Der Entspannungsclub (A Force Against Neoliberal Relaxation Strategies)

Let’s face it. We are growing old and tired. Naja, ich war schon immer alt… und traurig. Zumindest manchmal. Oft. Aber jetzt kommt noch die Arbeitswelt hinzu und damit ein großer Zeit- und Energieverschlinger. Aber zum Glück gibt es ja viele Antworten auf die ständige Müdigkeit und den Abfall an Leistungsfähigkeit. Wir können Yoga machen oder Meditationen oder Hypnosen oder uns viele tolle Ratgeber kaufen. Auch ich probiere das immer wieder. Setze mich hin und suche mir auf YouTube ein paar entspannende Worte, um endlich mal abzuschalten. Oder gehe zum Meditationskurs mit den Yuppies (I am just like them, I know) aus der Nachbarschaft. Ein paar Freund*innen haben mir Louise Hay empfohlen. Ok, ich lese auch das mal.

Tja und dann fängt das Problem an. Hinter den meisten Entspannungstechniken, Work-Life-Balance Programmen, Yogavideos und Louise-Hay-Ratgebermenschen verbirgt sich vor allem eins: Neoliberale “du hast alles in der Hand und für alles die Verantwortung”-Gedanken. Wenn ich also versuche, zu akzeptieren, dass ich oft müde und traurig bin, dass dies oft eben keinen Sinn macht, aber ich mich gerne so auch lieb haben würde, flüstern mir die meisten positiven Affirmationen vor allem eins zu: “Du müsstest einfach nur positiver Denken und öfter Atemübungen machen. Dann wärst du gesund und glücklich.” Tadaa und schon fühle ich mich noch schlechter als eh schon, weil ich es noch nicht mal schaffe, richtig zu atmen und meinem Kopf die passenden positiven Gefühle einzuhämmern. I am just stupid. 

Aber sehen wir uns ein paar Beispiele an. Wenn ich “positive Affirmationen” oder “Entspannungsmeditation” bei YouTube suche, wird mir meist zuerst die Ohrinsel angezeigt, die unter anderem folgende Inhalte vermittelt: 

“Ich entscheide mich für Fülle in meinem Leben. Ich ziehe Geld und Wohlstand an wie ein Magnet. Ich entscheide mich für ein Leben im Wohlstand. Ich bin erfolgreich und erlaube mir, mich erfolgreich zu fühlen. Ich liebe Geld.”  (https://www.youtube.com/watch?v=ZRM3N7Jwuzg)

Was? Achso. Ich muss mir einfach nur sagen, wie sehr ich Geld und Erfolg liebe und schon wird mein Gehalt als Sozialarbeiter*in angehoben? Wir könnten alle reich sein und müssten nur unser Denken verändern? Es gibt genug Geld und Ressourcen für alle Menschen? Schön wär’s, Ohrinsel. 

Was hast du denn noch zu bieten? „Du kannst jetzt entscheiden, dass du ein glückliches und von der Sonne geküsstes Leben führen möchtest“ (https://youtu.be/u8XzKzbV8r8). Mmh, also auch wenn ich weiß, dass unser Denken uns beeinflusst und man es sich schwer macht, wenn man in bestimmten Mustern, wie Katastrophen-Denken (immer vom Schlimmsten ausgehen) verfällt, ist es ein langer Prozess, dies Schritt für Schritt zu verändern. Und es tut mir leid, damit verändern wir vielleicht unseren Blick auf die Welt und uns selbst ein bisschen, aber dass die Welt manchmal ziemlich scheiße sein kann und einen nicht glücklich macht, verändert sich dadurch leider nicht.

Naja, dann suche ich mal Louise Hay. Die gibt es auch bei YouTube… habe keine Lust zu lesen, denn ich bin wirklich müde. Sie sagt u. a. Folgendes: “It doesn’t matter what your disease is. If you work with these ideas, your health is sure to improve.”  (https://www.youtube.com/watch?v=QvEfQHJJEqA) Ihre positiven Gedanken helfen also bei allen Krankheiten? Auch bei Krebs? Das kann sie nicht meinen, oder doch? Ehm, ja doch. Sie hat ganze Bücher/CDs zu dem Thema, die sagen: “I also believe that if I would clear the mental pattern, that created the cancer, I wouldn’t need an operation (…) I immediately took responsibility for my own healing.” (https://www.youtube.com/watch?v=EOqkK3FLYgM) Well, okay. Auch wenn Louise Hay vielleicht irgendwas Produktiveres zum Thema Selbstliebe sagt, ist hier der Punkt, um nie wieder einen Gedanken an sie zu verschwenden. Auch wenn es vielleicht helfen kann, sich alternativen Heilungsmethoden zuzuwenden. Völlig okay. Aber die Menschen haben nicht selbst Schuld an ihrer Krankheit. 

Naja, weiter. Ich mache gerne Yoga. And I love Yoga with Adriene. Really. Trotzdem fällt mir immer wieder eins auf: Dass es um mehr geht, als etwas Sport zu machen, der auch entspannend wirken kann, sondern sich selbst in einen Modus zu bringen, in dem man alles in der Hand hält und vor allem eins: Gut funktioniert. “This allows you to feel good, run at optimal functioning AND transmit love toward others.” (https://www.youtube.com/watch?v=G4QUhyW-muE&t=16s) Yoga offers up a way for us to see a world that is working for you instead of against you (https://yogawithadriene.com/adriene-mishler/). Das kann ganz schön frustrierend sein, vor allem, wenn man doch gerade akzeptieren will, dass man nicht immer perfekt funktioniert und das vielleicht auch ein ziemlich schlimmer Anspruch ist.

Nun versuche ich mich auf diesem Blog aus einer feministischen Perspektive mit den Dingen zu beschäftigen und dies scheint hier besonders angebracht, da vor allem Frauen* Angebote wie Yoga oder Meditationskurse nutzen. Zudem wird es gerade Frauen* (besonders Women of Color, aber auch nicht Cis-Personen) viel schwerer gemacht, sich selbst zu akzeptieren und sich nicht ständig selbst in Frage zu stellen. Somit ist es schön, dass Selbstliebe und Akzeptanz – oder besser gesagt der Anspruch darauf – Einzug in feministische Diskurse und darüber hinaus gefunden haben. Zudem stehe ich wirklich auf Entspannung. Auf Kerzen und Sauna, Yoga und auch Meditationen – ist halt so. Nur will ich andere Inhalte, auch in meiner Entspannung und Selbstliebe. Ich will so entspannen können, dass das Ziel der Entspannung nicht Leistungsfähigkeit ist, sondern einfach gar nichts. Nur Entspannung. Und meine Selbstliebe soll auch nicht dazu führen, dass ich eine neue positivere, produktivere Version meines Selbst zu werden, sondern dazu, dass ich mich so gut finde, wie ich bin. Auch negativ und traurig. Ich will nicht in allem einen Sinn finden, denn let’s face it, nicht in jedem Schmerz liegt einer. Ich will mich einfach nur nicht mehr zusätzlich schlecht fühlen, weil ich nicht positiv sein kann. Und vor allem will ich nicht lernen, für diese Welt zu funktionieren! 

Deshalb nehme ich mir jetzt meine eigenen Affirmationen und Meditationen auf und versuche Entspannungsmethoden bzw. -inhalte zu finden, die nicht neoliberal, sondern wirklich empowernd und akzeptierend sind. Versuche mir selbst zu sagen, dass ich nicht immer funktionieren muss und dass das, was ich da gerade mache nicht dazu da ist, mich wieder fit zu machen, sondern mir insofern gut tun soll, dass ich gut zu mir bin und nicht immer noch mehr von mir erwarte. Dazu habe ich mit Freund*innen einen (feministischen) Entspannungsclub gegründet. Um uns gegenseitig zu unterstützen, auf das gegebene Angebot verzichten zu können und uns nur die Inhalte herauszufischen, die wir für sinnvoll halten. Auch um (nicht sexuelle) Berührungen und Care nicht nur in romantischen Beziehungen zu leben, sondern auch in Freund*innenschaften. Wir machen Fantasiereisen, Massagen, Meditationen und sagen uns auch noch mal gegenseitig, dass wir gut so sind, wie wir eben sind. Auch funktionsuntüchtig. Leider haben wir nie Zeit uns zu treffen. Hello world. 

P.S.: Falls wir uns mal regelmäßig sehen, erzähle ich gerne mehr. Oder vielleicht wollt ihr auch einen Entspannungsclub gründen? 🙂

2 Gedanken zu „Der Entspannungsclub (A Force Against Neoliberal Relaxation Strategies)“

  1. Ich lese sehr gerne Deine Kommentare und erkenne mich und mein Gedankengut wunderbar wieder.
    Danke auch für diesen Beitrag….Puhhh, Gott sei Dank, ich fühlte mich schon alleine in meinem Widerstreben gegen den “ Selbstoptimierungsmegapowerichwachseübermichhinaus Wahn „.
    Gruß
    Steffi

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