftsgewebe von der Gebärmutter löst und sich die Kontraktionen/Bewegungen der Muskeln in der Gebärmutter erhöhen. Zudem bekommt die schwangere Person Prostaglandinen als weiteres Medikament. Dieses wird 36 bis 48 Stunden nach der Einnahme von Mifepriston angewendet, also bei einem zweiten Besuch in der Praxis oder Klinik. Es wird empfohlen, danach wiederum 3 Stunden „unter Aufsicht“ zu bleiben, da die Prostaglandine nun dafür sorgen, dass die Gebärmutterschleimhaut und der Embryo durch Blutungen ausgestoßen werden. Die möglichen Nebenwirkungen, wie z.B. die starken Blutungen, treten zumeist aber erst später auf. So gehen viele bereits direkt nach der Einnahme nach Hause. Gegen Übelkeit, Erbrechen und Schmerzen können Medikamente, wie u.a. Ibuprofen eingenommen werden. Generell ist es wohl gut zu wissen, dass die behandelnden Arzt*innen einen krank schreiben können, man sich also nicht zur Arbeit, in die Uni oder Schule schleppen muss.

7-21 Tage nach der letzten Medikamenteneinnahme wird ein weiterer Ultraschall durchgeführt oder die Hormonwerte überprüft. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Embryo nicht ausgestoßen wurde oder Gewebe noch anschließend entfernt werden muss, ist sehr gering und liegt bei weniger als 5%.

2. Operativer Schwangerschaftsabbruch

Entscheidet sich die* Schwangere für einen operativen Abbruch, kann eine Vollnarkose oder eine örtliche Betäubung vorgenommen werden. Da der Eingriff kurz ist und die Vollnarkose nicht tief sein muss, gilt sie zwar als sicher, wird aber nicht als Standardverfahren empfohlen, da die Rate an Komplikationen trotzdem höher ist, als bei einer Lokalanästhesie. Bei dieser wird nur eine Betäubung der Gebärmutter und des Muttermundes vorgenommen. Auf Wunsch kann in Schmerz- und Beruhigungsmittel verabreicht werden. Zudem wird häufig einige Stunden vor dem Eingriff Prostaglandin verabreicht, um den Zervix (unterer halsförmiger Teil der Gebärmutter) zu erweichen. Die Prozedur geht dann schneller. Anschließend wird der Xervix mit einer Kugelzange abgehakt und der Muttermund mit Metallstäbchen vorsichtig einige Millimeter aufgedehnt, sodass ein Saugröhrchen (dieses ist an eine Vakuumpumpe angeschlossen) eingeführt werden kann, durch das der Embryo und die Gebärmutterschleimhaut abgesaugt werden. Nach der Absaugung zieht sich die Gebärmutter mit wehenartigen Kontraktionen auf ihre ursprüngliche Größe zusammen. Direkt im Anschluss prüft die Ärzt*in, ob Schleimhaut und Embryo vollständig entfernt wurden. Das ganze dauert etwa 3-15 Minuten. Eine Nachkontrolle ist nicht nötig. Falls eine Vollnarkose vorgenommen wurde, braucht der Kreislauf einige Zeit um sich zu erholen und man sollte vielleicht abgeholt oder begleitet werden.

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Mythen zum Thema Abtreibung 

Noch immer ranken sich viele Gerüchte um das Thema Abtreibung. U.a. befeuert durch Abtreibungsgegner und sogenannte Lebensschützer, die z.B. immer wieder den 1000 weiße Kreuze Marsch oder Märsche fürs Leben veranstalten und Schwangerschaftsabbrüche u.a. als Massenmord an Kindern begreifen. (vgl. Quelle 2) Sie ziehen sogar vergleiche zum Holocaust.

Dazu ist zu sagen, dass diese Menschen aus einer misogynen und menschenfeindlichen Haltung sprechen, die das Recht der Frau*/der Menschen auf ihren eigenen Körper ignoriert, auch wenn sie sich wohl wirklich für gute Christen halten. Zudem argumentieren sie häufig mit absolut aus der Luft gegriffenen Zahlen und Behauptungen. Die Bilder, die viele Abtreibungsgegner auf Demonstrationen zeigen, sind keine Bilder von Abbrüchen, die innerhalb der erlaubten 12 Wochen stattfanden, sondern häufig bearbeitete Abbildungen oder Bilder von Spätabtreibungen aufgrund von Krankheiten oder Komplikationen. Auch wird behauptet, dass der Fötus bereits zu Beginn der Schwangerschaft Schmerz empfinden kann. Dazu muss das Gehirn allerdings erst eine gewisse Reife erlangen, die erst in einem viel späteren Stadium der Schwangerschaft erlangt wird.

Weitere Gerüchte sind, dass Schwangerschaftsabbrüche Brustkrebs verursachen oder nach einem Abbruch keine erneute Schwangerschaft möglich ist. In beiden Fällen gibt es Studien, die dies widerlegen.

Fundamentale Christen behaupten weiter, dass Abtreibungsbefürworter*innen mehr Schwangerschaftsabbrüche wollen und diese bis zur Geburt hin problemfrei ermöglichen wollen. Ignoriert wird, dass es Feminist*innen vor allem darum geht, Menschen aufzuklären, wenn es um Verhütung, Sex und Schwangerschaft geht. Dass Abbrüche unter Bedingungen stattfinden sollen, die Menschen in dieser Lebenssituation bestmöglich unterstützen, dass sie möglichst sicher sein und das Leben oder die Gesundheit der* Schwangeren nicht gefährden sollen. Dazu gehört ein freier und offener Zugang zur Thematik. Ist das Leben der schwangeren Person oder des Kindes gefährdet, können späte Abbrüche manchmal nicht vermieden werden

Schwangerschaftsverbote führen zu nichts, als zu unqualifizierten, gefährlichen Abbrüchen, die das Leben der* Schwangeren stark gefährden können. In Europa war der Abbruch bis in die 70er Jahre verboten. Trotzdem hat es unglaublich viele Abbrüche gegeben, verbunden mit zahlreichen Komplikationen und Todesfällen aufgrund der unsachgemäßen Durchführung.

Ende

Die heutige Lage zum Thema (gesetzlich sowie gesellschaftlich) stigmatisiert und isoliert schwangere Personen, anstatt sie zu unterstützen. Eine Haltung, die Frauen* die Schuld an einer Schwangerschaft gibt und sie dazu verpflichten will, Leben in Die Welt zu setzen, weil sie es eben können, obwohl sie es nicht wollen, ist weder zeitgemäß, noch in irgendeiner Hinsicht sinnvoll. Schwangerschaften passieren, Verhütungsmittel versagen. Kinder in die Welt zu setzen, ist eine große Verantwortung, die gewollt und frei entschieden werden muss. Auch das ist Kindeswohl. Beratung muss frei zugänglich und wertneutral sein. Informationen sollten nicht verschwiegen werden. Menschen, die schwanger sind, werden die Entscheidung für einen Abbruch nie leichtfertig treffen. Sie sind mündig, denken darüber nach und entscheiden sich. Vor allem, wenn sie anständig beraten und unterstützt werden.

Ich habe in den letzten Tagen viele Erfahrungsberichte von Betroffenen bekommen. Diese sichte ich gerade und werde dazu einen weiteren Artikel veröffentlichen, der diese teilt und hoffentlich dazu beiträgt, dass wir mehr sprechen und uns austauschen.

Bis dahin 🙂

Quellen:

1. https://bfksffm.wordpress.com

2. https://www.deutschlandfunk.de/abtreibungsgegner-schulterschluss-beim-marsch-fuer-das-leben.1773.de.html?dram:article_id=428826

3. https://www.profamilia.de/themen/schwangerschaftsabbruch.html

4. http://abtreibung.at/fur-allgemein-interessierte/mythen-und-fakten/

5. https://www.sueddeutsche.de/wissen/fruehkindliche-entwicklung-wann-beginnt-der-schmerz-1.1140862

5. https://www.familienplanung.de/beratung/schwangerschaftsabbruch/der-operative-abbruch/

6. https://www.gesetze-im-internet.de/stgb/__218a.html

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