Arbeit, Angst, Ananas.

Dieser Artikel hat nichts mit Ananas (was ist die Mehrzahl?) zu tun – mir ist einfach kein dritter Begriff mit A eingefallen, der die Aufreihung nicht allzu negativ gestaltet. Abgesang? Arschlöcher? Aufgeben? Anstrengung? Seht ihr, will ja niemand lesen. Trotzdem verleitet mich ein eher negatives Gefühl zu diesem Artikel. Die Angst bei der Arbeit. Die Angst vor der Arbeit. Die Angst während der Arbeit. Nun wird sich mancher Fragen: Wovor Angst haben? Alles easy. Nein, easy finde ich es zumeist nicht. Ich bin nun 30 und erlebe es bei mir sowie bei meinen Freund*innen, dass (auch trotz guter Schul- und Ausbildungsabschlüsse) keine Garantie für eine zufriedenstellende und sicher bezahlte Anstellung vorherrscht. Und selbst wenn man eine hat, gilt es trotzdem flexibel zu bleiben, vielleicht nebenbei noch Projekte zu starten, ins Ausland zu gehen, auch mit befristeten Verträgen zu arbeiten, trotz Kind einen Vollzeitjob zu stemmen und möglichst viel auf einmal zu schaffen. Zudem gilt es sich im Job ständig und immer wieder aufs Neue zu beweisen. Fühlen wir uns müde oder angeschlagen, müssen wir Aufgaben abgeben, sind krank oder ständig unter Druck, fürchten wir als Versager*innen wahrgenommen zu werden. Andere schaffen es ja auch. Vielleicht sogar unter schlechteren Bedingungen. Zudem ist es schwierig mit anderen zu sprechen, selbst mit vielen Freund*innen. Zu hoch scheint die Gefahr, blöde Kommentare zu bekommen, die Frage gestellt zu kriegen, warum man sich denn so anstelle und was denn das Problem sei. Wenn man diese Angst schon bei Vertrauten hat, ist die Hemmschwelle noch größer, mit den Vorgesetzten über eigene Grenzen zu sprechen. Wie in vielen anderen Lebensbereichen setzen wir uns und anderen das Tabu über Gefühle oder Unsicherheiten zu thematisieren.

In einem meiner ersten Jobs an einer Schule fragte mich eine Vorgesetzte, warum meine Generation denn nur so zimperlich sei. Warum sich alle so verbissen dafür einsetzen, direkt ein hohes Gehalt zu bekommen, anstatt erstmal ein bisschen zu arbeiten und warum viele ihr Arbeitsleben so streng von ihrem Privatleben abschirmen wollen und nicht bereit sind, mal etwas mehr zu leisten, um dann auf der Karriereleiter nach oben zu steigen. Ich antwortete, dass ich die letzten 8 Jahre (während und nach meines Studiums) ungefähr 10 unbezahlte Jobs, Praktika und Projekte gemacht hatte, dass ich meine Arbeitskraft also lange umsonst bereit gestellt hatte, dass durch Projektarbeit mit freundschaftlichen Beziehungen zu den Projektleiter*innen geringes Gehalt akzeptiert wurde und dass es ständig hieße, man solle sich selbst im Job verwirklichen, wodurch sich manchmal nicht mehr abgrenzen ließe, was jetzt gerade Arbeit und was privat ist und dass dies wiederum zu noch mehr unbezahlter Arbeit geführt hatte. Dass nun vielleicht mal die Zeit sei, gut bezahlt zu werden und dass ich realisiert hatte, dass es in vielen Jobs, in denen vor allem Frauen* arbeiten (wie soziale/pädagogische Jobs oder in der Care-Arbeit) keine wirkliche Karriereleiter vorhanden sei und dass ich vielleicht darauf hoffen könnte, in 5 Jahren eine Gehaltsstufe nach oben zu gehen, aber dass es das dann auch schon wieder war. Dass ich auch weiter am Theater arbeiten könne, aber die meisten hohen Positionen eh mit Männern besetzt werden würden, denen ich dann zuarbeiten dürfte. Ich hätte ihr gern noch mehr gesagt. Weniger Sachliches.

Nunja, auch eine Freundin erzählte mir kürzlich, dass ihre Mutter sie gefragt habe, warum sie denn von 3 Tagen Arbeit manchmal schon gestresst sei und dass dies doch nicht sein könnte. Ihre Mutter ist stets überlastet und leidet seit Jahren an chronischen Rücken- und Bauchschmerzen. Ich könnte noch viele andere Beispiele nennen, aber ich denke, der Gedanke ist klar.

Die gesellschaftliche Antwort auf unsere Überlastungen und Überforderungen heißt Selfcare. Ganz im Sinne des Neoliberalismus ist nicht die Gesellschaft das Problem, sondern Individuen, die sich einfach nicht gut genug anpassen können. Wenn du zu viel Stress hat, solltest du eben mal in die Sauna gehen, zur Massage, dich eben ein bisschen zurück ziehen, deine Prioritäten neu setzen, umdenken, meditieren, Yoga machen etc. etc. Gerade Frauen* haben sich diesen Anspruch zu eigen gemacht. Funktioniere ich nicht, muss ich halt noch mehr Arbeit investieren. Arbeit an mir selbst. Der Arbeitsbegriff hält Einzug in alle Lebensbereiche. Versage ich auch hier, versage ich doppelt. Es geht doch. Irgendwie. Es gibt keine kollektiven Antworten, nur die Anstrengung des/der Einzelnen*.

So glauben wir also weiterhin daran, dass wir alles erreichen können, wenn nur unsere Einstellung stimmt und wenn es nicht klappt, dass schon irgendwie unsere Schuld sei. Im schlimmsten Fall, weil wir nur nicht positiv genug denken. Aber das kann man ja in unzähligen Wellness- und Entspannungsangeboten lernen. Zum Glück! Natürlich kann Yoga trotzdem gut tun oder Meditation helfen, den Kopf mal frei zu bekommen. Die eigene Selbstliebe zu thematisieren und sich ab und zu mal mehr Ruhe zu gönnen, hat mir sehr geholfen. Aber es darf nicht zu einer Neuen werden, die ignoriert, dass es nicht darum geht gesellschaftlichen Druck und prekäre Verhältnisse wegzumeditieren.

Stattdessen sollten wir lernen, unsere Emotionalität und unsere Überforderung gegenseitig anzuerkennen. Immer noch werden Gefühle oder das Kümmern umeinander (auch/gerade von linken) Männern verlacht und als weibliche* zu vernachlässigende Eigenschaft oder Aufgabe gelesen. Doch wir sollten unsere Schwächen jenseits von Geschlechterklischees anerkennen und uns gegenseitig stärken. Nur wenn wir uns schwach zeigen dürfen, verstehen wir, dass viele Probleme der Arbeitswelt kein individuelles, sondern ein strukturelles Problem darstellen. Verabschieden wir uns vom gesellschaftlichen Gedanken des Leistungsdrucks und erfahren kollektives Verständnis, haben wir mehr Kraft uns für faire Löhne, Chancengleichheit und gute Arbeitsbedingungen einzusetzen. Weiß ich, dass meine Überforderung nicht mein Versagen ist, traue ich mich, für mich selbst einzustehen und mit meinen Vorgesetzten zu sprechen und zu verhandeln; in eine Gewerkschaft einzutreten oder einen Betriebsrat zu gründen. Wissen es viele, stellen wir die Lohnarbeit und den Gedanken, dass der Wert eines Menschen an diese geknüpft ist vielleicht weiter in Frage und tun etwas dagegen. Fände ich gut!

 

5 Gedanken zu „Arbeit, Angst, Ananas.“

      1. Hey Lina,

        weil ich finde, dass viel mehr Menschen lesen solltest, was du hier schreibst, packe ich Little Feminist am Samstag in meine Netzfunde. Vielleicht verirren sich dadurch ja noch ein paar zusätzliche Leute zu dir. 🙂

        Liebe Grüße
        Sabrina

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