Von Critical Whiteness und Deutschen Kartoffeln

Gerade fahre ich zu einer Fortbildung zum Thema Critical Whiteness. Ich wollte schon lange über dieses Thema schreiben, aber da es so ein bisschen ist, als würde man sich mit Rollschuhen auf eine Eisfläche begeben, habe ich bisher gezögert. Doch in letzter Zeit hat es mich zu oft traurig und wütend gemacht, wenn Menschen darauf bestehen, das N-Wort aussprechen zu wollen oder deutsche Kartoffel als diskriminierende Beleidigung verstehen. Ernsthaft?

Ja, ich kann nichts für meine Hautfarbe. Aber meine Hautfarbe erzählt eine Geschichte. Leider keine gute. Auch ein Mann* kann nichts für seinen Penis, aber dieser bringt in häufig in eine gesellschaftlich überlegen Position mit sich. Das hat er sich vielleicht nicht gewünscht, aber das sollte ihn nicht davon abhalten, zu reflektieren und Verantwortung zu übernehmen. Genau so ist es, wenn ich zur weißen Mehrheitsgesellschaft gehöre. Wollte ich nicht, ist aber so und jetzt muss ich damit umgehen.

Macht man auf Sexismen oder Rassismen aufmerksam oder erzählen Menschen von diskriminierendem Erfahrungen, stößt man gewöhnlich auf Widerstand. „So bin ich doch gar nicht“. Ja vielleicht bist du nicht so, aber vielleicht gehörst du zu einer Gruppe, die so ist. Vielleicht bringt diese Gruppe immer wieder Rassismus hervor und vielleicht hast du eben doch ein bisschen davon mitgenommen. Das ist blöd, aber es ist eben so.

Ja, es fühlt sich blöd an, plötzlich als „deutsch deutsch“ bezeichnet zu werden. Ich war mal Teil einer Theatergruppe an der sonst nur Women* of Color teilnahmen. Es ging um diskriminierende Erfahrungen und plötzlich fand ich mich in einer Einzelposition. Plötzlich gehörte ich zu der Gruppe, die blöd gefunden wird. Klar, fühlt sich nicht gut an, aber anderen Menschen geht es IMMER und jeden Tag so. Da ist es wohl in Ordnung sich vielleicht erstmal darauf einzulassen, neues zu lernen, eigene Widerstände zu hinterfragen und es einfach erstmal zuzulassen. Z.B. zu lernen, dass es nicht gut ist, gefragt zu werden, wo man herkommt oder dass gewisse Wörter sehr verletzend wirken, ist doch wichtig, warum sträuben wir uns so?

Klar, es wird immer Ambivalenzen geben. Wir wollen Kategorien abschaffen und benennen sie im gleichen Atemzug immer und immer wieder, machen sogar andauernd neue auf. Doch wir leben nun mal in einer Gesellschaft, die Menschen Kategorien auferlegt. Kategorien die sich auf Geschlechter, sexuelle Orientierungen, vermeintliche Herkunft, Aussehen, Beeinträchtigungen etc. beziehen, werden sozial gesetzt und viele Menschen müssen jeden Tag damit leben in diese eingeordnet und deswegen abgewertet zu werden. Natürlich müssen wir darüber sprechen und auch sehen, wie wir dies sprachlich und in unseren Handlungen reproduzieren. Nur so können wir sie irgendwann überwinden und sehen, dass wir sie selbst schaffen und sie nicht natürlich gesetzt sind. Indem wir Verantwortung übernehmen und uns immer und immer wieder hinterfragen, auch zulassen, dass Menschen sich wehren. Es gibt kein „deutsch deutsch“, aber es hilft, strukturelle Mechanismen zu beschreiben. Also ok. Ambivalenz vielleicht erstmal zulassen.

Critical Whiteness, sprachliches Gendern etc. bieten Ansätze, um Privilegien zu hinterfragen und die Reproduktion von Ausschlüssen durch Sprache zu vermeiden. Darin können Sie bestimmt zu weit gehen oder seltsame Züge annehmen. Doch anstatt hier genau zu analysieren, welche Punkte wann und warum zu weit gehen, erfolgt meistens nur die totale Ablehnung seitens weißer Menschen mit dem Verweis auf vermeintlich eigene Diskriminierungserfahrung.

So geschehen in Hanna Wettigs Artikel in der Zeitschrift Kritik & Analyse (https://www.akweb.de/ak_s/ak577/46.htm). Anstatt zu überlegen, warum sprachliche Sensibilität sinnvoll sein könnte, macht die Autorin auf die eigene Erfahrung aufmerksam, als blonde (deutsche) Frau* in den USA als sexy eingeschätzt zu werden und vergleicht dies mit einer Beleidigung durch das N-Wort. Auch wenn ihre Erfahrung sicher unangenehm ist und im Rahmen einer Sexismusdebatte sicher angebracht wäre, relativiert sie hier die Erfahrung von PoC und schwarzen Menschen auf höchst unangenehme Weise und macht nur noch einmal deutlich, warum wir eben doch über Critical Whiteness nachdenken müssen. Anstatt über eigenen Rassismen zu reflektieren, die wir alle in uns tragen, weil wir eben damit aufgewachsen sind, geht sie ihren eigenen Widerständen nach und versucht sich zu rechtfertigen, warum sie eben sich auch schlechte Erfahrungen gemacht hat, warum sie vermeintlich auch mit rassistischen Stereotypen zu kämpfen hat. Zu welcher Gruppe sie selbst gehört, wird ausgeblendet. Als weiße Person kann man EVENTUELL rassistische Erfahrungen machen, diese sind aber nicht diskriminierend. Die sind blöd, ja, aber sie können nur im Kontext von Machtpositionen bedacht werden. Das gelingt der Autorin nicht. Sie bleibt in Ihren Erfahrungen und ignoriert die der Menschen, die gesellschaftlich viel weniger (ernsthafte und positive ) Aufmerksamkeit bekommen. Sie wirkt wie ein Mann*, der „aber nicht alle sind so“ oder „es gibt auch Männer* die geschlagen werden“ ruft, anstatt zuzuhören, wenn Frauen* von schlechten Erfahrungen oder Gewalt erzählen, zu realisieren, dass das auch problematisch ist, aber nicht vergleichbar ist und die Erzählungen der Frauen* übergeht , anstatt zu sagen, ich versuche nicht so zu sein, aber ich gehörte zu dieser Gruppe und muss vorsichtig sein und eine Menge nachdenken. Woher will die Autorin wissen, dass es für PoC nicht eventuell doch einen großen Unterschied macht, wenn sie nicht mit bestimmten Worten bezeichnet werden? Sondern mit einem, das einem selbstbestimmten Widerstand entsprungen ist, also nicht von außen auferlegt wird. Vielleicht macht es das, vielleicht nicht. Vielleicht ist es nicht an weißen Menschen, das zu entscheiden. Sehr wohl aber ist es an ihnen zu fragen und zu handeln.

Sprache verändert nicht die Welt und ist nicht die Antwort auf die Frage nach einem radikalen gesellschaftlichen Umbruch, aber sie macht einen Unterschied. Ich bin der festen Überzeugung, dass es einen Unterschied macht, wenn ich das N-Wort nicht mehr benutze. Es macht den Unterschied, dass ich ein Wort nicht wiederhole, dass viele Menschen wütend und traurig macht. Es macht den Unterschied, dass ich Räume öffne und Menschen nicht das Gefühl gebe, dass ich ihre Position und ihre Erfahrungen ignoriere. Es macht den Unterschied hier, dass ich ein „wir“ und eine Gesellschaft nicht nur „weiß“ denke.

Bestimmt brauchen wir noch bessere Methoden, um miteinander zu sprechen, uns nicht nur zu zerfleischen, wenn wir einen Fehler machen, rassistische Aussagen von Rassismus zu trennen, Menschen von Aussagen zu trennen, müssen Erfahrungen und Bildungshintergründe bedenken, aber deshalb gleich alle Ansätze abzulehnen und kleinzumachen, bzw. immer nur in die Defensive zu gehen, Angst davor zu haben, selbst nicht mehr ernst genommen zu werden, müssen wir meiner Meinung nach ablegen. Bestimmt habe ich auch in diesem Text Positionen ignoriert und vieles noch nicht bedacht, aber ich kann ja auch weiter überlegen und zuhören. Denn ich wünsche mir eine Gesellschaft, die dies auch tut.

3 Gedanken zu „Von Critical Whiteness und Deutschen Kartoffeln“

  1. Wenn nur jeder so reflektiert wäre und stets an der eigenen Sensibilisierung für diese Themen arbeiten würde, hätten wir schon eine Gesellschaft, die das Zusammenleben aller positiv vereint. Vielen Dank für diesen gelungenen Artikel!
    Liebst, Pat

    Gefällt 1 Person

  2. Ich hätte einen Kommentar zu diesem Satz: „Als weiße Person kann man EVENTUELL rassistische Erfahrungen machen, diese sind aber nicht diskriminierend“
    Den würde ich so nicht als richtig ansehen.
    Eine weiße Person kann situationsbedingt benachteiligt sein, aber nie Rassismus erfahren, weil sie auf gesellschaftlicher und institutioneller Ebene ihre Privilegien behält. Rassismus hat immer die Komponenten von strukturellem Rassismus, Kolonialgeschichte und Macht dabei (nicht vollständig)
    Also ich glaube fast, dass du das so in die Richtung meintest, aber ich finde es war nicht ganz klar formuliert.
    Bei glokal kann man das gut nachlesen alles, die beschreiben das auch sehr gut
    Sonst finde ich ein sehr guter und differenzierter Text, den ich gerne weiter schicke zum Lesen 🙂

    Gefällt mir

    1. Hey, danke für dein Kommentar 🙂 Ja, ich stimme dir schon zu, allerdings ist „weiß“ sein ja auch „brüchig“ und nicht immer eindeutig definierbar. So kann z.B. auch jemand mit Migrationsgeschichte oder brüchigem Akzent weiß sein/weiß gelesen werden, aber rassistische Diskriminierung erfahren. Auch kann eine weiße/weiß gelesene Person nicht weiße Kinder/Eltern haben und so indirekt sehr wohl von Rassismuserfahrungen betroffen sein etc. etc.
      Was meinst du? 🙂

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s