Romantic Love. Gedanken zu Oblomow.

(Ich habe in diesem Artikel auf das Gender* verzichtet, da es vor allem um die Betrachtung einer Cis-Beziehung innerhalb gesellschaftlich heteronormativ gesetzter Normen geht- trotzdem soll natürlich niemand ausgeschlossen sein vorab darauf aufmerksam gemacht werden, dass das Geschlechttrotzdem als Konstrukt gesehen wird .)

Wenn ich an meine Jugend und damit an die letzte langjährige Beziehung meiner Mutter denke, fällt mir vor allem ein Bild ein. Ein Mann auf seiner Couch, ein Fernseher, Essen um die Couch verteilt und wüste Beschimpfungen. Mein Mitbewohner, dem ich letztens davon erzählte, erinnerte dies an Iwan A. Gontscharows Roman Oblomow, eine Erzählung über einen russischen Adligen, der faul, resigniert und verzweifelt auf seinem Bett liegt und das angrenzende Gut verfallen lässt bis die Kühe davonlaufen. Dass meine Mutter und ihr Freund (nennen wir ihn nun auch einfach Oblomow) gemeinsam einen Pferdehof führten, den meine Mutter mit Lohnarbeit finanzierte und um den sich Oblomov derweil kümmern sollte, macht das Bild nur noch passender. Wie im Roman kümmerte sich auch mein Oblomow immer weniger um den Hof, ließ den Putz von der Wand blättern und wendete sich immer weiter seiner Couch und somit seiner Depression und seinem ewigen Lamentieren über den Verlust seines Lebens zu. (Keine Sorge, alle Pferde sind noch da.) Psychiatrische Hilfe wies er ab, mit dem Verweis, dass keine Psychiater*in ihm etwas sagen könne, was er nicht eh schon wüsste und sich bereits angelesen hätte. Genie und Intelligenz machen eben traurig.

Meine Mutter blieb trotzdem. Viele Jahre. Sie kümmerte sich um die Finanzen, das Bankkonto, die Schulden, die Mahnungen, die Autoversicherung, die Autoreparatur, die Hunde, die Pferde und die Katzen.

Zwei Fragen interessieren mich an diesem Bild besonders:

  1. Warum blieb meine Mutter?

  2. Ist es möglich, sich dieses Szenario auch andersherum, also mit einer weiblichen Oblomova und einem Mann, der bei ihr bleibt vorzustellen?

Zu der ersten Frage gab meine Mutter, die ich immer als extrem starke Frau wahrgenommen hatte, mir eine überraschende Antwort; Sie dachte, dass Sie es alleine und ohne Mann an ihrer Seite nicht schaffen würde. Leider ist es nichts Neues (und eigentlich ein altes Klischee), dass Frauen erzählt wird, dass Sie alleine weniger wert und aufgeschmissen seien. You`re nobody till somebody loves you ist auch heute noch ein Satz, der vor allem für Frauen wirkungsmächtig zu sein scheint. Die Liebe eines Mannes, in der Standardgeschichte, gibt der Frau auch heute noch eine Existenzberechtigung. Diese Liebe funktioniert dabei häufig auf eine aufopfernde sowie kümmernde Weise. Was mich umstandslos zu Frage 2 bringt.

Nein, ich denke dass es schwerfällt, sich einen Mann vorzustellen, der alles aufrecht erhält und sich jahrelang aufopfert, um seiner schlecht gelaunten, schimpfenden, faulen, resignierten Frau alles rech zu machen. Der seine Liebe durch ‚väterliches‘ Kümmern erarbeiten will, denkt dass er es ohne sie nicht schaffen könnte und immer wieder Verständnis für ihr Verhalten aufbringt, weil sie ein armes gebeuteltes Genie ist.

Die romantische Liebe (zwischen Cis-Mann und Cis-Frau, welche hier bearbeitet werden soll) funktioniert für die Geschlechter unterschiedlich. Frauen haben oft erlernt, sich ihre Liebe zu erarbeiten. Sich zu kümmern und mütterliches Interesse zu zeigen, dabei bloß nicht zu viel zu verlangen und gleichzeitig (je nach Szene) noch schön oder sexy oder cool oder tough o.ä zu sein. Der Anspruch an eine Geliebte, die das Leben erleichtert, umsorgt und verhätschelt, gleichzeitig aber auch Autonomie gewährt, scheint weit verbreitet. Laurie Penny bezeichnete Männer, die in diesen Mustern (sexuelle Beziehungen) führen passend als boring child man, die Sexpartnerin und Mutter zugleich suchen, allerdings keine Interesse an wirklicher Gleichberechtigung und gegenseitiger Autonomie haben.

Nun gibt es viele Versuche diese Muster zu durchbrechen. Man sucht Veränderung in offenen, polyamorösen oder anderen Beziehungsformen (welche natürlich auch durch andere Gründe motiviert sind, wie z.B. zwanghafte Monogamie- und sexuelle Exklusivitätsgedanken zu durchbrechen und an dieser Stelle nicht abgewertet werden sollen), übersieht dabei aber, dass viele Muster sich auch hier ohne ernsthafte Auseinandersetzung miteinander nicht durchbrechen lassen. Ich würde eher die Behauptung aufstellen, dass sich gerade in diesen Versuchen häufig boring child men finden lassen, die sich umsorgen lassen und „eine nette Zeit verbringen wollen, auch mit Kuscheln und Filme gucken und so“, sich dabei aber stets darauf berufen können, dass sie keinerlei Verpflichtungen haben, da es sich ja um keine wirkliche oder eine offene Beziehung handele. Die emotionale Arbeit und die Verantwortung Autonomie zu ermöglichen bleibt wieder bei den Frauen und wird nicht wechselseitig gewährt. Die Form bestimmt leider nicht automatisch den Inhalt.

Der generelle Versuch Beziehungen weniger starr, exklusiv und eingeschränkt zu gestalten, wäre sicherlich trotzdem ein großer Fortschritt, auch was den Leidensdruck in Beziehungen angeht. Denn der Gedanke, den einen richtigen Menschen für sich zu finden, ist immer noch bei Frauen und Männern wirkungsmächtig. Disney beispielsweise verkauft uns von 1937 „Some day my prince will come. Some day we’ll meet again. And away to his castle we’ll go to be happy forever I know“ (Snow White) bis heute “Everything is different now that I see you.” (Tangled) zusammen vielen anderen Medien weiterhin die Idee der idealen, sinnstiftenden Zweierbeziehung. Die Liebe wird weiterhin als eine Macht verkauft, die es vermag, unser Leben grundlegend zu verändern (everything is different now), endlich die eigene Zugehörigkeit/das eigene Zuhause (castle) zu finden und uns immerwährendes Glück (happy forever) zu ermöglichen. Die romantische Liebe wird zu einer sinnstiftenden Ersatzreligion, die uns endlich von all unserem Weltschmerz erlöst. Das diese Annahme Quatsch ist und von niemandem erfüllt werden kann, versteht sich wohl von selbst. Leider ist es nicht einfach, sich von einem Gedanken zu lösen, der einem doch immer und immer wieder vorgesetzt wird und natürlich auch verführerisch erscheint. Die Lösung aller Probleme in Form eines romantisch/sexuellen Gegenübers klingt verlockend. Der Gedanke für jemand anderen ein Heilsversprechen zu sein, jedoch umso weniger; er klingt nach Arbeit. Arbeit, die wie schon dargelegt meist von Frauen ausgeführt wird und nicht zum Erfolg führen kann.

Was also tun? Die romantische Liebe abschaffen? Also bei der Abschaffung der Ehe wäre ich da auf jeden Fall dabei, aber meine zärtlich sexuell romantischen Gefühle für andere würde ich schon gerne behalten. Deshalb fände ich es wünschenswert offenere Beziehungskonzepte, die mit mehreren aber auch zu zweit/das ist mir irgendwie erstmal egal, ausgeführt werden und sich als dynamische Entwürfe verstehen, die veränderbar und endlich sein können. Der gegenseitige emotionale Austausch und der Einsatz für die Autonomie (aller Beteiligten) sollte beachtet und (von allen beteiligten) bearbeitet werden. Geborgenheit und gegenseitiges Verständnis sollte ebenfalls allen zu Gute kommen. Dies kann aber nicht durch eine irgendwie mystisch gedachte Liebesidee geschehen, sondern bedeutet Verantwortung und politisch/gesellschaftliches Bewusstsein. Das klingt ebenso nach Arbeit? Ist es wahrscheinlich auch. Doch romantische Liebe kann nur schön sein, wenn wir sie in gesellschaftlichen Kontexten denken und Muster, unter denen wir leiden endlich abschaffen. Auch könnte es hilfreich sein, nicht nur romantische Beziehungen als Beziehungen zu lesen, sondern unseren Freundschaften etc. mehr Raum zu geben uns auch dort zu engeren Gefühlen und Verantwortungen hinzugeben. Die Angst vor dem „Single-Sein“ und der tiefe Fall nach einer Trennung könnten dann vielleicht endlich der Vergangenheit angehören. Wir sollten aufhören alleine oder in unseren Zweierbeziehungen zu vereinzeln und die romantische Liebe als einen einzelnen Faktor in unserem Leben begreifen, jedoch nicht als den zentralen sinnstiftenden. Ich denke, das wäre wichtig. Das, und vor allem nie bei einem Oblomow zu bleiben.

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