Tinder, Consent und Schlabberohren.

Es ist 2016, ich bin neu in der Stadt, kenne ein paar Leute, aber noch nicht genug und bin Single. Tinder scheint also eine ganz gute Option momentan, um ein paar Leute kennenzulernen. Habe ich vorher auch schon gemacht. War ganz witzig- und ganz anstrengend! Aber neue Stadt, neuer Versuch! Let’s see. 

Nun kann man über Tinder denken was man will; es auseinandernehmen, es analysieren, es kritisieren, es scheiße oder toll finden – ich habe es immer als idiotisch, aber ehrlich gesagt auch als etwas befreiend empfunden. Für mich hat es ein paar Dynamiken durchbrochen, die ich seit Kindesbeinen verinnerlicht hatte: Der Mann kommt auf die Frau* zu und wenn nicht, ist Frau*/also ich irgendwie nicht schön, cool, witzig etc. genug. Plötzlich gab es aber eine andere Dynamik. Es gab viele Männer und ich konnte frei auswählen (ja klingt nach einer schrecklichen Marktlogik), aber ich habe mich plötzlich nicht mehr als dummes Häschen empfunden, dass blöd wartet, bis irgendeiner sagt: “Ah ja, du bist mir aufgefallen.” Nee, plötzlich konnte ich mal schauen, wer mir auffällt und was ich eigentlich so möchte. Meine Häschenlogik löste sich auf und wenn mir irgendjemand nicht spiegelte, dass ich klug, witzig, toll etc. sei, war es irgendwie egal, das es ja viele andere taten und ich es auch langsam selbst so empfand. Klar, gibt schönere Wege, das zu lernen, aber so war es eben. Natürlich ist das Häschenbild auch etwas überzogen, aber doch habe ich mich Männern immer etwas unterlegen gefühlt oder gedacht, dass sie die Aktiven/Aussuchenden sind und ganz bestimmt nicht andersherum. Dieses Gefühl hat sich aufgelöst. Soweit so gut.

Ich hatte viele schöne Dates, schöne Knutschereien und schönen Sex – Yass. Aber es gab auch unglaublich viel Quatsch, Drama und vor allem: Sexismus und Übergriffigkeit. Denn was auch immer man über Tinder etc. denkt, wie viel Spaß oder Scheiß es hervorbringt, wenn man es (als Frau*) macht, muss man (leider) starke Nerven haben. Es kostet unglaublich viel Arbeit, sich nicht in schlimme Situationen zu bringen. Und damit kommen wir wieder zu 2016 und der neuen Stadt:

Ich hatte also gerade beschlossen, es wieder mal mit Tinder zu probieren. An einem Sonntag fahre ich los, um einen Typen zu treffen von dem ich eigentlich gar nicht so überzeugt bin, mit dem ich aber ein nettes Telefonat hatte, der interessante Sachen macht und so versuche ich es eben mal. Die Sonne scheint und wir treffen uns an einem zentralen Platz in der Stadt. Wir erkennen uns und laufen etwas holprig aufeinander zu, er umarmt mich und sieht mich von oben bis unten an, sagt mir, wie schön und sexy er mich findet. Buargh. Okay, ich habe schon keinen Bock mehr und möchte gleich wieder weg. Blöderweise ist die Situation nicht ohne sozialen Druck denkbar, Ich möchte ihm nicht gleich, dass Gefühl geben, dass ich ihn blöde finde und ihn verletzen, würde ich aber, wenn ich direkt wieder gehe, also versuche ich ihm eine Chance zu geben. Vielleicht ist er nervös und es war nicht so gemeint. Kann ja sein. Blöderweise hat er auch unglaublich viel vorbereitet, um mir die neue Stadt zu zeigen. Nett, denke ich damals. Erzeugt direkt Druck, Schuld/Verpflichtung und lässt einem null Raum zu agieren, denke ich heute. Naja, also ich versuche jedenfalls ihm eine Chance zu geben. Wir reden ein bisschen über Kunst, Filme etc. und entdecken einige Gemeinsamkeiten. Das ist ganz gut, aber leider bezieht sich das Gespräch immer wieder auf mein Aussehen und das wird mir zunehmend unangenehm. Mmh, naja, jetzt bin ich aber da und so schlimm ist es ja auch nicht. Ich versuche es. Erst geht es zum Kaffee trinken, dann in ein Museum, dann fahren wir irgendwo hin, um uns die Skyline anzusehen und danach ist noch ein Essen geplant. Und da denke ich langsam: Help! Kein Entkommen!

Um mich etwas abzulenken, sehe ich ihn mir genauer an. Er hat schlabbrige Ohrlöcher, die wohl von herausgenommenen Tunnels stammen. Irgendwie mag ich ihn nicht. Erst recht nicht, nachdem Schalbberohr, als wir in der Bahn sitzen (ca. 40 Minuten nach dem Kennenlernen) sein Schalbberknie intensiv an meines presst. Ich rutsche weg. Keine Ahnung was ich machen soll. Gehen wäre sicher gut, aber ich weiß nicht so recht, wo ich bin und will auch weiterhin nicht gemein sein. Er hat sich auch echt Mühe gegeben. Also versuche ich es auf die direkte Art, die wird er ja wohl verstehen und sage ihm, dass mir das zu viel ist. Dass ich Leute gerne etwas langsamer kennenlerne und ob wir nicht einfach ein bisschen quatschen können, ohne dass es direkt so flirty sein muss. Klar, sagt Schalbberohr, sorry. Puh, okay, vielleicht ist es doch alles nicht so schlimm und als wir einen schönen Blumenfeldweg entlang laufen, der zum Restaurant führt und wir uns ganz gut unterhalten, denke ich, dass wir nett essen und ich dann gehen kann. Tata, alles wieder gut. Aber leider sieht Schlabberohr das nicht so. Er läuft immer näher neben mir, bis wir uns wieder berühren und fragt, ob ich ihn denn generell attraktiv fände. What? Nee, gar nicht. Vor allem nicht, wenn du solche Fragen stellst und mir keinen Raum lässt. Was soll ich denn da sagen? Ich versuche die Situation weiter zu entschärfen und sage ihm, dass wir uns doch noch gar nicht kennen. Bete gebetsmühlenartig ein weiteres mal herunter, dass er etwas auf die Bremse treten kann und ich heute Abend nicht auf Sex o.ä. aus bin, sondern nur ausgehen will. Ich versuche klar und transparent zu sein. Wir sind auf einem relativ einsamen Feldweg. Keine Idee, was ich sonst machen soll. Leider weiß Schlabberohr wohl nicht wo seine Bremse ist und wird zunehmend aufdringlicher. Als wir essen, streichelt er mein Gesicht und sagt mir, wie süß ich sei. Gnaaaa. Ich möchte schreien. Ich fühle mich absolut überfordert. Ich bin zu diesem Zeitpunkt noch nicht an meinem Punkt in meinem Leben, in dem ich mich traue einfach aufzustehen. Stattdessen fühle ich mich gelähmt, eingewickelt in seine Mühe, angewidert von seiner Aufdringlichkeit. Aber ich bin auch nicht passiv oder absolut fremdgesteuert. Ich sage noch ein weiteres (drittes!) Mal, dass mir das zu viel ist. Dass er langsam machen soll. Dass muss er doch irgendwann verstehen? Dass muss doch genug sein? Mehr als genug! Wenn ich wegrücke sollte das reichen, um zu merken: Oh sie will das nicht. Wenn ich es sage, ist das MEHR als genug. Tja, so sieht Schlabberohr das wohl leider nicht. Er fängt an, in seinem Handy nach dem abendlichen Kinoprogramm zu suchen. Oh nein! Nein! Nein! Ich will nur noch nach Hause und diesen Abend hinter mich bringen. Ich will weg von diesem Idioten und weg von diesem Gefühl, nicht mehr zu wissen, was ich tun oder wie ich agieren soll. Weg von dieser absoluten Überforderung. Leider habe ich ein relativ ausgeprägtes Harmoniebedürfnis und Schlabberohr ignoriert eh jedes ‘Nein’, also versuche ich einen weiteren Kompromiss. Ein Bier und dann muss ich nach Hause, denn ich bin sehr müde. Ein Bier kann ich in 10 Minuten trinken, also kann ich in spätestens 20 Minuten heim, ohne ihn völlig vor den Kopf zu stoßen, denke ich. Wir haben jetzt eine klare Absprache und ich fühle mich wieder etwas sicherer. Blöderweise kommen wir nun zum schlimmsten Teil des Dates, denn Schlabberohr weiß einen guten Ort für ein Bier, eine Kneipe, denke ich. Nope, keine Kniepe. Nachdem wir einige Minuten gelaufen sind, holt er einen Schlüssel aus der Tasche und sagt, dass er zufällig direkt hier wohne. Mein Kaugummigehirn schlägt Alarm, weiß aber auch nicht mehr, was eigentlich gerade passiert. Was soll das? Ich blockiere total. Es ist abends, es ist dunkel, mein Handy ist leer, ich weiß nicht, wo ich bin, ich weiß nicht, wo meine Bahn nach Hause fährt, ich weiß nicht, warum er sich nicht an die Absprache hält, ich weiß gar nichts mehr. Ich sehe mich also nach oben gehen und sagen, dass ich nach dem Bier sofort gehen werde. Ich hatte keine Angst vor ihm und er kam mir nicht bedrohlich vor, vielleicht habe ich es deshalb als einfachere Lösung empfunden. Gerade die Haustür zugemacht, versucht Schlabberohr mich zu küssen. Okay, jetzt reichts! Ich versteife, drücke ihn weg und frage ihn, was zur Hölle diese Scheiße soll. Ob er mir nicht zugehört hat? Dass ich keinen Bock habe. Dass ich nicht mit ihm Schlafen oder sonst was mit ihm machen will. Dass er nicht zur Bahn bringen soll und ich sofort nach Hause fahren werde. Schlabberohr ist wie ein geprügelter Hund und entschuldigt sich tausendfach. Er fände mich nur so schön und toll. Keine Entschuldigung, Arschloch! Wir laufen also zurück und dann fragt er doch ernsthaft, ob ich schon mal was Schlimmes (sprich sexuelle Gewalt) erlebt hätte, weil meine Reaktion so krass gewesen wäre. Ich glaube, ich höre nicht richtig. Klar, Frauen* die nicht mit dir rummachen wollen, sind wahrscheinlich prüde oder haben sexuell traumatisierende Erfahrungen. Dass sie einfach keinen Bock auf dich haben, weil du ein riesen Vollarsch bist, darauf kommst du wohl nicht? Oder darauf, dass das gerade eine ziemlich schlimme Erfahrung war? Ich steige in die Bahn und fahre. Am nächsten Tag schreibt Schlabberohr mir eine lange Entschuldigung. Okay, sage ich (ist es nicht) und dass er mich nie wieder kontaktieren soll. Zum Glück hält er sich daran.

Ein Jahr später sehe ich in wieder. Ich habe mit einer Bekannten eine Yoga Gruppe organisiert. Anschneidend macht Schlabberohr das auch gerne. Toll! Ich glaube mir wird erst jetzt richtig bewusst, wie krass die Situation für mich damals war. Mein Körper und Kopf sind direkt wieder überfordert, blockiert und angespannt. Ich stehe die Stunde irgendwie durch und gehe 10 Minuten vor Stundenende, um bloß kein Wort mit ihm sprechen zu müssen. Ich überlege, was ich machen soll? Selbst jetzt hegen mich noch Zweifel, ob ich etwas sagen soll oder ob ich überdramatisch bin/mich anstelle?! Habe ich das Recht etwas zu sagen? Ich entscheide mich für ‘ja definitiv’ und sage meiner Bekannten, dass ich nicht will, dass dieser Typ da ist, auch wenn sie ihn vielleicht nett findet. Warum sollte ich ihn schützen und nicht mich?

Ich könnte mir bestimmt selbst viele Vorwürfe wegen dieser Geschichte machen. Habe ich aber keine Lust drauf! Ich hätte früher gehen sollen, aber ich war nicht die sexistisch agierende Person. Ich habe mir danach Tinder-Regeln gemacht und vor jedem Treffen gesagt, dass ich nur eine Stunde Zeit hätte etc. Ist bestimmt eine gute Idee, aber eigentlich sollte das nicht nötig sein. Natürlich passieren Übergriffigkeiten auch bei ‘normalen’ Dates/Treffen (nicht dass das irgendwie okay wäre), aber Onlinedating bringt doch einige Schwierigkeiten mit sich. Und damit meine ich nicht, dass man die andere Person gar nicht kennt. Eh klar, dass das schwierig ist. Ich meine eher, dass Sexismen leichter passieren oder man sie nicht so schnell eindeutig benennen kann, da niemand weiß, nach welchen Regelungen eigentlich agiert wird. Wann schläft wer mit wem und warum? geht es eigentlich eh nur um Sex? Habe ich mich schon auf etwas eingelassen? Was macht mann wenn und wie oft und warum und wie meldet man sich wieder oder nicht? Trift man sich hier oder dort oder woanders? Machen andere das auch so oder nicht? Ist das normal oder ganz komisch? Sollte ich dies oder jenes auch machen, denn anscheinend wird das erwartet und alle anderen agieren vielleicht auch so? Die Grauzone ist groß/bzw. größer, die Regeln unklar – das ganze Ding irgendwie neu. Und vielleicht braucht es auch nicht so viele Regeln, aber die des Sexual Consent braucht es auf jeden Fall. Und das Wissen darum, dass man vorsichtig miteinander umgeht. Dass man auf Zeichen achtet, dass man Menschen nicht ins Gesicht fasst und dass man niemanden in unangenehme Situationen bringt. Dass man sich bewusst ist, dass die andere Person einen nicht kennt und dass sie nicht mit einem schlafen muss. Auch wenn Catherine Deneuve es vielleicht anders sieht, gibt es keine Freiheit jemanden zu belästigen! Ich brauchte meine Freund*innen um in diesen und ähnlichen (nicht ganz so extremen Situationen) zu wissen, dass ich keine Verpflichtungen gegenüber der anderen Person habe. Dass ich z.B. nicht noch mal mit jemandem schlafen muss, nur weil ich es schon vorher getan habe. Wird aber von vielen Männern so erwartet. Es ist toll, wenn man stark ist und sich gegen Sexismen wehren kann, in unangenehmen Situationen die Kraft hat, abzuhauen und selbstbewusst zu agieren, sich zu schützen. Aber es sollte nicht nötig sein!

Wenn ihr also auf einem Date ein Schalbberohr erkennt, fühlt euch nicht verpflichtet und geht. Aber viel wichtiger – wenn ihr ein Schlabberohr seid: Tinderdates geben euch keine Legitimation Arschlöcher zu sein oder verpflichten niemanden irgendetwas mit euch zu machen. Keine Frau* da draußen muss mit euch schlafen, nur weil sie euch trifft. Hört auf Grauzone und Unklarheiten (die bei Onliendating vorkommen) als Vorteile zu nutzen und schlabbert nur Menschen an, die es wirklich wollen! Seid nette Menschen, kann irgendwie nicht so schwer sein.

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