Being a mother* / Part II

Josefine Geib hat mir auch noch ein paar tolle und spannende Antworten zum Thema Mutter*schaft zugesendet. Bisher bin ich sehr beeindruckt von all den unterschiedlichen Statements und Überlegungen, die ich bisher erhalten habe. Mein Blick auf Mutter*schaft ändert sich schon jetzt. Zum einen ist es schön von unterschiedlichen -positiven wie negativen Erfahrungen zu hören, die das eigene „ach Kinder nerven“ und „Mutter sein ist langweilig“-Bild in Frage stellen. Zudem ist es schön zu lesen, wie der Blick auf den eigenen Körper und die eigene Stärke sich durch eine Geburt ändern kann. Gerade in Deutschland scheint es nicht viele alternative/feministische Ideen, Konzepte und Unterstützungsmöglichkeiten zum Thema Mutter*- bzw. Eltern*schaft zu geben. Ich freue mich, wenn es gelingt, dass das Thema breiter diskutiert wird und wir uns gegenseitig mehr supporten können 🙂 

Schaut auch mal auf Josefines Blog vorbei:

https://womenfromtheblog.wordpress.com/2018/09/03/my-space/

https://www.instagram.com/womanofheartandmind/

Danke ❤

Was ist deine Vorstellung vom Mutter*sein? Was bedeutet für dich Mutter*schaft?

Das ist eine Frage, die für mich gar nicht so leicht zu beantworten ist, weil sie so stark geprägt ist von einem allgemeinen Mutterbild, das vor allem in Deutschland wesentlich mit Selbstaufgabe und Care-Arbeit als Lebenserfüllung verbunden ist. Diese Vorstellung hat mich natürlich auch von klein auf geprägt. Im Zuge meiner feministischen Sensibilisierung habe ich mich von dieser Vorstellung zumindest etwas befreien können, auch wenn sie immer wieder durchdringt, vor allem dann, wenn andere Menschen mir das Gefühl geben, ich sei egoistisch, weil ich nicht gestillt, direkt weiter studiert habe, etc.
Für mich bedeutet Mutterschaft darum im Wesentlichen, meiner Tochter alle Stärke, alles Durchsetzungsvermögen und allen Mut mitzugeben, die oder den ich habe. Und ihr zu vermitteln, dass Mutterschaft keineswegs bedeutet, nur noch Mutter zu sein. Ihr zu vermitteln, dass es selbstverständlich sein sollte, dass sich Elternteile die Haushaltsarbeiten etc. paritätisch aufteilen und dass es sozusagen keinen Primat der Mutter gibt. Mutterschaft bedeutet für mich in diesem Zusammenhang auch die Auseinandersetzung mit Care-Arbeit: es wird ganz allgemein immer davon ausgegangen, es sei das beste für ein Kind, Zuhause bei den Eltern und vor allem bei der Mutter zu sein, was dazu führt, dass viele Mütter den Druck empfinden, mindestens ein Jahr mit Kind Zuhause zu sein. Und sicherlich ist es für ein Kind wichtig, eine gute Bindung zu seinen Eltern und ein entsprechendes Zuhause zu haben, aber ebenso wichtig finde ich die Auslagerung der Care-Arbeit im Sinne dessen, dass der Staat ausreichend Betreuungsmöglichkeiten bereitstellt. Ich bin überzeugt davon, dass es Kindern gut tut, auch schon früh viel in Kontakt mit anderen Kindern zu sein, aber auch zu realisieren, dass es nicht nur das Elternhaus als verlässliche, vertraute Instanz gibt. Zugleich muss dabei aber reflektiert werden, wie geschlechtlich diese ausgelagerte Care-Arbeit immer noch bestimmt ist. In den Care-Berufen arbeiten vor allem Frauen und dass Frauen allgemein für Kinderbetreuung zuständig sind, gemäß des Narrativs , Frauen seien von Natur aus am besten dazu befähigt, spiegelt sich auch in Begriffen wider: Tagesmutter im Deutschen, assistance maternelle im Französischen. Das ist auch sprachlich ganz deutlich als „Mutterersatz“ gedacht. Der Kindergarten ab 3 Jahren heißt in Frankreich sogar école maternelle.

Welche Ansprüche werden dir von welcher Seite entgegen gebracht?

Da wären zuallererst sicher meine eigenen Ansprüche. Alles richtig zu machen ist einer, den ich wohl kaum erfüllen kann. Aber zu den Ansprüchen, die mir sehr wichtig sind, gehört, meiner Tochter zu vermitteln, dass ihr Körper schön ist, wie er ist. Es ist mir sehr wichtig, dass sie das von Anfang an lernt. Zugleich ist das ebenso ein Anspruch, an dem ich Angst habe, zu scheitern, weil ich selbst meinen Körper nicht einfach so annehmen und schön finden kann, wie er ist. Zumindest nicht immer. Aber vielleicht ist genau das das eigentlich Wichtige: darüber zu reden. Und dann wären da noch die Ansprüche, die mein Freund und ich gemeinsam an uns stellen: uns die Care-Arbeit aufzuteilen. Hinzu kommen Ansprüche, die unser Alltag an mich stellt: das Changieren von Care-Arbeit und Studium ist alles andere als einfach und es fällt mir manchmal schwer, meinen eigenen Anspruch, alles perfekt hinzubekommen, etwas zu differenzieren und auch mal anzuerkennen, dass es schon ziemlich viel ist, das Studium überhaupt mit Kind auf die Reihe zu bekommen.

Welche Ansprüche bereiten dir Probleme und warum?

All die, die gesellschaftlich an mich herangetragen werden: dass ich voll in der Mutterrolle aufgehen muss, dass es meine einzige Lebenserfüllung sein muss. Dieses omnipräsente Mutterbild, das einem permanent entgegengehalten wird. Das fing schon in der Schwangerschaft an, als es mit einem Lächeln quittiert wurde, dass mein Freund bei allen Arztterminen dabei war. Im Geburtsvorbereitungskurs, wo selbstverständlich davon ausgegangen wurde, dass die Frauen nach der Geburt Zuhause bleiben und verantwortlich für alle Fürsorgetätigkeiten sein werden. Und wo die meisten Väter mitteilten, gezwungenermaßen im Kurs dabei zu sein. Und wo die Hebamme Schwangerschaft, Geburt und Muttersein ständig naturalisierte, à la Frauen sind dafür geschaffen, zu gebären und wer nicht stillt, handelt wider der Natur. An der Uni, wo es sogar bei Kommiliton*innen auf Irritation stieß, dass ich mein Studium nach der Geburt direkt weiterführen werde. Und wo ein Prof mir in Bezug auf Karrierepläne einmal sagte: „Sie wollen ja nicht ihr Leben lang Hausfrau und Mutter sein“, als wäre vollkommen klar, dass ich – und ich alleine – erst einmal lediglich mit Care-Arbeit befasst sein würde. Ich prallte ständig auf Bilder von mir auf, die meinem eigenen nicht entsprachen. Besonders ausgeprägt war das vor allem beim Thema Stillen: wir haben uns sehr bewusst entschieden, nicht zu stillen. Primär aus dem Grund, dass und wichtig war, dass unsere Tochter nicht eine primäre Bezugsperson hat, die für Fürsorgetätigkeiten zuständig ist, sondern sie von Anfang an lernen sollte, dass wir beide uns um sie kümmern. Aber auch, weil eine wirkliche Aufteilung der Care-Arbeit und eine Fortführung des Studiums für mich sonst nicht möglich gewesen wäre: so konnten wir uns die Nächte aufteilen, mal war mein Freund bei unserer Tochter, mal ich, und wir beide konnten unser Studium fortsetzen. Wie viel Entrüstung mir beim Thema Stillen begegnet ist, lässt sich kaum in Worte fassen: ich musste mir unendlich oft anhören, gerne auch von Männern, dass Stillen aber ja das Beste für das Kind und ich eine egoistische Mutter sei. Manchmal kam ich mir wirklich furchtbar vor, wenn Leute mich auf eine Art und Weise anblickten, die fragte: Was ist bloß falsch mit der? Wieso will sie denn keine richtige Mutter sein? Am Anfang hat mich das manchmal ziemlich fertig gemacht, und sogar dazu geführt, dass ich mich selbst fragte, ob da vielleicht was dran ist, ob was nicht stimmt mit mir. Aber irgendwann habe ich da eine dicke Haut entwickelt. Aber es ist erschreckend, wie immens die Vorurteile in dieser Hinsicht sind und was für krassen Rechtfertigungssituationen nicht stillende Mütter ausgesetzt sind. Die Liste der mit dem Bild der aufopferungsvollen, selbstlosen, hingebungsvollen Mutter verbundenen Ansprüche ließe sich ewig fortsetzen. Dass das – zumindest in seiner Vehemenz – auch ein spezifisch deutsches Phänomen ist, habe ich zum einen durch die Lektüre eines sehr empfehlenswerten Buchs von Barbara Vinken, „Die deutsche Mutter“, bemerkt. Sie stellt beispielsweise dar, dass dieses Mutterbild in Deutschland auch wesentlich durch die westdeutsche Politik geprägt wurde, die ein gegen die DDR gerichtetes Familienbild etablieren wollte: Frauen gehören in die Küche und zu den Kindern. Zum anderen wird mir dies durch unser Erasmusjahr in Paris bewusst. Hier ist beispielsweise das Stillen viel weniger dogmatisch besetzt und wo mir in Deutschland Irritation begegnete, weil unsere Tochter früh „fremdbetreut“ wurde, ist es hier ganz selbstverständlich, dass Mütter früh wieder arbeiten und Babys in die crèche (Krippe) oder zu einer nounou (Tagesmutter) gehen. Alleine der deutsche Begriff „Fremdbetreuung“ sagt ja schon viel aus: als würde man sein Kind dem erstbesten Fremden, der einem über den Weg läuft, in die Hand drücken.

Wie reagieren Menschen auf dich als Mutter*? Wie reagieren sie ggf. auf den Vater*/andere erziehungsberechtigte Personen?

Ganz klassisch: in den allermeisten Fällen, bei Bekannten, beim Arzt, an der Uni, etc., wird davon ausgegangen, dass ich primär zuständig für alles unsere Tochter Betreffende bin. An der Uni oder wenn ich abends unterwegs bin, werde ich mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit gefragt, wo meine Tochter denn dann gerade sei, während meinem Freund diese Frage kein einziges Mal gestellt wurde. Und überhaupt hat es mich geschockt, dass wir oft wie ein U-Boot angeschaut werden, wenn wir darstellen, dass wir uns die im Alltag anfallende Care-Arbeit 50:50 aufteilen. Die klassische Rollenverteilung ist immer noch Standard.

Was hat sich am meisten verändert seit du Mutter* bist?

Alles! Und zugleich auch nicht. Ich tue weiterhin die Dinge, die mir wichtig sind und mir Freude bereiten: studieren, malen, lesen, schreiben, etc. Aber der Alltag ist anders, erfordert viel mehr Planung und Absprachen, es ist ein ständiges, anstrengendes Austarieren von unterschiedlichen Bedürfnissen. Und man gewöhnt sich tatsächlich an den Schlafmangel. Das hat sich tatsächlich verändert: während es vor Noas Geburt für mich unvorstellbar gewesen wäre, um 6 Uhr morgens aufzustehen und dann den Tag über produktiv an einer Hausarbeit schreiben zu können, ist das jetzt mehr oder weniger der Normalzustand. Was sich auch verändert hat, ist, dass ich weniger Zeit für mich selbst habe und merke, dass es wichtig ist, das viel bewusster einzuplanen – das gilt genauso für Zeit, die mein Freund und ich nur zu zweit verbringen. Und ansonsten bin ich unerschrockener geworden, insofern, als es mir viel leichter fällt, deutlich zu sein: zum Beispiel wenn im Bus keiner Platz macht für den Kinderwagen.

Was bedeutet Elternschaft für dich?

Viele Ängste, etwas falsch zu machen, und die Erfahrung, dass es wichtig ist, entspannt zu sein. Elternschaft kann einen ganz schön verrückt machen: ungefragte Tipps und Empfehlungen hagelt es von allen Seiten. Manchmal ist es gar nicht einfach, sich in diesem Dschungel von „So ist es richtig!“ zurechtzufinden. Aber da stellt sich, finde ich, auch immer die Frage, wo das spezifische Wissen (in Bezug auf Elternsein) produziert wird: geschieht das nur privat, also über einen selbst, Familie, Freund*innen, oder auch außerhalb des familiären Rahmens? Zum Beispiel ist unsere französische Tagesmutter hier in vielen Wissensbereichen der Kinderbetreuung viel kompetenter, als ich und mein Freund es sind. Das ist auch ein Problem in (besonders) der deutschen Debatte: es wird immer davon ausgegangen, Eltern wüssten am besten, was gut für ihr Kind ist. Das stimmt insofern, als sie ihr Kind in der Regel am besten kennen. Aber es ist doch eigentlich etwas Gutes, dass es möglich ist, Teile der Care-Arbeit in Bereiche auszulagern, wo Menschen auf ganz andere Weise ein spezifisch dafür herangebildetes Wissen haben.

Ansonsten war und ist eine sehr schöne Erfahrung, auch meine Beziehung auf eine ganz neue Art und Weise zu erleben: es war von Anfang an klar, dass wir das alles gemeinsam machen – anders wäre Elternschaft für mich nicht vorstellbar. Die Grundlage dafür besteht in ganz schön starken Nerven, Vertrauen und Liebe. Und mein Respekt für alle, die das alleine machen, ist ins Unendliche gestiegen. Elternschaft bedeutet für mich aber auch, das sehr starke Narrativ, mit Kindern sei das Leben vorbei, aus dem Kopf zu bekommen: ein Beispiel dafür ist unser Erasmus-Jahr in Paris. Erasmus mit Kind ist natürlich eine krasse Herausforderung, infrastrukturell wie finanziell, aber es ist möglich. Man sollte die Dinge, die einem wichtig sind, die Ziele, die man erreichen möchte, nicht aus dem Blick verlieren. Nur weil man Mütter oder Vater ist, heißt das noch lange nicht, dass man nur noch das sein darf.

Wie sieht es mit Care Arbeit aus? Wer kümmert sich wie/wann/warum?

Mein Freund und ich teilen uns die Care-Arbeit paritätisch auf – die durchzechten Nächte, die Wäscheberge, und und und. In Frankfurt mussten wir dank prekärer Betreuungssituation für unter 1-Jährige viel auf Unterstützung von Familie und Freund*innen setzen. Hier in Paris hatten wir die Wahl zwischen einem Krippenplatz und einer Tagesmutter (und das ging hier im Vergleich zu Frankfurt, wo wir trotz langen Suchens keine Betreuung finden konnten, wirklich unfassbar schnell und simpel). Wir haben uns für eine (französische) Tagesmutter entschieden, bei der Noa jetzt unter der Woche jeden Tag mit einem anderen Kind betreut wird. Das ist eine große Erleichterung, weil das Studium in Paris uns alleine schon sprachlich vor noch größere Herausforderungen stellt, als es ohnehin schon der Fall ist. Und für Abende zu zweit greifen wir auf eine Babysitterin zurück!

Was ist schön am Mutter*sein?

Zum einen habe ich durch die Schwangerschaft und die Geburt auf ganz neue Art und Weise begriffen, wie stark ich bin, wie stark mein Körper ist. Ich kann das nicht jeden Tag so sehen, aber es gelingt mir immer öfter, zu sehen, was dieser Körper alles hinter sich gebracht hat, seine Schönheit zu erkennen. Und zum anderen ist es wunderschön, meine Tochter in ihrer Entdeckung der Welt begleiten zu können – gerade beginnt sie etwas zu sprechen, und es ist unglaublich, ihren Erzählungen zu lauschen. Ich freue mich schon sehr darauf, wenn sie richtig sprechen kann und kann es kaum erwarten, auf diese Weise mehr über ihren Blick auf die Welt zu erfahren. Und überhaupt: wenn ich sie ansehe, wie sie herumkrabbelt, sich überall hochzieht, der Welt mit einem dicken, verschmitzten Grinsen begegnet, zu Musik tanzt und überhaupt einfach unheimlich interessiert an ihrer Umgebung, an Kommunikation ist, dann kann ich kaum glauben, dass dieser eigensinnige, wunderschöne kleine Mensch mal in meinem Bauch war.

Was wünschst du dir von feministischer Seite?

Long story short: Mehr Reflexion über Schwangerschaft und Mutterschaft. Es gibt (zumindest im deutschsprachigen Raum) noch kaum Literatur zu feministischen Perspektiven auf vor allem Schwangerschaft. Das habe ich in der Schwangerschaft sehr bedauert, als ich den Eindruck hatte, in meinen feministischen Reflexionen kaum auf Literatur zurückgreifen zu können. Aber auch: mehr Reflexion über die Bedeutung des Stillens. Das ist ein so derart tabuisiertes Thema, darüber zu sprechen, inwiefern sich dadurch eine klassische Rollenverteilung noch stärker manifestieren kann. Und ansonsten statt des häufig abfälligen Redens über Mütter – Stichwort „Latte Macchiato Mütter“ – einen feministischen Diskurs, der es über den Punkt hinausschafft, dass die sogenannte „Teilzeitfalle“ überwunden werden muss. Ein Diskurs, ein Nachdenken darüber, wie ideologisch Mutterschaft nach wie vor besetzt ist, wie starr sich das klassische Mutterbild hält und vor allen Dingen, welche sozialen Praktiken diese geschlechtliche Arbeitsteilung produzieren.

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