Bitches, Schlampen und Hoes. Whaaat?

Letztens habe ich meine Gynäkologin eine Bitch genannt. Und das auch so aufgeschrieben. Drei Tage später sitze ich in einem Beratungsgespräch und spreche darüber, dass die jungen Menschen mit denen ich arbeite (ich bin Sozialarbeiterin) sich gegenseitig als Schlampen, Fotzen und Bitches bezeichnen und ich das nicht so toll finde, da es schade ist, wenn Frauen* sich untereinander frauenfeindliche Begriffe um die Ohren hauen. Mmmh, vielleicht ein Anlass sich über bestimmte Schimpfwörter noch mal Gedanken zu machen und zu schauen, was ich eigentlich wie und wann okay finde, bzw. sagen will oder nicht. Denn manchmal habe ich schon große Lust Menschen zu beleidigen- ganz einfach, weil es befreiend wirken kann, aber auch weil von Frauen* gesellschaftlich weiterhin erwartet wird, eher zurückhaltend, diskret und liebevoll zu sein. Klar, ich finde es generell gut, wenn Menschen liebevoll miteinander umgehen und versuche dies in meinen Beziehungen umzusetzen, will es aber nicht machen müssen, weil ich eine Vagina habe und ich denke auch, dass es möglich ist, ein liebevoller Mensch zu sein und trotzdem mal inkorrekt zu sein und wütend und laut und beleidigend. Dabei möchte ich mit meiner Sprache vielleicht nicht immer politisch korrekt, wohl aber politisch respektvoll und sensibel sein. Möchte Machthierarchien bedenken und nicht diskriminierend agieren. Dabei ist es dann wohl wichtig zu wissen wovon Mensch redet, wenn Mensch redet. Um also zu wissen, ob ich es eigentlich in Ordnung finde, meine Gynäkologin eine Bitch zu nennen oder wenn Freund*innen sich untereinander als Hoes bezeichnen, sollte ich mir die Begriffe einmal ansehen. Also ok:

  1. Let`s start with Bitch!

Das Wort Bitch kommt, jaja das wissen wir alle, aus dem Englischen. Es entwickelte sich aus dem Begriff bicce, was so viel bezeichnet wie Hündin oder die weibliche* Form eines Hundes, Wolfes oder anderer wilder Tiere. Diese Bezeichnung wurde schon im 15. Jahrhundert abwertend für Frauen*, aber auch homosexuelle Männer* verwendet. Dabei bezieht es sich besonders abwertend auf eine möglicherweise „räudige“ Sexualität (wie bei einer läufigen Hündin) oder die Möglichkeit eine Person zu dominieren. Mittlerweile ist die Deutungsweise breiter und bezieht sich auf u.a. eine Frau*, die besonders zickig, dominant, nörgelnd anstrengend oder durchsetzungsfähig ist. Passend dazu werden häufig Frauen*, die eine hohe Karriere anstreben als „negging bitches“ bezeichnet, was sich negativ auf ihre Bestimmtheit in Berufsdingen bezieht. Dies kommt wahrscheinlich von der Verbform „to bitch about something“/sich über etwas beschweren/nörgeln etc.

Allerdings hat sich auch der Feminismus die Bitch mittlerweile angeeignet und ihn als Begriff für eine besonders starke Frau*  etabliert, die nicht klein bei gibt, vielleicht laut und unangenehm, aber politisch relevant und sicher kein Objekt ist. Auch in popkulturellen Bezügen steht die “Bad Bitch” für eine attraktive und selbstsichere Frau* und kann als Selbstbezeichnung durchaus empowernd zu verstehen sein.

  1. Let`s continue with Hoe

Das deutsche Wort Hure stammt von dem Begriff huor(a)/huore und bezieht sich ursprünglich auf eine Liebhaberin* oder Geliebte*. Es verwies in früheren Zeiten (ehm, wann genau weiß ich nicht so ganz genau, aber das Wort stammt aus dem 8. Jahrhundert) auf einen emotionalen Aspekt des Begehrens und grenzte sich von ökonomisch/sittlichen Aspekten der Ehe ab. Der Begriff beinhaltet somit auch keinen Bezug auf ein Gewerbe, also die Sexarbeit, sondern bezieht sich auf private, außereheliche Verbindungen. Beleidigend wurde er vor allem auf Frauen* bezogen, die ein sexuelle freizügiges Leben pflegten, aber auch für Männer*(Hurer), die Ehebruch begingen. Hier sollte jedoch angemerkt werden, dass Männer* seltener als Hurer, häufiger jedoch als Schelme oder Diebe bezeichnet wurden, während Frauen* für unterschiedliche Vergehen als Hure diffamiert wurden. Die Infos habe ich übrigens aus dem Buch “Kulturpositionen im alten Testament” von Christine Stark, falls jemand noch  mehr nachlesen möchte. Im Biblischen werden übrigens auch Glaubensfeinde, also ganze Gruppen als Huren bezeichnet, wie z.B. die Hure von Babylon.

Auch im Englischen bedeutete Whore ursprünglich Lover/Geliebte und bezieht sich etymologisch sogar auf das lateinische dear sowie das altirische cara, meinte also sogar einmal Freund*in/friend. Erst im Verlauf des 19. Jahrhunderts bekam es seine vulgäre sowie beleidigende Note und bezog sich fast ausschließlich auf Sexarbeiter*innen oder Frauen mit einem regen Sexualleben, das von der Gesellschaft nicht gebilligt wurde. Auch heute werben Bordelle oder Homepages im englischen und deutschen Sprachraum mit dem Begriff Hure/Whore und beziehen sich damit auf Sexarbeiter*innen. Als Beleidigung wird im Alltag zumeist gebraucht, z.B. wenn eine Frau* in ihrer Beziehung „fremdgeht“ oder mit verschiedenen Menschen schläft. Der Bezug ist meist klar sexuell und abwertend, kann aber auch andere Bezüge annehmen, wie bei der attention whore, die süchtig nach Aufmerksamkeit ist. Zwar gibt es auch Aneignungen des Begriffs auf feministischer Seite, aber soweit ich etwas finden konnte, nicht im gleichen Ausmaß wie bei dem Wort bitch. Hure wird eher in Kontexten von Slutshaming und frauen*feindlichen Äußerungen thematisiert.

  1. und dann Nutte…

Nutte bezieht sich negativ auf das weibliche* Geschlecht (Vulva, Vagina, Yoni- ich weiß immer noch nicht genau, wie ich sie nennen will) und stammt von Nut(e), also Spalt, Fuge oder Ritze. Der Begriff bezog sich zunächst wohl einfach auf das Wort Mädchen und wurde später für Sexarbeiter*innen verwendet oder Frauen*, die menstruieren.

  1. Schlampe gibt es auch.

Unschwer zu erraten bezieht sich dieses Wort ursprünglich auf nachlässige, unordentliche oder ungepflegte Menschen, weiblich* wie männlich* (Schlamper). Der sexuelle Bezug ist in Bezug auf Männer* jedoch weitaus weniger geläufig. Im 19. Jahrhundert wurde Schlampe oder Schlumpe zudem für ein altes, lottriges Kleidungsstück verwendet, insbesondere für ein Frauennachthemd, welches besonders schmutzig oder schlotternd, alt, verdreckt ist. Auch hier liegt dann der Sprung zur tragenden Person nicht weit und die Schlampe wurde bald der Begriff für eine nachlässige Frau* mit freigiebiger Sexualität oder eine Sexarbeiter*in. Auch wenn der Begriff in manchen Kontexten auch eine positive Aneignung erfährt, wird er weiter als Beleidigung für Mädchen* oder Frauen* benutzt, die wechselnde Sexualpartner*innen haben. Den Schlamper gibt es nicht mehr.

Beim Englischen Wort Slut gibt haben vor allem die Slutwalks ab dem Jahre 2011 eine Umdeutung des Begriffes vorangetrieben, sich den Begriff angeeignet und damit versucht, das Konzept der Schlampe oder schlampiger Kleidung in Frage zu stellen. Doch auch hier gab es viele innerfeministische Diskussionen und das Konzept scheint mittlerweile aufgegeben.

  1. Last but not least… Fotze.

Die Fotze bzw. fotte wird erstmals im 7. Jahrhundert verwendet und stammt aus dem Alrnordischen. Generell gibt es aber hundertundeinen Bezug von Norwegen bis Russland. Dabei kann es sich um Hinterbacken, Kussmünder, Vaginas oder Dinge drehen, in die „man etwas reinsteckt“. Als Schimpfwort werden damit eigentlich nur Frauen* angesprochen oder eben ihre Vagina. Auch hier wird häufig auf das jeweilige Sexualleben angespielt oder auf eine linkes/hinterfotziges verhalten.

  1. So okay, das wars, und jetzt?

Nun gibt es natürlich schon eine lange Debatte: Bestimmte Wörter dürfen nicht gesagt werden, da sie triggern, Triggergefahrungen müssen ignoriert werden, sonst werden wir sprachlos, es kommt auf den Kontext an etc. etc. – Natürlich gibt es viele unterschiedliche Situationen und unzählige Beispiele. So kommt es immer darauf an, wer was zu wem sagt und wenn ein Mann* mich ernsthaft blöde Schlampe/Bitch etc. nennt, ist es etwas anderes, als wenn ein/e Freund*in sagt „Yass Bitch, geile Schuhe“ oder was weiß ich, was man da sagt. Auch der Wunsch, in sexuellen Kontexten als Schlampe bezeichnet zu werden macht ein eigenes Feld auf. Die Sexarbeit sowieso.

Ich wurde in meiner Jugend häufig als Schlampe betitelt, wegen meiner angeblich vielen Sexualpartner*. Das wäre zumindest diesbezüglich heute eher angebracht, damals nicht mal annähernd, aber geht so oder so einfach nicht klar. Auch wenn es mich vielleicht nicht triggern oder starke Emotionen in mir auslösen würde (who cares about die Idioten von damals), will ich doch von niemandem so genannt werden, vor allem nicht von Männern*. Generell ist allen Begriffen gemeinsam, dass sie das Sexualleben von Frauen* negativ beurteilen und als Grundlage für eine Beleidigung sehen. Da es aber niemanden etwas angeht, wer wann mit wie vielen oder wenigen Menschen schläft, möchte ich mich in meinen Beleidigungen nicht auf solche Begriffe beziehen. Frauen* und Mädchen* werden weiter danach beurteilt, mit wem sie Sex haben. Dies kann von Szene zu Szene verschieden sein- so kann eine polyamoröse Frau* als besonders attraktiv, aber auch als blöde Schlampe gelten. Ich finde, unser Sexualleben sollte uns weder auf- noch abwerten. Ich möchte nicht als attraktiv oder spannend eingeordnet werden, weil ich eventuell mit vielen Menschen schlafe, genauso wenig wie ich dafür abgewertet werden will. Es sollte einfach kein Bewertungskriterium sein. Und auch keine Beleidigung.

Nun also werde ich auch auf die Bitch in Zukunft verzichten, wobei die Selbstbezeichnung doch ausgeschlossen bleibt. Und auch generell auf Wörter, die sich auf die Sexualität von Frauen* beziehen, denn warum ist diese ein Anknüpfungspunkt für irgendwas Negatives?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Gedanke zu “Bitches, Schlampen und Hoes. Whaaat?”

  1. Großartige Aufarbeitung, danke für die Recherche! Ein Thema dasmir die Galle kochen lässt. Und trotzdem steh ich im Bett drauf, Hure genannt zu werden. Aber nicht von jedem. Und schon gar nicht Schlampe. Kompliziertes Thema 🙂

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